Islam, Religionsfreiheit, Demokratie Leben
Ijaz Janjua, Imam Ahmadiyya Fulda, während seines Vortrags im Kanzler-Palais (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Wunsch und Realität sehen häufig unterschiedlich aus. Und so ist es auch im Islam mit der Religionsfreiheit. In einer idealen Welt – in der viele Muslime auch leben – gehören beide zusammen. Die Realität liefert aber auch viele Negativbeispiele.

Christen werden in zig Ländern, die sich über einen Großteil der Regionen der Erde verteilen, verfolgt. In Nordkorea zum Beispiel landen sie im Knast. Das Regime in China lässt Kreuze von Kirchen abreißen oder zerstört die Gebäude gleich komplett. Und auch in vielen mehrheitlich von Muslimen bewohnten Ländern leiden Christen unter Repressionen. Mit Blick auf Letzteres stellt sich die Frage: Wie weit ist es mit der Religionsfreiheit im Islam her?

Darum ging es in einem Vortrag von Ijaz Janjua im Rahmen der Demokratiereihe der Stadt Fulda (hier geht’s zum Programm) am Montagabend im Kanzler-Palais. Janjua ist seit September 2019 Imam der Ahmadiyya Gemeinde in Fulda, Neuhof, Schlüchtern und Bad Hersfeld. Am Montag zeichnet er zuerst ein Idealbild seiner Religion. Anschließend unterzieht er ihr einen in Teilen nicht sonderlich schmeichelhaften Realitätscheck. Am Ende entbrennt eine Diskussion, während der ein Vertreter der katholischen Kirche hinsichtlich der Akzeptanz anderer Religionen mit zweierlei Maß misst und keine gute Figur abgibt.

Imam Janjua: Religionsfreiheit hat im Koran eine große Bedeutung

Janjuas Gemeinde ist ein sehr kleiner Teil der islamischen Welt. In Deutschland zählt sie etwa 40.000 Mitglieder. Sie ist in keinem Land beziehungsweise in keiner Region vorherrschend. In vielen Ländern werden die Ahmadiyya als Nicht-Muslime betrachtet und verfolgt. Dementsprechend repräsentieren Imam und Gemeinde nicht den einen Islam, sondern eine Splittergruppe.

Im Kanzler-Palais ist eine der Kernaussagen des Imams: Religionsfreiheit habe im Koran große Bedeutung. Als Belege zitiert er einige Verse. Janjua sagt: “Hätte Gott es gewollt, hätte er uns alle zu Christen, Juden oder Muslimen gemacht. Er hat aber alle mit freiem Willen ausgestattet.” Selbst Mohammed, Prophet und Religionsstifter des Islam, hätte nicht das Recht gehabt, jemanden den Glauben aufzuzwingen, sagt der Imam weiter. “Wer behauptet, der Koran stehe nicht für Religionsfreiheit, handelt unislamisch.” Janjua liefert weiter Beispiele – und sie leuchten ein. Allerdings scheinen viele Menschen, die dem Islam zugewandt sind, den Koran anders zu interpretieren.

Islam oder Politik: Wer trägt die Schuld an der Verfolgung von Minderheiten?

In der Realität sieht es in vielen Ländern, in denen mehrheitlich Muslime leben, nämlich nicht gut für die Relegionsfreiheit aus. Das ist auch Janjua bewusst. “In Ländern, in denen Kirchen zerstört werden, gibt es keine Religionsfreiheit”, sagt er im Kanzler-Palais. Er spricht von Ägypten, wo die Kopten leiden, und von Mossul in Syrien. Und Volker Ahmad Qasir, ebenfalls Mitglied der Ahmadiyya in Fulda und an diesem Abend anwesend, ergänzt: “Es gibt diese krassen Geschehnisse. In Pakistan werden Christen verfolgt, aber auch Muslime, die gegen das System sind. Zudem entwickelt sich Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung, zurück.”

Imam Janjua ist jedoch der Meinung, das liege nicht am Islam, sondern an der Politik. Es gebe daher kein zu 100 Prozent islamisches Land. Solche Vorfälle würden, so Janjua sinngemäß, schließlich dem Islam widersprechen. Eine Zuhörerin, die in Iran aufgewachsen ist, möchte das so nicht stehen lassen. Während der dem Vortrag folgenden Diskussion sagt sie: “Als Teenager habe ich viel im Koran gelesen. Da habe ich viel von Zwang und von Gewalt gelesen. In Iran wird verfolgt, wer vom Islam konvertiert. Was dort passiert, hat mit dem Iran zu tun.”



Steht der Islam nun im Kern für Religionsfreiheit oder kann er Nährboden für Unterdrückung sein? Geht es nach dem Fuldaer Imam, kann, wer den Koran gelesen und verstanden hat, nur Ersteres bejahen und wird als Muslim auch so handeln. Menschverachtende Auswüchse würden dann auf Missinterpretation und Instrumentalisierung des Korans und der Religion basieren. Beides würde politisch ausgenutzt.

Einseitiges Verständnis von gegenseitiger Akzeptanz der Religionen

Wie schwer es jedenfalls sein kann, selbst unter vernunftbegabten Menschen Glaubensinhalte des anderen zu akzeptieren, zeigt die Diskussion am Ende des Abends. Eine Zuhörerin beklagt, dass während einer Ausstellung der Ahmadiyya Gemeinde in Fulda eine Fahne mit der Aufschrift “Jesus ist nicht am Kreuz gestorben” zu sehen gewesen sei. Und ein Mann des Bistums Fulda warf Janjua vor, es sei für Christen beleidigend, wenn Muslime sagten, Jesus sei nur ein Prophet gewesen – und nicht der Sohn Gottes. “Die Kreuzigung und die Auferstehung seien eines der am besten bezeugten Ereignisse”, stellt er schließlich im Palais in den Raum.

Für Ahmadiyya hingegen sieht das Ganze folgendermaßen aus: Ihre Mitglieder glauben, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat. Anschließend soll er nach Kashmir ausgewandert und dort eines natürlichen Todes gestorben sein. “Das ist unsere Überzeugung”, sagt Volker Ahmad Qasir von der Gemeinde. “Wir könnten es ja auch als Beleidigung auffassen, dass Sie glauben, Jesus sei am Kreuz gestorben. Das sind halt Glaubensfragen.”

Wenige Minuten zuvor hatte der Mann der katholischen Kirche durchscheinen lassen, dass er hinsichtlich der gegenseitigen Akzeptanz von Christentum und Islam mit zweierlei Maß misst. Imam Janjua hatte von ihm wissen wollen, ob er denn Mohammed als Propheten anerkenne, wenn er schon verlange, dass Muslime Jesus als Sohn Gottes betrachten. Zu einem eindeutigen Ja konnte sich der Katholik nicht durchringen.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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