Foto: Constanze Gollbach

Drogensüchtige? Die liegen doch in Frankfurt im Bahnhofsviertel mit ‘ner Nadel im Arm in der Ecke, sind kriminell und haben alle Aids – soweit die Klischees. Doch auch in Fulda gibt es Menschen, die regelmäßig harte Drogen nehmen. Sie sind vor allem in Zeiten von Corona auf Hilfe angewiesen. Deswegen hat die Aidshilfe Fulda ein Streetwork-Projekt ins Leben gerufen. Volontärin Constanze hat sie einen Vormittag begleitet und sich das Projekt angeschaut. Vorweg: Die oben genannten Klischees haben sich nicht bestätigt.

Es ist Donnerstagmorgen viertel vor acht. Echt nicht meine Uhrzeit. Aber was muss, das muss. Ich bin nämlich mit der Aidshilfe Fulda verabredet. Die hat ein neues Streetwork-Projekt gestartet, das ich heute begleite.

In der Friedrichstraße 4 angekommen – da befindet sich nämlich das Büro der Aidshilfe – erklärt mir Susanne Maul, Geschäftsführerin der Einrichtung, mit welchen Hürden sie vor dem Start des Projektes zu kämpfen hatten und noch haben. “Geplant war eigentlich, dass wir einfach loslaufen, die Leute aufsuchen und Masken, Kondome und die Safer-Use-Artikel verteilen”, sagt Susanne.

Aidshilfe Fulda legte Ordnungsamt Konzept vor

Ganz so einfach war es dann aber nicht: Damit alles seine Richtigkeit hat, habe sie die Arbeit bei der Stadt angemeldet. “Dort wurde uns gesagt, dass wir pro Einsatz 50 Euro zahlen müssen und auch nur auf dem Jerusalemplatz, dem Parkplatz an der Weimarer Straße, dem Bahnhofsvorplatz und an den angrenzenden Auen hinter dem Kaufland die Sachen verteilen dürfen”, erzählt sie. Ein komplettes Konzept haben sie im Vorfeld dem Ordnungsamt übergeben. Die Ziele: Sicherstellung der Versorgung der Drogenkonsumenten mit für die Gesundheit wichtigen Dingen während der Corona-Krise, Sicherung des Überlebens und Gesundheitsprävention. Nach mehreren Anläufen habe die Aidshilfe von der Stadt dann doch 20 Einsätze genehmigt bekommen – die müssen aber erst einmal vorgestreckt werden.

Kurz nach acht machen wir uns mit vollgepackten Taschen los. “Das ist so die Zeit, in der man die meisten antrifft”, erklärt mir Susanne. Immer montags und donnerstags bis zu vier Stunden sind die Frauen unterwegs, wenn das Wetter mitspielt. Wir haben Glück: Die Sonne scheint. Neben Susanne und mir ist heute Sina Orthofer dabei. Die 23-jährige Sozialpädagogin ist seit einem Jahr bei der Aidshilfe und arbeitet hauptsächlich im Bereich Betreuten Wohnens.

Nur eine Anlaufstelle für Substitution in Fulda

“Die Streetwork-Aktion ist wirklich wichtig. Die Drogengebrauchenden haben hier in Fulda leider kaum Möglichkeiten, an steriles Werkzeug zu kommen. Drogenkonsumräume gibt es nicht und leider nur wenige Apotheke, die die Rezepte für beispielsweiße Methadonpatienten annimmt”, erklärt mir Sina auf dem Weg an den Bahnhofsvorplatz. Methadon ist ein Ersatzstoff, damit Heroinsüchtige auf ihre Droge nicht mehr angewiesen sind. Diese Substitution bietet Doktor Michael von Kürten an. Er ist in Fulda die einzige Anlaufstelle für die Leute im Substitutionsprogramm.

Bei der Substitution bekommen die Patienten einen Ersatzstoff verabreicht, der ihre Entzugserscheinungen lindert. “Eigentlich ist eine Anlaufstelle zu wenig”, sagt Sina. Aber so sei das eben hier, lächelt sie und dreht sich dabei eine Kippe.

Zwischendurch trifft die 23-Jährige bekannte Gesichter und steckt hier und da eine Maske, kleine Crémedosen oder das Werkzeug zu. Ein bisschen wie dealen, nur dass Sina die Sachen verschenkt und nichts Illegales tut. Für Sina scheint es kein Problem zu sein, einfach auf die Leute zuzugehen. Man sieht ihr und Susanne an, dass das Projekt und die Arbeit bei der Aidshilfe Herzensangelegenheiten sind. “Am Anfang war es schwer, die Menschen anzuquatschen. Aber die Hemmung fällt irgendwann”, sagt Susanne.

Susanne kennt sich aus

Ich habe das Gefühl, dass die Leute dankbar für das Angebot sind, und vor allem haben sie Redebedarf. Nur ich mit meiner Kamera und dem Notizblock in der Hand bin nicht wirklich erwünscht. Verständlich irgendwie.

Sina Orthofe, Simone Schafnitzel und Susanne Maul auf dem Weg zum Bahnhofsvorplatz.
Foto: Constanze Gollbach

Auf dem Weg sammeln wir noch Simone Schafnitzel ein. Simone ist die Gründerin der Fuldaer Selbsthilfegruppe Connection und war selbst einmal abhängig. Sie arbeitet ehrenamtlich bei der Aidshilfe und ist außerdem im Vorstand. Zu viert gehen wir weiter Richtung Bahnhof. Die Stadt hat sich mittlerweile ein bisschen gefüllt. “Ihr zwei könnt hier ja erst einmal warten”, sagt Simone zu mir und Susanne. Sina und sie gehen zielstrebig auf eine Gruppe Männer zu. Man kennt sich: Die Begrüßung ist herzlich. Susanne und ich warten bei dem Brunnen auf dem Vorplatz. Zeit zum Quatschen. Susanne erzählt mir, dass sie schon zwölf Jahre bei der Aidshilfe arbeitet.

Die Sozialpädagoging wirkt auf mich taff und gleichzeitig sehr verständnisvoll. Sie hat schon einiges mitbekommen, erzählt sie mir, ist aber frustriert, dass die Politik so wenig für richtige Aufklärung macht. Auch beim Thema Sex. “Der Sexualkundeunterricht ist eigentlich von gestern. Die Schüler finden sich in der Entwicklungsphase und brauchen Menschen, mit denen sie sich identifizieren können. Da ist es eine Schande, dass Homosexualität oder Transsexualität immer noch Tabu-Themen sind”, sagt sie. Auch, dass ein Leben mit HIV mittlerweile absolut möglich und problemlos ist, würden die wenigsten wissen. Die Mitarbeiter der Aidshilfe stehen unter Schweigepflicht. Geschichten über Klienten bekomme ich also nicht heraus. Das ist aber nicht schlimm, denn Sina und Simone kommen gerade mit zwei Männern zu uns, die bereit sind, mir Rede und Antwort zu stehen.

Darius und Daniel haben ihre eigenen Meinung zu Fulda

Darius ist 46, hat jahrelang verschiedene Drogen konsumiert und lebt momentan in einer staatlichen Obdachlosenunterkunft. “Ich bin politox, das bedeutet, dass ich mehrfach abhängig bin”, sagt mir Darius. Er kommt ursprünglich aus Polen, lebt aber schon seit mehr als 30 Jahren in Fulda.  “Was die Frauen hier machen, ist super. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass es mehr Anlaufstellen für verschiedene Bereich gäbe”, sagt er. Er fände es schade, dass Menschen, die Drogen nehmen, immer noch stigmatisiert würden. “Wir sind auch nur Menschen, die eine Krankheit haben. Trotzdem sind wir nicht böse”, sagt Darius. Da hat er recht, finde ich. Im Gegenteil: Keiner von den Menschen, die mir heute begegnet sind, war unhöflich.

Neben Darius möchte auch Daniel mit mir reden. Daniel ist 38 und kommt eigentlich aus Dessau. In Fulda lebt er seit einigen Jahren. “Sobald ich kann, will ich nach Nordfriesland”, erzählt er mir. Der gelernte Altenpfleger ist kein Fan von Fulda. “Ich habe eine nicht so schöne Vergangenheit, aber dass man mich nicht in meinem Beruf arbeiten lassen will, obwohl mein polizeiliches Führungszeugnis frei von Einträgen ist, kann ich nicht nachvollziehen”, sagt er.

Der 38-Jährige lebt im Obdachlosenheim in der Agnes-Hünninger-Straße. Von den harten Drogen sei er schon länger weg, er kiffe nur noch. Außerdem besuche er regelmäßig die Selbsthilfegruppe von Simone. Daher kennen sich die zwei auch. Daniel ist mir sympathisch. Er strahlt eine kindliche Leichtigkeit aus, ist aufgedreht, aber herzlich. Seine Wut auf die gesellschaftlichen Strukturen und die Politik ist dennoch zu spüren. “Die Politiker tun so, als gäbe es uns nicht. Sie bauen sich eine Scheinwelt auf, und wir müssen sehen, wo wir bleiben”, sagt er. Wie Darius, wünscht er sich weniger Stigmatisierung und Transparenz.

Drogen und Sex sollten keine Tabus sein

“Drogensucht ist eine Krankheit. Das sollte man sich klarmachen”, sagt Simone. Wichtig sei aber, dass man die Krankheit besiegen möchte. “Ich kenne Leute, die konsumieren, kommen aber trotzdem gut in ihrem Leben klar. Die wollen dann gar nicht aufhören.”

Mittlerweile ist es schon fast Mittag. “Wir haben uns ziemlich lange hier aufgehalten. Jetzt sind wahrscheinlich nicht mehr so viele unterwegs”, sagt mir Sina. Wir machen uns also auf den Weg zurück ins Büro in die Friedrichstraße. Nach einem kurzen Abschlussgespräch mit Sina und Susanne verabschiede ich mich. Denn mein Schreibtisch wartet schließlich schon.

Ich bin auf jeden Fall froh, dass es Einrichtungen gibt, die anderen Menschen helfen, und ich mit meinem Artikel vielleicht ein kleines Sprachrohr sein kann. Denn auch in Fulda gibt es Drogen und Sex und somit auch Bedarf an Aufklärung.

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