Die Jugendherberge Gersfeld – ein beliebtes Reiseziel in der Rhön. Ab Juli reisen hier wieder die ersten Gäste an. Wie lange dies noch geht ist aber weiter ungewiss. (Foto: DJH)

Die hessischen Jugendherbergen öffnen am 1. Juli zwölf weitere Häuser, damit sind dann 21 der 30 eigenen Jugendherbergen, sowie die beiden Anschlusshäuser wieder am Markt. Im Mai haben wir bereits über die Öffnung und Probleme der hessischen Jugendherbergen berichtet.

Eine Pressemitteilung des Deutschen Jugendherbergswerk

“Wir freuen uns so auch ein kleines Zeichen der Hoffnung an unsere Gäste und Mitarbeitenden zu senden”, sagt Timo Neumann, Vorstandsvorsitzender der Jugendherbergen in Hessen. Hausleitersprecherin Lilli Scheffke ergänzt: “Wir müssen einfach tun, was wir können, aktuell bereiten wir alle Häuser mit unserem Hygienekonzept, einfachen Umbauten, Einbahnstraßen, angepassten Essensausgaben und Mitarbeitendenschulungen auf die Wiedereröffnung vor.”

Die Jugendherbergen werden aber nicht pauschal wieder für jedwede Anreise offen sein, sondern die Gäste müssen sich auf Grund des Hygienekonzeptes vor Anreise kurz bei der Wunschherberge melden, damit abgestimmt werden kann, ob eine Übernachtung möglich ist. Pressesprecher Knut Stolle erklärt und mahnt: “Zum einen haben wir uns dies in unserem geprüften Hygienekonzept selbst auferlegt um die Besuchermengen besser kontrollieren zu können, zum anderen müssen wir extrem vorsichtig sein, damit wir durch die Öffnung nicht weiteren wirtschaftlichen Schaden nehmen, dies könnte aber z.B. bei einer sehr geringen Übernachtungszahl passieren.”

Kaum Vorbuchungen als Richtwert für die nahe Zukunft

Geöffnet sind bereits die Jugendherbergen Helmarshausen, Korbach, Hohe Fahrt am Edersee, Waldeck am Edersee, Hoherodskopf, Eschwege, Bad Hersfeld, Fulda und Limburg. Am 1. Juli kommen die Häuser in Kassel, Willingen, Rotenburg, Biedenkopf, Lauterbach, Gersfeld, Wetzlar, Büdingen, Oberreifenberg, Bad Homburg, Darmstadt und Erbach hinzu. Die Jugendherberge Wiesbaden plant die Wiederöffnung am 1. August.

Die zwei Burgjugendherbergen haben im Winter umfassendere Renovierung erfahren, die von langer Hand geplant wurden. Auf der Burg Breuberg wurde noch vor der Corona-Krise begonnen Fußböden und Möbel zu renovieren, sowie einen öffentlichen Sanitärbereich zu modernisieren. Die Starkenburg wird seit November 2019 im Inneren kernsaniert und erweitert. Beide Projekte werden auf Grund der Corona Krise deutlich verspätet am 15. September dieses Jahres abgeschlossen sein und wiedereröffnen.

“Die Vorbuchungszahlen für die nächsten zwölf Monate sind für uns immer ein Richtwert wie es uns geht”, so Neumann, “leider sieht es weiterhin sehr schlecht aus, viele der jetzt vorbereiteten Häuser, die ab dem 1. Juli wieder für Gäste bereit sind, haben fast keine Vorbuchungen, ein Überleben ist so kaum möglich.” Scheffke: “Wir freuen uns gerade vornehmlich über Familienreisende, die auch unsere neuen Kinderprogramme mit Freude annehmen, aber zum Überleben brauchen wir vor allem wieder ein Klassenfahrt- und Gruppengeschäft. Hier zögern die Verantwortlichen weiterhin auf Grund der unsicheren Lage oder der von Landesregierungen ausgesprochenen Reiseverbote und Zusammenkunftsreglementierungen.” Gruppen, sowie Sport- und Musikgruppen dürfen mittlerweile wieder in kleinen Zusammenstellungen zusammenkommen, Stolle: “Wir können in unseren Häusern viel möglich machen, so haben wir mittlerweile auch wieder vereinzelte Buchungen von größeren Sportgruppen, die Ihren Aufenthalt dann mit unserer Hilfe in kleineren Trainingsgruppen parallel zusammen verbringen können.”


Die Jugendherberge Kassel – fast 200 Betten in der documenta-Stadt. Ab Juli sind diese wieder buchbar. Aber ob die Jugendherberge zur documenta fifteen in 2022 noch existiert ist weiter unklar. (Foto: DJH)

Umsatzverlust von bis zu 80 Millionen und drohende Schließungen

Die Corona Krise hat in den Jugendherbergen in Hessen dazu geführt, dass in 2020 rund 500.000 Übernachtungen storniert wurden bzw. erst gar nicht gebucht wurden. Im Jahr 2019 konnten die hessischen Jugendherbergen 619.000 Übernachtungen verzeichnen. “Wir gehen von einem Umsatzverlust von bis zu 80 Prozent im Wert von 20 Millionen Euro aus”, so Stolle “da droht uns unsere Gemeinnützigkeit das Genick zu brechen”. Das DJH Hessen ist ein eingetragener Verein, der auf Grund seiner Gemeinnützigkeit ausschließlich zweckgebundene Rücklagen bilden darf, aktuell werden die Ersparnisse, welche für die Neubauten und Modernisierungen der Jugendherbergen in Marburg, Rüdesheim und Wetzlar vorgesehen waren, für laufende Betriebsmittelkosten aufgebraucht. “Wenn es so weitergeht, können wir dauerhafte Standortaufgaben nicht ausschließen” sagt Neumann.

Die Jugendherbergen haben am 7. Mai 2020 vom hessischen Sozialminister Kai Klose eine Millionen Euro Soforthilfe zugesagt bekommen. “Wir sind dankbar für dieses positive Zeichen aus der Politik” so der Vorstandsvorsitzende der hessischen Jugendherbergen Timo Neumann. Weiter führt er aus: “allerdings haben wir schon im direkten Anschluss gesagt, dass wir damit lediglich ca. vier weitere Wochen überbrücken können. Nach acht Wochen angeordneter Vollschließung und dem angeordneten Reiseverbot für unsere Hauptzielgruppe Schulklassen, das sich durch die komplette Klassenfahrtsaison zieht, reicht dies somit einfach nicht aus”.

Familiengeschäft dient “lediglich der Schadensbegrenzung”

Die Jugendherbergen in Hessen verfügen über 30 eigene Jugendherbergen. Knut Stolle: “Der sechste Platz im deutschen Gemeinwohlatlas 2019 zeigt schön unsere gesellschaftliche Akzeptanz und Bedeutung auf.” Sollten die Jugendherbergen Hessen aufhören zu existieren, werden über 500 Menschen in Hessen ihren Job verlieren. Errechnet wurde, dass die Wirtschaftskraft des DJH mindestens weitere 1000 Stellen in der lokalen Wirtschaft um die Jugendherbergen herum ausmacht. Diese finden sich im Lebensmittel-, Bau-, Transport- und Bildungsbereich.

Neumann: “Wir haben Ende März auf Wunsch des Sozialministeriums eine Schadensprognose für den Zeitraum März bis Mai 2020 abgegeben, diese belief sich auf 3,4 Millionen Euro. Das sind die Kosten, die trotz Kurzarbeit von allen Mitarbeitenden im DJH weiter angefallen sind. Wir gehen davon aus, dass der Schaden für die zwölf Monate von Anfang März 2020 bis Anfang März 2021 unter guten Bedingungen, die nur mit einer massiven Entspannung auf dem Reisemarkt einhergehen würden, bei sieben Millionen Euro liegen wird.” Derzeit verhandelt das DJH sowohl mit Bund als auch Land über weitere Hilfen, denn ohne die werden die Jugendherbergen nicht überleben.

Stolle: “Aktuell können wir fast nur Familien und Einzelreisende aufnehmen und dies nur unter strengsten, aber natürlich sinnvollen Einschränkungen. Das Familiengeschäft, ohne Grundauslastung durch Gruppen, ist ein defizitäres Geschäft, das wir auf Grund unserer Gemeinnützigkeit aber so anbieten wollen. Aktuell dient es unter massiven Personaleinsparungen lediglich der Schadensbegrenzung”.

“Jugendherbergen sind unverzichtbar!”

Angesprochen auf potentielle Schließungen sagt Neumann: “Wir bewerten gerade alle Standorte intensiv, anstehende Sanierungen und Brandschutzumbauten sind keine guten Vorzeichen für den Erhalt eines Standortes. Anfang 2017 haben wir einen Investitionsstau von 75 Millionen Euro eruiert, den wir mit Hilfe eines Masterplans über 20 Jahre Laufzeit ausgleichen wollten. Standortschließungen diskutieren wir intensiv, welche Standorte betroffen sein werden, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.”

Klar ist, sollten die Jugendherbergen nicht weitere Mittel durch die Politik bereit gestellt bekommen, “müssen wir voraussichtlich im Herbst oder Winter Insolvenz anmelden” so Neumann, “das wäre bei der Unterstützung, die wir gerade durch Schulen, Lehrpersonen, Freizeitenbetreuer, Eltern und auch durch unsere jüngsten Gäste erfahren, unglaublich enttäuschend. Gerade weil die angesprochenen Personengruppen und wir uns einig sind: Jugendherbergen sind unverzichtbar!”

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