Foto: deagreez/Adobe Stock

Langsam nähert ihr euch an, spürt euren Atem, riecht euch, lasst euch noch kurz zappeln – dann treffen sich eure Lippen. Erst herantastend und zart, dann inniger. Eure Zungen kreisen, der Kuss wird fester, vertrauter. Eure Küsse harmonieren sofort. 90 Prozent der Menschen küssen sich – aber warum eigentlich? Steckt dahinter ein evolutionärer Sinn? Oder ist es schlicht sexuelle Lust? move36-Redakteur Daniel über unser Verlangen nach fremden Lippen und Zungen – und darüber, warum er auch wegen des Küssens mit einer Frau Schluss machen musste.

Mit dem Küssen ist das ähnlich wie mit dem Sich-riechen-können: Manchmal riecht man einen anderen Menschen gerne, ein andermal stößt uns sein Eigengeruch ab. Manchmal harmoniert ein Kuss sofort, ein andermal ist das Lippenspiel einfach unkompatibel.

Unkompatibel – das treffendste Wort, weswegen ich vor ein paar Jahren mit einer Frau nach rund einem Jahr Schluss machen musste. Was schade war. Denn wir haben uns super verstanden, haben eine ähnliche Weltsicht, gingen uns nie auf die Nerven, haben eigentlich nie übel gestritten. Die ersten Monate war es auch noch eher eine Freundschaft Plus. Als ihr Wegzug konkreter wurde, merkte ich aber: „Ohje Daniel, jetzt hast du dich verknallt, wo du doch wusstest, dass sie höchstwahrscheinlich weiter wegziehen wird.“ Und mal ehrlich: Fernbeziehungen sind fürn Po! Wir versuchten es dennoch.

“Du hasst mich sicher dafür”

Zuerst hat es ganz gut funktioniert, doch die dreieinhalb Stunden für eine Strecke nervten schon ziemlich schnell. Und dann nach einer Woche anzukommen und selten mehr als ein paar trockene Schmatzer aufgedrückt zu bekommen, ließ mich mehr und mehr zweifeln.

In Sachen Küssen kamen wir schnell auf keinen grünen Zweig mehr. „Du hasst mich sicher dafür“, registrierte auch sie das Problem. Natürlich
hasste ich sie nicht. Sie mochte einfach keine Küsse mit viel Lippen- oder Zungeneinsatz – nicht beim Kuscheln, nicht beim Sex, überhaupt nicht. Was ich vor der Fernbeziehung nicht so krass wahrgenommen hatte. Da war alles noch freier, wir haben öfter mal einen getrunken – wonach sie sich auch mehr hat gehen lassen beim Knutschen. Doch sich immer einen anzuschwipsen, damit‘s körperlich passt, wäre ja völlig gaga. Jedenfalls ging das zunehmend gar nicht damit konform, was ich brauche und auch geben möchte. Was ja nicht dramatisch war. Jeder hat nunmal andere Vorlieben.

Ein mit Schleimhaut überzogener Muskel, mit dem wir rund 80 Millionen Bakterien austauschen

Warum küssen sich Menschen eigentlich? Was reizt uns an fremden Zungen? Ein mit Schleimhaut überzogener Muskel, mit dem wir bei Berührung rund 80 Millionen Bakterien austauschen und 146 Muskeln aktivieren. Klingt gar nicht so sexy – doch es törnt uns an.

Unsere engsten Verwandten, die Schimpansen, umarmen sich oder lippen sich zur Versöhnung gerne mal an nach Konflikten – unter Männchen üblicher als unter Weibchen. Es hat also nichts Sexuelles, nichts Romantisches. Bonobos, uns ebenfalls genetisch sehr nahe, haben viel menschenähnlicheren Sex: verschiedene Sexstellungen, sogar Oralverkehr, und sie küssen mit Zunge. Doch auch hier hat das nichts mit Romantik zu tun, sondern ist lediglich ein herzlicher Gruß, um Spannungen abzubauen – so wie Menschen sich die Hand geben. Das war‘s dann auch schon mit bekannten Tierarten, die sich küssen.

Liegt uns das Küssen in den Genen?

Auch unter Menschen ist der romantische Kuss nicht so normal, wie wir vielleicht meinen: Eine Studie, die 2015 im „American Anthropologist“ veröffentlicht wurde, zeigte: 46 Prozent von 168 untersuchten Kulturen drücken mit Küssen sexuelles Verlangen aus – nicht mal die Hälfte. Im Nahen Osten beispielsweise ist der romantische Kuss Normalität (100 Prozent), in Asien bei 73 Prozent der untersuchten Kulturen, in Europa bei 70 Prozent und Nordamerika nur bei 55 Prozent. Vielen indigenen Völkern, die noch heute wie Jäger und Sammler leben, ist diese Art der Zuneigung völlig fremd, einige finden es gar abstoßend. Wenn also die heutigen Jäger und Sammler nicht küssen, kann man davon ausgehen, dass unsere Vorfahren es auch nicht taten, bevor sie vor circa 10.000 Jahren sesshaft wurden. William Jankowiak, Hauptautor der Studie und Anthropologe an der University of Nevada, sieht das als Beweis dafür, dass Küssen ein angelerntes Verhalten ist – ein Erfindung vor allem westlicher Zivilisationen sozusagen. Die Mundakrobatik liegt uns also nicht in den Genen. Und je komplexer eine Gesellschaft, desto häufiger werde geküsst, fanden sie zudem heraus.

Somit lag der österreichische Neurologe und Tiefenpsychologe Sigmund Freund falsch mit seiner Annahme, das Küssen sei ein angeborener Instinkt. Wenn es uns aber nicht in die DNA gelegt ist, woher haben wir es dann? Mit welchem evolutionären Sinn?

2013 fanden Experimentalpsychologen der University of Oxford heraus, dass das leidenschaftliche Küssen sehr wichtig bei der Partnersuche ist. Wir lernen dadurch unsere neue Flamme sprichwörtlich schmecken und riechen. Mit Zunge und Nase nehmen wir Pheromone und andere chemische Signale wahr, mit deren Hilfe wir unterbewusst einschätzen, ob das Gegenüber fruchtbar und gesund ist. Mit dem Speichelaustausch nehmen wir eine riesige Menge an genetischen Infos auf – dabei sind wir auf eine DNA aus, die sich von unserer eigenen möglichst viel unterscheidet. Denn das erhöht die Chancen, ein gesundes Kind zu bekommen.

Neben Sex halt einfach die schönste Nebensache der Welt

Besonders Frauen können wohl beim Küssen unterbewusst erschnuppern, ob er sich langfristig als Partner eignet und sogar, ob er ein guter Vater sein wird. Was biologisch Sinn ergeben würde, da sie Last und Risiko der Schwangerschaft tragen. Männer hingegen sehen das Küssen eher als Auftakt zum Sex, sie mögen feuchtere Küsse mit offenem Mund – wohl auch, weil ihr Speichel Testosteron enthält, was die Frau stimulieren kann.

Kann ich nur bestätigen. Dass ich mit der Frau damals Schluss gemacht habe, hatte natürlich noch andere Gründe. Emotional hatte
ich mehr reingebuttert – was sie mir nicht zurückgeben konnte. Doch tatsächlich hat es mich irgendwann verrückt gemacht, dass ich – wenn überhaupt – nur langweilige Schmatzer abbekommen habe. Mal ehrlich: Ein bisschen mehr Lippen, ein bisschen Zunge, einfach ein bisschen rumknutschen muss halt schon mal sein. Sonst wird‘s im wahrsten Sinne des Wortes trocken in der Beziehung. Na ja, war dennoch halb so wild. Wir waren in dieser Hinsicht schlicht nicht kompatibel.

Im Durchschnitt küsst jeder Mensch zwei Wochen seines Lebens. Ich hoffe, bei mir werden es viel mehr. So reizvoll und aufregend es ist, einen neuen Mund zu erfühlen – unkontrolliert loszulächeln, wenn man merkt: Lippen und Zungen harmonieren einfach, das in einem heißen One-Night-Stand mündet oder die Hormonexplosion zu spüren, wenn so ein Flirt ins Verknalltsein umschlägt. Neben Sex halt einfach die schönste Nebensache der Welt.

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.