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Screenshot: Freiheit Fankurve. Die Kultur der Ultras

Kennst du schon ..? Jede Woche entdecken wir neue, aber auch ältere, vielleicht vergessene kulturelle Goldstücke im Netz – Alben, Bücher, Serien, Filme, Games, Podcasts und vieles mehr, wozu wir unseren Senf abgeben. Heute stellen wir dir eine Doku-Reihe vor, durch die du Fußball-Ultras ungewöhnlich nahekommst.

Entweder werden sie für beeindruckende Choreos in der Fankurve in höchsten Tönen gelobt, oder verteufelt, weil sie über die Stränge schlagen: Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Ultra-Gruppierungen scheint in Deutschland in der breiten Öffentlichkeit schwer möglich. Weil den Leuten nötige Einblicke fehlen, oder weil die Bereitschaft zum Diskurs fehlt.

Die noch immer ziemlich reichweitenstarke Zeitung Bild attackiert die aktive Fanszene seit Jahren – auch wenn sie im März in ein paar dürren Zeilen beschwichtigend schrieb: “Nicht alle Ultras sind randalierende Chaoten.” Seit einigen Monaten teilt auch die FAZ gegen diese Gruppierungen aus, nennt sie “Wichtigtuer aus der Kurve” und meint in einem anderen Kommentar, “dass keine 5000 inbrünstig singenden Biertrinker und keine Ultras gebraucht werden, um Fußballspiele mit dem bedeutenden Faktor Publikum aufzuwerten”.

Wie gut kennen Kritiker die Ultras überhaupt?

Dass das Käse ist, weiß jeder, der am 2. März 2019 im Waldstadion in Frankfurt gewesen ist. Damals hat die Eintracht gegen Hoffenheim gespielt. Bis zur 89. Minute lag sie 1:2 hinten – dann traf Sebastian Haller zum Ausgleich. Zuvor hatte die Fankurve das Team non-stop mit Gesängen und Schlachtrufen nach vorne gepeitscht. Nach dem 2:2 legten die Tausenden Fans noch eine Schippe drauf, bis Goncalo Paciencia in der sechsten Minute der Nachspielzeit per Kopf den Siegtreffer für die Eintracht erzielt. Es war ein Wechselspiel zwischen Leidenschaft auf den Rängen und auf dem Rasen.

Es stellt sich die Frage: Kennen die Menschen überhaupt die Leute, über die sie berichten? In den meisten Fällen wohl kaum. Eine aktuelle Dokureihe auf Arte, bestehend aus sieben Kurzfilmen, hebt sich davon ab. “Freiheit Fankurve. Die Kultur der Ultras” nennt sie sich. Sie kommt einzelnen Ultras aus Frankreich, der Ukraine und England ungewöhnlich nahe. Ganz ohne Schwächen kommt die Reihe dennoch nicht aus.

Vitali verteidigt Teilnehmer des Euromaidans in Donezk

“Freiheit Fankurve” ist eine vielschichtige Betrachtung einer Szene, deren Anhänger Medien häufig skeptisch gegenüberstehen. Das Doku-Team hat unter anderem den Ukrainer Vitali besucht. Der ist politischer Aktivist, stammt ursprünglich aus Donezk und ist fast zehn Jahre Ultra beim örtlichen Verein Schachtar gewesen. “Ich bin Ultra geworden, weil ich gemerkt habe, dass in der Kurve am meisten los gewesen ist”, sagt er. “Manchmal haben wir uns geschlagen.” Mit Fans von Dynamo Kiew zum Beispiel. Beim nächsten Spiel der ukrainischen Nationalmannschaft seien sie dann Verbündete gewesen.

Im November 2013 spitze sich die Lage für Vitali zu. In allen Städten der Ukraine demonstrieren Pro-Europäer. Es ist der Euromaidan. Pro-russische Tituschki greifen Teilnehmer der Demonstration an. “Die Polizei hat nichts getan”, sagt Vitali. Die Ultras hätten die Aktivisten verteidigt.

Ultras ziehen für die Ukraine in den Krieg

Nachdem Russland Teile der Ukraine besetzt hat, geraten die Namen von Vitali und seinen Freunden in die Hände des FSB. Der russische Geheimdienst stattet ihnen Besuche ab. Ein Ultra verschwindet nach einem solchen Besuch und wird getötet. Auf Vitali wird geschossen. Er flieht nach Kiew, zieht wie andere UItras für die Ukraine in den Krieg.

Der Beitrag über Vitali ist der krasseste dieser Dokureihe. Jedoch nicht der einzig beeindruckende. Die Serie stellt dir Menschen vor, die im und außerhalb des Stadions alles für ihren Verein geben, für die es unvorstellbar wäre, einem anderen Team anzuhängen. Wie Cécile aus Marseille. Sie hat ihre Leidenschaft für Olympique von Vater und Großvater geerbt. Über die Fans aus Paris sagt sie: “Wir hassen sie, aber im Stadion fehlen sie uns.”

Die Schwächen von “Freiheit Fankurve”

Die Doku nimmt dich mit nach Bordeaux, deren Ultras sich missverstanden und kriminalisiert fühlen – auch wenn sie nicht leugnen, dass es Gewalt in ihrer Bewegung gebe. “Aber die gibt es auch in der Gesellschaft.” Gewalt sei auch nicht deren Leitmotiv. “Für viele ist es schwer vorstellbar, dass Ultra-Bewegungen auch viel Gutes bewirken”, sagt einer. Auch wenn jemand arbeitslos sei, verurteile das kein Ultra. Man finde dort Zusammenhalt.

Es ist ein Punkt, der in der Doku-Reihe zu kurz kommt. Der überwiegende Teil der Kurzfilme thematisiert zumindest phasenweise Gewalt – die es zweifellos gibt. Allerdings werden die Zuschauer mit Aussagen wie: “Jedes Jahr werden im Umfeld von Fußballstadien (in Frankreich; Anm. d. Red.) 100 Personen wegen Gewalttaten festgenommen – größtenteils Ultras.” Eine Einordnung, um welche Art Gewalt es sich handelt und ob das nun viel im Vergleich zu anderen Massenevents ist, fehlt jedoch.

Und positive Aktionen von Ultra-Gruppierungen spielen kaum eine Rolle. Zum Beispiel wenn manche während der Coronakrise für wohnungslose Menschen kochen oder die Szene regelmäßig Geld für Bedürftige sammelt.

“So wirst du Ultra”

Zudem ist die Episode “Lyon – So wirst du Ultra” etwas unglücklich. Sie ist eine packende Geschichte über einen jungen Mann, der den Platz seines Vaters, der alles verloren hat, bei den Ultras einnimmt. Dabei hat er den Fußball nie richtig gemocht, sich in der Fankurve in Zurückhaltung geübt. Dennoch wird er später mit Fäusten das Revier seines Klubs gegen dessen Gegner verteidigen. Dabei handelt es sich nicht um die Geschichte einer Person. Sie fügt sich aus Gesprächen mit Mitgliedern der “Kops Lyon 1950” und von “Bad Gones” zusammen. Und vermittelt dabei den Eindruck, als sei das der klassische Weg zum und das typische Leben als Ultra.

Trotz dieser Schwächen ist die Doku-Reihe ein Highlight in der Berichterstattung über aktive Fans. Sie ist facettenreich, liefert authentische Eindrücke von ihren Protagonisten. Sie gibt den Aktiven Raum, statt nur über sie zu sprechen und sie zu verteufeln, wird dabei aber nicht unkritisch. Ein alles umfassendes Bild der Szene kann sie naturgemäß nicht liefern – dafür gibt es zu viele verschiedene Gruppen, die aus zu vielen verschiedenen Charakteren bestehen.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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