Foto: Felix Weigl

Sie flackert bundesweit über die Fernsehbildschirme von Soap-Fans und war schon Werbegesicht für den Kräuterlikör-Hersteller Ramazzotti – aufgewachsen ist Kristin Weigl aber in Fulda. Den Traum vom Schauspielberuf hätte die 31-Jährige, die schon bei “Verbotene Liebe”, “Alles was zählt” und der “Lindenstraße” mitgespielt hat, aber beinahe aufgegeben, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Im fünften Teil unserer Reihe über Künstler*innen in der Corona-Krise sprechen wir mit ihr außerdem darüber, wie sie die Zeit ohne Schauspielprojekte sinnvoll genutzt hat.

Wenn Kristin Weigl sich eine Rolle frei aussuchen dürfte, müsste die vor allem eine starke Persönlichkeit haben. Generell findet sie Filme und Serien spannend, die eine interessante Charakterentwicklung aufzeigen und starke Frauenbilder abbilden: „In der Serie ‚Game of Thrones‘ beispielsweise war ich von den vielen großartigen Frauenfiguren begeistert und es freut mich sehr zu sehen, dass sogar die Marvel Studios mittlerweile auf weibliche Heldinnen setzen. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich von so einer Rolle nicht träumen würde.“

Sie ist außerdem überzeugt, dass ein gutes Drehbuch und somit eine gute Geschichte – unabhängig vom Genre – einen tollen Film oder auch eine tolle Serie hervorbringen kann: „Ohne gute Story gibt es keine gute Produktion!“ Daher ist sie offen für viele Genres. Aber wie kam Kristin überhaupt zum Traumberuf Schauspielerin?

Von klein auf stand Kristin auf der Bühne, hat bis zum Abitur in verschiedenen Theatergruppen gespielt. In Fulda aufgewachsen, spielte sie beispielsweise bei den „Fischgretchen“, der Theatergruppe des Jugendbildungswerks. Diese Leidenschaft für die Bühne ist ihr trotz ihrer Fernsehrollen bis heute erhalten geblieben. „Theaterspielen hat im Gegensatz zu Film und Fernsehen die wunderbare Eigenschaft, dass man – wenn man erstmal auf der Bühne steht – nicht mehr zurückkann“, erzählt die 31-Jährige. „Es ist wie ein Seiltanz in großer Höhe, bei dem man sich bei jeder Aufführung neu ausbalancieren muss. Es ist herausfordernd, unvorhersehbar und man interagiert mit dem Publikum. Und das Schönste am Ende einer gelungenen Aufführung: der Applaus!“

“Das war ein unglaubliches Gefühl”

Mit bestandenem Abi entfernte sie sich aber zunächst von ihrem Traum, Schauspielerin zu werden. Zu sehr habe sie sich von der Meinung anderer beeinflussen lassen, man könne mit der Schauspielerei kein Geld verdienen. „Ich habe selbst nicht mehr daran geglaubt“, erklärt sie und erzählt von ihrer Entscheidung zum Studium in BWL und Anglistik. Nach erfolgreichem Abschluss zog es sie an den Frankfurter Flughafen, wo sie einige Jahre für eine große Airline arbeitete.

„In meiner Zeit dort habe ich viele interessante und kreative Menschen kennenlernen dürfen, die mich aufgerüttelt haben, meinen Traum zu verwirklichen“, so Kristin. „Ich schrieb meine Bewerbung an die Schauspielschule und als ich eine Zusage erhielt, war für mich klar, diesen Weg, den ich schon immer gehen wollte, einzuschlagen.“ Die Zusage hat für Kristin alles grundlegend verändert. „Seinen Traum von heute auf morgen realisieren zu können, nachdem man schon fast den Glauben daran verloren hatte, war ein unglaubliches Gefühl. Es hat mich davon überzeugt, dass man alles erreichen kann, wenn man hart dafür arbeitet und fest an sich selbst glaubt“, erinnert sie sich zurück.

Sie brach daraufhin alles ab, was sie sich bisher aufgebaut hatte, und zog nach Köln. „Es lagen harte Jahre voller Herausforderungen vor mir, die ich nicht ohne die Unterstützung meiner Familie hätte bewältigen können“, fährt sie fort. „Ich bin dankbar, dass sie zu jederzeit hinter mir steht und mir ermöglicht hat, meinen Traum zu leben.“ Mittlerweile lebt sie wieder im Landkreis Fulda.

Immer unterwegs: Reisen an die ungewöhnlichsten Orte

„Ich habe in Fulda viele tolle Künstlerinnen und Künstler, Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber kennenlernen dürfen, woraus in den letzten Jahren bis heute tolle Zusammenarbeiten entstanden sind“, erzählt Kristin. Generell sei sie in ihrem Beruf jedoch nicht ortsgebunden und nehme jedes passende Projekt an, darunter unter anderem Fernsehserien wie „Lindenstraße“, „Verbotene Liebe“ oder „SOKO“. Die meisten Projekte fänden in Köln und Berlin statt, aber auch Hamburg oder München seien beliebte Produktionsorte im Film- und Werbebereich. Kristin mag diese Vielfalt: „Man reist viel und kommt an die ungewöhnlichsten Orte, die man im Normalfall nie sehen würde.“

Foto: Felix Weigl

Doch herumreisen und drehen, das war in den Vergangenen Monaten nicht drin. Auch Kristin gingen durch die Pandemie einige Jobs und Aufträge durch die Lappen. Nachdem das Jahr mit einigen Projekten gut für Kristin begann, folgte plötzlich der Stillstand ­– und es floss kein Geld mehr. „Ich hatte gerade die Möglichkeit, einen neuen Auftrag anzunehmen, als Corona alles lahmlegte“, berichtet sie. Auf einmal gab es keine Jobs mehr, auf die man sich bewerben konnte, und bereits laufende Gesuche wurden entweder eingestellt oder auf unbestimmte Zeit verschoben.

Kristin gibt zu, dass es sehr beängstigend war, nicht zu wissen, wie und wann es weitergehen würde. Dennoch stellt sie klar: „Die Gesundheit war – und ist mir noch immer – am Wichtigsten, weshalb ich die Maßnahmen nachvollziehen konnte.“ Sie habe außerdem das Glück gehabt, zu Beginn des Jahres ein paar Aufträge erhalten zu haben, die sie finanziell abgesichert hätten.

“Kreativität spielt sich in unseren Köpfen ab – und sie ist an keinen Ort gebunden”

Die Zeit zuhause hat Kristin genutzt, um geistig und körperlich fit zu bleiben. Sport treiben, Fachbücher lesen und Texte lernen standen auf dem Tagesplan. Zudem nutzte sie die Zeit, um ihren Instagram-Account auszubauen. Social Media gebe Künstlern aktuell eine wichtige Bühne und sorge dafür, dass Künstler*innen untereinander sehr gut vernetzt seien, was gerade während der Pandemie sehr vorteilhaft gewesen sei – auch für das Realisieren gemeinsamer Projekte.

„Während des Shutdowns war der Zusammenhalt zwischen uns Künstlern so groß wie noch nie,“ sagt Kristin und erzählt, dass drei Casterinnen, Anja Dihrberg, Simone Bär und Suse Marquardt, das Projekt #wirspielenzusammen ins Leben gerufen haben. „Damit haben sie eine wahnsinnige Kreativitäts-Welle losbrechen lassen. Ich kenne keinen aus der Schauspielbranche, der nicht in Zuge dessen ein Video mit einem positiven, witzigen, oder auch nachdenklichen Statement gedreht und es dann in den Sozialen Medien gepostet hat.“

Aussichtlos ist die Situation in Kristins Augen jedenfalls nicht: „Man kann sich entweder von seiner Angst bestimmen lassen und seinen Kopf in den Sand stecken oder man nutzt die gewonnene Zeit. Und zwar indem man Projekte erschafft, die momentan vielleicht kein Geld erwirtschaften, die aber auf den Künstler aufmerksam machen“, so Kristins Rat. „Auch wenn die Branche lahmgelegt wurde, spielt sich Kreativität in unseren Köpfen ab – und sie ist an keinen Ort gebunden.“ Mittlerweile laufen die Proben fürs Theater langsam wieder an und es wird wieder für Film, Fernsehen und Werbung gedreht. Einige Theater und Kinos haben schon wieder geöffnet. „Bis zur Normalität ist es sicherlich noch ein weiter Weg, dennoch ist ein positiver Aufwärtstrend erkennbar“, so Kristin.

“Schauen wir nicht alle gern gute Filme? Hören wir nicht alle gern Musik?”

„Corona hat bei uns Künstlern ein starkes Bewusstsein entstehen lassen, aufeinander zu achten – denn nur so können wir Geld verdienen und unseren Beruf ausüben“, fasst Kristin die Lage zusammen. „Viele Existenzen stehen noch immer auf dem Spiel und diese können nur gesichert werden, wenn jeder dieses Bewusstsein entwickelt und verantwortungsbewusst im Alltag mit seinen Mitmenschen umgeht.“ Damit spricht sie auch die Menschen an, die Kunst konsumieren.

Zum Beispiel die Leute, die sich während der Ausgangsbeschränkungen unzählige Filme und Serien im Fernsehen oder bei den gängigen Streaming-Anbietern angesehen haben. Wie auch beim Theater stecke hinter diesen Produktionen enormer Aufwand und diese Branche habe dazu beigetragen, für Unterhaltung und Ablenkung in der Corona-Krise zu sorgen. Kristins Appell: „Schauen wir nicht alle gern gute Filme? Hören wir nicht alle gern Musik? Dann sollten wir endlich auch damit anfangen, kreative Berufe und die Menschen, die dahinterstehen, anzuerkennen.“

Hier geht’s zum vierten Teil unserer Serie über Künstler*innen in der Corona-Krise: Cynthia Nickschas – die Frau mit Hut und Gitarre

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