Foto: Annika Heller

Annika Heller lebt als Illustratorin und Grafikdesignerin in Hamburg. Von dort aus betreut sie deutschlandweit Kunden – auch in ihrer Heimat Fulda. Das Steckenpferd der 28-Jährigen sind Brettspiele. Aufgrund der Pandemie sind nun wichtige Projekte und Messen ausgefallen. Im sechsten Teil unserer Reihe über Künstler*innen in der Corona-Krise werfen wir einen Blick auf einen spannenden Kreativ-Beruf.

“Ich habe mit etwa zwölf Jahren das erste Mal vom Beruf der Illustratorin gehört und wollte das seitdem machen”, erzählt Annika Heller, die in Hünfeld geboren und aufgewachsen ist. Ein anderer Beruf sei für sie nie infrage gekommen. “Ich hatte mir trotzdem einen Plan B überlegt, nämlich Filmwissenschaften.” Das hätte sie zur Überbrückung studiert, wenn sie keinen Studienplatz bekommen hätte. So einfach ist das nämlich gar nicht: “Am Anfang bekam ich nur Absagen. Ich habe dann viel Zeit in die Bewerbungsmappen gesteckt, bis es geklappt hat.”

Darauf folgte ein Studium in Kommunikationsdesign an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Zwischen ihrem Abitur an der Wigbertschule und dem Studium verbrachte sie ein ehrenamtliches Jahr beim Theaterpädagogik-Projekt People’s Theatre in Offenbach. Ihr vierjähriges Studium hatte dann die Schwerpunkte Film und Zeitbasierte Medien, wozu beispielsweise auch Apps und Spiele zählen. “Meine Bachelorarbeit war eine interaktive Installation, ein Film, der sich verändert, je nachdem, wo man im Raum steht”, erklärt Annika.

Kleinere Ausstellungen begleiteten sie während und nach dem Studium. So präsentierte sie ihre Werke schon 2013 in Rasdorf, später an der Wand des Tattoo-Studios Green Swan in Fulda. Heute lebt Annika in Hamburg, vor drei Jahren wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. “Das entstand spontan nach einer Kündigung. Ich war erst 24. Aber ich dachte: ‘Wenn nicht jetzt, wann dann?’ – und hatte nichts zu verlieren. Bereut habe ich es nie.”

Vom Hamburger Atelier bis in die hessische Rhön

Vergangenes Jahr mietete sie ein Atelier in St. Pauli, das sie zusammen mit einigen anderen Künstler*innen als kreatives Büro nutzt. Arbeiten kann sie aber von überall aus. Und so betreut sie Kunden aus ganz Deutschland. Besonders gerne mag Annika die Arbeit mit Kunden aus ihrer Heimat. “Ich komme immer gerne dorthin zurück”, schwärmt sie, und erzählt von ihrer Arbeit mit dem Kinderschutzbund Fulda: “Da habe ich gerade einen Flyer zum Thema Missbrauchsprävention illustriert, der gerade in fünf Sprachen übersetzt wird.”

Am liebsten zeichnet Annika Menschen. Ihr Stil: niedlich, verspielt, sympathisch. “Ich kann auch realistisch, aber an stilisierten, comicartigen Darstellungen habe ich mehr Spaß”, erklärt sie und fügt hinzu: “Ich sehe mich weniger als Künstlerin, viel mehr als Handwerkerin. Wenn ich für Kunden arbeite, geht es oft um eine eindeutige Bildsprache, die sich durchzieht und mit der ich effektiv arbeiten kann. Das hat dann wenig mit künstlerischem Ausleben zu tun.” Privat tobt sich Annika auch gerne mit Acryl- und Aquarellfarbe aus – allerdings getrennt vom Job.

Ihre Freizeit verbringt die 28-Jährige gerne in der Natur, weshalb Ausflüge in die Rhön bei beinahe jedem Heimatbesuch ein Muss sind. In der heimischen Kulisse hat sie auch ein paar ihrer Filmprojekte verwirklicht. Einige davon stellt sie auf ihrer Website vor.

Ein aktuelles Projekt ist das Brettspiel “Heim gesucht!”, das Annika zusammen mit Iven Hinrichs entwickelt hat (Foto: Annika Heller)

Mittlerweile ist Annika vor allem in der Spiele-Branche tätig. Als Grafikerin und Illustratorin entwickelt sie gemeinsam mit Autoren Brett- und Kartenspiele. Nebenbei arbeitet sie in einem Hamburger Brettspielcafé.

Für dieses Jahr lag ihr Fokus vor allem auf den Brettspielmessen im Sommer und Herbst. Alle Pläne bezüglich Kundengewinnung hingen an dieser Zeit, und auch die meisten ihrer Aufträge waren in irgendeiner Form damit verknüpft. So sollte sie beispielsweise die Standgestaltung für Kunden übernehmen oder arbeitete für Verlage, die dann Spiele veröffentlichen wollten.

“Langweilig ist mir nicht geworden”

“Als Corona kam, standen mehrere Verträge mit Brettspielverlagen kurz vorm Abschluss”, erklärt sie. “Die Spiele sind dann fast alle vertagt oder gecancelt worden, weil die Messen abgesagt wurden, kein Budget da war oder die Spiele an die Fußball-EM gekoppelt waren, die nicht stattfindet.” Alle Aufträge ab März seien ihr dadurch ersatzlos weggefallen – und Anfang April stand Annika zunächst ohne Perspektive da.

“Ich habe die Zeit genutzt, um an eigenen Projekten zu arbeiten und Ordnung in meine Daten zu bringen, was sonst im stressigen Alltag oft auf der Strecke blieb.” Außerdem hat sie sich für ein Masterstudium beworben, für das vor Kurzem die Zusage kam. “Langweilig ist mir nicht geworden! Aber ein bisschen Zeit zum Entspannen war auch drin – und die war dringend überfällig.”

Fahrrad statt Fahrkarte: Annika spart, wo sie kann

Finanziell konnte Annika sich unter anderem dank staatlicher Hilfe über Wasser halten: “Ich habe die Corona-Soforthilfe bekommen. Die war für Solo-Selbstständige zwar nicht ideal, aber hat mir über die ganz schweren Monate geholfen.” Sie erzählt von einigen neuen Projekten, die sich ergeben haben, und dass sie mittlerweile sogar mehr zu tun habe als sonst. “Das kann sich natürlich alles in zwei Wochen schon wieder ändern, aber nun komme ich durch das Jahr, ohne mein Atelier aufgeben oder mich arbeitslos melden zu müssen.”

Alle Kosten, die sie reduzieren konnte, habe sie reduziert. “Ich habe zum Beispiel Abos gekündigt – und meine Fahrkarte für Hamburg. Stattdessen fahre ich Fahrrad”, zählt sie auf. Den Kopf steckt Annika nicht in den Sand: “Meine eigenen Projekte haben mir jetzt schon wieder neue Türen geöffnet und gerade schaue ich ziemlich zuversichtlich auf die nächsten Monate.”

Eine Zeichnung für das Memory-Spiel „Something Wicked“, ein Projekt mit Manuela Mirow (Illustration: Annika Heller)

Das Gute an der Selbstständigkeit sei für sie die Möglichkeit, ihren Job immer wieder anzupassen, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. “Und Unsicherheit gehört nunmal dazu, wenn man nicht monatlich sein Gehalt überwiesen bekommt. Aber dafür bin ich ja gut vorbereitet.” Sie könne sich nicht vorstellen, wieder angestellt zu sein oder in einem nicht-kreativen Beruf zu arbeiten. “Ich würde sagen, dass ich meinen Traumjob habe – auch wenn er nicht immer traumhaft ist.”

Annikas Rat an alle, die gerade eine schwere Zeit durch die Krise haben: “Macht euch nicht zu viel Stress und reduziert Kosten, wo es möglich ist. Wenn Energie da ist: an Projekten arbeiten, die Spaß machen. Macht euch bewusst, dass es okay ist, wenn man gerade eben nicht super produktiv ist und die Auszeit zum Durchatmen nutzt.”

Kreative Arbeit ist kein Zeitvertreib – sondern Teil unserer Kultur

Der Kontakt zu anderen Künstlern hilft auch: “Wir versuchen, uns gegenseitig Mut zu machen und uns zu zeigen, dass man nicht alleine mit den Existenzängsten ist, die für die meisten mit Festanstellung kaum nachvollziehbar sind.” Für Grafiker*innen und Illustrator*innen sei die Lage generell nicht ganz so kritisch, da man in der Regel sowieso allein und von zu Hause aus arbeite. “Wirklich schwierig ist es vor allem für darstellende Künstlerinnen und Künstler aus Schauspiel und Musicals. Die leiden gerade sehr und müssen sich nach Alternativen umsehen”, so Annika.

Für sie sei ihr Arbeitsalltag nie vorhersehbar, momentan natürlich noch weniger. Trotzdem ist Annika zuversichtlich. “Ich kann mir vorstellen, dass gerade Bücher und Brettspiele nun mehr wertgeschätzt werden.” Auch andere positive Veränderungen sieht sie in der Krise: “Ich finde spannend, für wie viele Betriebe nun Homeoffice eine Option ist, und würde mich freuen, wenn einige Dinge beibehalten werden: Video-Konferenzen statt umweltschädlichen Dienstreisen, Online-Termine statt in Person für weniger sozialen Stress.” Sie hofft, dass viele sich klar machen, dass alles, was einem die Langeweile daheim vertrieben hat – wie Spiele, Filme, Serien und Bücher – von jemandem gemacht wird und diese Arbeit ordentlich vergütet und wertgeschätzt werden sollte. “Unsere Arbeit ist kein brotloser Zeitvertreib, sondern ein wichtiger Teil unserer Kultur und sollte auch entsprechend anerkannt werden. Da hängen Existenzen dran – und ohne kreative Berufe existiert auch kein Alltags-Eskapismus mehr, der für viele Menschen so wichtig ist.”

Hier geht’s zum fünften Teil unserer Reihe über Künstler*innen in der Corona-Krise: Kristin Weigl hätte den Traumberuf Schauspielerin fast aufgegeben

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