Kirmes, Party
Foto: Alexander Jost; Bearbeitung: Sascha-Pascal Schimmel

Kirmes, Dorf- oder Oktoberfest ­– wo Menschen und Alkohol sind, ist Volksmusik oft nicht weit. Zu eingängigen Melodien wird geschunkelt und traditionelle Texte werden mitgegrölt. Doch was da manches Mal im Bierzelt gesungen wird, darüber machen sich nur wenige Gedanken. Zwischen den stimmungsvollen Schlagern verstecken sich nämlich nicht selten Sexismus und Verherrlichung von sexueller Gewalt.

Ein beliebtes Musikstück ist zum Beispiel das “Donaulied”, in unserem Landkreis auch oft als “Fuldalied” betitelt. Der Text? “Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt, ihr schneeweiser Busen war halb nur bedeckt, ich machte mich über die Schlafende her, Ohohoholalala…” Moment mal – wie bitte? Man kann es gar nicht abstreiten: Hier wird eindeutig eine Vergewaltigung besungen.

Denn ein schlafendes Mädchen kann unmöglich damit einverstanden sein, dass ein Fremder über sie “herfällt”. Verharmlost wird das Ganze durch das stimmungsvolle “Ohohoholalala” nach jeder Zeile. Auch der danach folgende Text beschönigt die Situation: “Mein Mädchen, was regst du dich auf? Für mich war es schön und für dich sicher auch.” Wenn man darüber nachdenkt, ist diese Geschichte keine, die man beim Feiern besungen hören möchte.

Auch die 25-jährige Kathrin, sie stammt aus unserer Region, stört sich daran. “Das Lied wird bei uns auf jedem Dorffest gesungen und ich finde es schlimm. Es sagt niemand etwas dagegen – ich selber auch nicht”, erklärt sie. Der Grund für ihr Schweigen: “Ich möchte mit Betrunkenen, die das sowieso nicht einsehen würden, keine Diskussion anfangen.” Verständlich. Wer möchte schon einen Streit mit alkoholisierten Feiernden provozieren?

Das Donaulied

Studentin startet Petition gegen Bierzelt-Sexismus

Eine junge Frau hat sich aber doch getraut. Corinna Schütz studiert im bayerischen Passau und setzt sich dafür ein, dass das Donaulied auf Festen nicht mehr gespielt wird. Dazu hat die 22-Jährige eine Petition gestartet, die es mit zehntausenden Unterstützer*innen schaffte, bundesweite Diskussionen rund um das Volkslied auszulösen. Außerdem entstand daraus die Student*innengruppierung “Aktion gegen Bierzelt-Sexismus”, die sich auch über die Petition hinaus für die Thematik einsetzt.

“Wir können auf jeden Fall mit Stolz behaupten, dass unsere Petition Erfolg hat. Zusätzlich zu den 35.000 Unterschriften, die wir binnen kürzester Zeit gesammelt haben, erreichen uns immer noch Nachrichten von Menschen, die unsere Aktion unterstützen oder uns ihre aktive Mithilfe anbieten”, erklärt uns Sophia Rivinius, die sich ebenfalls bei der Aktion engagiert. “Der erste große Erfolg war natürlich, dass uns der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) seine Unterstützung zugesichert hat.”

Sie erzählt außerdem davon, dass auch andere Städte sich bereits gegen das Lied ausgesprochen hätten: “In Regensburg und Straubing wurden bereits Schwesterpetitionen gestartet, und in Montabaur sollen Volksfestbands in Zukunft vertraglich dazu verpflichtet werden, das Donaulied nicht mehr zu spielen. In einem nächsten Schritt versuchen wir, in allen bayerischen Städten mit größeren Volksfesten einen Konsens zu erreichen, dass auch dort davon abgesehen wird, das Donaulied zu spielen.”

“Man darf doch auch mal Spaß haben” – oder?

Die Student*innen stoßen natürlich nicht nur auf positive Rückmeldungen. Es hat sich bereits eine Gegenpetition gegründet. “Rettet das Donaulied” zählt etwa 6000 Unterstützende und möchte zwar keine Straftaten unterstützen, spricht sich aber für den Erhalt des traditionellen Liedes aus, das im Jahr 1826 erstmals geschichtlich erwähnt wurde. “Es gehört einfach zur Bierzelt-Stimmung”, heißt es auf der Website zur Petition. “Wir sind uns sicher, dass kein Mensch bis vor kurzem bei diesem Lied an eine Vergewaltigung gedacht hat. Außerdem wird es nicht mehr oder weniger solcher Straftaten geben, wenn dieses Lied gespielt beziehungsweise nicht gespielt wird.”

Ähnlich sieht es auch Philipp. Der 28-Jährige hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen zahlreicher Kirmesveranstaltungen im Landkreis Fulda engagiert. “Das Lied wird zum Spaß gesungen, und nicht, um es sich als Vorbild zu nehmen”, erklärt er. “Es gibt außerdem noch mehr Lieder mit fraglichen Texten. Aber ganz ehrlich: Man darf doch auch mal Spaß haben. Die Aufregung finde ich albern.”

Das Donaulied gibt es in vielen Versionen – einige mehr und andere weniger problematisch. In einer Version von Mickie Krause wurde der Text abgemildert, indem er die schlafende Dame erwachen lässt, bevor es einvernehmlich zur Sache geht. “Da wachte sie auf und sie sagte ‘Komm her!'”, heißt es dort. Und weiter: “Ich mach dich zur Mutter und lass’ dich allein.” Der bessere Text? Naja.

Schön, so ein Flussufer. Was tut man, wenn man hier auf ein schlafenden Mädchen trifft? Jedenfalls nicht über sie herfallen, wie es das “Donaulied” vorschlägt. (Foto: Lubos Houska/Pixabay)

Taten beginnen mit Worten, so sagt man. Stimmt das? “Zumindest beginnen Taten mit der Vorstellung im Kopf”, so Birgit Schmidt-Hahnel vom Sozialdienst katholischer Frauen. “Worte lösen Bilder und Vorstellungen in uns aus. Möglicherweise ist dann der Schritt, diese Vorstellungen in die Tat umzusetzen, nicht mehr weit.”

“Wir sollten den eigenen Standpunkt reflektieren – Tradition hin oder her”

Vor allem für Opfer von sexueller Gewalt sei es bitter, wenn sich Bierzeltbesucher*innen indirekt über ihre Stuation lustig machten. Du solltest dir folgende Frage stellen: Wärst du anstelle der Opfer zufrieden, wenn man das Geschehene mit einer “harmlosen Tradition” abtun würde? Schmidt-Hahnel möchte nicht unterstellen, dass alle, die das Lied lauthals mitsingen, tatsächlich eine Frau vergewaltigen würden. “Viele Sänger konzentrieren sich wohl lediglich auf die sehr eingängige Zeile ‘Ohohoholalala'”, vermutet sie.

Allerdings ist Schmidt-Hahnel der Meinung, dass alle Sängerinnen und Sänger genauer auf die Texte achten und derartige Grenzverletzungen und gar Straftaten durch ihr Mitsingen nicht salonfähig machen sollten: “Mit Texten werden Haltungen transportiert und gesellschaftsfähig gemacht. Da sollten wir den eigenen Standpunkt reflektieren – Tradition hin oder her.”

Auch Bernhard Gfaller begrüßt die Petition. Der Sozialpädagoge ist bei der Beratungsstelle ProFamilia in Fulda im Bereich Täterarbeit bei häuslicher und sexueller Gewalt, sowie Sexualpädagogik und sexuelle Bildung tätig. Wichtiger als ein Verbot des Liedes findet er aber die Diskussion darüber.

“Bagatellisierungen von Gewalt, hier spezifisch sexueller Gewalt, haben demnach Einfluss auf unsere Werte- und Normensysteme und somit auch auf Überzeugungen und Einstellungen zu Gewalt”, erklärt Gfaller. “Studien zu sexueller Gewalt zeigen dass auch in Deutschland sexuelle Gewalt kein Randphänomen ist.” Gerade die Dunkelfeldforschung zeige, dass sexuelle Gewalt zum Leben vieler Frauen und Kinder gehört und Phänomene wie Victim Blaming das gesellschaftliche Denken und Sprechen über sexuelle Gewalt bestimmen. Hier sei noch viel an Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung zu leisten.

Striktes Verbot oder künstlerische Freiheit?

Während Deutschrap uns Sexismus und Gewaltfantasien ganz eindeutig vor den Latz knallt und dafür nicht selten in der Diskussion steht, werden die Texte der scheinbar harmlosen Genres Schlager und Volksmusik meist gar nicht als kritisch wahrgenommen. Sicher ist: Das Donaulied ist nicht das einzige Musikstück mit fragwürdigem Text. Darauf weist auch ein Tweet von Journalist Nils Pickert hin, auf den User mit zahlreichen Beispielen antworteten.

Wenn das Donaulied nun von Gemeinden verboten wird, müsste man konsequenterweise zahllose weitere Volkslieder und Schlager auf Festen verbieten. Ob das so sinnvoll ist? Denn letztlich ist künstlerische Freiheit ein hohes Gut und eigenständiges Nachdenken über Moral begrüßenswerter als strikte Verbote.

So hält es übrigens auch Rapper Alligatoah in seinen Songs und beendet einen davon mit folgenden Zeilen: “Weil sie Kunst besser findet ohne Sittengesetz, und ein beschissener Text noch lang nicht ihr Gewissen ersetzt, hört sie verdammt gerne sexistischen Rap – tja.” Viel besser als ein Verbot wäre es doch, sein eigenes Handeln zu hinterfragen, die Ohren zu spitzen, was genau man da eigentlich trällert – und beim nächsten Mal vielleicht lieber eine Schunkelpause bis zum nächsten Lied einlegen.

Und wenn du trotzdem mitsingst, bist du dir nun zumindest im Klaren darüber, dass die Zeilen problematischer sind, als du sie vielleicht bisher wahrgenommen hast. Möglicherweise sind sich Volksmusik und Deutschrap in einigen Dingen ja doch gar nicht so unähnlich – tja.

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