Eine weibliche Sexpuppe liegt in einem Zimmer des Sexpuppenbordells “Unique Dolls” in Helsinki. Auch in Deutschland gibt es ein solches Etablissement. (Foto: Steffen Trumpf/dpa)

Die Sextoy-Branche boomt. Dem Hersteller Fun Factory beispielsweise brachte die Corona-Krise eine durchschnittlichen Umsatzsteigerung von 50 Prozent ein. Auch smarte Toys überschwemmen den Markt. Die nächste Stufe der Entwicklung: Sexroboter, die dank künstlicher Intelligenz immer menschenähnlicher werden. Die Erotikindustrie revolutioniert sich gerade – im guten wie im schlechten Sinne. Denn Gefahren birgt diese Entwicklung allemal. Und überhaupt: Wie wirkt sich das auf unser Liebesleben, auf unsere Vorstellung von Sexualität aus? Diese Geschichte erschien zuerst in unserem Magazin im Mai letzten Jahres.

Von Constanze Gollbach und Daniel Beise

Virtuelle Brillen erlauben es, mit der Nachbarin zu schlafen, ohne sie überhaupt zu berühren. Masturbartoren reagieren auf Stoßbewegungen mit Stöhnen oder Dirty Talk. Und der Partner steuert mittlerweile den Vibrator seiner Freundin aus 100 Kilometer Entfernung. Smarte Sextoys sind die Revolution der Erotikindustrie.

Die digitalen Möglichkeiten sind enorm, die maschinellen zudem so ausgereift, dass Sexroboter in ein paar Jahren erschwinglich sein könnten. „Harmony“ heißt einer der bislang fortschrittlichsten auf dem Markt. Kunden können sich Gesicht, Körperbau, Hautfarbe, Brust- wie Nippelgröße und sogar Charaktereigenschaften aussuchen. Schlecht scheinen sie jedenfalls nicht anzukommen: In Italien war Ende 2018 schon das erste Sexroboter-Bordell ausgebucht.

Was früher in verschlossenen Schränken aufbewahrt wurde, kann man sich heute im Prinzip als Deko in die Wohnung stellen. Sex-Spielzeuge sind stylisch, modern designt und voller Zusatzfunktionen. „Zu smarten Sextoys zählen App-gesteuerte Spielzeuge. Die Auswahl an Produkten wächst immer weiter und reicht mittlerweile von der einfachen Bedienung über eine passende App und Virtual Reality Tools bis zu eingebauten Kameras“, erklärt Susanne Gahr, Pressesprecherin für den Onlinevertrieb beim Erotik-Unternehmens Orion.

Fernbeziehung aufpäppeln oder Geschlechtertausch simulieren: “Der Markt hat sich rasant entwickelt”

Nicht nur der Sex allein, sondern auch die Liebe auf Distanz soll aufgepäppelt und der Sex so realitätsnah wie möglich simuliert werden. So haben Hersteller beispielsweise Masturbartoren und Vibratoren entwickelt, die mit Virtual-Reality-Brillen oder interaktiven Armbändern gekoppelt werden. Über die Kopplung kann der Partner über sein Toy Berührungen des Gegenstücks spüren.

Virtual-Reality-Brillen werden aber nicht nur als Spielzeug für Paare geführt, sondern geben Singles die Möglichkeit, Fantasien auch ohne Partner zu befriedigen. Die Toys werden meistens über Apps der Hersteller gesteuert. Über diese kannst du dir Virtual-Reality-Content herunterladen, sprich pornografische Szenen, in denen du der Hauptakteur bist. „Der Markt hat sich rasant entwickelt. Auch wir haben eine eigene Kreativabteilung, die sich mit der Technologie und Entwicklung unserer Eigenmarken befasst“, erklärt Gahr von Orion. „Es ist erstaunlich, in was für Welten man durch die Technologie abtauchen kann.“ Doch für Sexroboter im Sortiment sei es noch zu früh.

Durch Virtual-Reality-Brillen ist es möglich, zwei verschiedene Illusionen zu erleben: entweder an einem anderen Ort zu sein, in der „Place Illusion“, oder die „Illusion of Embodiment“ – das Gefühl, einen anderen Körper zu besitzen. Sex mit bekannten Pornodarstellern oder ein Geschlechtertausch werden auf einmal greifbar.

Foto: Disobeyart/Adobe Stock

Was sowohl beim Sex mit realen Menschen wie auch mit smarten Sextoys gilt, ist: Safety first. Vernetztes Spielzeug, das über Smartphones, Internet oder via Bluetooth gesteuert wird, birgt Risiken. Denn: Sie sind nicht immer so sicher, wie die Hersteller behaupten. Auf dem Hacker-Kongress „35C3“ stellte der 24-jährige IT-Experte Werner Schober seine Ergebnisse über die Sicherheit von Sextoys vor. Er konnte auf die Datenbanken aller App-Nutzer des „Panty Buster“, ein Vibrator für unterwegs, zugreifen, in der sich Bilder wie auch Passwörter befanden. Außerdem stellte er bei einer Vielzahl anderer Sextoys fest, dass Hacker sich problemlos Zugriff verschaffen könnten. Sprich sie könnten sehen, wo, wie und wann du dein Spielzeug benutzt hast. Ob man das möchte? Wohl eher nicht. Er ist bei weitem nicht der einzige ITler, der auf die Gefahren für diese sensiblen Daten hinweist.

Und trotzdem: Die Technologie schreitet voran. Inzwischen liegen elektronische Sexpuppen nicht mehr nur rum, sondern sprechen, reagieren auf Berührungen und bewegen sich. Die Blicke zwar noch etwas glasig und die Bewegung ungelenk, doch die Fortschritte nehmen an Fahrt auf. Schon vor Jahren hat der KI-Wissenschaftler David Levy prognostiziert, dass es ab 2050 ganz normal sein wird, Roboter zu heiraten.

“Das ist besorgniserregend, um nicht zu sagen pathologisch”

Schon heute wäre laut einer Studie des Frauenhofer-Instituts jeder fünfte Deutsche nicht abgeneigt, mit einem Sexroboter zu schlafen. Eine Bereicherung? Oder vergiften Sexroboter unser Miteinander? Unser Liebesleben? Unseren Sex?

„Ich denke, der Name Spielzeug sagt schon alles. Die Menschen wollen eine spielerische Komponente in ihr Sexleben bringen“, sagt der Fuldaer Philosoph Dr. Christopher Quarch im Gespräch mit move36. „Wer spielt, kann sich in ungewöhnlichen Rollen ausprobieren und dadurch Seiten seiner Seele ans Licht bringen, die er oder sie im ‚ernsten‘ Alltagsleben – vielleicht auch beim ‚ernsten‘ Sex – so nicht zeigen kann.“

Sexspielzeuge gab es schon in der Antike. Doch insbesondere in Bezug auf Sexroboter hat Philosoph Quarch eine deutlich kritischere Haltung: „Wenn Menschen so etwas nutzen, dann hat das etwas mit einer Entfremdung von der eigenen Leiblichkeit und Sexualität zu tun. Als Motiv vermute ich vor allem Angst. Angst vor der Physis, der Intimität, der Körperlichkeit. Das ist besorgniserregend, um nicht zu sagen pathologisch.“ Und weiter: „Vor allem ist das traurig. Denn, wo das Menschliche aus der Sexualität verschwindet, wird sie zu einer rein technischen Prozedur. Sexroboter sind in etwa so traurig wie Melkmaschinen.“

Kurzportrait: Der Fuldaer Philosoph Dr. Christoph Quarch

Dr. Christoph Quarch ist unser Experte in dem Text über Sexroboter. Er wurde 1964 in Düsseldorf geboren, ist Philosoph und Autor. Quarch studierte Evangelische Theologie, Philosophie und Religionswissenschaften an der Hochschule Bethel sowie in Heidelberg und Tübingen. Nach seinem Abschluss arbeitete er unter anderem als Chefredakteur und Studienleiter und unterrichtete an Hochschulen in Deutschland und in der Schweiz.

Als Autor und Herausgeber brachte er mehr als 50 Bücher raus. Nach den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris startete er eine Online-Petition zur Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes, um das Bewusstsein für die Europäische Union bei den Einwohnern der Mitgliedsstaaten zu stärken.

Seine philosophische Arbeit orientiert sich an der antiken, griechischen Philosophie, insbesondere der von Platon. Die unterschiedlichen Philosophien übersetzt er in unsere Zeit, um „ein fundiertes Verständnis unseres Menschseins“ zu entwickeln. Er selbst beschreibt sich als „Philosoph aus Leidenschaft“. Quarch lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Fulda.

Frauen nur als Sexobjekte und Männer als Sexsüchtige?

Andere sehen noch weitere Kritikpunkte. Die „Campaign Against Sex Robots“ hält das Geschäft mit den Robotern für eine „Entmenschlichung der Gesellschaft, in der Frauen zu Sexobjekten und Männer zu Sexsüchtigen degradiert werden“. Die Engländerin Kathleen Richardson hat die Bewegung 2015 mitgegründet und meint, man könne Sexroboter nicht einfach mit Vibratoren oder Taschenmuschis vergleichen. „Sexroboter sind eine wesentlich politischere Sache, denn die Unternehmen verkaufen ganze Frauen, die sich bewegen und sprechen, damit sie als Sexsklaven oder Ehefrauen benutzt werden können“, so Richardson Anfang April gegenüber dem „fluter“, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung.

Zur Zeit scheint der Markt vor allem auf die Befriedigung von Männern ausgelegt. Zwar gibt es auch männliche Sexroboter, aber noch nicht in dem Ausmaß wie weibliche. Der Hersteller Roboit beispielsweise brachte einen Roboter für Frauen heraus, der nicht nur befriedigen soll, sondern auch Komplimente geben oder Gedichte aufsagen und zuhören kann. Klar gibt es Frauen, die das mögen – wie auch Männer natürlich. Doch gerade in den avantgardistischen Technologiezentren scheint das Geschlechterbild oft noch etwas rückständig. Wie beispielsweise das Silicon Valley mit Sexismus-Skandälchen immer wieder beweist.

Tatsächlich sehen die weiblichen Sexroboter aus, als seien sie eine lebensgroße Kopie einer Barbiepuppe: Lange Haare, schmale Taille, große Brüste und volle Lippen. Mittels künstlicher Intelligenz beherrschen sie menschenähnliche Charakterzüge. In welche Stimmung der Roboter gerade gewünscht wird, wird auch hier über das Smartphone gesteuert. „Die Maschinen konvertieren Sexualität zu einer Ware, die man zu seiner persönlichen Befriedigung kaufen kann. Sie nehmen der Sexualität alles Überraschende, Unberechenbare, Lebendige“, so Philosoph Quarch. Die Erotik als menschliche Kulturform werde durch Technik ersetzt, wir brächten uns selbst um das Beste – ohne Not.

Segen und Fluch zugleich: Wie viel Zuwendung kann ein Roboter ersetzen?

Der Erfinder des „Harmony“-Roboters, Matt McMullen, verspricht die Erlösung für einsame Seelen, weil die Maschinen auch Informationen wie Lieblingsfarbe, Interessen oder Geburtstage über ihre Besitzer abspeichern und so eine emotionale Bindung aufbauen könnten. „Diese Firmen interessieren sich einen Scheiß für uns“, kann Aktivistin Richardsen darauf nur entgegnen. „Was wie ein Segen für Einsame oder Alleingelassene daherkommt, erweist sich früher oder später als Fluch“, so auch Quarch. Denn die eigentliche Sehnsucht ginge nicht dahin, befriedigt zu werden, sondern jeder sehne sich nach menschlicher Liebe, Zuwendung und Nähe. Und das kann kein Roboter geben – ist er noch so toll programmiert.

Doch was ist mit jenen, die wirklich einfach nie Liebe erfahren und sich das wünschen? Weswegen auch immer: Weil sie entstellt sind, weil sie psychisch nicht in der Lage sind, weil sie eine Behinderung haben. Auch sie müssen gehört, ihre Wünsche respektiert werden.

Einige Psychologen wollen diese Maschinen auch nicht pauschal verteufeln. Sie sinnieren darüber, ob man kindlich aussehende Roboter dazu verwenden könnte, um Pädophilen zu ermöglichen, ihre Triebe zu kompensieren, ohne Kindern zu schaden, berichtet der „fluter“ weiter. Was aber, wenn sie genau das Gegenteil bewirken und ihre Triebe nur verstärken? Eine moralisch-psychologische Frage, die sich niemals pauschal beantworten lassen wird. Die USA haben sich bereits entschieden und den Import und Vertrieb von Sexrobotern, die kindlich aussehen, verboten. Kanada denkt ebenfalls darüber nach. In Deutschland hat sich der Ethikrat mit Fragen rund um Sexrobotern noch nicht beschäftigt.

Sex: Konsumierbare Ware oder der Zauber zwischenmenschlicher Nähe?

Es ist wie bei vielen ethisch-moralischen Fragen, insbesondere in Sachen technischer Entwicklung: Die einen sehen Wahnsinnsmöglichkeiten, die anderen malen Horrorszenarien. Schwarzweiß ist die Welt jedoch nie. Und manchmal ist der technische Fortschritt schneller als die Ethik, manchmal werden ethische Fragen geklärt, bevor die technische Innovation passiert.

So hat der Mainzer Wissenschaftler Michael Madary 2016 einen Ethikkodex zum Thema virtuelle Realität veröffentlicht. In einem Interview mit „Spiegel Online“ erklärt er, dass das, was du in der echten Welt nicht machen würdest, du auch nicht in der virtuellen umsetzen solltest. Hielte man diesen ein, wäre die Auswahl an VR-Sex eher eingeschränkt.

Eine Einschränkung, die Jüngere vielleicht gar nicht so sehr stören würde. Denn gerade bei ihnen gibt es wieder einen Trend zu traditionellerem Liebesleben, zu konservativeren Beziehungsmodellen, wie in den vergangenen Jahren einige Studien festgestellt haben. Ebenso Orion, dessen Sprecherin Gahr auch eine eigene Meinung hat: „Ich persönlich hoffe nicht, dass virtueller Sex oder Sexroboter eines Tages die Partnerschaft und zwischenmenschliche Nähe gänzlich ersetzen. Denn das würde ja bedeuten, dass sie zutiefst menschliche Gefühle eines Tages obsolet erscheinen lassen.“

„Junge Menschen sollten unterstützt werden, ein gesundes Verhältnis zur Sexualität zu gewinnen“, sagt Quarch und fährt fort: „Nicht nur im Hinblick auf Roboter und Maschinen muss es darum gehen, von der Vorstellung wegzukommen, dass Sexualität reine Unterhaltung und eine konsumierbare Ware ist, die nichts mit Liebe und Menschlichkeit zu tun hat. Wenn Sexualität nur noch mithilfe von emotionslosen Maschinen stattfindet, dann werden sie früher oder später selbst zu emotionslosen Sexmaschinen, die den ganzen Zauber, die Magie einer von Liebe gesättigten Sexualität nicht mehr erfahren können.“

Historie: Sexspielzeuge gab‘s schon in der Antike

Die Geschichte der Sexspielzeuge beginnt schon vor etwa 3000 Jahren.

Kleopatra, so heißt es, wusste schon früh, ihre Lust zu befriedigen. Die Frauen im alten Ägypten bedienten sich „Vibratoren“, die mit Bienen, Fliegen oder Ameisen gefüllt waren. Das Krabbeln im Innern sollte stimulierend wirken.

In der Antike nannte man Dildos „Olisbos“. Zu dieser Zeit gab es auch das erste Produktionszentrum von Dildos, die aus Holz gefertigt und mit Leder überzogen wurden.

Die Spielzeuge dienten aber nicht nur dem Vergnügen, sondern wurden im Mittelalter vor allem zu medizinischen Zwecken benutzt. Ziel war es, durch Stimulation einen Orgasmus hervorzuführen, um Beschwerden der Frauen zu behandeln.

Im Verlauf der Geschichte zeigte sich, dass Vibratoren oder Dildos keinen medizinischen Nutzen haben. In den 70ern pushte die Entwickliung des Silikons für den Körper die Sexindustrie, und mit der Digitalisierung sind den Ideen nun kaum noch Grenzen gesetzt.

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