Schlank wie Barbie? Ungesunde Körperbilder werden uns schon im Kindesalter vorgesetzt. (Foto: Ariane Citron/Adobe Stock)

Ein Nachmittag mit deinen Freundinnen in der Stadt. Im Café sitzt am Tisch nebenan eine Frau. Breite Hüften, kleines Bäuchlein, enges Kleid. „Schaut mal, dass die sich traut, mit ihrer Figur so ein Kleid anzuziehen“, witzelst du. Witzeln? Herzlichen Glückwunsch, du bist ein Bodyshamer! Denn du hast einen anderen Menschen aufgrund seines Körpers abgewertet. Über die Folgen, die ein solcher Spruch bei den Betroffenen auslösen kann, machen sich die wenigsten Gedanken.

Die Schere in Deutschland geht immer weiter auseinander: zwischen Arm und Reich, Ungebildet und Gebildet – und zwischen Dick und Dünn. Während immer mehr junge Menschen aufgrund der Ernährung, die man ihnen vorsetzt, Gewichtsprobleme bekommen und krank werden, steigt gleichzeitig die Zahl derer, die nach einem perfekten Körper streben, jede freie Minute im Gym abhängen und der Welt hinterher hecheln, die uns in der Werbung vorgegaukelt wird. Wer da nicht mitkommt, wird gemobbt, angeriffen unf beleidigt. Und das beginnt schon im Kindesalter.

Schulleiter Markus Bente von der Wigbertschule in Hünfeld erklärt uns, dass schon in den fünften und sechsten Klassen Kinder anfangen, sich gegenseitig zu „necken“ und im schlimmsten Fall Mobbing betreiben. „Ein Fall, der mir im Gedächtnis geblieben ist, war der einer Jugendlichen, die im Auftrag von zwei Jungen, von einem anderen Mädchen wegen ihres Körpers drangsaliert wurde. Hinzu kam, dass die Jugendliche wissentlich an einer Essstörung litt“, sagt Bente. „Für jemanden, der generell schon mit dem eigenen Körper zu kämpfen hat, war die Situation natürlich umso schwerer. Leider bekommen wir solche Fälle nicht immer mit. Das Mädchen kam dann auf uns zu und bat uns zum Glück um Hilfe.“ Meistens wüssten die Täter, welche Schwächen die Opfer haben und setzten genau dort an.

Nicht liebenswert, weil das Äußere nicht dem Schönheitsideal entspricht? Dieser Gedanke kann krank machen. (Foto: Anastasia/Adobe Stock)

Ist es ein Wunder? Schon im Kindesalter bekommen Mädchen und Jungen ein Bild vorgelebt, was nicht der Realität entspricht. Barbie, Cinderella, Schneewitchen – die Figuren sind alle schlank und haben elfenhafte Züge. Die Prinzen sind stark, muskulös und makellos. Die Unzufriedenheit mit unseren „unperfekten“ Körpern wird uns sozusagen anerzogen.

Jeder Bissen wurde kommentiert

Luisa Müller musste sich in ihrer Jugend mit Bodyshaming herumschlagen. Heute kann sie darüber lachen. (Foto: Luisa Müller)

Umfragen geben Auskunft über den immer krasseren Körperkult. 71 Prozent der Deutschen finden stark Übergewichtige unästhetisch, heißt es in einer Studie der DAK-Gesundheit. Jeder Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Dicken. Dabei betrifft Bodyshaming nicht nur Menschen mit ein bisschen mehr auf den Hüften, sondern auch jene, die sehr schlank sind. Fatshaming und Skinnyshaming nennt man diese Phänomene. Eine Studie der US-Zeitschrift „Glamour“ fand heraus: 80 Prozent der Frauen in Amerika fühlen sich nach dem Blick in den Spiegel schlecht, 54 Prozent sagten, dass sie unglücklich über ihren Körper sind.

Luisa Müller aus Burghaun ist schon immer sehr schlank. In der Pubertät musste sie dafür viele Kommentare einstecken. „In der Schule gingen ständig Gerüchte über mich herum, dass ich magersüchtig bin. Dabei wissen viele nicht, was der Begriff bedeutet. Ich habe ja normal gegessen, das macht niemand, der magersüchtig ist“, sagt die 23-jährige Studentin. „Jeder Bissen wird dann kommentiert. Ich finde es einfach fragwürdig, warum es akzeptiert wird, dünne Menschen gleich als krank darzustellen.“

Mädels und Jungs sind gleichermaßen von Bodyshaming betroffen. „Vor allem in sozialen Netzwerken wird uns ein Idealbild vorgelebt. Dabei sieht nur ein geringer Teil aus wie die Blogger auf Instagram“, sagt Abdullah Mulaj aus Fulda. Er nimmt das Thema häufig im Fitnessstudio oder auch in der Schule wahr, ist aber selbst nicht betroffen. „Wenn man anders aussieht oder nicht in die Vorstellung passt, wird man gleich zur Zielscheibe. Auch in der Schule ist das ein Problem. Kräftige Schüler werden häufiger zum Lästerthema gemacht. Im Fitnessstudio merke ich, dass die Fixierung auf den Körper sehr stark ist. Bei den Sportlern dreht sich alles um den Körper.“ Auch Abdullah macht sich oft Gedanken: „Manchmal fühlt man sich schon schlecht, wenn man da so zuhört. Daher braucht man ein dickes Fell, um solche Gespräche auszublenden.“

Beliebte TV-Formate leben Bodyshaming vor

Auch viele Medien geben Bodyshamern Futter. Bei „Germanys next Topmodel“ oder „Curvy Supermodel“, selbst bei Castingshows wie „Das Supertalent“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ werden junge Menschen auf Äußerlichkeiten reduziert. Erwartet wird ein bestimmtes Körperbild. Die einen müssen schlank sein, die anderen sollen Kurven haben.

„Bei dem Job als Model geht es darum, gewisse Anforderungen zu erfüllen“, sagt Angelina Kirsch im Gespräch mit move36. Das Model ist Jurymitglied bei „Curvy Supermodel“ und weiß, wie hart das Business mit der Schönheit sein kann. „Es ist weder erstrebenswert, sich runterzuhungern oder etwas anfuttern zu müssen.“

Die Kritiker solcher Formate werden lauter: Pinkstinks, eine „Protest- und Bildungsorganisation für Feminismus und gegen Sexismus und Homophobie“, hat vor einiger Zeit mit einem Song zum gleichnamigen Hashtag „NotHeidisGirl“ für Aufsehen gesorgt, in dem das bei GNTM propagierte Schönheitsideal angeprangert wird.

Bodyshaming
“Iss mal mehr Kuchen!” – Auch sehr dünne Menschen werden Opfer von Bodyshaming. (Foto: Kira Ikonnikova(/Unsplash)

Hotpants nur, wenn du dünn genug bist?

Wie schnell man unter Bodyshaming-Verdacht gerät, hat auch move36 im vorletzten Jahr erfahren. In Ausgabe 71 beschrieb Fashionkolumnist Kareem Asdoune seine Beobachtung, dass sich Mädchen trotz fülliger Figur in meistens viel zu kleine Hotpants reinzwängen. Hotpants seien schön, wenn der BMI sich zwischen 18 und 22 bewege, schrieb er. Rumms! „Bodyshaming vom allerfeinsten“, „sexistisch“ und „abwertend“ sei der Artikel, schrieben zahlreiche Leserinnen und Leser. Und die Redaktion stellte sich die Frage: War das wirklich Bodyshaming? Wenn auch gut gemeinte Ratschläge, wie der Körper verändert werden könnte, unter Bodyshaming fallen, dann war es das sicher.

Sensibel mit dem Thema umzugehen, ist ein Muss. Denn kaum einen lässt Kritik am eigenen Körper kalt. „Kritik aus dem Umfeld kann dazu führen, dass das Selbstbewusstsein leidet“, sagt Lutz Kramer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Fulda. So wie bei Lea Webert aus Fulda. „Ich gehe super gerne schwimmen. Ins Freibad gehe ich aber nicht. Auch beim Klamottenkauf bin ich häufig eingeschränkt“, sagt sie. „In Läden wie H&M oder New Yorker gehe ich erst gar nicht rein, da es dort nichts für mich gibt. Röcke trage ich erst seit Kurzem. Aber häufig bilde ich mir Blicke der Leute nur ein, was die Situation nicht besser macht.“

Was ist los bei Lea? Sie leidet seit ihrem 13. Lebensjahr an einer Krankheit namens Lipo-Lymphödem. Dadurch sammeln sich Wasser und krankhaftes Fett im Körper an. Die Folge: Gewichtszunahme.

Mobbing passiert im Erwachsenenalter oft subtiler

„In den schlimmsten Fällen kann langfristiges Bodyshaming zu vielen psychischen Störungen führen. Vor allem Depressionen und Essstörung wie Magersucht und Bulimie“, sagt Psychiater Kramer. „Bei Erwachsenen ist das Problem, dass das Mobbing oft versteckt und subtiler passiert als bei Jugendlichen.“

Auch Menschen wie Lea, die nicht über das Aussehen ihres Körpers entscheiden können, werden einfach in den Topf „Zu faul, zum abnehmen“ geworfen. Mobbing blieb auch bei ihr nicht aus: „Als ich die Diagnose bekommen habe, habe ich angefangen zu weinen, da ich wusste, was die Krankheit bedeutet, da meine Mutter und Oma auch betroffen sind. Die Kommentare über meinen Körper kamen dann mit der Diagnose in der Mittelstufe. Von Mitschülern oder auch später im Internet. Im Sportunterricht kamen Sachen wie ,Roll doch lieber, als zu gehen‘, das hat natürlich für viele Lacher gesorgt.“ Was viele nicht wissen: Die Krankheit löst nicht nur körperliche Schmerzen aus, sondern kann auch zur psychischen Belastung werden.

Speckrollen und Cellulite nicht mehr verstecken: Body-Positivity als Gegenbewegung

Um zu zeigen, dass jeder Körper schön ist, hat die Organisation Pinkstinks die Kampagne „Vielfalt ist Schönheit“ gestartet, die reife Frauen ohne Retusche zeigt. „Das Netz ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Geschäftsführerin Stevie Schmiedel im Gespräch mit move36. „Einerseits wird das Thema durch die Kommentare und Anfeindungen verstärkt, andererseits ist ein großer Protest durch Blogs, Accounts und Kampagnen möglich, die sich gegen Bodyshaming aussprechen.“ Die Gegenbewegung nennt sich Body-Positivity.

Dick, dünn, groß, klein, mit Cellulite oder Dehnungsstreifen: Die Body-Positivity-Bewegung unterstützt den wertschätzenden Umgang mit Körpern – egal, wie sie aussehen. (Foto: rawpixel/Unsplash)

Stöbert man durch die Onlineshops von Asos, Zara oder H&M, kann man das Gefühl bekommen, dass sich langsam etwas ändert. Die Labels setzten ganz im Zeichen von Body-Positivity und Diversität auf Frauen mit unterschiedlichen Figuren. Speckrollen und Cellulite sind in der Bewegung nichts mehr, das versteckt werden sollte. 2013 postete die australische Fotografin und dreifache Mutter Taryn Brumfitt eine Fotocollage, die sie einmal durchtrainiert und einmal nicht durchtrainiert zeigt. Sie wollte so der Welt mitteilen, dass sie ihren Körper akzeptiert hat und ihrer Tochter ein gesundes Vorbild sein möchte. Es entstand die Idee zur Body-Positivity-Dokumentation „Embrace – Du bist schön“, die zeigt, wie Frauen und Männer auf der ganzen Welt mit ihrem Körper umgehen. In Deutschland wurde Taryn von Nora Tschirner unterstützt.

Die Schauspielerin erklärte im Film, was viele Bodyshamer noch nicht erkannt haben: dass die Fokussierung auf das Äußere ein Rennen ist, das man ein paar Jahre aushalten kann. Aber irgendwann beginnt jeder zu altern, und am Ende gewinnt keiner dieses Rennen.

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Insta vs reality — or LETS talk LIGHTING. Because that’s the main difference in these photos. In one, my bum is deliberately angled into the shadows. The softer light hides my cellulite and smooths most of my stretchmarks. It’s flattering. In the other, I’m just casually squatting (lol) beside the mirror. My hips and thighs are in the sunlight. Lumps and bumps are on show. There are a few posing differences (core tight, hips popped back, squeeeezzzinnnggg), but mostly this pic is about LIGHT working its magic. When I worked in magazines, we shot at sunrise or sunset. On most sets, there were people holding SUN DIFFUSERS and REFLECTORS to help create the perfect FLATTERING balance of shadow and light. The same thing happens on SOCIAL MEDIA, just in a different form. Most insta-models know EXACTLY how to POSE and work their angles. And they know LIGHTING too. Like how SIDE LIGHT, diffused from a window, is the most flattering for abs but usually pretty harsh on the face. It’s why you’ll often see a phone covering the face. Or how SHADOWS can gently eliminate certain LUMPS and BUMPS. All that is fine with me, honestly. It’s art and photography, and there is no shame in wanting to look FIERCE. But I also want to remind you about how SO MUCH on here is FILTERED. POSED. PERFECTED. And how you shouldn’t EVER COMPARE YOURSELF to a STRANGER on the internet. Because cowgirl, you’re just seeing their snapshots taken in PERFECT LIGHT. Your reality is a whole lot more varied, diverse, and human than that. It’s more perfectly imperfect. Real. Raw. And that’s a wonderful thing indeed. You got this. x #instavsreality #womenirl #womenshealth #popsugarfitness #instagramvsreality #posingtips #cellulite #strengthmarks

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Danae Mercer zeigt auf ihrem Instagram-Profil regelmäßig, dass Licht und Posing die Körper von Influencern häufig beschönigen und scheinbar makellos wirken lassen.

Menschen respektieren – unabhängig vom eigenen Schönheitsideal

„Es ist gut, darauf hinzuweisen, dass auch ein nicht schlanker Körper nicht zwangsläufig unattraktiv ist“, sagt Kramer. Bedenklich sei es jedoch, wenn Menschen ihre Gesundheit mit massivem Übergewicht gefährden. Klar: Übergewicht schadet dem Körper genauso wie Untergewicht. Und dabei reden wir nicht erst von 150 Kilogramm plus. Der Körper und die Organe sind nicht darauf ausgelegt, das Durchschnittsgewicht, das der moderne Mensch dank Fastfood und Co. mit sich schleppt, zu tragen. Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkbeschwerden und psychische Probleme können die Folgen sein.

Wer Opfer von Bodyshaming wird, dem rät Psychiater Lutz Kramer, sich gegenüber Vertrauenspersonen zu öffnen. Eltern, Vertrauenslehrer oder Freunde seien gute Anlaufstellen. Es sei wichtig, die Betroffenen ernst zu nehmen, zu bestätigen und die Bodyshamer zur Rede zu stellen. „Wichtig ist, dass man unabhängig von einem herrschenden, auch dem eigenen Schönheitsideal den Menschen, das Individuum respektiert und einen respektvollen, nicht verletzenden Umgang pflegt.“ Laut Plus-Size Model Kirsch hilft es auch einzuordnen, von wem die Kommentare kommen: „Sind sie als gut gemeinte Kritik an mich gerichtet oder einfach nur böse. Meistens sind Menschen, die mobben, einfach nur selbst unsicher.“

Lea kann aufgrund ihrer Krankheit ihren Körper nicht ändern. Sie hat gelernt, ihn anzunehmen: „Ich habe angefangen, mich mit der Krankheit zu beschäftigen. Und habe sie zum Thema meiner Hausarbeit gemacht. Dadurch habe nicht nur ich die Krankheit besser verstanden, sondern auch meine Mitschüler. Das hat wirklich geholfen, und viele hatten dann mehr Verständnis für meine Situation. Über die richtigen Mobber mache ich mir keine Gedanken mehr, die hören eh nie auf.“

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