move36-Redakteur Sascha ist für eine rasierte Achsel. Videomann Joscha lässt die Haare lieber stehen. (Foto: Josephin Chilinski)

An Haaren scheiden sich die Geister. Die einen lassen außer am Kopf – kein Härchen an ihrem Körper sprießen, andere lassen dem Fell – auch unter den Achseln, an Rücken und im Schambereich – freien Lauf. Was ist denn jetzt eigentlich Trend? Musst du dich der Ästhetik wegen überhaupt noch enthaaren? Geht die Mode nicht – vor allem, was Männer und ihre Brust angeht – wieder hin zum Stehenlassen? Eine haarige Angelegenheit für move36.

Von Josephin Chilinski

„Soll ich mir den Sack rasieren oder besser nicht?“, fragt sich Eure-Mütter-Comedian Andi in dem Lied „Mein Sack“. Er singt aus voller Inbrunst, geplagt von Verzweiflung und Hilflosigkeit über ein Problem, das täglich Millionen Männer umtreibt. Okay, so schlimm ist es vielleicht nicht. Aber: Die Frage steht im Raum. Und nicht nur bei Männern und ihrem besten Stück. Auch Frauen fragen sich zunehmend: Wachsen lassen oder nicht?

„Ein Plädoyer für mehr Wildwuchs“ findet sich zum Beispiel auf brigitte.de: „Alle glauben, sie müssten sich bis auf das letzte Scham- oder Achselhaar nackt machen, um frei zugängliche Erotik feilbieten zu können. Und berauben sich dabei ihres Eigensinns und ihrer Eigenart“, schreibt die Kolumnistin, die selbst auf teure Klingen und Rasierpickelchen verzichtet und zur Natürlichkeit aufruft. Stars wie Lourdes Ciccone, die Tochter von Madonna, oder Miley Cyrus stehen zu ihrem Achselhaar. Auch die „Zeit“ spricht von einem Trend hin zum Sprießenlassen: „Bio ist schon lange Mainstream, vegan zu leben hipper Lifestyle. Was könnte da besser passen als ein Trend, der auf Natur setzt – und nicht mal was kostet?“, heißt es in einem Online-Bericht von 2016. Schon da zeigten sich offenbar wieder mehr Frauen mit statt ohne.

Der Trend geht wieder Richtung Haare

Dabei reichen die Wurzeln des Haarlos-Trends bis in die Steinzeit hinein. Schon die Uhrzeitmänner beseitigten ihr Gesichtshaar mit Muscheln und Steinen. Im alten Ägypten galt der haarlose Körper ebenfalls als Schönheitsideal. Aus dieser Zeit stammt auch die Sugaring-Methode, bei der eine Paste aus Zucker und Zitronensaft auf die behaarten Stellen gestrichen und dann abgezogen wird.

Aktuelle Zahlen zur Haarentfernung finden sich kaum. Zuletzt fand die Uni Leipzig 2008 bei einer Befragung unter 314 Studenten im Durchschnittsalter von 23 heraus: Mehr als 97 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer entfernten Körperhaar an mindestens einer Stelle. Damals sagte Mitinitiator Professor Elmar Brähler voraus, dass „das aktuelle Ideal der ‚glatt rasierten Scham‘, wie jede andere Mode, auch wieder aus der Mode kommt: Über kurz oder lang wird wieder üppig wachsendes Haar als schick gelten.“ Sechs Jahre später befragte brigitte.de 1500 Community-Userinnen zur Enthaarung ihres Intimbereichs. Nur 31 Prozent enthaarten untenrum komplett, 48 Prozent nur teilweise und 20 Prozent gar nicht.

Schließlich erklärte Constantin Herrmann, Beauty-Director des Stil-Magazins „GQ Gentleman‘s Quarterly“, im Juni 2018: „Aktuell bewegen wir uns in eine neue Hippie-Ära. Der perfekt glatte, überstylte Prototyp der 1990er Jahre trifft endgültig nicht mehr den Modegeschmack.“ In den kommenden Jahren würden ästhetische Elemente der späten 60er und 70er wiederkehren. Und damit auch die Körperbehaarung. Bei Männern insbesondere das Brusthaar. Gepflegt, versteht sich. „Männer sollten zeigen, dass sie sich Mühe geben“, findet Psychologin Ada Borkenhagen. „Sie dürfen nicht einfach Matte tragen.“

Ist Körperbehaarung wirklich unhygienisch – oder schützt sie uns sogar?

Sollen, dürfen, können: Ob sie oder er wachsen lässt oder nicht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Da solltest du dich nicht an gesellschaftlichen Zwängen orientieren. Das Wohlbefinden sollte an erster Stelle stehen. Das tut es auch bei beiden Geschlechtern, wie eine Umfrage des Unternehmens Philips unter Menschen, die sich Enthaaren, ergab. Erst auf Platz zwei der Beweggründe steht die Ästhetik. Drittes Argument für die Haarentfernung: die Hygiene.

Doch trägt die Haarentfernung wirklich zu einer besseren Hygiene bei? Gehen dabei nicht sogar wichtige Funktionen verloren? Haarexpertin Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi von der Berliner Charité sagte in einem Interview, dass vor allem Augenbrauen, Wimpern und Nasenhaare wichtig seien. „Unsere Brauen und Wimpern schützen unsere Augen. Wenn beispielsweise Schmutzpartikel in die Nähe eines Auges gelangen, leiten die Härchen den Reiz weiter, und das Auge schließt sich im Reflex.“ Nasenhaare sorgten dafür, dass nichts Falsches in die Nase hineinkommt. Außerdem fingen sie Sekrettropfen auf, die sich zum Beispiel beim Schnupfen oder beim Essen von scharfen Gerichten bilden. „Ohne diese Haare würde jeder Tropfen einfach hinauslaufen“, sagt Blume-Peytavi.

Die Fuldaer Ästhetiktherapeutin und -trainerin Alexandra Müller rät dazu, neben den inneren Nasenhaaren auch feinen Flaum im Gesicht, der durch die Wechseljahre bei Älteren vermehrt auftrete, stehen zu lassen. Die Funktionen der Haare an Armen, Beinen, Brust und Rücken seien laut Blume-Peytavi begrenzt. Sie stärkten teilweise die Berührungsempfindlichkeit der Haut. Vor Wärme oder der Sonne schützten sie dagegen nicht. Denn die Dichte der Behaarung habe dafür mit der Zeit zu stark abgenommen.

“Haarentfernung ist Geschmacksache”

Anders ist das bei den Achselhaaren. Diese fingen zum einen Schweißtropfen auf, zum anderen hielten sie die Haarkanäle offen, sodass sich Talg und Duftstoffe entleeren können. „Wer die Achselhaare rasiert, muss damit rechnen, dass die nachwachsenden Haare sich eventuell im Kanal verfangen und so zu einer Entzündung führen.“

„Haarentfernung ist Geschmackssache“, findet Müller. Ich bin der Meinung, dass Frauen Haare im Gesicht, insbesondere am Kinn entfernen sollten. Männer sollten zumindest ihren Rücken von Haaren befreien. Schöner ist es auch, wenn lange Haare gestutzt werden, so dass zum Beispiel an den Achseln keine Locken rausgucken.“

Auf die Frage nach dem Wie gibt es viele Antwortmöglichkeiten: Rasieren, Waxen, Epilieren und Lasern sind nur die gängigsten Methoden. Wir haben mithilfe von Alexandra und dem World Wide Web die Vor- und Nachteile der einzelnen Techniken für dich rausgesucht. Nur für den Fall, dass du immer noch enthaarst. Vorher jedoch haben sich Steffen und Leon aus der Redaktion eine Battle geliefert. Was spricht eigentlich für und was gegen Körperbehaarung?

Pro: „Körperbehaarung ist absolut natürlich“

Von Steffen Hildenbrand

Ein Mann ohne Behaarung ist einfach kein richtiger Mann. Jetzt werden mich wohl die ganzen glatt geleckten Typen an den Pranger stellen. Aber meiner Meinung nach sieht’s mit einfach männlicher aus. Dabei ist die Körperbehaarung auch eine Art Schmuck oder Verkleidung für mich. Der Bart gibt mir ein Stück Anonymität. Das mag für manche komisch klingen, aber ich fühle mich wohler, wenn mein Gesicht nicht komplett erkennbar ist.

Körperbehaarung ist auch keine Erfindung von Feministinnen, Steinzeit-Fans oder Ökofreaks. Sondern absolut natürlich. Obwohl die Körperbehaarung an sich keinen richtigen Nutzen mehr hat (bis auf Augenbrauen, Nasenhaare und Achseln), störe ich mich nicht daran. Warum auch? Das Bild eines glatt rasierten Körpers, bei Frauen wie auch bei Männern, ist ein gesellschaftliches Ideal, dessen man sich anpassen kann, aber nicht muss. Außerdem sehe ich auch deutlich jünger aus ohne meine Härchen, und mit 30 möchte ich nicht aussehen wie Caillou (der vierjährige Junge aus der gleichnamigen Zeichentrickserie). Das ist übrigens nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Männern der Fall.

Gegner der Körperbehaarung kritisieren die angeblich fehlende Hygiene. Aber Essensreste im Bart oder Schweißperlen an den Härchen sucht man bei den meisten Männern vergebens. Meine Frau akzeptiert meine Behaarung übrigens nur, solange die Haare gepflegt werden. Dafür hat die Industrie jede Menge Produkte auf den Markt gebracht. Das würde sie nicht tun, wenn es keinen Trend in Richtung Körperbehaarung gäbe. Ein großer Aufwand ist die Pflege nicht, da ist es schon mehr Arbeit, sich jeden Tag zu rasieren. Für faule Menschen optimal. Wenn ich auf die Idee käme, mich jetzt zu enthaaren, würden meine Kinder wahrscheinlich auch blöd schauen. Sie kennen mich nur behaart, und beim Kuscheln kratzen sie sich den Kopf an mir. Ein Bonus, den ich auf keinen Fall missen möchte. So und so finde ich, es ist jedem selbst überlassen, was mit den eigenen Haaren passiert. Solange sie mir nicht lästig werden und sich meine Liebsten nicht daran stören, lass ich das Fell wachsen.

Contra: „Männlichkeit definiert sich nicht über einen Bart“

Von Leon Schmitt

Wir leben im 21. Jahrhundert. Dem Fortschritt sei Dank müssen sich die wenigsten Menschen in Westeuropa noch tagelang durch Eisstürme oder Ödland kämpfen. Dass er das Gesicht warmhalten und vor Sonnenstrahlen schützen soll, sind also keine zeitgemäßen Argumente mehr, sich einen Bart wachsen zu lassen. Auch Blütensporen und Insekten versuchen nur noch selten, sich in unsere Atemwege zu bohren. Warum springen mir trotzdem noch so viele haarige Gesichter ins Auge, wenn ich durch die Stadt laufe?

Einst sollte das Gesichtshaar Männer optisch vergrößern und Feinde einschüchtern. Einer der ersten, die den Trend für out erklärten, war der Eroberer Alexander der Große (356 bis 323 v. Chr.). Seine Krieger sollten sich den Bart schneiden, um Feinden keine Angriffsfläche zu bieten. Aus seinem taktischen Denken wurde ein mutiges Fashionstatement: Die Makedonier trugen die Backen fortan nackt.

Auch ich bin im Team Alexander, denn viele Bärtige sehen aus, als würde ihnen Unkraut im Gesicht wachsen. Ihnen unterstelle ich Faulheit. Am liebsten würde ich sie am Kinnwuchs zu Boden ziehen. Ihre Visagen brauchen fleißige Gärtner in Form von Trimmern, Wasch- und Pflegeprodukten. Eine glattrasierte Haut mag nur bedingt anspruchsloser sein, aber definitiv hygienischer.

Außerdem wird Männlichkeit schon lange nicht mehr über einen Bart definiert. Im Gegenteil: Der moderne Mann versucht nicht, sich hinter Haaren zu verstecken. Er steht zu seinem Gesicht. Klar, einige Vertreter meines Geschlechts können den Bart sicher gut tragen – Sergio Ramos (Real Madrid) zum Beispiel. Der sollte es sogar! Habt ihr ihn mal ohne gesehen? Gerade Männern mit einer runden Gesichtsform schmeichelt er.

Vielleicht werde auch ich eines verrückten Tages wissen wollen, wie mir ein Vollbart steht. Für heute will ich den natürlichen Kopfschmuck aber gerne noch den Menschen überlassen, die in ihrer Freizeit Holz spalten und Krabben aus dem Ozean fischen. Bis die Evolution auch dieser Spezies das letzte Haar aus dem Gesicht hat.

Ronaldo & Co.: Ohne Haare mehr sportliche Leistung?

Wer sich Cristiano Ronaldo schon mal genauer angeschaut hat (und das dürften die meisten Mädels schon getan haben), hat sicher bemerkt: Der Mann hat keine Haare am Körper. Bis auf die auf seinem Kopf. Warum, das hat er mal in einem Interview verlauten lassen: „Es kommt auf Kleinigkeiten an, um noch schneller zu werden. Da ist jede Körperbehaarung störend.“ Keine Haare gleich weniger Luftwiderstand gleich mehr Leistung? Zumindest bei Radfahrern sei dieser Effekt nicht nachgewiesen, schreibt sports-insider.de. „Der Luftwiderstand wird durch glatte Beine zwar verringert – aber nur minimal und fällt dadurch kaum ins Gewicht“, heißt es. Bei Schwimmern beispielsweise ist das anders. Das legt eine nicht repräsentative Studie der Ruhr-Universität Bochum nahe. Dafür habe man 29 Schwimmer einmal unrasiert und einmal rasiert ins Wasser geschickt. Ohne Beinhaar seien die Sportler auf der gleichen Strecke 1,7 Sekunden schneller gewesen.

Neben dem Leistungsaspekt habe die Enthaarung bei Sportlern noch andere Vorzüge: Nach einem Unfall verfangen sich lange Haare nicht in einer Wunde und verkleben sie. Das könnte zu Infektionen führen. Außerdem lassen sich kahle Beine besser durchkneten. Zu guter Letzt spielt natürlich auch die Ästhetik eine Rolle. „Die gestählten Muskeln kommen einfach besser zur Geltung, wenn sie nicht durch einen dichten Pelz verdeckt werden“, so sports-insider.de. Sicher denkt sich das auch Cristiano Ronaldo.

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