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Kitas sind eingeschränkt geöffnet, der Schulbetrieb läuft nur schleppend an. Für viele Eltern bedeutet das, dass neben Haushalt und Job auch noch der Nachwuchs betreut werden muss – und das den ganzen Tag. Genießen Eltern die Zeit mit der Familie? Oder gehen sie längst auf dem Zahnfleisch? Ein Vater und eine Mutter berichten.

Die meisten Eltern lieben ihren Nachwuchs – sollte man meinen. Normalerweise sind die Kids ab einem bestimmten Alter tagsüber in den Kitas oder Schulen untergebracht. Mama und Papa haben Zeit, sich auf Haushalt und Beruf zu konzentrieren, und abends die schönen Stunden mit den Kindern zu verbringen – so die Idealvorstellung. Seitdem Kitas nur eingeschränkt geöffnet sind und der Schulbetrieb nur langsam anläuft, stehen viele Eltern, die nicht in den Genuss der Notbetreuung kommen, vor einer ganz neuen Herausforderung: Kind, Haushalt und Beruf wuppen – und das gleichzeitig. 

„Ursprünglich war der Plan, dass wir unseren Alltag in der aktuellen Situation weiterhin strukturieren“, sagt Ronja Wiegand aus Burghaun. Die 25-Jährige ist zweifache Mutter und momentan mit den Kindern tagsüber alleine. „Wir stehen morgens ganz entspannt auf und frühstücken. Dann versuche ich, mit Mila Hausaufgaben zu machen, während Janosch nebenher spielt. Da ist es manchmal schwierig, mich auf beide Kinder zu konzentrieren. Janosch will natürlich beschäftigt werden, Mila braucht aber Ruhe und Konzentration bei ihren Aufgaben“, sagt Ronja.

Jedes Kind will individuell betreut werden

Momentan werden in Fulda nur 14,9 Prozent aller angemeldeten Kinder in Schulen und Kitas notbetreut. Die Mehrheit der Kinder wird daheim betreut, bespaßt und beschult. Zwar sind die Kindertagestätten und Schulen wieder geöffnet, doch auch dann ist von Normalität noch nicht zu sprechen.

„Die Zeit für die Hausaufgaben müssen wir über den Tag verteilen, da Janosch sich nicht drei Stunden alleine beschäftigen kann und bei Mila die Konzentration nachlässt. Daher gehen wir wenn schönes Wetter ist oft in den Garten und spielen gemeinsam“, sagt Ronja. Das Homeschooling koste sie viele Nerven, Zeit und Geduld. Für Mila sei es nämlich wichtig, dass bei den Aufgaben jemand daneben sitzt, ihr Anreize gibt und sie unterstützt. Gleichzeitig muss Ronja aber ein Auge auf ihren kleinen Sohn haben. Für die Mutter beginnt der Morgen mit einem Spagat zwischen Kleinkind und Schulkind.

Carearbeit fällt häufig auf Frauen zurück

Da die 25-Jährige aufgrund von Corona nicht arbeitet, beschäftig sie sich rund um die Uhr mit dem Nachwuchs. Nebenbei schmeißt sie noch den Haushalt. Mit dieser Situation ist sie nicht alleine: In Deutschland wenden Frauen laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend pro Tag im Durchschnitt 52, 4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Kindererziehung und Hausarbeiten werden meistens von Frauen unternommen. Nicht selten sind sie gleichzeitig berufstätig.

Zeit zu zweit ist für Ronja und ihren Mann momentan eine Seltenheit. (Foto: Privat)

Ruhepausen oder Zeit für sich habe Ronja daher nur selten. Zwar werde ihre Tochter öfter von der Oma abgeholt, ein Kind sei aber immer bei ihr. In der aktuellen Situation fehle ihr vor allem die Arbeit. „Nicht nur finanziell ist es ohne mein Einkommen schwieriger, ich genieße auch die Zeit, wenn ich mal rauskomme und mich nicht um Haushalt und Kinder kümmern muss“, sagt Ronja.

Kreativität ist gefragt

Dass der neue Alltag mit Kind, Job und Haushalt nicht immer rosig ist, das weiß auch Jens Knieling aus Bad Hersfeld. Der dreifache Vater ist Lehrer an einer Gesamtschule und war bis vor einer Woche im Home-Office. Gemeinsam mit seiner Frau übernahm er neben seiner Lehrertätigkeit die Rolle des Erziehers und Spielkameraden auf Vollzeit an. „Besonders die Große will den ganzen Tag bespaßt werden. Die neun Monate alten Zwillinge müssen anderweitig versorgt werden“, so Jens. Damit den Kindern nicht langweilig wird, müssen die Eltern kreativ werden. „Wir sind und waren oft draußen, haben Dinge erledigt, die sonst liegen geblieben sind, und es wird viel gebastelt, gebaut und gespielt“, sagt der 36-Jährige. Damit dem Paar die Decke nicht auf dem Kopf fällt, werden die Kids untereinander aufgeteilt. „Mal habe ich die drei, damit meine Frau eine Pause hat, mal ist es anders herum.“

In dieser Lage Zeit mit dem Partner oder der Partnerin alleine zu haben, gestaltet sich schwierig. „Vor kurzen hatten wir nach langer Zeit einen Tag für uns. Aber das ist wirklich eine Seltenheit“, sagt Ronja Wiegand. Zwar habe sich die Familienzeit aktuell verdoppelt, aber kinderfrei gebe es oft nur für ein paar Stunden. Auch bei Jens und seiner Frau ist die Zeit zu zweit selten, so der 36-Jährige. „Es ist schon belastend. Aber natürlich haben wir es nicht so schwer wie Familien, die noch zu der doppelten Belastung finanziellen Druck haben“, sagt Jens.

Jens und seine Frau beschäftigen sich momentan rund um die Uhr mit ihren drei Kleinkindern.
Foto: Privat

Doch nicht nur die Eltern gehen auf dem Zahnfleisch. Auch für die Kleinsten ist die Zeit eine Belastungsprobe. Viele Kinder können ihre Freunde nicht sehen und sind sozial abgeschottet. „Die Große hat schon ab und zu gefragt, warum Sie ihre Erzieherinnen und Freund*innen nicht sehen kann. Wir spielen zwar mit den Kindern, können aber das kindliche Spielen natürlich nicht ersetzen“, sagt Jens. Und auch Ronja muss ihrer Tochter Rede und Antwort stehen: „Als die Beschränkungen noch extremer waren, durfte Sie niemanden sehen. Das ist für Kinder natürlich besonders schwer und auch unverständlich. Vor allem für die Entwicklung ist der fehlende Kontakt mit Gleichaltrigen problematisch“, so die 25-Jährige.

Seit dem zweiten Juni dürfen Kinder wieder in den Kindergarten oder in Kitas – natürlich unter verschärften Regel: Nur halb so viele Kinder wie sonst dürfen in eine Gruppe, so die Stadt Fulda in einer Pressemitteilung zum eingeschränkten Regelbetrieb von Kindertagesstätten – im Schnitt seien das um die zwölf Kinder, die täglich betreut werden dürfen. Dabei dürfen die Fachkräfte nur in einer Gruppe eingesetzt werden, heißt es von der Stadt. Bei allen Einschränkungen gehe es nicht nur um Betreuung, sondern auch um pädagogische Arbeit und frühkindliche Bildung. Ziel sei es, so viele Kinder wie möglich betreuen zu können.

Mehr sozialen Kontakt? Nicht für alle Kinder!

Dennoch: Laut Pressemitteilung müssten sich Kinder, deren Eltern nicht in einem systemrelevanten Beruf tätig oder die nicht in ihrem häuslichen Umfeld gefährdet sind, weiterhin zuhause betreuen lassen. Endlich wieder mehr soziale Kontakte? Fehlanzeige.

Etwas Abwechslung gibt es mittlerweile immerhin wieder. Familien aus zwei Haushalten dürfen sich wieder treffen. „Jetzt kann Mila wenigstens ein paar ihrer Schulfreundinnen wiedersehen. Das ist für sie wirklich schön und für mich eine kleine Entlastung“, sagt Ronja. Für die junge Mutter, Alleinerziehende und viele andere Eltern geht der Wahnsinn Homeschooling und Kinderbetreuung dennoch erst einmal weiter. „Man kann nur hoffen, dass alles bald ein Ende findet und Normalität eintritt“, so Ronja.

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