Seenotrettung, Flüchtlinge
Transparente der Seebrücke Fulda während einer Kundgebung am 23. Mai 2020 auf dem Buttermarkt. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Fulda als “Sicherer Hafen” für Flüchtlinge: Kann die Stadt sich das leisten? Carolin Hack von der Ortsgruppe der Seebrücke ist fest davon überzeugt. Und die Corona-Pandemie lässt sie nicht als Ausrede gelten.

“Evakuiert die Lager für geflüchtete Menschen auf griechischen Inseln und nehmt diese Menschen auf!” Die Forderung de Bewegung Seebrücke ist eindeutig. Und mittlerweile haben sich ihr 161 Städte, Kommunen und Gemeinden angeschlossen und sich zu “Sicheren Häfen” erklärt – zuletzt der Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Ein “Sicherer Hafen” erklärt sich mindestens mit Menschen auf der Flucht und den Forderungen der Seebrücke solidarisch, so wie Asperg. In weiteren Schritten unterstützen sie die Seenotrettung aktiv und nehmen über das eigentliche Kontingent hinausgehend Flüchtinge bei sich auf. Alle Forderungen der Seebrücke findest du hier.

Podcast mit Carolin Hack von der Seebrücke Fulda

Anfang April dieses Jahres hat sich auch in Fulda eine Ortsgruppe der Bewegung gegründet. Carolin Hack zählt zu den Aktiven. Mit ihr haben wir uns für eine Folge unseres Podcasts Radio36 getroffen. Unsere Themen unter anderem: die Stimmung in Deutschland, die Lage in den Lagern auf griechischen Inseln sowie das Ringen mit der Stadtpolitik in Fulda. Ein paar Aussagen von Carolin haben wir für dich zusammengefasst.

Die Lage in den Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln

“Die Lage ist katastrophal und menschenverachtend. Ich finde dafür schwer Worte. Das Lager auf Moria zum Beispiel ist für 3000 bis 4000 Menschen angelegt. Mittlerweile leben dort mehr als 21.000 Menschen zusammengepfercht. Man kann das nicht Leben nenne, eher Überleben. Die medizinische Situation ist schlecht. In Lagern in Libyen sind zudem Folter, Gewalt und Vergewaltigung an der Tagesordnung.”

Warum deutsche Kommunen zusätzliche Flüchtlinge aufnehmen sollten

“Es gibt ein Argument, das heißt Menschlichkeit. An sich könnte ich hier einen Punkt machen, aber es scheint nicht so einfach zu sein. Ich kann verstehen, dass es Ängste und Sorgen gibt. Ich appelliere aber daran, die Menschlichkeit dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn wir behaupten, wir hätten in Fulda keinen Platz, ist das eine Lüge. Es gibt leere Immobilien, man hat gesehen, wie schnell der Max Bahr vor ein paar Jahren umgebaut werden konnte. Ich glaube, die Wut richtet sich an dieser Stelle an die Falschen. Wir haben natürlich ein Thema: die ungleiche Verteilung von Vermögen. Das sollte aber nicht auf dem Rücken Geflüchteter ausgetragen werden.

Mehr Flüchtlinge aufnehmen, obwohl eine Mehrheit dagegen ist?

Zur Info: Laut einer Umfrage von Civey für die Augsburger Allgemeine Zeitung vom März sind 51 Prozent der Befragten dagegen, unbegleitete Minderjährige, die aktuell in griechischen Flüchtlingslagern Asyl beantragt haben, nach Deutschland zu holen. Und in einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (2019) gaben 56 Prozent an, Deutschland habe sich mit der Aufnahme der Flüchtlinge übernommen und solle vorerst keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen.

“Das ist noch ein Grund mehr, dran zu bleiben und die Leute zu sensibilisieren. Ich erlebe, dass sich mehr Menschen mit dem Thema beschäftigen. Mittlerweile gibt es 161 “Sichere Häfen”, die Demos sind gut besucht. Es geht um Menschen, die aus bestimmten Gründen flüchten müssen. Die machen keine coole Back-Packing-Reise. Rückt das mehr in den Fokus, werden viele Menschen ihre Meinung, wir sollten uns abschotten, ändern. Ich glaube, viele Menschen haben wirtschaftliche Ängste. Auch die Probleme, die wir hier haben – Ungleichheit – müssen gelöst werden.”

CDU stellt sich gegen Fulda als “Sicheren Hafen”

“Mir ist ein Rätsel, warum das in Fulda so schwierig ist. Hier gibt es ja an sich viel Solidarität. Das hat man während der Pandemie gesehen, schnell gab es Nachbarschaftshilfe. Aber die CDU stellt sich stark dagegen. Ich verstehe das nicht, wenn das Menschenbild, das viele in der CDU haben, ein christliches ist. Oft geht es um Geld und darum, ob wir das stemmen können. Oder es heißt, wenn wir die Seenotrettung unterstützen würden, sei das ein Pull-Faktor – es würden sich noch mehr Menschen auf den Weg machen. Das ist Quatsch. Ich bin persönlich bin bereit für einen Dialog und die Erarbeitung von Vorschlägen. Ich bin aber nicht bereit, über Menschenrechte zu diskutieren, darüber, ob sie Menschen zugestanden werden oder nicht. Wir diskutieren nicht über irgendwas, sondern darüber, dass Entscheidungen, die politisch getroffen werden, gerade Menschenleben kosten.

Corona-Pandemie als Vorwand, keine weiteren Flüchtlinge aufzunehmen?

“Die Pandemie verschärft die Dringlichkeit, dass die Lager evakuiert werden müssen. Es sind Lager mit mehr als 20.000 Leuten. Das ist für mich das stärkere Argument als öffentliche Kassen, die gerade stärker strapaziert sind als üblich.”

Wie viele Menschen soll Fulda zusätzlich aufnehmen?

“Es gibt keine konkrete Zahl. Sie richtet sich daran, wie viele Geflüchtete Bedarf haben. Wir können nicht sagen, wir nehmen 200 auf. Was ist, wenn der oder die 201. kommt? Sagen wir dann, bleib auf dem Mittelmeer?”


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Über Sascha-Pascal Schimmel

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