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Einschränkungen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 werden wir noch Monate lange aushalten müssen – vielleicht auch Jahre. Sie dürften vielen Menschen den Job kosten. Und sind nach jetzigem Wissensstand dennoch richtig. Der Blick auf die verhältnismäßig wenigen Toten in Deutschland könnte trügerisch sein.

Es mehren sich die Stimmen derer, die ob der weiterhin aufrechterhaltenen – wenn auch schon wieder stark gelockerten – Corona-Maßnahmen deren Ende herbeisehnen. Und es ist verständlich. Die anfängliche “Euphorie” mit der ein Großteil der Bevölkerung das Projekt “Pandemie besiegen” angegangen ist, ist verschwunden. Das ist nicht unlogisch. Ist etwas akut, rauft man sich zusammen und nimmt vieles unangenehmes in Kauf, in der Hoffnung, dass die Normalität schon bald wieder eintreten wird.

Mittlerweile beherrscht das nicht mehr ganz so neue Coronavirus unser Leben aber schon etwa ein halbes Jahr. Wann das ein Ende haben wird, ist nicht absehbar. Da ist es mit Blick auf die Zahlen in Deutschland verlockend, die Aufhebung der Maßnahmen zu fordern. Bei uns haben sich im Vergleich zu anderen Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und die USA wenige Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert. Noch besser steht Deutschland mit Blick auf die Anzahl der Menschen, die in Zusammenhang mit dem Virus gestorben sind, da. Und das Gesundheitssystem ist aktuell weit davon entfernt, in die Knie zu gehen. Wäre es da nicht logisch, unsere Mund-Nasen-Bedeckungen in der Kommode verstauen, auf den Mindestabstand pfeifen und wieder mit Hunderten oder Tausenden tanzen, singen und grölen zu dürfen?

Immer weniger Landkreise ohne neue Corona-Infektionen

Schön wäre es auf jeden Fall. Vor allem für jene, die mit Events ihren Lebensunterhalt verdienen. Denn, das muss man schon sagen, vielen Unternehmen und Selbständigen wird das anhaltende Verbot von Massenveranstaltungen die wirtschaftliche Existenzgrundlage rauben. Noch sind es “kleine” Schicksale, die bekannt geworden sind. Zum Beispiel die von “Bratwurst-Walter”. Die Imbissbude steht in der Nähe des Waldstadions in Frankfurt. Die ist nun Geschichte und wird nicht mehr öffnen. Fußball wurde in diesem Sommer im Stadion zwar noch gespielt – allerdings ohne Publikum. Die sogenannten Geisterspiele: Und Geister essen eben keine Wurst und trinken kein Bier.

Das dürfte erst der Anfang sein. Zum einen, weil aktuell keine Insolvenzen angemeldet werden müssen. Das ist, stand jetzt, erst ab Oktober wieder Pflicht. Zum anderen, weil erst in einigen Wochen die Indoor-Saison beginnen würde. Dann kommen die Monate, während derer Clubs eigentlich Geld scheffeln. Glaubt man Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von den Grünen, können die das aber noch einige Monate knicken.

Dennoch käme die Zulassung von großen Events zu früh – wie wohl auch die Aufhebung anderer Maßnahmen. Schließlich steigt die Anzahl der gemeldeten Infektionen wieder. Und zwar flächendeckend. Hatten Mitte Juli immerhin 125 Landkreis innerhalb von sieben Tagen keine Neuinfektionen mehr gemeldet, waren es am Montag laut dem Robert-Koch-Institut nur noch 25.

Kritiker verkehren Ursache und Wirkung

Natürlich sagen die blanken Zahlen zu Neuninfektionen wenig darüber aus, wie schlimm die Lage tatsächlich ist. Liegen die Infizierten flach? Müssen sie an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden? Sterben sie gar? Das ist allerdings aktuell nicht der wesentliche Punkt. Denn jeder Infizierte steckt potenziell mehrere Menschen an. Und unter ihnen sind dann irgendwann vielleicht doch welche, die das Virus nicht so einfach wegstecken.

Bisher sind bei uns gut 9200 Menschen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 gestorben. Wir können froh sein, dass es in Deutschland nur so wenige sind. Was für die betroffenen Angehörigen natürlich kein Trost ist. In den USA ist die Anzahl der Toten je 100.000 Einwohner knapp fünfmal so hoch. Wer diese Zahl als Beleg dafür erachtet, dass Deutschland zu vorsichtig vorgeht, verkehrt Ursache und Wirkung. Diese Vorsicht hat sehr wahrscheinlich erst dazu geführt, dass verhältnismäßig wenige Menschen gestorben sind. Was nicht heißt, dass einzelne Maßnahmen nicht doch übertrieben oder gar unnütz gewesen sind. Aber wer mag das heute schon seriös beurteilen?

Der Vergleich von Corona mit der Grippe und Risiken durch Alkohol hinkt

Immer wieder ist auch davon zu lesen, dass das noch recht neue Coronavirus relativ harmlos sei. Als Argument dienen nicht selten Zahlen zu Grippewellen in Deutschland. Während derer sterben hierzulande je nach Intensität zwischen mehreren hundert und 20.000 Menschen – ohne Maßnahmen zur Eindämmung. Also bis zu doppelte so viele wie bisher 2020 im Zusammenhang mit Sars-CoV-2.

Da kann man sich natürlich die Frage stellen: Warum dann jetzt diese Einschränkungen? Oder: Warum nicht auch während einer Grippewelle so vorgehen? Je nachdem, wo man steht.

Der Vergleich der Corona-Pandemie mit der Grippe oder anderen Risiken, die beispielsweise von zu schnellem Autofahren, Rauchen und Alkoholkonsum ausgehen, hinkt allerdings. Bei ihnen wissen wir recht genau, wie sie aussehen, was auf uns zukommt. Bei Sars-CoV-2 ist das noch nicht der Fall. Erst ist es ein Virus gewesen, das fernab von Europa in China gewütet hat. Dann hat es Italien überfallen. Leichen mussten in Kühlwagen gelagert werden. Es hieß, das Virus attackiere eher ältere und vorerkrankte Menschen erfolgreich. Im schlimmsten Fall löse es eine Lungenerkrankung aus, die tödlich endet.

Anzeichen für Langzeitschäden durch Covid-19

Das ist der Wissensstand, den wir hatten, nachdem sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erst ein paar Monate mit Sars-CoV-2 auseinandergesetzt hatten. Dass das nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein konnte, war damals schon klar. Etwas bis dahin Unbekanntes und dessen Risiken für die Menschen bis ins letzte Detail zu analysieren, ist in der Kürze der Zeit kaum vorstellbar.

Mittlerweile wissen wir, dass das Virus nicht nur der Lunge zu schaffen macht. Kardiologinnen und Kardiologen der Uniklinik Frankfurt haben 100 Menschen untersucht, im Mittel 49 Jahre alt, die an Covid-19 erkrankt gewesen sind und als geheilt galten. Bei 60 haben sie auch zwei bis drei Monate nach Ende der Erkrankung Anzeichen für die Entzündung des Herzmuskels gefunden. Sie schließen aus den Ergebnissen der Untersuchung, dass sich eine Infektion mit Sars-CoV-2 unabhängig von deren Schwere, Vorerkrankungen und dem Verlauf der akuten Erkrankung im Herzen manifestieren könne. Zudem berichten vermeintlich Genesene, dass sie noch Wochen oder Monate nach der akuten Erkrankung extrem schlapp seien.

Vorsicht ist wegen großer Unsicherheit weiter geboten

Ist Covid-19 also mehr als eine im schlimmsten Fall heftige Grippe. Es gibt Anzeichen dafür. Wenn auch eine Untersuchung von 100 Personen weit davon entfernt ist, repräsentativ zu sein. Das Team aus Frankfurt wünscht sich deswegen fortlaufende Forschung zu den langfristigen Folgen von Covid-19 für das Herz.

Solange diese Unsicherheit besteht oder noch kein Impfstoff für die Massen zur Verfügung steht, ist weiter Vorsicht geboten. Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden uns auf unbestimmte Zeit begleiten müssen. Leider werden manche Menschen darunter mehr zu leiden haben als andere. Die gilt es dann nicht links liegen zu lassen.


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Über Sascha-Pascal Schimmel

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