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So viele Feiernde unter so einer bunten String-Art-Deko wird es im S-Club wohl noch länger nicht geben. (Foto: Johannes Ruppel)

Während Deutschland aus dem Lockdown erwacht, steht in Klubs und Diskos weiter alles still. Denn für das Virus sind Gäste dort leichte Beute. Viele Betreiber bangen um die Existenz, doch aufgeben will niemand. Es gibt Ideen, die Krise zu überstehen. Regionale Klubbetreiber berichten.

Von Bernd Loskant

Der Kulturverein Kreuz bekam zusammen 30.000 Euro von Spendern

Rund 300 Veranstaltungen fanden im vergangenen Jahr in den Räumlichkeiten des Kulturzentrums Kreuz in Fulda statt – etwa ein Drittel davon Partys und Diskos. „Unser Schwerpunkt liegt ja auf sozio-kulturellen Veranstaltungen. Wenn sich die Lage in diesem Bereich wieder normalisiert, dann können wir auch ohne die Partys überleben“, sagt Kat- ja Schmirler-Wortmann vom Kreuz. Bei den Diskos – zum Beispiel der „Alles 90er Party“ – habe man sowieso einen externen Veranstalter mit an Bord. Für diesen sei die Situation gleichwohl dramatisch.

Was die Lage des über 40 Jahre alten Kulturzentrums betrifft, sagt Schmirler-Wortmann: „Die Situation ist nach wie vor bedrohlich, aber langsam sehen wir Licht.“ Durch die „Startnext“-Crowdfunding-Kampagne und private Spenden seien in den vergangenen Wochen rund 30.000 Euro zusammengekommen, mit denen man den Neustart in einigen Wochen planen könne. „Manchmal hatten wir Tränen in den Augen, weil wir gemerkt haben, wie viele Leute uns gut finden“, sagt Schmirler-Wortmann.

Man arbeite derzeit ununterbrochen an Konzepten zur Wiedereröffnung, wobei der Fokus auf dem Museumshof liege. „Wir reden dabei aber über sehr kleine Veranstaltungen mit 50 bis 100 Leuten, so dass die Abstandsregeln gewahrt werden“, sagt sie. Pläne des Kulturzentrums, ein eigenes Autokino zu realisieren, hätten sich aufgrund der hohen Kosten erledigt. Wie es mit dem Kulturkeller weitergeht, ist unklar. Weil aufgrund der Abstandsregeln maximal 25 Personen in den Saal dürfen, sei es schwierig, dort Veranstaltungen durchzuführen. Aber es gebe bereits Anfragen für kleineren Versammlungen. „Selbst eine Tanzschule hat sich schon gemeldet“, so Schmirler-Wortmann.


In der Alten Piesel steht jetzt eine Tischtennisplatte

Wo sonst der Boden bei Konzerten und Partys bebt, steht jetzt eine Tischtennisplatte – und die Bühnenbeleuchtung scheint „volle Kanne“ drauf, wie Michael Kling berichtet. So also wird die Zeit, in der der Saal der Alten Piesel in Dirlos leer bleiben muss, genutzt. „Vielleicht rufe ich mal beim TTC Maberzell an und lade die Spieler zum Training ein“, sagt der Tischtennis-Fan augenzwinkernd.

Seine gute Laune hat der Inhaber der Piesel nicht verloren, auch wenn er für die nächsten Monate „ziemlich schwarz“ sieht. Sein Programm besteht je zur Hälfte aus Disko-Veranstaltungen und Konzerten. „Das Geschäftsmodell steht auf der Kippe“, sagt der 59-Jährige. Auch ein von ihm organisiertes Open-Air im Antoniuspark Ende August mit der Eric-Clapton-Tribute-Band Slowhand ist unter den derzeitigen Vorzeichen kaum vorstellbar.

Weil die Piesel ein Familienbetrieb ist, ihm die Immobilie gehört – „Die letzte Rate wurde im Februar 2019 bezahlt“ – und die Soforthilfe rasch kam, kann er noch etwas „jonglieren“, wie er sagt. Das bedeutet zum Beispiel, dass er den alten Biergarten „reaktiviert“ und auf ein Geschäft im Sommer hofft. „Hier gibt es inzwischen viel Radverkehr, so dass ich durchaus einen Bedarf für so einen Rastplatz sehe“, sagt Kling. Der Sonnenuntergang hinterm Haus sei phänomenal, er könne sich auch „Sundowner-Konzerte“ vorstellen.

Seinen Optimismus behalte er auch durch die „unglaubliche Wertschätzung“, die er von Gästen und Partnern erfahre. Als der Lockdown begann, habe er noch viele Getränke im Lager gehabt. Diese habe er in seinem Newsletter zum Verkauf angeboten – mit tollem Erfolg. Mit einigen der Bands, die in diesem Jahr auftreten sollten, hat er schon Verträge für 2021 gemacht. Für alle sichtbar werde das in einem neuen Programmheft, das für die zweite Jahreshälfte geplant ist. Was auf das Cover kommt, steht schon fest: „Ein großes, dickes Fragezeichen“, so Kling.


S-Club: “Unser Geschäftsmodell besteht darin, dass wir Menschen eng zusammenbringen”

Samstag, 7. März: Im S-Club, Fuldas Treffpunkt für feierwütige Youngsters, läuft die regelmäßige Partyreihe mit dem Namen „Nachtresidenz“. Unter einem monströsen Kronleuchter und viel buntem Licht zappelt eine Hundertschaft junger Leute im Takt angesagter House-Beats. Es wird für längere Zeit die letzte Party in Fuldas erfolgreichstem Club sein. Einige Tage später, noch vor dem offiziell angeordneten Lockdown, entscheiden die Betreiber Jens-Ole Bolik und Clemens Neidert, die für den 14. März geplante, bereits ausverkaufte „Nightwash“-Comedyshow abzusagen. „Wir haben gespürt, dass da was Schlimmes auf uns zukommt“, sagt Neidert. „Zum Schutz unserer Mitarbeiter und Gäste haben wir sofort reagiert.“

Zu diesem Zeitpunkt glauben die beiden Gastronomen aber noch, das Virus werde schnell übers Land hinwegziehen. In einem Facebook-Eintrag vom 13. März heißt es: „Der S-Club bleibt bis Ende März 2020 geschlossen.“ Der abgesagte Comedy-Abend wird auf Juni verlegt. „In unserem Worst-Case-Szenario gingen wir davon aus, dass es Ende August wird, bis wir wieder starten können“, sagen die beiden. Jetzt ist für die Comedy-Veranstaltung ein Abend im Mai des Jahres 2021 anvisiert – vorläufig. Denn ob der S-Club bis dahin wieder geöffnet ist, kann niemand vorhersagen.

Die Clubs waren die ersten, die ihre Tore schlossen, als das Virus ausbrach – und sie werden wohl die letzten sein, die öffnen, wenn aus der globalen Pandemie eine beherrschbare Grippe geworden ist. Bolik sagt: „Realistischerweise müssen wir davon ausgehen, dass die Clubs, so wie sie waren, erst wieder öffnen können, wenn es einen Impfstoff gibt.“ Denn gerade in Clubs und Diskos findet das Coronavirus perfekte Bedingungen für eine schnelle Verbreitung. Es ist eng, man schwitzt, schreit einander ins Ohr: „Das ist genau dieses Szenario, bei denen es in anderen Ländern bereits zu massenhaften Ansteckungen gekommen ist. Das sind die Viren-Hotspots“, sagte kürzlich der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit.

Eine Einschätzung, die Neidert und Bolik uneingeschränkt teilen: „Unser Geschäftsmodell besteht darin, dass wir Menschen eng zusammenbringen, nicht auf Abstand halten“, sagt Neidert. Sein Geschäftspartner ergänzt: „Bei uns wird gefeiert, getrunken, geflirtet, geschwitzt. Selbst wenn es Regeln gäbe, unter denen wir wieder öffnen dürften, könnten wir nicht garantieren, dass unsere jungen Gäste diese auch einhalten.“ Insofern habe man auch für die von den politischen Entscheidungsträgern angeordneten rigiden Maßnahmen vollstes Verständnis.

Von Hundert Veranstaltungen im Jahr mit Zehntausenden Gästen also auf Null. Und Null Einnahmen. Sofort muss gehandelt werden: 45 Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit oder werden als geringfügig Beschäftigte erstmal abgemeldet. Soforthilfe wird beantragt, Darlehen werden aufgenommen, Steuervorauszahlungen zurückgefordert. Auch im Privaten kommt so einiges auf den Prüfstand, der Urlaub sowieso. Auch die Altersvorsorge wird ausgesetzt. Als selbständige Unternehmer profitieren Bolik und Neidert von Kurzarbeitergeld und anderen Hilfen nicht, ihr Einkommen ist jetzt auch Null. „Es geht um die nackte Existenz, da bekommst du es mit der Angst zu tun, wenn du realisierst, dass dies wohl bis mindestens Jahresende so bleiben wird“, so Neidert.

Einen fünfstelligen Betrag verschlingt der S-Club Monat für Monat, die Fixkosten bleiben auch, wenn die Tore des 500 Quadratmeter großen Clubs im Fuldaer Von-Schildeck-Center geschlossen sind. Immerhin: Ein Teil der Miete wird gestundet. „Da haben wir Glück mit unserem Vermieter, der uns seit 15 Jahren ein fairer Partner ist“, sagt Neidert.

Während sie bis vor ein paar Wochen vor allem an Konzepten für neue Partyreihen feilten und daran arbeiteten, das kulturelle Angebot der Stadt zu bereichern, jonglieren die beiden Gastronomen nun vor allem mit roten Zahlen und zählen auf das nächste Hilfspaket, um den S-Club am Leben zu erhalten. In Berlin beispielsweise nutzen große Clubs inzwischen ihre Freiflächen als Biergärten, doch für Bolik und Neidert gibt es einen solchen Plan B nicht. „Über einen Außenbereich verfügen wir leider nicht, und die Kellerlage ist nicht prädestiniert für eine Tagesöffnung als Café. Wir haben zwar einen veränderten Betrieb als große Kneipe bzw. Bar mit Tischen und Stühlen für die Abend- und Nachtstunden durchgespielt, mussten diesen aber wieder verwerfen, da dieser zusätzlichen wirtschaftlichen Verlust verursacht hätte“, sagen die beiden. Hinzu komme, dass man aufgrund des zu befürchtenden Verhaltens alkoholisierter Gäste selbst mit umfassenden Vorkehrungen und Maßnahmen die Einhaltung der Abstandsregeln nicht hätten garantieren können. Die jüngsten Ereignisse in Leer belegten dies.

Bei allem Ernst der Lage für ihr Unternehmen bleiben die beiden Club-Betreiber optimistisch: „Wir werden durchhalten – egal wie“, so Bolik, der sich sicher ist: „Auch nach der Krise wird es wieder einen Bedarf geben. Junge Leute, die zum ersten Mal weggehen und Party machen wollen, wird es immer geben. Und genau für diese Leute ist ja der S-Club gemacht.“ Neidert verabschiedet sich mit den Worten, frei nach Paulchen Panther: „Wir kommen wieder, keine Frage!“


Der Musikklub Z1 in Hünfeld hat wieder geöffnet – als Bar

Der Musik Club Z1 in Hünfeld, früher als PopCorn oder Kornhaus bekannt, hat seit Freitag wieder geöffnet – obwohl es sich um eine Diskothek mit Tanzfläche handelt. „Wir haben umgeswitcht und die Disko in eine Gaststätte und Bar verwandelt“, sagt Inhaber Sven Schirrmeister. Das heißt konkret: Die Tanzfläche wurde zu einer Chill-out-Area mit bequemen Sitzgelegenheiten. Im Schnitt kamen früher 250 bis 350 Besucher zu den Partys ins Z1, jetzt ist die Besucherzahl auf 35 begrenzt. Einen Teil des weggebrochenen Umsatzes wollen die Betreiber durch einen zusätzlichen Öffnungstag jeden Freitag kompensieren. Schwierig bleibt es allemal: „Wir wollen wenigstens versuchen, die laufenden Kosten reinzubekommen – und wieder Leben in die Bude“, sagt Schirrmeister. Da er und seine Partnerin Tanja Tost den Club nebenberuflich betreiben, blicken sie nicht ganz so pessimistisch in die Zukunft.


Schmuggler’s Inn im Schlitzerland: Unter Auflagen geht der Reiz verloren

Die Rockdisko „Smuggler‘s Inn“ in Schlitz-Ützhausen ist weit über die Grenzen des Schlitzerlandes hinaus bekannt. Weil sich der Familienbetrieb in der eigenen Immobilie befindet, halten sich die laufenden Kosten in Grenzen. Eine Wiederöffnung unter Auflagen kann sich Inhaber Karsten Hohmeier kaum vorstellen. „Tanzen im Club liegt irgendwo zwischen Gruppenaktivität und ,Kontaktsport‘. Unter Auflagen geht der Reiz verloren“, sagt er. Und mit angeheiterten und enthemmten Gästen seien Auflagen auch nur schwer umzusetzen. Wie kommt er über die Runden? „Derzeit leben wir von den spärlichen Rücklagen. Hilfe zum Lebensunterhalt gibt es nur, wenn man sich arbeitssuchend meldet oder Grundsicherung beantragt, mit allen zugehörigen Schikanen der Sozialbehörden. Die versprochene ,schnelle Hilfe‘ hat sich in keiner Weise materialisiert, die Ämter scheinen überlastet, Bescheide brauchen ewig.“

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