Etwa 2000 Menschen versammelten sich und zogen vom Uniplatz zum Bahnhofsplatz. (Foto: Felix Weigl)

Am heutigen Samstag fanden in ganz Deutschland Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt statt. Auslöser für den inzwischen weltweiten Protest war der gewaltsame Tod des dunkelhäutigen George Floyd, der im Mai durch das brutale Vorgehen eines amerikanischen Polizisten sein Leben verlor. Auch auf dem Fuldaer Uniplatz kamen etwa 2000 Menschen zusammen, um Floyd und allen Opfern von Rassismus mit einem Schweigemoment zu gedenken und beim anschließenden Demozug ein klares Zeichen zu setzen.

Um 14 Uhr richtete sich Saba Hussein, die Organisatorin des Silent Protests in Fulda, mit einigen Worten an die Demonstrant*innen. Man wolle sich friedlich und respektvoll verhalten, Solidarität mit allen Opfern von Rassismus in den USA, Deutschland und weltweit zeigen. Viele kamen zum Gedenken an den dunkelhäutigen George Floyd, der in Minneapolis sein Leben verlor, weil ein Polizist ihm minutenlang das Knie auf den Nacken drückte, sodass Floyd nicht mehr atmen konnte.

“I can’t breathe” waren Floyds Worte kurz vor seinem Tod, der derzeit Millionen Menschen aufrüttelt. “I can’t breathe” die Worte, die Saba in ihrer Rede zitierte. “I can’t breathe” die Worte, die man auf vielen Plakaten lesen konnte. Acht Minuten und 46 Sekunden dauerte der Überlebenskampf von George Floyd. Wohl eine gefühlte Ewigkeit, wenn einem die Luft abgedrückt wird. Wie lang, das merkten alle Teilnehmenden auf dem Uniplatz, denn so lange wurde zum Schweigen aufgerufen. Bedrückende Stille legte sich über den Platz – und scheinbar verging eine Ewigkeit.

“No Justice, No Peace” – 2000 Teilnehmer*innen sprengten die Erwartungen

Knapp neun Minuten später richtete sich Saba noch mal an die Demonstrant*innen, bat darum, sich an die Abstandsregelungen zu halten und führte dann den Zug an, der vom Uniplatz über den Buttermarkt, die Marktstraße entlang bis zum Platz Unterm Heilig Kreuz verlief, wo man sich erneut sammelte, um den Worten der Sprecher*innen zu lauschen. Etwa 2000 Menschen schätzte das Ordnungsamt die Anzahl, das vor Ort war, um auf die Abstandsreglungen hinzuweisen. Dass das bei so vielen Menschen auf engem Raum kaum umzusetzen war, geriet unter den Fotos bei Facebook direkt in Kritik. “Das Ordnungsamt hat die Teilnehmerzahl unterschätzt. Auf der Route wurde der Abstand weitestgehend eingehalten, auf den Plätzen wurde es schwierig”, kommentierte Philipp Ebert, Vorsitzender der Jungsozialisten Fulda.

“Black Lives Matter” und “No Justice, No Peace” waren die lauten Rufe der Demonstrierenden, während sie den Platz wieder verließen um in Richtung Bahnhofsplatz weiterzuziehen. Unter den Leuten waren neben den zahlreichen dunkelhäutigen Menschen auch viele Weiße, die sich solidarisch zeigten. Doch vor allem die von Rassismus Betroffenen sollten heute eine Stimme bekommen. Wie erleben dunkelhäutige Menschen Rassismus in Fulda?

„Ich war mit einer Freundin, die auch dunkelhäutig ist, bei der ‘Hähnchen Paula’ in Sparbrod bei Gersfeld,” erzählt Mufidah, die an der Demo teilnahm. “Wir kamen rein, und in dem Moment haben schon alle die Luft angehalten und uns angestarrt. Zwischendurch fiel die ganze Zeit das N-Wort.” Eine ohnehin schon unangenehme Situation, die aber noch schlimmer wurde: “Auf dem Weg zur Toilette saß eine Männergruppe. Meine Freundin ging zuerst aufs Klo und warnte mich schon vor, als sie wiederkam: ‘Mach dich auf viele rassistische Sprüche gefasst.’ Als ich dann selbst vorbeiging, machten die Männer Klick-Laute und lachten. Ich habe nichts gesagt, weil ich Angst hatte,” so die junge Frau.

Schlechtes Wetter, aber ausgelassene Stimmung

An dem Protest nahm auch ein Paar teil, dem im Alltag viele, unterschwellig rassistische Kommentare begegnen. Der Grund? Mohammed ist dunkelhäutig, Ina ist weiß. “Wenn wir zusammen über die Straße gehen, werden wir oft blöd angeguckt. Die Leute fragen zum Beispiel: ‘Warum bist du mit einem Schwarzen zusammen?’,” erzählt Ina, die Mohammeds Hand hält. “Man will dann keinen Streit oder Ärger, darum akzeptiert man das oft – das ist aber natürlich nicht der richtige Weg. Eigentlich sollte man etwas sagen. Andere Leute schauen immer weg.”

Mohammed lebt noch nicht lange in Fulda und erzählt, dass ihm hier noch nicht viel Negatives passiert ist. “Die Leute, die ich hier kennengelernt habe, sind sehr freundlich und menschlich. Aber es gibt Rassismus überall auf der Welt.” Er findet es wichtig, dass man Kindern schon in der Schule beibringt, dass Rassismus falsch ist.

Auf dem Bahnhofsplatz angekommen, wurde zwar das Wetter schlechter, aber die Stimmung ausgelassener. Es wurde Musik gespielt und Michael Jackson’s berühmten Refrain sangen viele mit: “It don’t matter if you’re black or white”. Einige Freiwillige fingen danach ebenfalls an, für die Menge zu singen und die Demonstrant*innen jubelten gemeinsam. Der starke Regen schien ihnen nichts auszumachen.

“Fulda hat viele Stimmen – die wollen alle raus und gehört werden”

„Ich finde, der Tag heute hat sehr viel gebracht,” fasst Deborah zusammen, die als Demonstrantin vor Ort ist. “Ich fand besonders gut, dass so viele Nicht-Dunkelhäutige da waren. Das zeigt, dass wir viel Unterstützung haben.” Unangenehme Erfahrungen macht sie in letzter Zeit nicht mehr häufig. “Als ich jünger war, habe ich den Rassismus hier schlimmer erlebt. Ich war das einzige dunkelhäutige Mädchen in der Schule und habe viele Sprüche gehört,” so Deborah. “Das hab ich nicht so an mich herankommen lassen. Ich wusste, ich muss da drüber stehen. Aber andere haben viel Schlimmes erlebt.“

Am Ende bedankten sich die Organisatorinnen für die zahlreiche Teilnahme und den friedlichen Ablauf und respektvollen Umgang untereinander. Saba Hussein war sichtlich erleichtert, dass alles gut geklappt hat, obwohl viel mehr Menschen teilgenommen haben, als erwartet. Sie war überwältigt: “No more words needed. An der großen Zahl merkt man, dass Fulda viele Stimmen hat – die wollen alle raus und gehört werden.“

Auch Nuha Sharif Ali, die bei der Organisation mitgeholfen hat, freute sich über die vielen Teilnehmer. Doch sie will mehr erreichen: “Es waren heute sehr viele junge Menschen hier, das ist natürlich toll”, sagt sie. “Aber ich würde mir wünschen, dass wir noch mehr weiße Menschen, vor allem ältere Menschen erreichen, die nicht gerade hier mit uns stehen.“ Nuha ist außerdem die Urheberin der Facebook-Veranstaltung zur Demo und hat auf der Plattform ein Video von sich hochgeladen, das unter die Haut geht.

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