George Floyd, Demonstration
Etwa 2000 Menschen haben auf dem Platz Unterm heilig Kreuz in Fulda gegen Rassismus demonstriert. (Foto: Luisa Hauser)

Am Samstag haben etwa 2000 Menschen in Fulda beim „Silent Protest“ ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Der Eindämmung der Corona-Pandemie könnte die Demo aber geschadet haben. Ordnungsamt und Polizei haben sich dennoch gegen einen Abbruch entschieden.

Saba Hussein hätte nie erwartet, dass sie so viele Menschen würde mobilisieren können. Schließlich ist es die erste Demo gewesen, die die junge Frau organisiert hat. Saba lebt in Fulda und arbeitet freiberuflich als Dolmetscherin. Für den vergangenen Samstag hatte sie den „Silent Protest“ auf die Beine gestellt. Einen Protest gegen Rassismus und in Gedenken an den schwarzen US-Amerikaner George Floyd, der am 25. Mai in Minneapolis gestorben ist, nachdem ein weißer Polizist knapp neun Minuten auf dessen Hals und Nacken gekniet hatte.

Wie viele auf den Uniplatz kommen würden, konnte Saba im Vorfeld nur schätzen. Beim Ordnungsamt hat sie schließlich 130 Teilnehmer und Teilnehmerinnen angemeldet. Das Amt stufte die erwartete Anzahl aus eigenen Erfahrungen auf 150 bis 200 hoch. Die Auflagen für die Demo: Saba musste für 20 Ordnerinnen und Ordner sorgen, die unter anderem ein Auge darauf hatten, dass alle den corona-bedingten Mindestabstand zueinander einhalten.

„Silent Protest“ in Fulda: Corona-Abstand nicht möglich

Das war aber im Laufe der Demo so gut wie unmöglich. Am Samstag sind deutlich mehr Menschen gekommen, als Organisatorin Saba und das Ordnungsamt erwartet hatten. „Zur Auftaktkundgebung hatten sich auf dem Uniplatz 800 bis 1000 Menschen versammelt“, schreibt die Stadt Fulda auf Nachfrage von move36. „Die Abstandsregeln konnten dort noch weitgehend eingehalten werden.“ Ordner und Ordnerinnen hatten Personengruppen immer wieder darauf aufmerksam gemacht, Abstand zu wahren. Auch Polizei und Ordnungsamt hatten ein Auge darauf.

Nach der Auftaktkundgebung auf dem Uniplatz zog die Menschenmenge über Buttermarkt und Marktstraße zum Platz Unterm Heilig Kreuz. Fast acht Minuten hat es gedauert, bis der Demozug den Buttermarkt passiert hatte. „Es schlossen sich offenbar immer mehr Menschen der Versammlung an, so dass deren Zahl zur Zwischenkundgebung auf dem Platz Unterm Heilig Kreuz bereits auf rund 2000 Teilnehmer angewachsen war“, schreibt die Stadt.

Daraufhin habe die Ordnungsbehörde kurzfristig reagiert und die Friedrichstraße für den Verkehr sperren lassen, um zusätzliche Fläche für die Versammlung zu schaffen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu entzerren. „Trotzdem konnten die Abstandsregeln dort sowie in Teilen des weiteren Demonstrationszugs nicht durchgehend eingehalten werden“, heißt es von der Stadt. „Zudem war es für die beteiligten Ordnungskräfte in vielen Fällen schwierig zu bewerten, ob Personen, die das Abstandgebot augenscheinlich missachten, nicht womöglich einer häuslichen Gemeinschaft zuzurechnen und somit an die Abstandsregeln nicht gebunden sind.“

Ordnungsamt und Polizei entscheiden sich gegen Auflösung der Demo

Die Demo an Samstag in Fulda ist ein starkes Zeichen gegen Rassismus gewesen. So viele Menschen kommen in der Barockstadt selten zusammen, um friedlich zu protestieren. Kundgebungen auf dem Uniplatz und in der Johannisau während den vergangenen Wochen hatten deutlich weniger Personen mobilisiert.

Diese Menschenmenge könnte jedoch Segen und Fluch zugleich sein. Schließlich verbreitet sich das Coronavirus Sars-CoV-2 schneller, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. So hatten sich zuletzt zum Beispiel 200 Mitglieder einer Frankfurter Baptistengemeinde mit dem Erreger infiziert.

Ordnungsamt und Polizei in Fulda hatten sich dennoch dafür entschieden, die Demo nicht abzubrechen. „Das hohe Gut der Versammlungsfreiheit ist durch das Grundgesetz besonders geschützt“, teilt die Stadt mit. „Eine Auflösungsentscheidung muss gut begründet sein, um vor Gericht Bestand zu haben. Insofern mussten Polizei und Ordnungsamt hier zwischen der Versammlungsfreiheit und dem Infektionsschutz abwägen.“

Nachverfolgung der Kontaktpersonen: Wäre für Gesundheitsamt fast unmöglich

Ob wegen der Demo die Anzahl der Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 wieder deutlich zunehmen wird, ist laut Frederik Schmitt, Gesundheitsdezernent des Landkreises Fulda, nur schwer vorherzusagen. „Alle Veranstaltungen, bei denen sich viele Menschen begegnen, können Auswirkungen auf den regionalen Verlauf der Pandemie haben“, sagt Schmitt.

Sollten sich Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Protests am Samstag infiziert haben, wird es für das Gesundheitsamt unter Umständen knifflig. „Die Kontaktpersonennachverfolgung ist nahezu unmöglich, da keine Kontaktdaten hinterlegt wurden“, sagt der Gesundheitsdezernent. „Man weiß zum einen nicht, wer an der Demonstration teilgenommen hat, zum anderen wissen, Teilnehmer und Teilnehmerinnen oft selbst nicht, wer neben ihnen gestanden hat oder gelaufen ist.“ Für die Zukunft wünscht sich Schmitt, dass Demos einer solchen Größe an einem anderen, weitläufigeren Ort stattfinden würden, an dem es allein einfacher und besser gelinge, Abstand zu halten.

Planmäßig hätte es auch keine Probleme damit gegeben, die Corona-Auflagen einzuhalten. Egal ob auf dem Uniplatz, Unterm heilig Kreuz oder während des Gangs durch die Stadt: 200 Leute hätten überall genügend Platz gehabt, Abstand voneinander zu halten. Dass es dann etwa zehnmal so viele werden würden, damit hatte niemand gerechnet.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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