Ausschnitt des Artikels von Dr. von Rosen in der Reform-Rundschau 11/2014.

Geht es nach ihm, ist alles ganz einfach und klar. Gegen Viren muss man nur Chlordioxid-Lösung schlucken, die Regierung will sich das Volk untertan machen und Impfungen schaden mehr, als sie helfen. Dr. von Rosen aus Gersfeld äußert dergleichen regelmäßig auf den Corona-Demos in Fulda. Bereits vor ein paar Jahren ist er mit fragwürdigen Äußerungen aufgefallen.

Eines muss man Dr. Jürgen Freiherr von Rosen lassen. Für seine Klinik, die 2019 Dr. med. Martin Freiherr von Rosen übernommen hat, hatte er sich ein schönes Fleckchen Erde und eine prächtige Jugendstil-Villa ausgesucht. Sie befindet sich am östlichen Rand des Gersfelder Schlossparks. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Essener Unternehmer Bruno von Waldthausen sie bauen lassen. 1981 eröffnete Dr. Jürgen Freiherr von Rosen in ihr schließlich seine Privatklinik, wie aus der Fuldaer Zeitung hervorgeht.

Er wenn er dort heute laut seines Anwalts nicht mehr praktiziert, ist er auf der Homepage zu sehen. Naturheilkunde und -medizin bietet die Klinik laut ihrer Website an. Da heißt es: “Zurück zu Harmonie und Lebensfreude.” Beides sieht der ehemalige Klinik-Inhaber zurzeit bedroht. Schuld hat die Corona-Krise. Jedoch nicht das Virus Sars-CoV-2. Sondern die Politik, die zur Eindämmung der Pandemie Maßnahmen ergriffen hat, aber eigentlich anderes als die Gesundheit der Bevölkerung im Sinn hat. So lassen sich Äußerungen verstehen, die von Rosen seit ein paar Monaten öffentlichkeitswirksam tätigt.

“Frieden und Freiheit”: Dr. von Rosen als Stammredner bei Corona-Demos in Fulda

Der Gersfelder ist so etwas wie ein Stammredner während der Corona-Kundgebungen, die jeden Samstag unter dem Motto “Wirksam für Frieden und Freiheit” in Fulda stattfinden – zumeist auf dem Uniplatz. Dort äußert von Rosen regelmäßig Dinge, die sich widerlegen oder zumindest nicht belegen lassen.

Anfang Mai hat er ein vermeintliches Wundermittel gegen Viren empfohlen. Die Kundgebung fand damals in der Nähe des Stadions in der Johannisau statt. Chlordioxid-Lösung nennt es sich. “Das ist ein super Anti-Virus-Mittel. Innerhalb von ein, zwei Tagen ist normalerweise jede Viruserkrankung verschwunden”, sagte von Rosen damals. “Ich nehme an, dass es bei Corona genauso sein wird.” Auf welcher Grundlage diese Annahme basiert, sagte er jedoch nicht.

Arzt aus Gersfeld empfiehlt Chlordioxid-Lösung als Mittel gegen Sars-CoV-2

“Es ist völlig ungefährlich, wenn man es in der richtigen Verdünnung einnimmt”, so der Arzt weiter. Drei oder zehn Tropfen einer 0,3-prozentigen Lösung mit reichlich Wasser verdünnen, so gehe das. “Bei einer Überdosierung kriegt man etwas Durchfall oder Übelkeit. Das sind letztlich die einzigen Nebenwirkungen.”

Wie unbenklich ist diese Lösung. Zumindest vor Chlordioxid warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) seit Jahren. “Chlordioxid wird als Bleichmittel von Papier und zur Desinfektion von Trinkwasser eingesetzt und verursacht schwere Verätzungen der Haut und schwere Augenschäden”, schreibt das BfArM 2015 in einer Pressemitteilung. “Den Giftnotrufzentralen liegen Fälle von Erbrechen, Atemstörungen und Hautverätzungen bei der Einnahme von MMS vor.” MMS steht für “Miracle Mineral Supplement”. Sie sind eine Natriumchlorit-Lösung. Vor der Einnahme soll diese laut Herstellerangaben mit Zitronensäure gemischt werden. Dabei entstehe Chlordioxid, schreibt das BfArM.

Auch US-Behörde warnt immer wieder vor MMS

Auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde warnt ihre Bürger immer wieder, solche Mittel zu sich zu nehmen. Eine Warnung stammt vom 12. August 2019. Darin ist die Rede von einem Anstieg gemeldeter Gesundheitsproblemen im Zusammenhang mit MMS. Zudem stellt sich die Frage, ob eine dem menschlichen Organismus zugeführte Chlordioxid-Lösung Sars-CoV-2 etwas anhaben kann, den Menschen also davon befreit.

Dr. von Rosen werden selbst nutze Chlordioxid-Lösung, sagte er auf einer Demo. Zudem hegt der Gersfelder Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie. Der gehe es nur ums Geld, sagt er. Dass sie in finanzieller Hinsicht seine Gegenspielerin ist, thematisiert er nicht. Von Rosen verdient mit einem anderen medizinischen Ansatz Geld. Zu ihm kämen Menschen, die austherapiert seien.

Impfen bringt nichts? Auswertung des KiGGS sagt etwas anders

Am 11. Juli sagt von Rosen auf dem Uniplatz schließlich, es stimme nicht, dass wir durch Impfungen weniger durch Viren krank werden. Seine Zuhörer applaudieren. “Menschen, die nicht geimpft sind, bekommen viel weniger die Grippe als Geimpfte”, sagt der Arzt. Eine Quelle nennt er nicht.

Könnte sein, dass der Gersfelder sich auf die Impfkritikerin Angelika Müller bezieht. Die hatte laut dem Recherchezentrum Correctiv die öffentlichen Ergebnisse des ersten Teils des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts (RKI) neu ausgewertet. “Müller stützt sich auf diese Daten und behauptet, sie würden zeigen, dass ungeimpfte Kinder gesünder seien als geimpfte”, schreibt Correctiv. “Geimpfte Kinder bekämen angeblich häufiger Krankheiten wie Skoliose, Mittelohrentzündung, Lungenentzündung, Heuschnupfen, Neurodermitis oder eine Nickelallergie.” Das RKI warf Müller daraufhin vor “mehrere Rechenfehler” gemacht zu haben.

Für das KiGGS hatte das RKI von 2003 bis 2006 Daten von 17.641 Kindern und Jugendlichen erhoben. Es ging um Erkrankungen, für die es einen Impfschutz gibt, um Infekte, Allergien und verabreichte Impfungen. 0,7 Prozent der auswertbaren Angaben stammten von ungeimpften Kindern und Jugendlichen. Das Ergebnis des Surveys: Ungeimpfte Kinder und Jugendliche erkranken verhältnismäßig deutlich häufiger an Krankheiten, gegen die es einen Impfstoff gibt, als gegen die jeweilige Krankheit geimpfte.


Anteil schon einmal an Keuchhusten, Masern, Mumps und Röteln erkrankter Kinder und Jugendlicher

  • Keuchhusten: 15,8% der Ungeimpften, 2,3% der Geimpften
  • Masern: 15,0%, 5,2%
  • Mumps: 9,6%, 3,1%
  • Röteln: 17,0%, 6,8%

Geht es um Infekte, leiden Ungeimpfte und Geimpfte innerhalb eines Jahres nahezu gleich selten an ihnen. „Die geringen Differenzen zwischen den Impfstatusgruppen sind nicht statistisch signifikant“, heißt es dazu in einer Auswertung des KiGGS. Unter Allergien leidet je nach Altersgruppe mal die eine, mal die andere Gruppe häufiger darunter.

Dr. von Rosen verbreitet Verschwörungstheorie

Von Rosen beschränkt sich während seiner Vorträge auf den “Frieden und Freiheit”-Kundgebungen in Fulda nicht aufs Medizinische. Vor wenigen Wochen sagte er, es werde in Deutschland explizit zu Denunziation aufgefordert wie im Dritten Reich und in der DDR. Ein ziemlich drastischer Vergleich. Menschen, die innerhalb dieser Regime denunziert wurden, mussten zum Teil um ihre Freiheit, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben fürchten.

Der Arzt meint, die Menschen in Deutschland würden ermutigt, jene anzuzeigen, die keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen, wo es zurzeit Pflicht ist. Er wettert gegen Erzieherinnen und Erzieher, die Kinder heimgeschickt hätten, wenn diese verschnupft gewesen seien. Zumindest das sollte ab der kommenden Woche in Hessen nicht mehr passieren, wie aus einer Pressekonferenz der Landesregierung hervorgeht. Außerdem empfiehlt von Rosen, Geschäftsleute anzuzeigen, wenn diese einen rauswerfen, weil man keine Maske trägt. “Dann kriegen wir diese Gruppe klein.” An sich auch eine Form von Denunziation.

Der Gersfelder ist der Meinung, die Regierung wolle “uns zu Untertanen erziehen, die zu allem Ja und Amen sagen”. “So tragen wir heute die Maske und ziehen morgen freudig und freiwillig in den Krieg, der nach Ansicht unserer Regierung alternativlos ist. Das wird kommen”, sagt er. Welchen Zusammenhang es zwischen Maske und willenlosen, kriegsbereiten Untertanen es gibt, was die Regierung davon hätte und was für ein Krieg das wäre, die Antworten darauf bleibt der Arzt schuldig.

“Verstoß gegen Universalgesetz”: Skandal durch Aussage zu Homosexualität

Von Dr. von Rosen hätten wir gerne gewusst, wie er zu seinen Erkenntnissen kommt. Ob hinsichtlich Chlordioxid-Lösung als Viren-Killer, gesünderer Ungeimpfter und der vermeintlichen Pläne der Regierung. Eine Rückmeldung auf eine Anfrage haben wir jedoch bis Freitagmittag nicht bekommen. Und auch “Friede und Freiheit Fulda” hat uns nicht geantwortet. Dabei wäre es interessant zu wissen, ob der Bewegung bekannt ist, dass ihr Stammredner bereits vor Jahren wegen Äußerungen zu Homosexualität aufgefallen ist.

2014 hatte von Rosen einen Beitrag für die Reform-Rundschau verfasst. Damals schrieb er: “Wenn heute auf die Homosexualität so großer Wert gelegt wird und sogar ‘Ehen’ zwischen Homosexuellen geschlossen werden, so ist das ein Verstoß gegen das universelle Gesetz von Yin und Yang bzw. das Gesetz der Polarität. (…) Ein Verstoß gegen ein Universalgesetz führt immer zu einer Gegenreaktion der Natur. Also wird auch bei diesem Verstoß eine entsprechende Gegenreaktion auftreten, wobei wir noch nicht wissen, wie diese aussehen wird.” Auf eine Anfrage der Fuldaer Zeitung und anderer lokaler Medien antwortete er damals: “Bezüglich meines Artikels wollte ich niemanden persönlich treffen, noch Gefühle verletzen. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden (Friedrich II.). Dr. med. Jürgen Freiherr von Rosen, Gersfeld.”

Dennoch stellt sich die Frage, wie eine solches Weltbild mit den Werten, für die “Frieden und Freiheit Fulda” in der Öffentlichkeit steht, zusammenpasst. Schließlich sagte Katharina Schmitt, Frontfrau der Bewegung, sie wünsche sich, dass jeder Mensch leben könne, wie er wolle, solange er keinem anderen schade.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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