Foto: Sara Kurfess/Unsplash

Bildschirmzeit von acht Stunden, eine immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne und das Smartphone als stetiger Begleiter. Als ich kürzlich die Doku “The Social Dilemma” auf Netflix geschaut habe, wurde mir klar, dass ich ein ziemliches Problem habe. Und das möchte und muss ich dringend ändern.

Von Malina Sternberg

In eineinhalb Stunden vermitteln ehemalige Silicon-Valley-Asse, die selbst bei Instagram, Facebook, Twitter, Pinterest und Co. gearbeitet haben, in der Netflix-Doku “The Social Dilemma” eindrücklich, dass unsere Gesellschaft ein immer größer werdendes Problem mit Social Media hat. Sehr verständlich wird aufgezeigt, wie soziale Netzwerke uns manipulieren, uns durch psychologische Tricks bei Laune halten, wie süchtig wir nach unseren Handys sind – und welche gesellschaftlichen Folgen das haben kann und bereits hat.

Das waren für mich alles keine neuen Erkenntnisse. Und dennoch saß ich ab der Hälfte heulend vorm Fernseher und hatte eine mittlere existenzielle Krise. Denn ich habe es endlich mal auf dem Silbertablett präsentiert bekommen, dass ich etwas gegen mein Social-Media-Verhalten unternehmen muss. Und ich rede hier nicht von einem dreitägigen Digital Detox, der am Ende doch nichts bewirkt, sondern von lebenslangen Veränderungen.

Die Social-Media-Kanäle von Autorin Malina sind wichtig für ihren Job – Trotzdem hat sie Instagram von ihrem Handy verbannt. (Fotos: Malina Sternberg)

Die Aufmerksamkeitsspanne geht langsam gen Null

Tagsüber verbringe ich meine Zeit an Laptop, Tablet und Smartphone für meine Jobs. Nach Feierabend klebe ich solange am Handy und vertrödle meine Zeit, bis ich schlafen gehen kann. Morgens habe ich Zeitstress, weil ich nach dem Klingeln des Weckers noch zu lange am Handy hing. Und dann geht alles wieder genauso von vorne los. Durch die nicht mehr vorhandene Abtrennung zwischen Büro und zu Hause hänge ich ohne Pause vor Bildschirmen, was ich zunehmend körperlich und mental merke. Anstatt die durchs Homeoffice entstandenen zwei Stunden weniger Fahrtzeit pro Tag gut zu nutzen, scrolle ich endlos durch TikTok und Instagram. CBD und Ibuprofen gegen Kopfschmerzen, Rückenprobleme dank zu viel Bildschirmzeit und zu wenig Bewegung sind als Nebenwirkung mittlerweile Standart.

Das sind aber nicht die einzigen Begleiterscheinungen. Es ist Jahre her, dass ich mal ein komplettes Buch gelesen habe. Einen kompletten Film kann ich nur mit anderen Leuten oder im Kino schauen. Bei den meisten Serien hänge ich dann doch wieder am Smartphone. Einen kompletten Artikel zu lesen, kostet mich mittlerweile große Anstrengung. Meine Aufmerksamkeitsspanne geht langsam gen null, ich fühle mich matschig im Hirn, und ordentlich konzentrieren fällt mir zunehmend schwerer. Wie traurig ist das bitte?

Hinzu kommt, dass ich obsessiv über meinen eigenen Instagram-Account nachdenke: Was könnte ich wann posten, um im Algorithmus relevant zu bleiben? Schließlich ist Instagram ein Teil meiner Selbstständigkeit. Das macht es alles nicht besser. Dabei interessiert es eigentlich niemanden, dass ich jetzt schon wieder in meinem liebsten Restaurant Pizza esse oder dass ich einen neuen Print an der Wand habe. Niemand muss wissen, was ich den ganzen Tag mache. Mein Leben geht weiter, wenn ich nur ein Foto pro Woche poste. Umgekehrt muss ich auch nicht ständig wissen, was die Leute, denen ich folge, gerade tun.

Das Internet: Damals noch kreativer Space

Ich bin zum Großteil mit dem Internet aufgewachsen und wir hatten im Vergleich zu meinen Freund*innen sehr früh einen Computer mit Internetverbindung zu Hause. Das war damals aber etwas anderes. Da war das Internet ein kreativer Space, in dem ich mir Neues beigebracht und mich ausprobiert habe. Da habe ich nicht einfach nur Zeit vertrödelt. Mit elf hab ich mich mit HTML auseinandergesetzt, um meinen Neopets kleine Websites zu basteln. Später hab ich für meinen Tumblr-Blog Gifs erstellt oder mir für meine Flickr-Seite Fotokonzepte ausgedacht, nach neuen Bands geforstet oder Videos geschnitten. Das ist genau das, was ich gern zurückhätte: Die vielen Möglichkeiten von Social Media als gezielte Informations- und Wissensquelle nutzen, mich dort mit wichtigen Themen auseinandersetzen, lernen, mir etwas beibringen, neue Leute kennenlernen, mich mit ihnen austauschen. Ich möchte nicht mehr ziellos auf Social Media abhängen und wortwörtlich Zeit vergeuden, die ich für ganz andere Dinge nutzen könnte.

Trotz allem bin ich die erste Person, die ihr Handy in den Flugmodus macht, wenn sie mit anderen Leuten Zeit verbringt. Da kann ich auch mal ein ganzes Wochenende nicht auf Instagram sein, und das Smartphone wird zum uninteressantesten Gegenstand der Welt. Warum schaffe ich das für andere, aber nicht für mich selbst? Daran möchte ich ab sofort rigoros arbeiten.

Direkt nachdem ich “The Social Dilemma” geschaut hatte, habe ich mir erstmal einen analogen Wecker und eine Armbanduhr bestellt, damit das Handy komplett aus dem Schlafzimmer verbannt werden kann. Denn wenn ich einmal auf die Uhr schaue, checke ich am Ende ja doch alle Apps aus. Meine Instagram-Notifications habe ich schon seit Monaten aus. Wirklich gebracht hat’s mir aber nix. Deshalb habe ich alle Apps wie Instagram, TikTok, Twitter gelöscht. Wenn ich da etwas checken oder posten möchte, dann kann ich das über den Laptop oder mein iPad. Da ist nur die Hürde höher und ich hab beides nicht immer dabei. Zudem habe ich meinen Smartphone-Bildschirm auf Schwarzweiß gestellt.

Analoge Hobbys und keine permanente Erreichbarkeit

Weitere Maßnahmen, die ich mir überlegt habe: Wieder ein Festnetztelefon anzuschaffen, damit mich Familie und enge Freunde gut erreichen können, falls etwas ist. Oft ist das nämlich meine Entschuldigung dafür, dass mein Handy ja an sein müsse. Anstatt des neuesten iPhones möchte ich mir Anfang kommenden Jahres lieber eine kleine Digitalkamera für unterwegs kaufen. Für mich ist die “Immer dabei haben”-Kamera von Smartphones bisher das Totschlagargument gewesen. Klar, das ist super praktisch. Aber früher – in einer Zeit vor Smartphones – hatte ich auch immer eine kleine Kamera dabei und hab alles dokumentiert. Warum es nicht wieder genau so machen? Vielleicht sogar das Smartphone mal komplett daheim lassen und stattdessen ein uraltes Handy mitnehmen?

Ein ebenso wichtiger Punkt in meinem hoffentlich permanenten Digital Detox ist die Suche nach neuen, regelmäßigen Hobbies, die kein Smartphone involvieren. Bisher steht auf meiner Liste: Weitermachen mit Reitstunden, regelmäßig Lego bauen, endlich alle unberührten Bücher in meinem Haushalt lesen, anfangen zu sticken und wieder mehr daran arbeiten, dass ich irgendwann nach Corona als DJ auf einer Party feministische Popsongs auflegen darf. Das klingt alles viel schöner, anstatt ständig runterzuscrollen, permanent erreichbar zu sein und sich nicht mehr selbst unter Druck zu setzen, etwas posten zu müssen.

Die Welt geht nämlich nicht unter, wenn wir alle unserem Smartphone weniger Aufmerksamkeit schenken und die zuvor meist vergeudete Zeit lieber in uns selbst investieren. Ich habe auf alle Fälle begriffen, dass ich mich ändern muss. Denn ich möchte nicht mit 80 in meinem Schaukelstuhl sitzen und auf ein Leben zurückblicken, das ich hauptsächlich am Smartphone verbracht habe.

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