Foto: Felix Weigl

Wie kann man das Lernen und Lehren digitalisieren? Walter Lorz, Geschäftsführer der OBCC in der Mediengruppe Parzeller, bietet
mit der Lernplattform „OBCC Classroom“ konkrete Lösungen an.

Warum ist Medienbildung so wichtig?

Die Bildung von Medienkompetenz spielt in allen Lehrplänen – bundes- weit – eine zentrale Rolle. Und diese Kompetenz vermittelt man am besten, indem es Schülern und Auszubildenden ermöglicht wird, mit Medien zu arbeiten oder Medien selbst zu erstellen. Zum Beispiel in Form von Multimedia-Reportagen. Von besonderer Bedeutung ist daneben das Arbeiten mit aktuellen Artikeln aus Tageszeitungen, die gut recherchiert und faktenbasiert sind. Über diese kann man sehr gute Vergleiche zu den vielzitierten Fake-News in den sozialen Netzwerken anstellen und einen eigenen kritischen Blick auf Nachrichten trainieren.

Was ist Classroom?

OBCC Classroom ist eine Lern- und Lehrplattform, die im Wesentlichen aus drei Komponenten besteht. Einer Kiosklösung, einer umfangreichen Toolbox und einer Arbeitsplattform (digitaler Schreibtisch). In unseren Kiosk importieren wir alle Unterrichtsmaterialien für den digitalen Schreibtisch der Schüler, Auszubildenden und anderen Lernenden. Mit den Werkzeugen aus der Toolbox können diese Materialien mit Fotos, Videos, Grafiken und Audio- files angereichert und interaktiv gestaltet werden.

Welche Möglichkeitet bietet die Plattform konkret?

Für den Lernenden bietet sich auf der Arbeitsplattform die Möglichkeit, Lernmaterial zu kopieren, kuratieren, kommentieren und analysieren. Und das muss er nicht alleine tun. So ist OBCC Classroom ein erster großer Schritt hin zu individualisiertem Unterricht. Mittels Viewer sieht der Lehrer oder Ausbilder jederzeit, wie der Stand der Arbeit des Schülers ist. Über die DSGVO-konforme Chat-Funktion kann er diesen direkt via Tablet ansprechen. Noch wichtiger ist für viele Pädagogen, dass die Schüler über unsere Plattform kollaborativ arbeiten können. Eine virtuelle Zusammenarbeit, die sich über den Campus oder die Firma hinaus er- strecken kann. Von zu Hause, von unterwegs, von überall.

Wie sehen weitere Tools aus?

Einen besonderen Stellenwert nimmt das Modul „Flow“ ein, mit dem die Ler- nenden auf einfache Weise beeindru- ckend Multimediareportagen oder beispielsweise Dokumentationen von Versuchsaufbauten oder Installationsanleitungen erstellen können. Ein Tool für den Videoschnitt rundet das Portfolio ab. Eine wesentliche Rolle für den schul- oder unternehmens- übergreifenden Unterricht spielt das Modul „Live-Tutorial“, das einen inter- aktiven Unterricht mittels Videoüber- tragung ermöglicht. Über diesen Weg können von einer zentralen Stelle aus die Schüler und Auszubildenden an unterschiedlichsten Orten zeitgleich unterrichtet werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass selbst kurzfristig externe Experten in den Unterricht eingebunden werden können.

Welche Vorteile bietet Classroom gegenüber anderen Anbietern?

OBCC Classroom definiert sich als of- fene Plattform, in die funktionierende Bausteine für das digitale Lernen – von welchem Anbieter auch immer – integ- riert werden können. Auf diese Weise entsteht eine Bildungs-Community, über die sich in der weiteren Entwick- lung Schüler, Lehrer und Eltern austau- schen können. Damit dies in Zukunft auf internationaler Ebene funktioniert, treffen wir heute schon entsprechende Vorbereitungen. Mit Erfolg, denn aktu- ell haben wir mit dem spanischen Ver- lag El Mundo den ersten europäischen Kooperationspartner. Weitere sollen und werden folgen. Ein anderer gravie- render Vorteil ist unser angesproche- ner Chat-Companion, der eine virtuelle Kommunikation via Text, Bild und Video ermöglicht.

Warum hinkt Deutschland in Sachen Digitalisierung von Bildung so hinterher?

Ganz einfach: Weil das Thema über viele Jahre stiefmütterlich behandelt wurde. Gerade in Hessen – und nur für dieses Bundesland kann ich sprechen – haben wir in den vergangenen fast vier Jahren immer zu hören bekommen, dass das Land das Thema im Griff hat. „Digitale Bildung? Alles kein Problem, wir haben ja Moodle“, hieß es da gebetsmühlenartig. Dass die wenigsten Lehrer jemals mit Moodle gearbeitet haben und die Software vieles nur noch komplizierter macht, wurde dabei großzügig ignoriert.Parallel dazu kündigte das Kulturministerium immer wieder ein Schulportal an, von dem bis heute mehr zu hören als zu sehen ist. Wie wir aus dem Ministerium erfahren haben, hat man an dieser Stelle jetzt Konsequenzen gezogen und den bisherigen technischen Dienstleister ausgetauscht. In diesem Kontext haben wir dem Kultusministerium eine Kooperation vorgeschlagen, die dem staatlichen Projekt zu einem Quanten- sprung verhelfen könnte. Konkret geht es dabei um die Integration von Bausteinen unserer Classroom-Plattform in das hessische Schulportal.

„Was heute versäumt wird, kann morgen nicht aufgeholt werden“

Wie groß die Baustellen des Landes bei der digitalen Bildung sind, das wurde bei der Anhörung zum Thema im Landtag – zu der auch wir eingeladen waren – mehr als deutlich. Die Kritik reicht von fehlenden datenschutzkonformen Software-Lösungen für die Video- Kommunikation bis hin zur Vernachlässigung der digitalen beruflichen Ausbildung. Ein düsteres Szenario wurde da beschrieben. Deshalb bedarf es dringend klarer gesetzlicher Regularien.

Sollte sich an dieser Stelle nichts ändern, so werden am Ende werden die Kinder und Jugendlichen dafür die Zeche bezahlen müssen. Und diese wird durch die Corona-Pandemie und deren Folgen für den Schulunterricht noch höher ausfallen, als bis dato absehbar. Was heute versäumt wird, kann morgen nicht einfach aufholt werden. Dafür steigen die Anforderungen an Bildung und die damit verbundene Qualifikation in vielen Berufen viel zu schnell.

Ist der Digitalpakt der Bundesregierung ein Thema?

Der Digitalpakt ist im Grunde schon jetzt gescheitert. Dafür sprechen vor allem zwei Gründe. Zum einen reicht es nicht aus, für Internetanschluss und Hardware zu sorgen, denn was nützt am Ende die Infrastruktur, wenn es an geeigneten Anwendungen fehlt. Zum anderen ist die Antragstellung einfach viel zu komplex. Sollte der Digitalpakt doch noch ins Laufen kommen, so wird Deutschland am Ende die meisten analogen Schulen mit Glasfaseranschluss in Europa haben.

Wie kann man Lehrer*innen den Einstieg in diese Art Technik erleichtern?

In unseren Planungen für den Ausbau und die Einführung der Plattform an Schulen spielt die Qualifizierung der Lehrkräfte eine ganz zentrale Rolle. Dazu haben wir bereits ein Konzept Namens EduTechHub entwickelt. Da- bei werden Lehrkräfte systematisch in die Entwicklung neuer Software- Bausteine für den Unterricht mit einbezogen. Mittels der anschließenden Tests können die Pädagogen im Umgang mit der neuen Technik geschult werden. Genau in diesem Prozess entsteht das zwingend erforderliche pädagogische Konzept für den Einsatz der Software. Grundvor- aussetzung für die Umsetzung dieses Konzeptes ist die Sicherung der Finanzierung. Das gilt auch für den Einsatz von OBCC Classroom. Führt man sich dabei vor Augen, welch ent- scheidender Standortfaktor die Bildungsmöglichkeiten für eine Region sind, so sollte das kein Problem sein. Ganz zu schweigen von der großen Politik, die eine Verpflichtung, hat Bildung so zu gestalten, dass sie den Jugendlichen eine Zukunft im beruflichen Umfeld ermöglicht.

Wie sehen die weiteren Planungen für die Plattform aus?

Einer der wichtigsten Punkte auf unserer Agenda ist die Internationalisie- rung von OBCC Classroom. So führen wir über einen Kooperationspartner derzeit Gespräche mit einem der großen Schulbuchverlage in Spanien. Zu- dem mit einer renommierten Universität und einem staatlichen Schulamt in Kroatien. Die Kontakte in Richtung Balkan hat uns das Bundeswirt- schaftsministerium vermittelt. Eine Entwicklung, die in vielerlei Hinsicht interessant ist. Besonders der Fakt, dass wir mit unserer digitalen Lehr- und Lernplattform im politischen Berlin, Madrid und Zagreb angekommen sind, nur in Wiesbaden (noch) nicht.

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