Foto: Lia Kalka

Kennst du schon ..? Jede Woche entdecken wir neue, aber auch ältere, vielleicht vergessene kulturelle Goldstücke im Netz – Alben, Bücher, Serien, Filme, Games, Podcasts und vieles mehr, wozu wir unseren Senf abgeben. Diese Woche das Debüt der Spätstarterin Sofia Portanet – die schon als “Germany’s next big pop star” bezeichnet wurde.

Ein seltsames Gemisch: So bezeichnet sich die Sängerin Sofia Portanet. Und damit liegt sie vollkommen richtig – im positiven Sinne. Denn wer sich die Mühe macht, die 30-Jährige einer Kategorie zuzuordnen, wird scheitern. Klaro, alles was Musikkritiker über ihr Debüt-Album „Freier Geist“ und den Stil der Wahl-Berlinerin schreiben, stimmt schon irgendwie. Der Sound: Synthie-Elemente des New Wave der späten 80er, ein bisschen Neue Deutsche Welle – aber echt nur ein kleines bisschen – und dann und wann etwas Düsternis. Der Gesang: mal popig-gängig, mal wie aus einer Oper in das Album gebeamt oder mit klassischer Lyrik durchzogen.

Sofia Portanet ist aber vor allem sie selbst, eigentümlich. Und das hat der Album-Spätstarterin schon ein paar nette Erfolge eingebracht. Vergangenes Jahr ist sie beim Festival South By Southwest in den USA aufgetreten. Der Auftritt dieses Jahr ist wegen des Corona-Murkses ausgefallen. WDR 1 nannte sie 2019 “Beste Newcomerin”, BBC 6 Music erwartet, dass sie “Germany’s next big pop star” wird. Und die Chancen dazu stehen nicht schlecht. Denn auch wenn “Freier Geist” einen Sound, der nicht von der Stange kommt, verkörpert, birgt das Album Hitpotenzial.

Sofia Portanets Verneigung vor Heinrich Heine

Einige Tracks machen bereits seit 2018 beziehungsweise 2019 die Runde im Internet. Unter anderem der Titeltrack “Free Ghost” und das selbstreferenzielle “Die Wanderratte”. Das Lied ist zum einen eine ganz tiefe Verneigung vor Heinrich Heine Gedicht über zwei Sorten von Ratten – die hungrigen und die satten. Es beschreibt aber auch einen Teil des Wesens der Künstlerin Portanet.

Die Wanderratte hat nichts verloren im Haus. Dort gibt es nur Schlaf und Schmaus für den Bauch. Ein goldener Käfig, so schön ausgeschmückt. Doch nichts, was eigentlich den Wünschen entspricht.

Zeilen aus dem Song “Die Wanderratte” von Sofia Portanet.

Die ist allein aufgrund ihres Lebenslaufs eine Wanderratte. Geboren wurde sie am 9. November 1989 in Kiel. Aufgewachsen ist die Deutsche mit spanischen Wurzeln in Spanien und Frankreich. In Paris hat sie im Kinderchor der Nationaloper gesungen. 2010 ist Sofia Portanet schließlich nach Berlin gezogen. Aber nicht nur die Ortswechsel machen sie zur Wanderratte. Die Sängerin beschreitet auch musikalisch neue, nicht so ausgetretene Pfade.

Das Kind im Gesang

Wegen ihrer Anleihen von Elementen der Musik der 80er klingt das Album schon auch etwas retro. Wer während dieser Zeit groß geworden ist, wird sich dank des Synthiesounds und mal seichter, mal schroffer E-Gitarren an die Kindheit und die Jugend erinnert fühlen. Dennoch wirkt “Freier Geist” nicht einfach wie eine Kopie dieser Pop-Epoche.

Und das liegt am Gesang Portanets. Ihre Stimme ist zum einem hörbar geschult – Edith Piaf lässt grüßen. Was mal richtig wohltuend ist. Natürlich arbeitet auch sie mit Effekten. Die deformieren ihre Stimme jedoch nicht derart, dass man sich fragen könnte: Wozu braucht’s da noch eine Sängerin aus Fleisch und Blut. Außerdem gleicht der Gesang der Berlinerin einem Kind. Das läuft mal hüpfend und die Augen neugierig beobachtend umherschweifend neben seinen Eltern. Auf einmal breitet es die Arme aus und dreht sich im Kreis. Und wenn niemand damit rechnet, zieht es das Tempo an und rennt los.

“Menschen und Mächte” von Sofia Portanet hat Hitpotenzial

Und so klingt sie auch auf dem Track “Menschen und Mächte”. Ein Lied, das das Zeug dazu hat, in den Playlists und Radiosendern hoch und herunter zu laufen. Hier kommen alle Stärken des Albums zu tragen. Portanets Spiel mit ihrer Stimme sowie ein dynamischer Sound aus Keyboard, E-Gitarre und Drums, aus denen etwas Neues entsteht.

In einem Portrait über die 30-Jährige schrieb der Spiegel: “Deutsche Popsänger haben oft das Charisma zwischen Mineralwasser und Ethiklehrer.” Daher falle Portanet auf.

In einer grünlich-grauen Erbsensuppe ist sie die einzige Erbse, die sich nicht hat weichkochen lassen. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man sie nicht einmal persönlich kennengelernt haben. Es reicht vollkommen, sich “Freier Geist” reinzuziehen.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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