Foto: Reproductive Health Supplies Coalition/Unsplash

60 Jahre hat das beliebte aber umstrittene Verhütungsmittel nun schon auf dem Buckel. Zeit für ein Resümee! Die move36-Volontärinnen Constanze und Luisa haben beide nach jahrelanger Einnahme die Pille abgesetzt – und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Gib mir die Chemie und meine Freiheit zurück!

von Constanze Gollbach

Happy Birthday Antibabypille. Das wohl sicherste und beliebteste hormonelle Verhütungsmittel wurde am 18. August ganze 60 Jahre alt. Ein Meilenstein für die körperliche Selbstbestimmung der Frau: Endlich konnten Frauen selbst entscheiden, ob sie schwanger werden wollten oder nicht. Und dieses Privileg gibt es bis heute. Die Pille ist umstritten, aber für mich bedeutet sie Freiheit.

Von einem Verhütungsmittel erwarte ich vor allem eines: Sicherheit. Und die hatte ich elf Jahre lang. Denn seit ich 13 bin, schlucke ich die kleine Tablette. Als Teenager machst du dir keine Gedanken, ob du damit deinem Körper schadest. Und Nebenwirkungen oder andere Verhütungsmittel waren auch nicht wirklich ein Thema: Für mich und meine Frauneärztin war die Pille das unkomplizierteste und sicherste Mittel gegen meine Schmerzen und eine ungewollte Schwangerschaft. Viel falsch machen kann man schließlich nicht.

Von den ‘klassischen’ Nebenwirkungen wie Depression, fehlender Libido oder Gewichtszunahme habe ich nichts gemerkt, auf jeden Fall nicht bewusst. Für mich stellte das kleine Ding in meinem Körper keine Probleme dar. Mein Körper hatte sich schnell daran gewöhnt und alles lief unkompliziert. Es gab daher auch keinen Grund, mir Gedanken zu machen, ob die Pille mir vielleicht doch nicht gut tut. Trotzdem: Nachdem die negativen Seiten der Pille öffentlicher wurden, wollte ich es wissen. Wie fühle ich mich ohne?

Ich bin enttäuscht von meinem Körper

Vor fast einem Jahr habe ich mich schlussendlich überzeugen lassen, mich von den Hormonen zu lösen. Und was soll ich sagen? Ich bin absolut enttäuscht von meinem Körper. Erstmals merke ich, wie viel Einfluss so ein kleines Ding auf mich hatte. Grob gesagt: Aktuell geht es mir ohne Pille schlechter als mit. Und es sind einige Punkte, die mir momentan die Nerven rauben.

Natürlich haben Frauen durch die Pille keinen richtigen Zyklus. Die Abbruchblutung ist nicht mit der richtigen Periode vergleichbar. Aber wesentlich angenehmer meiner Meinung nach. Bis ich meine erste richtige Periode nach dem Absetzen hatte, dauerte es ganze drei Monate. Innerhalb eines Jahres hatte ich dreimal meine Periode. Normal ist das nicht. Und es war immer wieder eine Überraschung, wann es soweit sein wird. Angekündigt haben sie sich wenigstens – mit PMS vom Feinsten. PMS steht für Prämenstruelles Syndrom, das mit körperlichen und emotionalen Beschwerden im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus einhergeht. Kurz: Ich hatte und habe immer noch höllische Schmerzen. Dazu kommen depressive Phasen, in denen ich grundlos wütend oder traurig bin. Das hatte ich so noch nie, und es macht mir Angst. Nicht nur, weil es anstrengend ist, sondern weil ich es nicht von mir kenne.

Spontaneität beim Sex? Ohne die Pille schwierig

Aber kommen wir zum Hauptgrund, aus dem Frauen eigentlich die Pille nehmen: Sex. Denn der ist, seit ich die Pille abgesetzt habe, anders. Ich habe weniger Lust als mit der Pille. Stichwort: Libidoverlust. Und nein, es liegt auch nicht an meinem Partner, und nein: Ich muss es auch nicht einfach mal wieder “ordentlich besorgt kriegen”. Loslassen, mal spontan Sex haben, auch wenn kein Kondom parat ist? Unmöglich. Und wenn eines da ist, habe ich Angst, dass es reißt oder verrutscht.

Das Absetzen der Pille tut mir also aktuell einfach nicht gut. Es scheint, dass mein Körper sich genau die Nebenwirkungen rauspickt, die eigentlich mit der Pille auftreten. Natürlich ist mir bewusst, dass nach elf Jahren Chemiecocktail der Körper erst einmal klarkommen muss. Und klar, einige positive Aspekte merke ich auch: Mein Körper lagert nicht mehr so viel Wasser ein, der Muskelaufbau läuft besser. Trotzdem habe ich mehr erwartet nach den durchweg positiven Erfahrungsberichten.

Natürlich mag das Absetzen für viele Frauen eine Erlösung gewesen sein. Das ist auch gut so. Jede Frau sollte das machen, wobei sie sich am wohlsten fühlt. Sie soll ihren Körper kennenlernen und das Recht haben, selbst zu entscheiden, wie sie verhütet. Mir hat die Pille ein kleines bisschen mehr Lebensqualität gegeben, die ich aktuell einfach vermisse. Trotz Nebenwirkungen wäre ich daher bereit, das Risiko wieder einzugehen – für meine Freiheit.


Ich weine dir keine Träne hinterher!

von Luisa Hauser

Pickel, unregelmäßige Blutungen und erstmal ein ganz schönes Gefühlschaos: Zugegeben, all diese Dinge haben mich nach dem Absetzen der hormonellen Verhütung schon genervt und tun es über ein Jahr später zum Teil noch immer. Und doch weine ich der Pille keine Träne hinterher.

Beinahe mein halbes Leben lang habe ich mich selbst unter den Einfluss hormoneller Verhütungsmittel gestellt und lange gar nicht gemerkt, was ich meinem Körper damit antue. Denn die meisten Nebenwirkungen habe ich als normal wahrgenommen – ich kannte meinen Körper gar nicht anders. Klar kannte ich das erhöhte Thromboserisiko, aber mal ehrlich: Als Teenager macht man sich nicht allzu viele Gedanken darüber, dass man davon selbst betroffen sein könnte.

Also fing ich mit 15 an, verantwortungsvoll jeden Tag zur selben Zeit eine kleine Pille zu schlucken, und bemerkte gar nicht, dass sich immer mehr Nebenwirkungen in mein Leben einschlichen, die ich gar nicht als solche bemerkte. Ständige Kopf- und Bauchschmerzen, Gereiztheit, geringe Libido, Verstimmungen und ein völlig vernebeltes Körpergefühl haben mich durch mein Erwachsenwerden begleitet.

Hallo Libido!

Als immer mehr Freundinnen die Pille absetzten und erzählten, dass es ihre Welt förmlich auf den Kopf gestellt hat, habe ich angefangen, mir Gedanken darüber zu machen. Aber vieles hielt ich auch für übertrieben. Außerdem brachten die Hormone, neben der Schwangerschaftsverhütung, so viele scheinbare Vorteile mit sich, dass ich selbst nicht ans Absetzen denken wollte. Viel zu bequem fand ich es, das Einsetzen oder Ausbleiben meiner Periode beeinflussen zu können.

Letztes Jahr war ich dann aber doch überzeugt von dem Gedanken, meinen Körper mal ohne den Einfluss des Medikaments kennenlernen zu wollen. Ich hätte die Einnahme ja jederzeit wieder starten können. Und was soll ich sagen: Sie hatten alle Recht. Meine Welt wurde auf den Kopf gestellt, ich habe ein ganz anderes Körpergefühl und nehme mich selbst und meine Bedürfnisse viel besser wahr. Als wäre da vorher ein unsichtbarer Schleier gewesen, der sich jetzt verzogen hat. Hallo Libido! Ich habe mich erstmal gefühlt wie ein Teenager mitten in der Pubertät – ja, inklusive Pickeln. Jahrelang mit reiner Haut gesegnet war das schon erstmal gewöhnungsbedürftig für mich. Und trotzdem sind ein paar Hautunreinheiten für mich kein Grund, meinen Körper wieder mit der Hormonbombe Pille zu belasten.

Ich verstehe jede erwachsene Frau, die die Pille gerne einnimmt, um Vorteile wie sichere Verhütung, reine Haut und eine unkomplizierte Periode daraus zu ziehen. Für einige Frauen mit Vorerkrankungen kann die Pille sogar eine wahrhafte Erlösung von ihren Beschwerden sein. Zum Beispiel bei Endometriose: Das sind Gewebewucherungen, die unter anderem zu einer extrem schmerzhaften Monatsblutung führen. Wir verdanken der Pille viel – in den 60ern war sie ein feministischer Befreiungsschlag und ermöglichte Frauen erstmals, ihre Sexualität auch ohne die Angst vor einer Schwangerschaft auszuleben. Am Ende sollte jede Frau selbst frei entscheiden, welche Verhütungsmethode zu ihrem Körper und ihrer Lebensphase passt.

Depressiv durch die Pille?

Allerdings bin ich der Meinung, dass vor allem junge Mädels erstmal die Chance haben sollten, ihren Körper durch die Pubertät hindurch kennenzulernen, ohne ein Medikament mit so vielen Nebenwirkungen zu schlucken, als wäre es das Normalste der Welt. Hier muss dringend genauer hingeschaut werden, bevor das potentiell gefährliche Verhütungsmittel einfach so verschrieben wird. Viel wichtiger wäre es, Mädchen und Jungen besser über Sexualität, Verhütung und den weiblichen Zyklus aufzuklären.

Die vielen möglichen Nebenwirkungen, die das Medikament mit sich bringt, sind heute einfach nicht mehr tragbar. Das betrifft nicht nur die Antibabypille, sondern auch andere hormonelle Methoden wie Verhütungsring, – pflaster und Co. Der Studie einer dänischen Universität zufolge besteht sogar ein deutlicher Zusammenhang zwischen hormonellen Verhütungsmethoden und Depressionen – vor allem bei Jugendlichen. Höchste Zeit, das lang gefeierte Wundermittel Pille zu hinterfragen. Davon abgesehen sind Kondome in meinen Augen außerhalb längerer Beziehungen sowieso erstmal Pflicht – die schützen nämlich zusätzlich vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Das schafft keine Pille.

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