Foto: Donny Jiang/Unsplash

Das Verbot großer Events trifft große wie kleine Unternehmen in Fulda. Es lässt den Umsatz verpuffen, stürzt manche in Sinnkrisen und finanzielle Not. Auch der Caterer Genuss³, der Veranstaltungstechnikverleih Ffortissimo und die Brauerei Hochstift tragen einen harten Kampf mit den Folgen der Coronakrise aus.

Patrick Bohl fragt sich jeden Tag: “Warum mache ich das überhaupt noch?” Die Antwort kennt er an sich. Weil es seine Leidenschaft ist, Gastgeber zu sein. Allerdings hat er Angst, diese Leidenschaft zu verlieren – und “alles, was ich vor fünf Jahren aufgebaut habe”.

Damals hat der gelernte Koch den Caterer Genuss³ gegründet. Das Ding läuft ziemlich gut. Patrick und sein Team kümmern sich auf Hochzeiten, Firmen- und Weihnachtsfeiern, anderen Festen und während Tagungen um Speisen und Getränke. 2018 und 2019 seien sie ausgebucht gewesen, sagt der Caterer-Chef. Und das sei dieses Jahr auch der Fall gewesen.

Genuss³ während Corona: “Permanent gucken, wie man Geld verdient”

Doch dann grätschten ihm die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie mit vollem Tempo von hinten in die Beine und brachten das Geschäftsmodell von Genuss³ zu Fall. Hygieneregeln, Mindestabstand, Verbot großer Veranstaltungen: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Umsatz des Caterers im April deswegen um 91 Prozent geschrumpft, rechnet Patrick vor. Im Mai habe das Minus 80 Prozent betragen, im Juni 60 und im Juli 40 Prozent.

Catering
Patrick Bohl, Chef des Caterers Genuss³ (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Ein positiver Trend, der Mut macht? Eher nicht. Zum einen ist eine Lücke von 40 Prozent noch immer enorm. Zum anderen ist das Umsatzminus wahrscheinlich wegen des bis Ende August durchgängig guten Wetters geringer ausgefallen. Und nun stehen die kälteren Monate an. “Insgesamt war der Sommer gut”, sagt Patrick. “Auch wenn es teilweise zu heiß gewesen ist. Viele gehen dann nicht in die Gastro.”

Ab Mitte Juni hat Genuss³ den Biergarten am Eichenzeller Türmchen betrieben. “Man muss permanent gucken, wie man Geld verdient”, sagt Patrick. Der Biergarten hat ihm die Möglichkeit gegeben, die Umsatzverluste etwas auszugleichen. “Alternativ hätte ich nichts machen und alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken können.”

Eichenzeller Türmchen: Ein Brief setzt Patrick zu

Ein Brief, wie er ihn vor ein paar Tagen erhalten habe und der auch an den Bürgermeister von Eichenzell gegangen sei, ist da wie ein Schlag ins Gesicht. “Darin stand, es werde sich am Eichenzeller Türmchen bereichert. Von Massentourismus und Umweltverschmutzung ist die Rede.” Natürlich sei es manchmal nicht jedem recht, wenn mehr los sei. Solche Briefe setzen dem gelernten Koch aber heftig zu. Und das, während er sich ohnehin seit Langem in einer emotionalen Ausnahmesituation befindet.

“Meine Gefühlslage ist seit Monaten angespannt, das ist eigentlich das Schlimmste”, sagt Patrick. “Ich habe gefühlt doppelt so viel Stress.” Vergangene Woche Donnerstag zum Beispiel habe er wieder gezittert. Kanzlerin Merkel hat sich mit den Ministerpräsident*innen darüber ausgetauscht, wie es Corona-mäßig in den kommenden Wochen weitergehen soll. Patricks Angst: Das Maximum an Leuten je Veranstaltung könnte auf 50 gesenkt werden – hat sich zum Glück nicht bestätigt.

Der Blick in die nähere Zukunft ist stark getrübt

Daneben ist der Caterer-Chef permanent mit kurzfristigen Anfragen und ebenso kurzfristigen Absagen konfrontiert. “Die Absagen kommen teils als Einzeiler daher”, sagt er. “Wir haben den Auftrag für eine ganz tolle Hochzeit nicht angenommen, weil wir schon ausgebucht gewesen sind. Diesen Kunden wollten wir nicht absagen. Am Ende haben sie uns abgesagt, die andere Hochzeit hingegen hat stattgefunden.” Patrick ist daher allen Kunden dankbar, die ihre Hochzeit durchziehen.

Sein Blick in die nähere Zukunft ist stark getrübt. “Meine Prognosen für November, Dezember und Januar sind sehr schlecht”, sagt Patrick. “Es gibt keine Perspektive. Firmen werden keine Weihnachtsfeiern veranstalten.” Es gehe nun darum, irgendwie durch die Krise zu kommen. Der Wunsch des Genuss³-Chefs: Normalität.

Eventtechnikverleih Ffortissimo: Mitarbeiter zu 100 Prozent in Kurzarbeit

In einer ähnlichen Lage wie Patrick befindet sich Jürgen Süssemilch. Beide sind selbständig, beide sind von Events abhängig und leben zurzeit von Rücklagen. Jürgen beschallt eigentlich Feiern und große Feste, sorgt dort für die passende Beleuchtung – Stadtfest, Schlauchfuchsfest der Fuldaer Zeitung, Grillmeisterschaft und einiges mehr. Ihm gehört der Eventtechnikverleih Ffortissimo im Münsterfeld in Fulda.

Jürgen ist Diplom-Ingenieur Maschinenbau und Feinwerktechnik. In diesem Bereich hat er auch eine zeitlang gearbeitet. Parallel zu seinem Job hat er damals Musikinstrumente verkauft. Vor 25 Jahren gründet er schließlich Ffortissimo. “Eigentlich wollten wir das Jubiläum dieses Jahr feiern”, sagt er. “Es sollte eine schöne, große Party stattfinden.” Die muss der Ingenieur bis auf Weiteres verschieben.

Ffortissimo-Chef Jürgen Süssemilch (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Das Ffortissimo-Team hat normalerweise das ganze Jahr über zu tun. Einer seiner Schwerpunkte ist die Fastnacht – fällt ja bekanntlich nun flach. Der Technikverleih arbeitet mit allen Randstaaten zusammen. Januar und Februar seien noch normal gewesen, sagt Jürgen. “Mit der Absage der Trendmesse ging das Drama los.” Seit März seien seine zwei Mitarbeiter zu 100 Prozent in Kurzarbeit. “Firmenmäßig ist aktuell so gut wie gar nichts mehr”, sagt der Ffortissimo-Chef. “Zuletzt habe ich den CDU-Kreistag beschallt.”

Jürgen Süssemilch leidet noch nicht unter Existenzangst

Jürgen sind bisher 90 Prozent seines Umsatzes weggebrochen. Dennoch sagt er: “Ich leide noch nicht unter Existenzangst, ich halte noch etwas durch. Spaß macht das aber nicht.” Im März habe er noch gedacht, dass es Open-Air-Events mit Abstand geben werde. Bis auf wenige Ausnahmen wie “Kultur.Findet.Stadt.”

Für sein Unternehmen hat der Ingenieur Geld vom Staat beantragt – und auch erhalten. “Ich bin auch dankbar für die Hilfe”, sagt er. “Die ist aber nur zur Deckung der Kosten gedacht. Man muss ja aber auch von etwas leben.” Die Soforthilfe hat Jürgen mit einem Abschlag von 40 Prozent erhalten – weil er keine Miete für den Unternehmenssitz zahlt. Das Gebäude gehört ihm.

Durch Corona eines Besseren belehrt – oder eines Schlechteren

Eigentlich hatte Jürgen gedacht, dass für ihn und Ffortissimo immer was geht. Schließlich seien sie breit aufgestellt. “Aber wir wurden eines Besseren belehrt.” Den Laden dicht zu machen, ist für ihn dennoch keine Alternative. Selbst wenn er das ernsthaft in Erwägung ziehen würde, würde es wenig Sinn ergeben. “Ich könnte zuschließen und hoffen, dass mir jemand das Zeug abkauft. Aber wer braucht das gerade.”

Immerhin gehe der Verleih von Party-Anlagen wieder zaghaft los. “Auch der ist auf null gewesen”, sagt Jürgen. “Telefonisch bin ich immer erreichbar. Ich bin da, wenn sich jemand ankündigt.”

Hochstift erwartet hinsichtlich Veranstaltungen kaum Entspannung

Unter den Leidtragenden der Feier-Flaute befindet sich auch das Hochstiftliche Brauhaus Fulda – kurz: Hochstift. Klar könnte man meinen, dass Hochstift recht glimpflich durch die Coronakrise kommt. Schließlich dürften die Leute mehr Kisten Bier in ihre Kofferräume geladen haben, während die Gastro dicht gewesen ist. Und als die wieder öffnen durfte, sind die Stühle der Außenbereiche der Cafés, Bars und Kneipen wegen des monatelangen warmen und trockenen Wetters häufig komplett besetzt gewesen.

Neben den Kunden aus Gastronomie verdient die Hochstift aber auch mit der Belieferung von Hotels und Events Geld. “Auch wir mussten infolge des Lockdowns im März einen deutlichen Umsatzrückgang verzeichnen”, schreibt uns die Brauerei. “Der hat sich glücklicherweise im Lauf der Sommermonate etwas erholt.” Dank das schönen Wetters und vieler Bemühungen der Kunden, die Außenbereiche optimal zu nutzen, habe man zusammen das Beste aus der Situation gemacht. Allerdings sei dort die Angst vor den dunklen, kalten Wintermonaten ohne Außenbereich groß. “Denn im Außenbereich sind Abstandsregeln besser einzuhalten und viele Gäste haben an der frischen Luft mehr Zutrauen in die Situation. Insofern wird der Winter eine harte und für viele auch entscheidende Phase werden.”

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Das Hochstiftliche Brauhaus Fulda (Foto: Joscha Reinheimer)

“Hinsichtlich der Einschnitte im Veranstaltungsbereich, egal ob Großveranstaltung oder private Veranstaltung, Sportveranstaltungen oder sonstige Vereinsfeiern, ist leider kaum Entspannung zu verzeichnen”, schreibt Hochstift. “Hier bestehen die Einschnitte leider auch anhaltend als echte Belastung fort.” Für die Brauerei seien sowohl einzelne Großveranstaltungen wie das Stadtfest, der Musical-Sommer oder das Genuss-Festival von Bedeutung, genauso lebe sie aber mit und von den vielen kleineren Veranstaltungen, die für unsere Region und Heimat so wichtig seien und die in ihrer Vielzahl – nicht nur umsatztechnisch, sondern auch als Verbindung zu den Menschen in der Region – sehr bedeutend für das Unternehmen seien.

Bier von Kontaktbeschränkungen besonders betroffen

Die Mitarbeiter von Hochstift befinden sich bis auf Weiteres in Kurzarbeit. Denn der Flaschenbierabsatz habe sich zwar positiv entwickelt, die Gesamteinbußen habe er aber nicht kompensieren können. “Bier ist nun einmal als Geselligkeits-Getränk von all den kontaktbeschränkenden Maßnahmen hinsichtlich des Gesamtkonsums in besonderem Maße betroffen”, heißt es von der Brauerei.

Es sei äußerst schwierig, aktuell Prognosen und Absichten zu formulieren. Die Brauerei wünsche sich seitens der Politik eine ständige Überprüfung der Verhältnismäßigkeit und Erfordernis der Maßnahmen.

Großen Einfluss darauf haben weder Hochstift, noch Patrick von Genuss³ oder Ffortissimo-Chef Jürgen. Sie müssen es nehmen, wie es kommt. Immerhin schenkte Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir vor ein paar Wochen der Gastronomie und Hotellerie der Region sein Gehör. Dabei brachte der Grüne eine verlängerte Außensaison ins Gespräch. Clubbetreibern hingegen machte er für die kommenden Monaten keine Hoffnung. Und was große Feste wie Kirmessen oder Fastnachtsveranstaltungen angeht, ist dieses Jahr ohnehin gelaufen. Das wird den Unternehmen weiterhin viel Kreativität und Kraft abverlangen. Ohne Einnahmen helfen beide jedoch auf Dauer auch nicht.


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