Der Politologe Volker Ahmad Qasir von der Ahmadiyya-Gemeinde während seines Vortrags im Kanzler Palais in Fulda. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Das Vertrauen in Muslime ist hierzulande überdurchschnittlich gering. Viele zweifeln deren Loyalität gegenüber der Demokratie an. Zumindest für Deutschland legen Zahlen das Gegenteil nahe – dass die Mehrheit der Muslime auf dem Boden der Verfassung steht. Demokratiefeindliche Strömungen, die sich auf den Koran beziehen, sind jedoch auch nicht zu leugnen.

Ende April dieses Jahres werden sich Kritiker und Kritikerinnen des Islam bestätigt gefühlt haben. Damals hat die hessische Landesregierung beim islamischen Religionsunterricht die Zusammenarbeit mit dem türkischen Moscheeverband Ditib beendet. Es gebe Zweifel an der Unabhängigkeit des Verbandes von der türkischen Regierung und die hätten nicht ausgeräumt werden, heißt es in einer Erklärung.

In der Türkei herrscht Präsident Recep Tayyip Erdogan mit umfangreichen Befugnissen. Gewählt auch von in Deutschland lebenden Muslimen mit türkischer Staatsbürgerschaft. Erdogan treibt die Islamisierung der Türkei voran. Dort gerät die Demokratie ins Wanken. Viele Medien sind nicht mehr unabhängig oder wurden geschlossen.

Demokratiefreunde und -feinde unter dem Dach einer Religion

Wie hält es die islamische Weltgemeinde also mit der Demokratie – und insbesondere der Teil, der in Deutschland lebt? Darüber hat am Montagabend Volker Ahmad Qasir im Kanzler Palais in Fulda gesprochen. Qasir ist Politologe, Lehrer an einer beruflichen Schule und sitzt für die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde am “Runden Tisch der Religionen” der Stadt. Der Titel seines Vortrags: “Demokratiefeindlichkeit im Islam”.

Dieser Titel führt erst einmal ein wenig in die Irre. Der Politologe sprach zwar auch über demokratiefeindliche Bestrebungen, die sich auf den Koran berufen. Er schilderte aber auch Beispiele dafür, warum Islam und Demokratie aus seiner und der Sicht von Theologen eigentlich ein ganz hübsches Paar bilden.

“‘Den’ Islam gibt es nicht, genauso wenig wie ‘das’ Christentum”, sagte Qasir und deutete damit an, warum es unter dem Dach einer Religion sowohl Demokratiefreunde als auch -feinde geben kann.

Al-Maqdisi, der Al-Qaida-Freund

Einer dieser Feinde ist Abu Muhammad Al-Maqdisi. Er ist der palästinensische-jordanische Ideologe des dschihadistischen Salafismus. “Al-Maqdisi ruft Muslime auf, sich Al-Qaida anzuschließen und Nicht-Muslime zu bekämpfen”, sagte der Politologe im Kanzler Palais. “Mit seiner Schrift ‘Die Religion der Demokratie’ spricht er gezielt Konvertiten und Muslime der zweiten und dritten Einwanderergeneration an.”

Demnach diskreditiert Al-Maqdisi die Demokratie und stellt sie als unvereinbar mit dem Islam dar. Zum einen stehe dieses politische System für alles Zügellose und Unmoralische, was der Islam verhindern wolle. Deren Anhänger gelte es als Feinde zu betrachten, sie zu hassen und zu zerstören. “Dass es auch in der islamischen Welt Unmoralisches gibt, wird dabei ausgeblendet”, sagte Volker Ahmad Qasir am Montag. “Oder es wird gesagt, das sei nicht der richtige Islam.”

Demokratie als Religion?

Der Extremist Al-Maqdisi bezeichnet die Demokratie zudem als eine Art Religion – die der Allahs widerspreche. Schließlich würden deren Anhänger Staatsoberhäupter wie Gottheiten anbeten. Und auch die Gehorsamkeit gegenüber der menschgemachten Gesetzgebung sei eine Form der Anbetung. Diese sei aber Allah vorbehalten. Wer Muslim sei, könne nicht zugleich Demokrat sein.

Mit dieser Rhetorik möchte der Al-Qaida-Freund einen Keil in die Gesellschaft treiben. Laut dem Fuldaer Qasir hat er damit vor allem in Entwicklungsländern Erfolg. “Dort erleben Menschen in Form von Kriegen Gewalt. Sie leben in Armut. Und sie haben in ihren Ländern keine Mitsprache. Wer nicht gehört wird, greift eher zu Gewalt.”

Berechtigte Zweifel an den Zweifeln an Muslimen in Deutschland

Diese Rhetorik und daraus resultierende Gewalttaten verfangen auch im so genannten Westen. In Deutschland vertrauen laut dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung vom vergangenen Jahr 41 Prozent der Befragten Muslimen gar nicht oder wenig (Seite 74). Das ist der im negativen Bereich mit Abstand höchste Wert aller untersuchten Gruppen. Qasir sagte im Kanzler Palais zudem: “Es gibt Zweifel an der Loyalität von Muslimen als Staatsbürger gegenüber Deutschland.”

An diesen Zweifeln lässt sich zweifeln. Denn der Religionsmonitor liefert gegenteilige Resultate. Demnach fühlen sich mehr als 90 Prozent der hier lebenden Muslime Deutschland gegenüber verbunden – das ist eine höhere Quote als bei Katholiken. Und neun von zehn Muslime hierzulande sagen, die Demokratie sei eine gute Regierungsform.

Zahlen, die den Fuldaer Politologen bestätigen. “Es gibt zahlreiche Demokratiekonzepte, die den Islam aufgreifen”, sagte er. Er spricht unter anderem über den 2010 verstorbenen marokkanischen Philosophen Muhammad Abed Al Jabri. Der habe gesagt: “Demokratie wird von Muslimen aufgrund von Unkenntnis als unislamisch betrachtet. Der soziale Rahmen der Demokratie entspricht einer (idealen) islamischen Gesellschaft.” Hautgrund sei die Universalität der Menschenrechte – unter anderem Gleichheit, Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung aller Menschen. Zudem würden Glaubens- und Meinungsfreiheit in vielen Suren des Koran thematisiert.

Glaubensfreiheit im Koran

Wie es bei Hunderte oder Tausende Jahre alten religiösen Schriften üblich ist, lassen diese sich jedoch unterschiedlich interpretieren. Je nachdem, in welcher Zeit oder welchem Land man lebt beziehungsweise, welche Absichten der oder die Interpretierende hat. Und so ist es auch mit der Glaubensfreiheit des Koran. Zwar steht in Vers 256 der zweiten Sure:

“Kein Zwang im Glauben! Klar ist nunmehr das Rechte vom Irrtum unterschieden. Wer die falschen Götter verwirft und an Gott glaubt, der hat den festesten Halt erfasst, der nicht reißen wird. Und Gott ist hörend und wissend.”

Also volle Religionsfreiheit? Einige Gelehrte wie Muhammad Abed Al Jabri sehen das so. Andere betrachten diesen Vers als von Gott durch andere, später offenbarte Koranverse aufgehoben, wie aus einem Beitrag des Deutschlandfunks hervorgeht.

Liberal, aber konservativ: Ahmadiyya in Deutschland

Auch die Ahmadiyya Muslim Jamaat, der Volker Ahmad Qasir angehört, sei ein Beispiel für einen demokratischen Islam, sagte der Politologe. “Der Islam schreibt zwar keine Staatsform vor, aber demokratische Grundprinzipien”. Zum Beispiel absolute Gerechtigkeit (Säkularismus). “Eine Staatsreligion würde für Diskriminierung genutzt werden.”

In Deutschland zählt die Ahmadiyya laut eigenen Angaben etwa 40.000 Mitglieder. Damit sei sie eine der größten Gemeinden unter den organisierten Muslimen. In Hessen ist sie, anders als Ditib, noch Partner für den islamischen Religionsunterricht. Ahmadiyya gilt als liberal, sie setzt sich für einen friedlichen Islam und die Integration in Deutschland ein. Sie gilt aber auch als wertekonservativ, in Moscheen ist der Bereich der Frauen abgetrennt, Männer haben dort keinen Zutritt.

Rechte und Pflichten von Frauen im Islam

Zu den Rechten und Pflichten einer Frau im Islam heißt es auf der Website der Gemeinde:

“Um fremde Männer nicht anzuziehen, soll sie indes ihre irdischen Vorzüge und Reize bedeckt halten…”

Und weiter:

“Sie haben das Recht, von Eltern und Verwandten zu erben, aber da ihre Ehemänner beauftragt sind, die Familie zu ernähren, während sie von dieser Verpflichtung befreit sind, gebührt ihnen weniger.”

Diese Rechten und Pflichten widersprechen zwar nicht der Demokratie, sie wirken aber nicht mehr zeitgemäß. Andererseits spricht die Ahmadiyya davon, dass “eine Frau genauso wie ein Mann das Recht, Bildung zu erlangen, ja, die Pflicht, sich Wissen anzueignen” hat. Zudem hätten Frauen das Recht auf Scheidung, sie dürften nicht verstoßen und gegen ihren Willen zu einer Heirat gezwungen werden.

Was bleibt am Ende von Qasirs Vortrag hängen? Zum Beispiel, dass Muslime, die in Deutschland zu Hause sind, nicht weniger demokratiefreundlich sind als Christen oder Atheisten. Allerdings gibt es auch Regionen auf der Welt, in denen der fundamentalistische Islam gedeiht. Dort haben Extremisten wegen schlechter Lebensverhältnisse leichteres Spiel als in wohlhabenden Ländern wie Deutschland.


Demokratiereihe der Stadt Fulda

Der Vortrag von Volker Ahmad Qasir ist Teil der Demokratiereihe der Stadt Fulda. Die Veranstaltungen sind kostenfrei. Wer teilnehmen möchte, sollte sich rechtzeitig anmelden, da die Teilnehmendenzahl wegen der aktuellen Hygieneauflagen begrenzt ist. Die Broschüre mit wichtigen Infos zur Reihe findest du hier.

Weitere Termine

5. September 2020: Umgang mit Rassismus in Fulda (Workshop)

14. September 2020: Religionsfreiheit im Islam

19. Oktober 2020: Frauen im rechtsextremen Spektrum

5. November 2020: Reichsbürger*innen in Hessen

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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