Fulda, Innenstadt, Onlinehandel
Ganz in der Nähe vom Buttermarkt, in der Karlstraße vor dem Dönerimbiss Tat, ist eine Gruppe junger Männer zwei Frauen sexistisch und rassistisch angegangen. (Foto: Johannes Ruppel)

Sophia und Nina denken an einem Abend vor zwei Wochen an nichts Böses, als sie sich beim Dönerimbiss in der Karlstraße noch etwas zu essen holen wollen. Doch dann werden sie von einer Gruppe junger Männer aufs Übelste rassistisch und sexistisch angegangen. Mindestens einer zeigt wohl mehrmals einen Hitlergruß. Der Fall liegt nun bei der Polizei. move36 hat mit den beiden jungen Frauen gesprochen.

Update, 19. Juni: Das Polizeipräsidium Osthessen hat bestätigt, dass die beiden Frauen den Tathergang so geschildert haben; die Geschädigten und mutmaßlichen Täter müssen allerdings noch vernommen werden, um mehr Klarheit zu bekommen. “Nach derzeitigem Sachstand wurden durch das Verhalten der Täter die Straftatbestände der Volksverhetzung, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Beleidigung erfüllt. Die Polizei wird diesen Fall wie auch alle anderen strafrechtlich relevante Sachverhalten konsequent und mit Nachdruck verfolgen”, so Polizeisprecher Stephan Müller gegenüber move36. Solltest du Zeuge sein, kannst du dich unter 0661/105-0 bei der Polizei melden.


Der Facebook-Post vom 4. Juni hat hohe Wellen geschlagen in den sozialen Medien; insgesamt 151-mal wurde er geteilt und viel diskutiert. “Ich bin sprachlos über das, was sich gestern Nacht ereignet hat”, leitete Sophia den Post ein. Und sie sei noch sprachloser darüber, dass so viele Menschen vorbeigelaufen seien, ohne einzuschreiten und zu helfen.

Was war passiert? Sophia aus Kassel und Nina aus Stuttgart, beide ursprünglich aus Fulda, besuchten vor zwei Wochen Familien und Freunde in der Heimat. Nina heißt eigentlich anders; um sicher zu gehen, möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Öffentlichkeit nennen. Gegen 22 Uhr am Abend des 3. Juni wollten sie sich nur noch einen Döner in der Karlstraße holen. Sophia stand in der Schlange, Nina mit einer dritten Freundin im Bunde draußen.

“Ein Typ in einer Gruppe rechts von mir fing dann damit an, die AfD sei die beste Partei und so weiter. Als ich zu ihm schaute und er das registrierte, warf er mir nur ‘Chemo-Bitch’ an den Kopf – wegen meiner kurzen Haare”, erzählt Sophia. “Ich habe viel Temperament und ihn direkt konfrontiert damit, was das soll. Daraufhin stieg ein Freund von ihm, der in der Schlange vor mir stand, in die Beleidigungen mit ein, sprach mir wegen meiner Kurzhaarfrisur das Recht ab, eine Frau zu sein”, so die 21-Jährige weiter. Beschimpfungen wie “Fotze” flogen lautstark durch den Imbiss.

“Du hast jetzt nicht ernsthaft einen Hitlergruß auf offener Straße gezeigt?”

Der Streit verlagerte sich nach draußen, als Sophia sah, wie der Dritte des Trios vor dem Imbiss anfing, Hitlergrüße zu zeigen. “Du hast jetzt nicht ernsthaft einen Hitlergruß auf offener Straße gezeigt?”, so Sophia zu ihm. Nina mischte sich ein – woraufhin dieser sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe beleidigte, sie fragte, was ihr das Recht gebe, ihn anzusprechen. Sie solle sich “in ihr Land verpissen und auf dem Acker arbeiten”. “Du bist hier gerade bei einem Döner. Wenn du schon rassistisch bist, dann steh wenigstens voll und ganz dahinter”, entgegnete die 20-Jährige nur.

Laut den beiden Frauen habe dann ein Zweiter aus der Gruppe ebenfalls Hitlergrüße gemacht und scherzhaft zu seinen Kumpels gemeint, warum die sich so aufregen, dass er den rechten Arm hebe. Diesen rassistischen und sexistischen Übergriff hätten mindestens zwei Gruppen gesehen, seien aber nicht eingeschritten, so die beiden Frauen. Überhaupt seien viele einfach vorbeigelaufen und hätten nichts gesagt. “Wo ist eure Zivilcourage? Wie kann man bei so einem lautstarken Konflikt, wo man genau hört, was für eine kranke Scheiße gebrüllt wird, nicht stehen bleiben und verbal helfen?”, entrüstet sich Sophia in ihrem Post.

Der Konflikt sei nur schlimmer geworden, sie hätten sich nur noch angeschrien, so Sophia und Nina. Auch wenn einer der Männer dann versucht habe, die Hitlergrüße runterzuspielen – von wegen seine Freunde seien betrunken, die “labern nur Scheiße”. “Aufgelöst hat sich die Situation dadurch, dass ich irgendwann nur noch gesagt habe: ‘Verpisst euch, verpisst euch! Sonst eskaliert das hier gleich richtig'”, erzählt Sophia. Sie seien dann einfach abgezogen.

Bislang erst ein Zeuge

Über Social Media hat Nina zwei Männer sehr schnell identifiziert. Sie scheinen bekannt für solche Aktionen zu sein. “Uns haben so viele Frauen geschrieben, dass sie von dieser Truppe sexuell belästigt oder gar beklaut wurden. Einen Kumpel von uns haben sie mal auf Gleise geschubst”, so Sophia. “Wir haben viel Unterstützung bekommen.”

Allerdings haben sie bislang erst einen Zeugen, der bereit ist auszusagen. Sie haben sogar Zettel mit einem Zeugenaufruf in den Wohnungen im Umfeld der Karlstraße verteilt. Vergangene Woche haben Sophia und Nina den Fall zur Anzeige gebracht, ihre Aussagen müssen sie allerdings noch tätigen. Das Polizeipräsidium Osthessen hat sich gegenüber move36 noch nicht zum Fall geäußert. Sobald Infos zu unserer Anfrage folgen, ergänzen wir sie hier.

“Das kannst du dir echt stecken”

Doch bevor sie bei der Polizei aussagen, wollen sich die jungen Frauen bei Response in Kassel Hilfe holen – einer Beratungsstelle für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt. Hilfe dazu, wie sie am besten aussagen – denn bei solch politischen Vorfällen kann jedes einzelnen Wort ausschlaggebend sein. Außerdem wollen sie sich einen Anwalt nehmen, der Antirassismus-Verein “Fulda stellt sich quer” hat ihnen zu einem politischen Anwalt geraten, der sich mit solchen Fällen auskennt.

Zu guter Letzt folgt noch das absurde Ende dieser Geschichte: “Am nächsten Tag hat sich einer aus der Gruppe bei mir gemeldet und wollte sich entschuldigen und meinte, das sei alles nicht so gemeint gewesen, wir hätten ja das gleiche Blut”, berichtet Sophia. Die Formulierung “das gleiche Blut” offenbart nichts anderes als ein rassistisches Weltbild mit irrealen Vorstellungen von einer ethnologischen Reinheit – die es nicht gibt. Bei Nina hat er sich nicht versucht zu entschuldigen.

“Ich dachte nur: Das kannst du dir echt stecken”, so Sophia.

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