Veronika Simon-Kutscher entschied sich gegen eine Ausbildung und für ein Studium an der Hochschule Fulda (Foto: Nadine Buß)

Wer Hebamme werden will, muss seit 2020 studieren. Dadurch soll der Beruf attraktiver werden. In allen Ländern der EU – bis auf Deutschland – ist das schon der Fall. Während viele die Akademisierung für längst überfällig hielten, gibt es aber auch ein paar Fallstricke. Drei Fuldaer Studentinnen erzählen von ihren Erfahrungen.

Von Nadine Buß und Luisa Hauser

Dorothea, Hannah und Veronika haben es geschafft: Sie haben seit Kurzem den Bachelor in Hebammenkunde in der Tasche. Für zwei von ihnen war der Entschluss schnell gefasst. Veronika Simon-Kutscher (26), die aus Offenbach stammt, hatte zudem eine Ausbildung an einer Hebammenschule in Betracht gezogen. Einer der Gründe: Sie wollte ihre Eltern finanziell nicht belasten. Beim Bewerbungsgespräch stellt sie dann jedoch fest: „Meine Prioritäten haben nicht mit denen der Hebammenschule übereingestimmt.“ Der Fokus – so Veronikas Eindruck – habe dort mehr auf der Medizin als auf dem ganzheitlichen Menschen gelegen, sagt sie. Aber vor allem das Soziale ist ihr wichtig. Die Entscheidung gegen eine Ausbildung und für ein Studium führte alle Hebammen an die Hochschule Fulda.

Der Job hat es in sich: Schichtdienst, Abrufbereitschaft, viel Verantwortung, körperliche und psychische Belastungen. All das konnten Veronika sowie die aus der Nähe von Stuttgart stammende Dorothea Schöneberg (23) und Hannah Martin (24) aus Rosenheim bereits in der Praxis erfahren. Denn das Studium ist dual. Das heißt, in Blockeinheiten wechselten sie zwischen Hörsaal und Kreißsaal. Zu den Herausforderungen kommt noch hinzu: Ob Studium oder Ausbildung – in der Regel werden Hebammen unabhängig vom Bildungsabschluss gleich vergütet. Bisher war die Ausbildung laut dem Deutschen Hebammenverband mit einer zehnjährigen Schulausbildung, also mit dem Realschulabschluss, möglich – in Ausnahmefällen und mit einer zusätzlichen Berufsausbildung sogar mit einem Hauptschulabschluss.

Bei jeder Geburt muss eine Hebamme anwesend sein – ein Arzt nur im Notfall

Doch auch wenn der Beruf nun an die Hochschule wandert, wird kein finanzieller Anreiz geschaffen. Das ist ein Problem. Vor allem weil die ganze Berufsgruppe nach wie vor hohe Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung zahlen muss – ohne die Hebammen nicht arbeiten dürfen. All diese Punkte führten in der Vergangenheit dazu, dass etliche ausgebildete Hebammen in einen anderen Beruf wechselten. Um diese Lücken zu füllen, mussten Hebammen aus dem Ausland rekrutiert werden.

Was also sind die Vorzüge der Akademisierung? Das beantwortet Professorin Beate Blättner, Studiendekanin des Fachbereichs und Leiterin des Studiengangs Hebammenkunde an der Hochschule Fulda: „Es geht vor allem um eine adäquate Versorgung von Patienten und Patientinnen sowie um eine Versorgung aller, die gesundheitlicher Unterstützung bedürfen. Sie haben den Anspruch auf bestmögliche und damit auch wissenschaftlich gestützte Versorgung.“

Zum anderen gehe es auch um faire Chancen für diejenigen, die den Beruf ausüben: Hebammen müssen laut Prof. Beate Blättner immerhin für mögliche Fehler geradestehen. Daher sei es wichtig, dass sie sich über den neuesten Stand des Wissens informieren und diesen auch in die Praxis umsetzen können. Denn „bei jeder Geburt muss eine Hebamme dabei sein, ein Arzt nur dann, wenn Komplikationen auftreten“, so die Professorin weiter.

“Ich will doch mit dem Menschen arbeiten”

Hebammen würden daher eine hohe Verantwortung für das Leben von Mutter und Kind tragen. Blättner ist sich sicher: „Eine berufliche Ausbildung reicht dafür nicht aus.“ Auch Dorothea, Hannah und Veronika heißen die Akademisierung prinzipiell gut – denn aktuell sei nichts einheitlich. „Es wird in Deutschland gesagt, die Ausbildungsstandards seien so hoch. Aber es gibt keine einheitlichen Prüfungen, kein einheitliches wissenschaftliches Niveau. Auch die Lehrinstanzen werden nicht überprüft. In den Hebammenschulen unterrichten teils Assistenzärzte, die eher einen schulmedizinischen Ansatz verfolgen, jedoch keinen hebammenwissenschaftlichen“, kritisiert Dorothea.

Die drei Hebammen würden sich immer wieder für einen primärqualifizierenden Studiengang, wie er an der Hochschule Fulda geboten wird, entscheiden. Primärqualifizierend bedeutet, dass man das Studium ohne vorherige Ausbildung an einer Hebammenschule beginnen kann. Es besteht aus einem theoretisch-wissenschaftlichen und einem praktischen Teil. „Alles ist miteinander verwoben und vernetzt“, so Dorothea. „Wir fühlen uns dadurch gut auf unseren Beruf vorbereitet“, sind sich alle drei einig. Der Weg, den die ehemaligen Studentinnen gewählt haben, soll in Zukunft der Standard sein.

Zurück zur Hochschule. Veronika hatte zunächst eine Befürchtung: „Anfangs hatte ich gedacht, wissenschaftlich zu arbeiten ist vor allem in dem Beruf viel zu trocken. Dann wird es nur noch theoretisch. Ich will doch praktisch am Menschen und mit dem Menschen arbeiten.“ Schnell merkte sie: „Der Studiengang meint genau das: ganzheitliche Hebammenhilfe, die die medizinische mit der psychischen und sozialen Komponente vereint.“

“Eine Geburt geht über das Medizinische hinaus”

Doch die Zeit drängt. „Die Akademisierung soll nicht in der Art stattfindet, dass man nur den Namen abändert und noch ein bisschen was dazu mischt, sodass ein Studium daraus wird. Die Sichtweise auf die Geburt muss sich ändern! Die Geburt ist etwas, was über das Medizinische hinausgeht – die soziale Komponente spielt eine wichtige Rolle“, sagt Veronika.

Neben dem Zeitdruck gibt es noch ein anderes Problem: In der Praxis kommt es bei der Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Frauenärzten immer wieder zu Konflikten. Für beide Berufsgruppen gibt es unterschiedliche Gesetze. Für die Hebammen das Hebammengesetz, das die Schwangerenbetreuung umfasst. Und für die Frauenärzte gelten die Mutterschaftsrichtlinien. Für sie ist vorgegeben, Risikoschwangerschaften und Risikogeburten medizinisch zu betreuen.

Aber: „Die Zuständigkeitsbereiche sind trotzdem nicht ausreichend abgegrenzt und, das macht die Zusammenarbeit sehr schwer“, so Hannah. Sie ergänzt: „Die Ärzte haben Angst, dass wir ihnen ihre Arbeit wegnehmen. Dabei sieht es das Gesetz so vor.“

“Peinlich für die Ärzteschaft”

In puncto Akademisierung wünscht sich Hannah daher folgendes: „Das Betreuungskonzept muss sich ändern. Die Zuständigkeitsbereiche müssen einfach klarer und die Kreißsäle hebammengeleitet sein! Ärzte sollten nur hinzugezogen werden, wenn es ein Problem gibt. Das funktioniert tatsächlich nur, wenn die Hebammen von den Ärzten wissenschaftliche Anerkennung bekommen.“ Ein Video macht diese Kluft besonders deutlich. Es stammt von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe – und stellt also die Sichtweise der Frauenärzte dar.

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, wertet den Beruf der Hebammen ab und klagt: „Leider müssen wir jetzt hören, dass Hebammen und Frauenärzte auf Augenhöhe operieren – das kann nicht sein.“ Seinen Aussagen zufolge könnten Hebammen in drei Jahren Studium nicht das lernen, was Fachärzte in elf oder zwölf Jahren lernen. Hebammen würden bei der Mutterschaftsvorsorge an ihre Grenzen kommen und sich aus Bequemlichkeit der Schwangerenbetreuung zuwenden. „Dass sich Albring das anmaßt, ist peinlich für die Ärzteschaft“, ärgert sich Veronika.

Auch außerklinische Geburtshilfe in Geburtshäusern und Hausgeburten hätte in den Augen von Klinikpersonal oft ein schlechtes Image. Warum, das erläutert Hannah: „Manche Ärzte stellen außerklinische Geburtshilfe so dar, als würden die Frauen mit der Hebamme zum Gebären in den Wald gehen – so funktioniert das definitiv nicht.“ Einer der Gründe für dieses Vorurteil liegt laut der drei Hochschulabsolventinnen darin begründet, dass das Klinikpersonal immer nur die Notfälle zu sehen bekommt. Also Frauen, die sich für eine außerklinische Geburt entscheiden, bei denen aber Komplikationen während der Geburt auftreten. Zur Sicherheit werden sie dann ins Krankenhaus gebracht. „Doch diese Komplikationen wären auch im Krankenhaus aufgetreten. Notfälle zu behandeln, genau dafür sind Kliniken da“, stellt Dorothea klar.

“Es muss etwas passieren” – in der Politik und bei der Aufklärung

Und wie geht‘s nun weiter? Am 18. Januar 2020 trat die neue Reform in Kraft. Ob sie den gewünschten Erfolg bringt, bleibt abzuwarten. Dorothea ist aber sicher: „Es muss politisch etwas passieren. Nur so kann in der Gesellschaft anerkannt werden, dass Hebammen einen großen gesundheitsfördernden Beitrag leisten. Die Politiker müssen begreifen, dass es sich lohnt zu investieren – auch in Sachen Akademisierung.“

Außerdem muss die 23-Jährige noch etwas loswerden: „Die Rückenlage ist nach dem Kopfstand die dümmste Art und Weise zu gebären – auch wenn es in allen Filmen so dargestellt wird. Die Stellung ist in der Zeit der 1850er entstanden. Nämlich als Ärzte ihren Studenten den Geburtsvorgang besser demonstrieren wollten. Wir sollten generell mehr Aufklärungsarbeit leisten können.“

Dorothea, Veronika und Hannah haben für ihre Zukunft feste Pläne: „Ich habe eine Stelle in einer baden-württembergischen Klinik angenommen“, so Dorothea. Hannah und Veronika spielen beide mit dem Gedanken, eine zeitlang für eine Zeitarbeitsfirma für Hebammen zu arbeiten. Die Vorteile: Sie sind etwas unabhängiger, und die Firmen zahlen sogar höhere Gehälter. Langfristig sehen sich alle drei in der außerklinischen Geburtshilfe – also in der Vor- und Nachsorge von Schwangeren und Müttern. „Und mit genug Erfahrung und Routine wollen wir später auch Hausgeburten machen“, ergänzen Hannah und Veronika.

Dorothea (links), Hannah (mitte) und Veronika mit zahlreichen Nachbildungen vom weiblichen Becken: So unterschiedlich kann der Körperbau von Frauen sein (Foto: Nadine Buß)

Akademisierung – keine neue Idee

Vor einem Jahr gab Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekannt, das duale Studium für Hebammen einzuführen – und die Berufsausbildung somit zu akademisieren. Die Idee ist nicht neu.

„Der DHV (Deutsche Hebammenverband, Anm. d. Red.) setzt sich seit über 20 Jahren dafür ein, dass der Hebammenberuf vollständig an die Hochschule überführt wird. In den anderen Ländern der Europäischen Union wurde größtenteils schon vor vielen Jahren reagiert, in dem das Qualifikationsniveau auf die Stufe 6, Bachelor, angehoben wurde“, teilt Dr. Dorothea Jestädt im Namen des Deutschen Hebammenverbands auf Nachfrage mit. Im März 2019 wurde der Referentenentwurf dazu veröffentlicht. Seitdem war klar: Die Hebammenausbildung kommt 2020 an die Hochschule.

Das neu gestaltete Studium, das die Hochschule ab Oktober anbietet, sieht eine Studienzeit von sieben Semestern vor. Es wird mir dem Bachelor of Science in Hebammenkunde abgeschlossen. Doch auch bereits berufserfahrene Hebammen können von dem Studium profitieren. In diesem Fall wird die bereits gewonnene Praxiserfahrung anerkannt und ein zweijähriges Studium ist neben der Berufsausübung möglich.

Duales Studium ermöglicht Vergütung während der gesamten Studienzeit

Duale Studierende der Hebammenkunde sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigte einer Klinik. Außerdem erhalten sie eine Ausbildungsvergütung. Ein Ausbildungsvertrag mit einer Kooperationsklinik gehört dadurch zu den Zugangsvoraussetzungen zum Studium. Regionale Kooperationspartner sind sowohl das Klinikum Fulda, als auch das Herz-Jesu-Krankenhaus.

Weitere Voraussetzungen sind eine mindestens zwölfjährige allgemeine Schulausbildung oder ein abgeschlossener Pflegeberuf, sowie aktuelle Gesundheits- und Führungszeugnisse. Genaueres zu den Zugangsvoraussetzungen, Kooperationskliniken und dem Ablauf des Studiums findest du auf der Website der Hochschule.

Eine Einschreibung in das bisherige Konzept der Hebammenkunde ist nur noch bis zum Wintersemester für Hebammen mit Berufszulassung möglich. Dieses Studium kann dann ebenfalls unter Anrechnung der Berufserfahrung in vier Semestern abgeschlossen werden.


Dieser Artikel erschien in seiner ursprünglichen Form in Ausgabe #83 Oktober/November 2019. Das angegebene Alter der Protagonistinnen kann daher mittlerweile abweichen.

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