Cynthia Nickschas mit ihrer Band (Foto: Malte Stabenau)

Als Tochter einer Musikerfamilie bekam Cynthia Nickschas die besten Voraussetzungen in die Wiege gelegt. Seit zehn Jahren macht sie Musik auf Straßen, Konzerten und Festivals. Auch auf dem Herzberg Festival ist die Liedermacherin inzwischen eine feste Größe. Die 32-Jährige sprach mit uns über ihre Zeit in Fulda, ihren schicksalhaften Start als Straßenmusikerin und darüber, dass Livestreams für sie keine Dauerlösung sind.

Es ist schon echt heftig, was die Musikerin Cynthia Nickschas und ihre Familie vor zig Jahren erlebt haben. Damals haben sie ihren Heimatort in Baden-Württemberg verlassen müssen und sind nach Fulda gezogen. Der Grund: “Durch ein Fahndungsbild wurde mein Vater mit einem gesuchten Massenvergewaltiger verwechselt”, sagt die heute 32-Jährige. “Der richtige Täter wurde zwar später gefasst, aber mein Vater hatte trotzdem seinen Job als Musiklehrer und seinen guten Ruf verloren. Sowas macht alles kaputt.”

Also zog es Cynthia und ihre Eltern in die Nähe ihrer Verwandtschaft väterlicherseits, die bereits in Fulda lebte. “Dort war ich erst auf der Grundschule in Weyhers, später auf der Waldorfschule in Loheland.” Nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten, ging es für Cynthia und ihre Mutter zunächst nach Australien. Dort blieben sie ein Jahr, bevor sie zurück nach Deutschland kamen. Heute haust sie mit ihrer Band in Bonn.

Mit Gitarre und 27 Euro in der Tasche zur Straßenmusik

“Zur Musik kam ich, weil ich meinen Job im Academica in Fulda verloren hatte”, erzählt Cynthia. “Ich stand plötzlich ohne Geld da und musste mir was einfallen lassen.” Eine befreundete Straßenmusikerin habe sie dann zu sich nach Köln eingeladen, um ihr gute Plätze zum Musikmachen zu zeigen.

Mit ihrer Gitarre und 27 Euro in der Tasche ist sie dann losgefahren. Erst mit dem Zug von Fulda nach Frankfurt, von dort aus hatte sie eine Mitfahrgelegenheit nach Köln – so war jedenfalls der Plan. “Der Typ, der mich mitnehmen wollte, kam einfach nicht,” regt Cynthia sich heute noch auf und erzählt, wie sie ihn aus einer Telefonzelle heraus angerufen hat und er einfach auflegte. “Ich dachte: Alter, was soll das denn jetzt? Ich sitze in Frankfurt fest!? Ich wollte doch nach Köln!”

Fast ihr ganzes Geld hatte sie schon für die Fahrkarte ausgegeben, sie kam nicht weiter und auch nicht zurück. “Also bin ich zu den Punks am Bahnhof gegangen und hab gefragt, wo man am besten schnorren kann”, erinnert sich Cynthia. “Einer hat mir dann ein Bier und ‘ne Wurst gekauft, mich auf die Zeil gebracht und aufgepasst, während ich meine Musik gemacht habe. Dann kam ein Typ mit Kamera auf mich zu und wollte mich fotografieren.”

“Die waren begeistert von dem Mädchen mit den zerfetzten Klamotten und dem Hut”

Als die beiden ins Gespräch kamen und Cynthia ihm erzählt hatte, wie sie auf der Zeil gelandet ist, bot er ihr etwas an, das ein bisschen klingt wie im Film: “Er wollte, dass ich auf seinem Geburtstag spiele, bot mir eine Gage an und wollte mein Zugticket bezahlen”, so Cynthia, die sein Angebot annahm und kurz darauf im Zug nach Köln saß. “Dort habe ich dann meine komplette Miete verdient.” Das hat ihr so viel Spaß gemacht, dass sie es weiter mit Musik auf der Straße probierte. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende.

“Dann kam ja noch dieser Gig auf dem Geburtstag”, fährt sie fort. “Ich kam dort an und fand mich in einer total schicken Gegend wieder, neue Einfamilienhäuschen mit Gärten, alles so gar nicht meine Welt. Ich dachte: Wenn der Typ hier wohnt, was will er dann mit meiner Musik?”

Auf der Geburtstagsfeier selbst sah es nicht anders aus. “Ich musste, nachdem ich ankam, erst mal aufs Klo und auf die ganzen eleganten, schick angezogenen Menschen klarkommen.” Sie konnte sich aber zusammenreißen und fing an zu spielen. Den Gästen gefiel es. “Die waren alle begeistert von dem Mädchen mit den zerfetzten Klamotten und dem Hut”, lacht Cynthia. Das Publikum wollte, dass sie länger spielt. Weil sie ihren Zug nicht mehr erreicht hätte, wurde sie mit dem Auto nach Hause gebracht. “Ich hab mir das natürlich gut überlegt, als junges Mädchen Anfang 20 und alleine – da muss man schon aufpassen”, warnt sie.

Zehnjähriges während Corona

Später im Auto gestand ihr das Geburtstagskind dann zögernd seinen Beruf. “Ich hab ihn gefragt: Bist du Bulle oder was? Daraufhin hat er sein Handschuhfach aufgemacht und die Dienstmütze lag drin”, erzählt Cynthia. “Also war mein allererstes Konzert bei einem Polizisten aus Frankfurt! Der war aber ein total cooler Mensch.”

Der Abend hat ihr aber nicht nur eine kostenlose Fahrt nach Hause beschert, sondern auch eine Gage von 300 Euro. “Ab da ging alles Hand in Hand: Straßenmusik, die ersten Auftritte in Bars, und wenige Wochen später auch der erste Festival-Auftritt.” Durch Zufall lernte sie den Geiger von Bukahara kennen, der sie als Support engagierte. “Das war vor zehn Jahren”, erinnert sich Cynthia. “Eigentlich würde ich also dieses Jahr mein Zehnjähriges feiern. Aber dann kam ja Corona.”

Ja, dann kam Corona. “Erst mal war ich wie gelähmt. Ich hatte große Sorge um meinen Job, ob und wann ich wieder live spielen kann. Ich bin halt schon echt Live-Mukker”, sagt sie. Nun ginge es ihr aber wieder besser. Mit der Studioarbeit zu Hause fange sie gerade erst an. “Ich hatte mir da bisher immer helfen lassen. Ich bin vom Gefühl her immer noch das Mädchen mit Gitarre und dem ganzen Lagerfeuer-Scheiß.”

“Meine Lieder kommen zu mir”

Und was macht sie sonst, jetzt, wo alles lahmgelegt ist? “Ich toure ja sonst eigentlich immer. Ich wollte ursprünglich so viele Konzerte wie möglich mit meiner Truppe spielen. Das lief auch gut an, das Booking für dieses Jahr hat super geklappt, wir hatten eine lange Liste – bis alles abgesagt wurde. Damit fällt das zehnjährige Jubiläum wohl flach. Dann feiere ich eben nächstes Jahr einfach elf Jahre”, lacht sie. “Der Plan war und ist aber immer noch, dass ich mein Songbuch, eine Live-DVD und eine Live-CD raushaue.” Sie habe auch ein paar neue Songs geschrieben, wie den Punkorona-Song.

Die Idee zu dem Song kam Cynthia, als es ihr gar nicht gut ging. “Meine Lieder kommen zu mir, ich habe eigentlich immer erst eine Melodie im Kopf”, erklärt sie. So sei das auch beim Punkorona-Riff gewesen. “Aber erst als ich einen kleinen Breakdown hatte und ich, emotional wie ich nunmal bin, alle um mich herum blöd angemacht habe, kam mir der Text zugeflogen.”

Man konnte Cynthia zwischenzeitlich auch schon live im Netz erleben. Sie hat einen eigenen Stream gestartet, später habe sie ihr Produzent sehr spontan gebeten, ihm ebenfalls bei einem Livestream auszuhelfen. Zu oft will Cynthia das aber nicht machen. “Das ist vor der Kamera einfach nicht dasselbe, wie vor klassischem Publikum”, erklärt sie und fügt hinzu: “So einen Streaming-Gig kannst du auch nicht jede Woche machen, da würde man sich komplett unter Wert verkaufen.”

“Kein Geld zu haben, bin ich ja gewöhnt”

Beim Streaming kam durch einen Moneypool etwas Geld zusammen, das sie unter den teilnehmenden Musikern aufgeteilt habe. “Da blieb nicht so viel. Aber zum Glück habe ich meinen Papa, tolle Freunde und die besten Fans der Welt, die mich unterstützen.” Sorgen mache sie sich aktuell keine allzu großen. “Ich komm schon klar. Kein Geld zu haben, bin ich ja gewöhnt”, lacht sie. “Hauptsache, meinen Leuten um mich herum geht es gut. Und es ergibt sich immer irgendwas, da muss man nach vorne blicken.”

Generell sehe Cynthia auch viele positive Dinge während der Pandemie: “Der Inhaber eines Musikladens in Bonn erzählt, dass plötzlich viele Leute mit ihren alten Musikinstrumenten zur Reparatur kommen, die sie seit Jahren nicht mehr gespielt, aber jetzt Zeit und Bock darauf haben. Das sind so viele Menschen, die jetzt ihre Kreativität entdecken!”

Gitarre und Hut sind Cynthias Markenzeichen (Foto: Malte Stabenau)

Sie erzählt begeistert von einem interessanten Zufall um das Wort “Corona”: “Das ist nämlich auch ein Begriff aus der Musik. Früher nannte man das Ruhezeichen Fermate auch Corona.” Fermate weist das Orchester zum Innehalten an und lässt Solisten nach eigenem Ermessen weiterspielen. Ein schöner Zufall, der sich perfekt auf die aktuelle Lage übertragen lasse. “Das hat meine Mama mir erzählt, und ich bin total ausgerastet, wie gut das passt.”

“Wahnsinn, was so eine Krise mit den Menschen anstellen kann”

Was die Zukunft der Kultur nach Corona angeht, da ist Cynthia zwiegespalten. Sie habe bei der heranwachsenden Generation das Gefühl, dass Kultur nicht mehr so wertgeschätzt wird, weil Streaming so normal geworden sei. “Und auch meine eigene Generation merkt jetzt vielleicht, dass online auch alles ganz gut klappt – wenn das nun noch eine Weile so weitergeht, haben sich die Leute vielleicht komplett daran gewöhnt. Das fände ich schade und ich hoffe, dass die Menschen anders denken.”

Aber auch in Bezug auf Klimaschutz bemerkt Cynthia einen Unterschied: “Viele merken gerade, dass es gar nicht unbedingt nötig ist, so viel zu reisen. Außerdem haben die Leute jetzt Zeit, zum regionalen Bauernhof zu fahren und nicht nur zum Rewe um die Ecke. Wahnsinn, was so eine Krise mit den Menschen anstellen kann.”

Hier geht’s zum dritten Teil unserer Serie über Künstler*innen in der Corona-Krise: Marianne Blum über Verschwörungstheoretiker und Kartoffelsuppe

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.