Blick auf den Campus der Hochschule Fulda in der Leipziger Straße.
Der Campus der Hochschule Fulda darf nach wie vor nur mit begründeten Ausnahmen betreten werden. (Foto: Robert Gross)

Die Corona-Krise ist längst nicht überstanden, von Normalität kann keine Rede sein. Die Kultur und die Veranstaltungsbranche beispielsweise leiden faktisch unter einem Berufsverbot. Auch der Bildungssektor ist hart getroffen und muss radikal umdenken. Aus den Schulen haben wir bereits einiges berichtet. Aber wie sieht’s eigentlich an der Hochschule aus? Studierende, die Vizepräsidentin der Hochschule Fulda und der AStA berichten, wie das Lernen und Lehren unter Corona-Bedingungen so läuft.

“Ich kenne bis jetzt niemanden, der oder die sagt: ‘Juhu, online studieren ist so toll!’ Mir kommt das Ganze wie ein Geistersemester vor.” Dennis Janser studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Fulda im vierten Semester und ist sichtlich genervt vom Lernen unter Corona-Bedingungen: keine Präsenzveranstaltungen, alles findet online statt – ob Seminare oder Vorlesungen, das Bereitstellen von Literatur oder Skripten wie auch Absprachen zu Terminen und Fristen.

“Der für mich wichtigste Teil des Studiums fällt momentan komplett weg. Die Diskussionen und der Austausch mit Professor*innen und Kommiliton*innen hilft ungemein beim Verständnis der Materie, was wiederum allgemein motiviert, sich mit dem Unistoff auseinanderzusetzen”, so der 25-Jährige weiter. Insbesondere in so einem sozialen Studiengang ist der direkte Kontakt wichtig. Bei Informatikern sieht das vielleicht wieder anders aus, und sie blühen angesichts der technischen Herausforderungen gerade auf.

Fast genauso schlimm wie der fehlende Austausch face to face sei die Unübersichtlichkeit der Module. “Jeder Dozent lädt seine Dateien woanders hoch, Abgabetermine finden sich mal in Youtube-Videos, mal auf LUST (Lernplattform), mal in der Hochschul-Mailadresse, mal im privaten Postfach”, kritisiert Dennis. Man fühle sich zudem komplett erschlagen von den vielen Texten, und dann hieße es gefühlt: “Viel Spaß mit der Literatur, wir sehen uns zur Prüfung.” Zu Hause lesen und lernen habe ihm noch nie gelegen, dafür könnten aber natürlich die Dozent*innen nichts. Der sehr eingeschränkte Zugang zur Bibliothek hilft da auch nicht unbedingt weiter.

“Bei all dem Hate muss man aber auch vor einigen Dozent*innen den Hut ziehen”

Auch Katharina Grösch findet es “ein wenig chaotisch, da jeder Dozent und jede Dozentin es anders gestaltet. Manche sprechen in Online-Meetings die Themen durch und bearbeiten Aufgaben mit uns, andere laden Dokumente ohne ein weiteres Wort hoch”, so die 21-Jährige, die Internationale Betriebswirtschaftslehre studiert. Auch bezüglich der Prüfungsbedingungen höre sie ständig etwas anderes, sie wünsche sich hier klarere Ansagen von Lehrenden oder Hochschulleitung. “Prinzipiell finde ich die Möglichkeiten, die uns online gegeben werden, aber ganz in Ordnung, bei den Webex-Meetings kommt doch mal etwas Vorlesungs-Feeling auf.”

Wie Katharina und Dennis fehlen auch Rike Schmidt-Bäumler die Diskussionen über Inhalte, überhaupt die soziale Interaktion. Denn eins habe die 22-Jährige gemerkt – “dass das Studium für mich nicht nur aus Seminaren und Stoff besteht, sondern vor allem sind es die Menschen, die es so schön machen, das Studentenleben eben”. Wie Dennis studiert Rike Soziale Arbeit im vierten Semester. “Für mich ist das Online-Studium eine neue Art zu lernen, konsequent Materialien aufzuarbeiten und aktiver dranzubleiben”, sagt sie. Besonders gut finde sie, wenn in Video-Meetings dann doch mal richtige Diskussionen entstehen. Gut laufende Gruppenarbeiten oder andere Formen der Erarbeitung seien online aber noch schwer umzusetzen.

Auch Tamina Gerhold studiert Soziale Arbeit. Abgesehen vom fehlenden Kontakt laufe es “erstaunlich positiv”, sagt sie. Es sei interessant, Kommiliton*innen und auch Dozent*innen via Webcam im privaten Kontext zu erleben. “Und es ist sehr positiv, dass ich so neuen Herausforderungen ausgesetzt bin, wie zum Beispiel Videokonferenzen und mehr Selbstorganisation”, so die 26-Jährige weiter. Gleichwohl kritisiert auch sie, dass vor allem die technische Organisation ziemlich unübersichtlich sei, Dozent*innen unterschiedliche Kommunikationsportale nutzten und teils das Know-how fehle. Zudem werde der uneinheitliche Umfang von Studien- und Prüfungsleistungen als ungerecht empfunden, habe sie mehrfach von Freund*innen gehört. “Manche Dozent*innen fordern wöchentlich Exposés, andere wiederum nur selbständiges Durcharbeiten von Präsentationen”, erzählt Tamina. “Bei all dem Hate muss man aber auch vor einigen Dozent*innen den Hut ziehen”, räumt Dennis ein. “Viele bemühen sich, rund um die Uhr erreichbar zu sein, die Themen so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und für uns Studierende das Bestmögliche rauszuholen.”

AStA und Studierendenparlament haben einen Forderungskatalog aufgestellt

“Der wahrgenommene erhöhte Workload (Arbeitbelastung) ist sicher darin begründet, dass nun in der Onlinelehre der Stoff im größeren Umfang selbstständig erarbeitet werden muss, zum Beispiel durch regelmäßig zu erfüllende Aufgabenstellungen”, erklärt Prof. Kathrin Becker-Schwarze, Vizepräsidentin der Hochschule Fulda. In der Präsenzlehre werde dieser Workload nicht immer so wahrgenommen und auch nicht immer erbracht. “Und dass Dozent*innen auch während des Semesters Aufgaben geben, ist nicht neu und wird als Voraussetzung für den Kompetenzerwerb gesehen”, so die Professorin für Familien- und Jugendrecht weiter. Wenn diese Aufgaben jedoch als Zulassung zur Modulprüfung genutzt werden, müsse das im Modul auch so geregelt sein.

Allgemein gab es viele und große Voraussetzungen für die Umstellung des Lehrbetriebs ins Netz – ein Riesenaufwand für Lehrende wie für Studierende. “Die Besonderheit dabei war, dass das von jetzt auf gleich passieren musste”, sagt Becker-Schwarze und fährt fort: “Bei allen Einschränkungen und Belastungen durch die Corona-Pandemie muss auch positiv gesehen werden, dass uns diese Umstellung sehr gut gelungen ist und einen großen Schub in Richtung Digitalisierung gebracht hat.” Das würden auch Rückmeldungen aus den Fachbereichen und von Studierenden bestätigen.

“Auch wir vom AStA sehen, wie bemüht die Hochschule zur Zeit ist, faire und praktikable Lösungen zu finden”, betont Viktoria Stubbe, die für die Öffentlichkeitsarbeit beim Ausschuss zuständig ist. “Wir stehen in engem Kontakt mit der Hochschule, da Lehrkräfte, Präsidium und Angestellte aktiv nach den Problemen aus der Studierendenschaft fragen und an Lösungen arbeiten. Insofern bitten wir Studierende auch, mit Problemen zu uns zu kommen, damit wir sie weiter kommunizieren können”, so die 30-Jährige weiter. Auch der AStA habe schon oft gehört, dass sich viele erschlagen fühlen vom digitalen Workload. Gemeinsam mit dem Studierendenparlament hat der Ausschuss einen Forderungskatalog aufgrund der Corona-Krise aufgestellt, der noch mit der Hochschule diskutiert werden muss, hier findest den Katalog in Gänze. Es geht vor allem darum, Modul- und Prüfungsregelungen während der Krise zu lockern, um Chancengleichheit zum Studium unter normalen Bedingungen zu schaffen.

“Die Hochschule wird als sozialer Ort leider nicht wieder so schnell stattfinden”

Natürlich hat sich auch die Arbeit des Allgemeinen Studierendenausschusses durch die Corona-Krise radikal gewandelt, was sie aber auch als Chance an die Studierenden weitergeben: “Ich denke, noch nie war es so einfach, sich einfach mal für Gremienarbeit zu interessieren und quasi aus der Komfortzone des eigenen Sofas an einer Sitzung teilzunehmen”, findet Viktoria. Ihre Aufgaben seien durch Corona umfänglicher geworden, wie alle müssten auch sie sich in die Situation einfügen. Darüber hinaus hat der AStA einen “digitalen Wochen-Uploadplan” zusammen mit dem Team vom Café Chaos, das ja vom AStA betrieben wird, der Referentin für Internationales und der Referentinnen für Sport und Ernährung erstellt. Auf Facebook und Instagram organisieren sie Live-Events wie Kochen mit dem Leiter des Café Chaos, ein “International get together, wo Yasamin (Referat Internationales) auf Englisch über Gremienarbeit spricht, oder freitags einen Kunst- und DIY-Abend mit Viktoria. “Wir sind zwar keine Influencer und wollen es auch nicht werden, aber als AStA vermissen wir schon das Campusleben und wollen so mit den Studis in Kontakt bleiben”, so Viktoria.

“Ich hoffe natürlich, dass wir dieses gesellschaftliche Leben und Lernen schnell wiederbekommen, aber die Hochschule wird als sozialer Ort leider nicht wieder so schnell stattfinden”, weiß Vizepräsidentin Becker-Schwarze. Die Hochschulleitung gehe davon aus, dass auch das Wintersemester 2020/21 hauptsächlich online stattfindet – zumal jetzt bereits die Planungen dafür losgehen und sie sich auf alles einstellen müssten. “Es wird vereinzelt Präsenzveranstaltungen geben. Aber alles, was online geht, machen wir online”, stellt Becker-Schwarze klar. So werde es auch keine Ersti-Woche wie sonst geben, sondern nur einen abgespeckten Start ins Studium. Natürlich sollten die Erstsemester aber den Campus kennenlernen, um zu wissen, wo sie studieren.

Keine schönen Aussichten fürs Studieren in diesem Jahr – hoffen doch alle darauf, möglichst bald wieder normal und vor allem gemeinsam lernen zu können. Es helfe zwar nichts, sich zu beklagen – “aber alle finden’s scheiße, dass wir uns nicht sehen können, und es sollten Mittel und Wege gefunden werden, dass wir möglichst bald wieder normal studieren können”, findet Dennis. Auch Tamina, Katharina und Rike wünschen sich das und hoffen nur, dass die Prüfungsphase einigermaßen gut läuft. Wir sagen: gutes Gelingen!

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.