Schöne Aussicht: Julian nimmt die Mauer am Domplatz mit Leichtigkeit (Foto: Julian Jehn)

Kein Hindernis ist zu weit oder zu schwierig. Mit hoher Geschwindigkeit, Geschick und Ausdauer bewältigen Jonas Rosenberg (20) und Julian Jehn (21) aus Fulda jede Höhe und jede Tiefe. Sie sind Parkour-Athleten und springen in der Barockstadt über Mauern und Häuser.

Hohe Mauern, Treppengeländer oder steile Abgründe – die gibt es für sie nicht. Zumindest nicht, wenn sie als Parkour-Athleten oder Freerunner durch Stadt und über Brachland ziehen. Hoch und weit springen, an Wänden kleben, über Hindernisse hechten, landen, abrollen, aufrappeln, wieder losrennen – und das alles in flüssigen Bewegungen. Statt um das Objekt herum geht es einfach darüber hinweg. Jonas Rosenberg aus Fulda ist einer von ihnen. “Die Sportarten Parkour und Freerunning entdeckte ich mit 13 Jahren im Internet. Am Anfang suchte ich mir coole Locations in Fulda und kletterte die Wände hoch. Bei meinen ersten Versuchen hatte ich anschließend unheimlichen Muskelkater, aber das hat mich nicht daran gehindert weiterzumachen, weil es mir sehr viel Spaß bereitete. Der alte Frauenbergspielplatz in Fulda war für mich der perfekte Spot, um Sprünge und Moves zu üben und zu verfeinern”, erzählt Jonas.

Dort probierte er einiges aus und trainierte regelmäßig – alleine oder mit Freunden. Der 20-jährige Sportler hat sich mit der Zeit weiterentwickelt und wurde immer besser. “Am Anfang habe ich versucht, jeden kleinen Sprung so sauber wie möglich auszuführen und immer mit beiden Füßen auf dem Boden zu landen. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für seinen Körper, die Weite und Hindernisse. Man lernt außerdem die Umgebung intensiv kennen”, sagt der Parkour-Athlet.

Es geht nicht um Wettkampf oder Anerkennung

Anfangs kosteten ihn die Sprünge natürlich Überwindung, aber das harte Training habe sich bezahlt gemacht, findet Julian. “Die mentale Stärke hat einen sehr hohen Stellenwert und macht einen Parkour-Athleten aus.” Er denkt: “Wenn das körperliche Limit erreicht ist, droht die Psyche einzubrechen.” Parkour könne die Motivation und damit das Selbstvertrauen und die mentale Stärke steigern. “Selbst wenn dich ein Hindernis an deine Grenzen bringt – du übst und übst und übst und wirst dir irgendwann sicher sein, dass du das Unmögliche möglich machen kannst”, sagt Jonas.

Während es beim Parkour darum geht, so schnell wie möglich und mit der besten Technik von A nach B zu gelangen, ist Freerunning ein Sport, bei dem es nur um die kreative Bewegung an sich geht. Wo es ein Hindernis gibt, gibt es auch die Möglichkeit, es zu überwinden und freie Moves wie einen Salto oder eine Schraube möglichst elegant einzubauen. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten geht es beim Parkour nicht um Wettkampf oder Anerkennung. Es wird für sich trainiert, die eigene Entwicklung wird vorangetrieben. Jonas benutzt seine Umgebung, respektiert sie, ohne zerstörerisch mit ihr umzugehen.

Für so spektakuläre Aufnahmen hat sich Jonas Freerunning-Basics wie den Back-Flip angeeignet (Foto: Jonas Rosenberg)

Jonas sieht sich ganz klar als Parkour-Athlet und weniger als Freerunner. Er sagt: “Meine Stärken liegen definitiv im Parkour. Klar habe ich mir auch die Freerunning-Basic-Flips angeeignet, wie beispielsweise den Back-Flip oder den Front- und Side-Flip, sodass ich meine Runs verfeinern kann. Mein Steckenpferd ist aber auf jeden Fall Parkour.” Jonas habe sich auf die sogenannte “Running precision” spezialisiert. Das sind Sprünge, bei denen man möglichst weit springen muss. “Mein weitester Sprung von Hindernis zu Hindernis war bis jetzt 19 Fuß”, erklärt Jonas. 19 Fuß, das sind knapp sechs Meter.

Von der Straße ins Filmstudio: Die Freerunner von Ashigaru drehen Stunts fürs Kino

Im Gegensatz zu Jonas sieht Enis Maslic keine Trennung zwischen Parkour und Freerunning. “Der Begriff Parkour hat sich mittlerweile
für alle Stile durchgesetzt, da sowieso alle zusammen trainieren”, sagt Enis. Er sieht sich als professionellen Freerunner, der sein Hobby Parkour zum Beruf gemacht hat.

Enis Maslik gehört zu den ersten Freerunnern in Deutschland (Foto: Johannes Krenzer)

Der 31-jährige Athlet ist Mitgründer der Parkour- und Freerunning-Firma Ashigaru Frankfurt (bedeutet leichtfüßig) und gilt als einer der ersten Freerunner Deutschlands. Enis hat einen Tipp parat: “Anfänger sollten anfangs von nichts runter springen, auf das sie nicht draufspringen können. An die enormen Belastungen müssen sich die Muskeln, die Gelenke, die Sehnen und die Bänder nämlich erst gewöhnen. Da ist Kraft wichtiger als Technik.”

Enis war bereits während seines Sportökonomie-Studiums für diverse Lifestyle-Marken beratend tätig, hat Parkour- und Freerunning-Parks entworfen und in Kinofilmproduktionen mitgewirkt. Sein Ashigaru-Team ist überall dort, wo Parkour- und Freerunning-Experten benötigt werden, egal ob für internationale Werbekampagnen, TV-Shows, Motion-Capturings für Videospiele oder Stunts für Kinofilme. Im Schlepptau haben die Profis meist auch ein paar Nachwuchsathleten, die von den Gründern ausgebildet werden. “Unsere Profis verstehen ihr Hand- und Fußwerk und bringen die nötige Dynamik und Motivation mit, die es braucht, um herauszustechen und es an die Nachwuchstalente weiterzugeben”, sagt Enis.

“Der einzige Weg, seine Angst loszuwerden, ist sich ihr zu stellen.”

Natürlich kann nicht jeder seine Leidenschaft für Parkour oder Freerunning zum Beruf machen. Größtenteils wird der leichtfüßige Sport hobbymäßig ausgeübt. Julian Jehn aus Fulda ist ebenfalls Parkour-Athlet. Sein Fokus liegt auf den simpleren und effizienteren Moves, wie er sagt. “Saltos sind da eher Nebensache, gehören aber auch ganz klar dazu. Sie sehen auf Social-Media-Plattformen spektakulär aus”, sagt Julian. “Ich war früher sehr ängstlich – hatte auch Höhenangst.” Und dann fing Julian an, Wände hochzuklettern. Er findet: “Der einzige Weg, seine Angst loszuwerden, ist sich ihr zu stellen. Also habe ich mich Stück für Stück an Sprünge herangetraut.” Und wie geht das? “Ich hatte einen klaren Fokus und habe immer von drei herunter gezählt. Das habe ich einfach so lange gemacht, bis ich irgendwann endlich gesprungen bin”, sagt Julian.

Mitten in der Stadt: Die urbane Umgebung ist für den Parkour-Sport perfekt geeignet (Foto: Coka/Adobe Stock)

Es wird klar, dass die Athleten ihr Handwerk verstehen. Dass sie nicht mit ihrem Leben spielen, sondern mit ihrer Umgebung. Doch was haben sie sich bis heute noch nicht getraut? Der 20-Jährige Jonas hat noch mehrere Sprünge im Kopf, die er mit hartem Training realisieren möchte. Julian hat auch noch weitere Pläne: “Mein Ziel ist es weiterhin meine Ängste zu überwinden. Doch neue komplexe Saltos stehen erst einmal nicht an, da ich aktuell mental an meine Grenzen komme.”

Entsteht bald ein Parkour-Park in Fulda?

In vielen Großstädten sind Parkour und Freerunning ein fester Bestandteil der urbanen Welt. In Fulda findet die Bevölkerung den Sport größtenteils beeindruckend, doch es gibt auch Gegner, die Angst vor Vandalismus haben – so die Erfahrung der Parkour-Athleten. Julian und Jonas würden sich wünschen, dass der Sport in Fulda mehr gefördert wird. “Wir waren mit der Stadt Fulda schon mal im Gespräch wegen eines Parkour-Parks. Als es jedoch ernster wurde, zog sich die Stadt zurück. Ein Park wäre toll, da man dann einfach einen Ort hätte, an dem auch die jüngere Generation an den Sport herangeführt werden könnte.”

Die Stadt Fulda sagt dazu: “Es gab von Seiten des Jugendamts bereits vor drei Jahren Kontakt zu der Parkour- und Freerunning-Szene in Fulda.” Das Ergebnis: Die Stadt stellte Sportgeräte in der Fulda-Aue nahe des Umweltzentrums auf, die die Jugendlichen nutzen können – natürlich auch die Parkour-Athleten. Die Jugendkulturfabrik in Fulda sei ebenfalls eine Anlaufstelle für Parkour- und Freerunning-Athleten.

Eine konkrete Zusage für einen Parkour-Park habe es zwar nie gegeben. Aber: “Im Zuge der geplanten Sanierung und Erweiterung der Skateranlage in der Fulda-Aue könnte es eine Aufwertung des gesamten Areals unter dem Stichwort ‚Bewegungspark‘ geben”, betont die Stadt. Diese Aufwertung und Erweiterung soll spätestens bis zur Landesgartenschau 2023 umgesetzt worden sein. Welche Angebote beziehungsweise Flächen oder Geräte es dort dann geben wird, war zum Zeitpunkt der Anfrage noch nicht entschieden. Jugendliche und Interessierte können sich deshalb gerne mit Ideen an die Stadt wenden.

Für die beiden Athleten aus Fulda gibt es nach wie vor keinen Sport, der so viele Facetten bietet wie Parkour und Freerunning. “Man lernt sich selbst extrem gut kennen und mit seinen Ängsten um- zugehen. Außerdem fördert es die eigene Kreativität”, sagt Julian.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.