In dem Bezirk Aschenberg in Fulda leben gut 8500 Menschen aus mehr als siebzig unterschiedlichen Nationen (Foto: ZDF/Henrik Eichmann)

Über zehn Monate begleitete ein Kamerateam einzelne Bewohner des Aschenbergs in ihrem Alltag. So entstand eine fünfteilige Dokumentation, in der das ZDF-Team herausfinden will, ob der Fuldaer Bezirk seinem Ruf als sozialer Brennpunkt gerecht wird. Ist der Einblick hinter die Hochhausfassade gelungen? Unser Fazit: naja.

Sieben Protagonist*innen hat sich das Doku-Team um Svaantje Schröder und Christoph Piening rausgepickt. Von der zehnjährigen Lisa bis zur 73-jährigen Katharina, die von allen nur Babuschka genannt wird, sind alle Generationen vertreten. Die Protagonistinnen und Protagonisten zu finden und Vertrauen zu den Bewohner*innen des Aschenbergs aufzubauen, hat das Team einige Wochen Zeit gekostet. „Unseren heimlichen Lieblingsprotagonisten, Fawad Ahmad, konnten wir nicht finden – er hat uns gefunden“, erzählt Svaantje Schröder. “Die Doku könnt ihr wohl schlecht ohne mich drehen, ich leb’ hier seit 20 Jahren, ich zeig euch, wie’s hier läuft“, soll der 22-Jährige zum Redakteur und dem Kameramann gesagt haben. Die Dreharbeiten haben ihm großen Spaß gemacht. „Für mich ist es ein tolles Gefühl, dass ich zu einem Hauptprotagonisten des Aschenbergs geworden bin“, so Fawad.

Als Zuschauer*in lernt man die Bewohnerinnen und Bewohner mitsamt ihrer Sorgen und Wünsche nach und nach besser kennen. So begleitet man die 20-jährige Jessica Neif und ihre Tanzgruppe durch die Faschingszeit und erkennt, dass im Verein großer Zusammenhalt herrscht. Man folgt der Grundschülerin Lisa Koschewnikow auf dem Schulweg zur Zeugnisvergabe und fiebert mit, ob sie eine Empfehlung für die Realschule erhält. Fawad hingegen möchte seinen Realschulabschluss nachholen und Erfolg bei der Jobsuche haben.

Die guten Seelen des Aschenbergs

Doch nicht nur die Jüngsten haben Herausforderungen zu meistern: Die Rentnerin Babuschka kämpft für bessere Mietbedingungen und mehr Sauberkeit im größten Hochhaus des Stadtteils. Dabei erhält sie unter anderem Unterstützung von Lisa Mistretta. Sie ist die gute Seele des Aschenbergs: Lisa ist zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Während der Coronazeit engagiert sie sich bei der Tafel und verteilt Lebensmittel-Tüten an Bedürftige. „Das soziale Leben ist sehr eingeschränkt“, so die 49-Jährige, die in dieser Zeit selbst nicht arbeiten konnte. „Man muss an die Leute denken, die wirklich wenig Geld haben. Wie kommen die über die Runden?“ Sie versucht, so vielen Menschen wie möglich unter die Arme zu greifen, die unter der Krise leiden. „Ganz ehrlich: Das kann jeden von uns treffen“, erklärt sie ihre aufrichtige Solidarität.


Multimediaprojekt “Aschenberg Fulda”

Auch move36 hat sich vor ein paar Jahren intensiv mit dem Aschenberg beschäftigt. Herausgekommen ist das multi- und crossmediale Projekt “Aschenberg Fulda”. Dort findest du Videos, einen Podcast, eine Multimedia-Reportage und viele weitere Hintergründe zu diesem Bezirk. Wir widmen uns den Fragen: Was ist dran am Brennpunkt-Image und woher kommt es? Wie arbeiten die Streetworker*innen auf dem Aschenberg? Woher stammt der Name des Bezirks? Und wie erleben die Bewohner ihr Zuhause?


Auch die Streetworker Christoph Eisermann und Nezam Kiniki führen einen Kampf für andere. Beide spielen im Fußballverein Aschenberg United, den Nezam 2015 gegründet hat. Die Spieler wünschen sich eine Möglichkeit, ihre Heimspiele vor Ort auf dem Aschenberg stattfinden zu lassen. Der Verein holt jungen Menschen verschiedenster Nationen ab, die zum Teil aus anderen Vereinen ausgestoßen wurden und schenkt ihnen wichtigen Anschluss. Ihr Anliegen, einen eigenen Sportplatz zu bekommen, besprechen Nezam und Christoph mit Bürgermeister Dag Wehner im Fürstensaal des Stadtschlosses. Das Thema ist schon seit Jahren präsent.

Zum Teil kreuzen sich die Wege der Protagonist*innen. So unterstützt Nezam in seinem Job als Sozialarbeiter den zielstrebigen Fawad dabei, Bewerbungen zu schreiben. Automobilkaufmann will er werden. Nezam hat ihm den Beruf vorgeschlagen, da Fawad die nötigen Voraussetzungen, wie Kontaktfreudigkeit und Leidenschaft, mitzubringen scheint. Er kennt den jungen Mann bereits seit knapp zehn Jahren. Beide scherzen darüber, dass Fawad an seiner Pünktlichkeit noch arbeiten muss. Das sagt auch dessen Freundin, Katharina Och, die oft auf den 22-Jährigen warten muss. Die beiden feiern während der Dreharbeiten ihren dritten Jahrestag. Die junge Frau ist Fawads größte Motivation: „Hätte ich sie nicht, hätte ich gar keinen Bock an meiner Zukunft zu arbeiten“, so Fawad über die 19-Jährige. „Durch sie habe ich einen Grund, etwas aus mir zu machen.“

Positive Beispiele für Zusammenhalt und Solidarität

Die Dokumentation schafft es, viele sehr persönliche Einblicke in das Leben der Aschenberg-Bewohner*innen zu geben. Man fühlt mit den Menschen mit und versteht ihre Sorgen und Ängste. Überrascht wird man davon allerdings nicht – es sind Sorgen, die viele Menschen aus anderen Stadtteilen zum Teil selbst kennen dürften. Auf dem Aschenberg leben überdurchschnittlich viele Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, und Jugendliche, denen eine Perspektive fehlt – die in der Doku gezeigten Protagonist*innen sind allerdings eher positive Beispiele für Zusammenhalt, Engagement und Arbeitswillen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen ihren Ansporn, sich selbst eine finanziell abgesicherte Zukunft ermöglichen. Die Älteren setzen sich solidarisch dafür ein, dass möglichst niemand auf dem Aschenberg im Stich gelassen wird. Nachbarschaftshilfe wird, so scheint es in der Doku, hier großgeschrieben.

Die Hochglanz-Dokumentation des ZDF zeigt damit einen ganz anderen Ansatz als die zum Teil voyeuristischen Sozial-Dokus einiger Privatsender, die häufig völlig überzeichnet gescheiterte Menschen zeigen und Zuschauer*innen eher dazu bewegen, auf diese herabzuschauen. Allerdings scheint die Aschenberg-Doku im Vergleich auch einiges zu beschönigen. Probleme gibt es in diesem Bezirk sicherlich mehr als die gezeigten. Einen Blick in die Mediathek ist sie dennoch wert. Gerade als Einwohner*in Fuldas bekommt man einen netten Ausblick auf den Berg geboten, den man von so vielen Punkten der Stadt aus so gut sehen kann.

Die Sozial-Doku ist seit dem 2. September in der ZDF Mediathek abrufbar.

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