(Foto: SAM Entertainment)

Marianne Blum ist Moderatorin, Sängerin und Kabarettistin. Und eigentlich noch vieles mehr. Auf alle Fälle ist sie eine absolute Improvisationskünstlerin, die ihr Publikum mit Charme, Schlagfertigkeit und cleverem Biss ruckzuck um den Finger wickelt. Nun fehlt dem Live-Talent aufgrund der Corona-Pandemie die Bühne. Warum sie sich davon nicht unterkriegen lässt, hat sie uns verraten.

„Ich habe seit dem Studium versucht, mich zu wehren und etwas Seriöses zu werden“, verrät Marianne Blum, die unter anderem Gesang und Rhetorik studiert hat. Ihre Nebenfächer: Kulturwissenschaften und Romanistik. „Ich hätte also auch in die Forschung gehen können, oder in die Vermittlung. Oder ich hätte mich auf Schubert oder Jazz spezialisieren können – aber es ging nicht.“ Selbst als sie in der Kulturwissenschaft an einer Studie mitgeforscht hat, habe sich das gezeigt. „Es war eine Studie zu Fastnachtsmasken. Da weißte doch Bescheid!“

Und so ging es weiter: „Egal wo ich in meinem Leben abgebogen bin, immer stand irgendwo eine Bühne. Und ich dann, oft ohne es bewusst entschieden zu haben, oben drauf“, so Marianne. Sie und das Publikum hätten schnell Gefallen aneinander gefunden. „Also habe ich mich irgendwann ergeben und ‚Entertainerin‘ in Formularen als Beruf angegeben, wenn die Spalte für ‚Kabarettistin und Sängerin‘ nicht reichte.“ Sie habe es schon immer spannender gefunden, mit ihren eigenen Liedern und Texten aufzutreten als mit denen anderer Leute. „Diese Freiheiten hat man an keinem Theater. Da bleibt nur Kabarett. Mit Musik.“

Nach Fulda kam sie Ende der 80er, nachdem sie ihre Schwester regelmäßig in der Rhön besucht hatte. Sie blieb, mit kurzen Unterbrechungen, für fast 20 Jahre. „Ich bin schon hartnäckig, das muss man sagen. Es war aber auch schön hier.“

Marianne hat wohl alle Bühnen der Region bespielt

Die Künstlerin hat so ziemlich alle Bühnen der Region bespielt, mit allen nennenswerten Künstlerkollegen zusammengearbeitet, zehn eigene Bühnenprogramme herausgebracht und zahlreiche Galas realisiert, darunter die beiden legendären „Knaller“ in der Orangerie.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum Kreuz hat Marianne außerdem die experimentelle Dinner-Show-Reihe „Gernsehen & Abendessen“ ins Leben gerufen, die sieben Jahre lang monatlich innovative Unterhaltung geboten hat. Erst im Museumskeller, dann im Museumscafé (heute „Alte Schule“) und schließlich im Wappenkeller des Maritim. Dort spielt sie heute noch ab und zu die Dinner-Show „Der geheime Codex“, die nächsten Vorstellungen sind für Herbst und Winter geplant. „Alles tolle Sachen“, erzählt sie und ist dennoch 2017 nach Berlin gezogen. „In der Hauptstadt boten sich mir dann noch mal ganz andere Möglichkeiten.“

Es war wohl schon ziemlich früh klar, dass Marianne Blum (rechts) ein Bühnentalent ist. (Foto: Agnes Schmidts)

Für dieses Jahr musste Marianne – wie alle anderen Bühnenkünstler – ab Mitte März sämtliche Auftritte bis zum Spätsommer absagen. So zum Beispiel am Theater Cuxhaven oder der Stadthalle Rheine. Eigentlich plant sie, im November im Kabarett-Theater Distel in der Berliner Friedrichstraße die Premiere ihres neuen Musik-Kabarett-Programms zu feiern. „Es ist allerdings sehr fraglich, ob mein Wille geschehen wird.“ Die Vorpremiere des Programms soll am 15. November im Kulturkeller in Fulda stattfinden, so jedenfalls der Plan.

Carlos Corona?! „Ich schwöre: Das habe ich mir nicht ausgedacht!”

„Wenn man den Wissenschaftlern mit Expertise für diesen speziellen Virus zuhört – also Forschern, die Alu nur in chemischen Zusammensetzungen verwenden und nicht als Kopfbedeckung, – besteht die realistische Gefahr einer zweiten Infektionswelle spätestens im Herbst“, mutmaßt Marianne über die Möglichkeit von Bühnenveranstaltungen.

„Und wenn man dann zu dieser Wahrscheinlichkeit die Tatsachen addiert, dass erstens ein Hohes F, voll Stoff gesungen, außer einem schönen Ton nachweislich auch ordentliche Mengen Aerosole bis in die letzte Reihe trägt und dass zweitens nicht nur ich mich gerne in Theatern, also dunklen, meist gut geheizten, mit vielen Menschen gefüllten Räumen aufhalte, sondern auch Viren, dann ist klar: Sie oder ich. Ich fürchte, in dem Fall muss ich weichen.“

Dabei passt ihr neues Programm zumindest namentlich sehr gut in die aktuelle Zeit: „Das Absurde ist, dass ich es vor Corona-Zeiten bereits passenderweise ‚Geheilt: Durch‘ genannt habe.“ Es kommt noch dicker: Ihr Duo-Partner, mit dem sie seit Herbst 2019 als „Kabarett-Junta“ zusammenarbeitet, heißt mit wirklichem Namen Carlos Corona. „Ich schwöre: Das habe ich mir nicht ausgedacht!“

Was wäre jede Stadt, jede Region ohne eine Kreativszene?

Marianne schätzt, dass die Theater oder auch Konzertlocations realistisch betrachtet als letztes wieder öffnen. „Da muss man sich nichts vormachen“, meint sie. Von dem Konzept, alle zwei Meter einen Stuhl zu besetzen, halte sie überhaupt nichts. „Schon mal in einer schlecht besuchten Vorstellung gespielt? Die Stimmung auf manchen Eigentümerversammlungen ist leichter in Wallungen zu bringen. Das wäre so ähnlich.“

Abgesehen von den abgesagten Auftritten gehe es ihr aber ganz gut. „Ich habe einen wunderbaren Partner, der auch mein Agent ist und mich sehr unterstützt. Außerdem viele gute Freunde, darunter auch Bühnenkollegen.“ Man helfe sich gegenseitig, so gut es ginge.

Das wirkliche Drama sehe sie bei den Theatern mit ihren immensen Fixkosten, außerdem bei den mittelständischen Betrieben, deren Auskommen schon zu normalen Zeiten gerade so geregelt gewesen ist. Sie selbst habe als Solo-Selbstständige den Sofort-Zuschuss sowohl vom Bund als auch vom Land Berlin erhalten. „Das ging problemlos, rasch, unkompliziert“, so Marianne. „Unser Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Linken macht da erstklassige Arbeit und kämpft entschieden für die Kreativszene in Berlin. Was wäre diese Stadt auch ohne sie? Was wäre jede Region ohne sie?“

“Dann wird eben reihum Kartoffelsuppe gekocht”

Dennoch wisse natürlich keiner, wie lange diese Zeit noch anhalten wird. „Aber meine Güte: Welcher Künstler hat nicht schon magere Zeiten gehabt? Dann wird eben reihum Kartoffelsuppe gekocht, zu Fuß gegangen, Fahrrad gefahren und zum Geburtstag Blumen aus den Rabatten gepflückt. Kosten reduzieren, wo es eben geht“, sagt sie.

Abgesehen davon solle man den Blick auch über sein eigenes Schicksal hinaus weiten, das helfe bei der Beurteilung der eigenen Lage. „Wir haben in Deutschland 2,2 Millionen Solo-Selbständige, davon circa 300.000 in Berlin und auch zahlreiche in Fulda. Will man die alle auf die Straße setzen, wenn sie keine Miete zahlen können? Eben. Geht nicht.“ Es müsse sich also auch grundlegend etwas an den Mieten ändern.

Es gebe zu viele Menschen, denen es aus unverschuldeten Gründen schlecht gehe („Hersteller von Toilettenpapier, Desinfektionsmitteln und Nudeln zähle ich nicht mit“). Wären diese nach Corona alle auf Sozialwohnungen und staatliche Hilfe angewiesen, sei das nicht nur unmöglich zu organisieren: „Es würde den Staat auch so viel teurer kommen und für sehr viel mehr sozialen Sprengstoff sorgen, als wenn die gesamte Daseinsvorsorge preislich an die Möglichkeiten der Menschen angepasst wird“, findet sie. Man werde also in der nächsten Zeit noch grundlegende Veränderungen erleben. „Und damit meine ich nicht die kruden Umsturzfantasien dieser neuen angeblichen Partei, der ich nicht den Gefallen tun werde, sie hier zu erwähnen.“

“Das ist ein ähnlicher finanzieller Mikro-Schiss wie Streaming”

Was ihr individuelles künstlerisches Überleben angeht, so ist sie – wie viele andere – ins Netz umgezogen. „Auch wenn das ein ähnlicher finanzieller Mikro-Schiss ist wie Streaming.“ Aber der kreative Output via Datenübermittlung halte in Übung und man müsse präsent bleiben, damit man nach der Krise nicht vergessen ist.

Marianne macht das über ihren neuen Youtube-Kanal „Die Blum“. Dort bringt sie wöchentlich neue Videos in den Rubriken „Die Blum spricht“, „Die Blum singt“ und „Corona-Spaziergänge durch Berlin“ heraus. „Anschauen, abonnieren, liken, teilen! Danke. Das macht mir, und hoffentlich auch vielen Zusehern Spaß, ist aber völlig anderes Arbeiten als auf der Bühne und wird mir nie mein liebes Live-Publikum ersetzen, auf das ich mich jetzt schon wieder freue.“

Kontakt zu Kollegen aus der Künstlerszene hält sie online und per Telefon. Real treffe sie sich nur mit ihren Bühnenpartnern Stefan Heckmann und Carlos Corona – mit zwei Metern Abstand.  

„In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen“

Momentan tobe die Auseinandersetzung Vernunft und Einsicht vieler (Team Aufklärung) gegen die blanke Vermutung und Behauptung weniger, dafür aber lauterer (Team Verschwörung), wie sie es ausdrückt. „Komplexität und die Unsicherheit, nicht alles vorher zu wissen, gegen die anscheinend beruhigende Gewissheit, einen Schuldigen gefunden zu haben: Drosten, das RKI, Merkel, Gates, Bilderberger. Die Liste dazu ist lang und wird nach hinten immer unappetitlicher.“

„Ich verstehe die Gefühle, die Menschen dazu verleiten, im falschen Team zu spielen“, beschwichtigt Blum. Sie verstehe nur die Schlussfolgerungen nicht, weil die nicht nur nachweislich falsch sind, sondern auch das Durchhalten der Krise erschweren würden. Marianne halte es da mit einem Zitat, das fälschlicherweise dem deutschen Humoristen Loriot zugeschrieben wird, wie der Bayerische Rundfunk recherchiert hat. Vor allem seit Mai wird es viel gepostet und geteilt: „In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.“

“Das, was vorher normal war, war ja auch nicht normal“

Genau das sei laut Marianne der wichtige Punkt: Lösungen. Sie zählt Dinge auf, die sie an der Krise positiv sieht: „Der Kudamm war vor zwei Wochen so ruhig, als stünde man auf dem Pferdskopf! Kein Smog in Norditalien. Keine Erdölmilliarden an die Saudis. Menschen, die Zeit haben. Die Einsicht, dass man wirklich nicht jeden Scheiß braucht, der uns angedreht wird.“ Da sei viel Gutes dabei. „Wenn wir schlau sind, retten wir vieles davon in das Danach. Denn das, was vorher normal war, war ja auch nicht normal.“

Besonders die Einsicht über die Wichtigkeit von Jobs im Gesundheitssystem ist ihr ein Thema, zu dem sie eine ganz klare Meinung hat: „Ich für meinen Teil werde jedem CEO, der es jetzt noch wagt, mir was zu erzählen von ‚Wer mehr leistet, verdient halt mehr‘, in Gedanken an Ärzte, Intensivkrankenschwestern und -pfleger, die 12 bis 16 Stunden in Vollmontur Dienst an Schwerstkranken verrichten, eigenhändig ins Gesicht fassen. Was ich dabei denke, erwähne ich hier nicht.“

Zudem engagiert Marianne sich bei der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion (XR), die im Zuge von gewaltfreien Protestaktionen durch zivilen Ungehorsam, wie zum Beispiel Sitzblockaden, für den Klimaschutz kämpft. Hierzu war sie kürzlich in einer Dokumentation des ZDF zu sehen.

Das richtige Live-Feeling lässt sich nicht am Bildschirm einfangen

Was die Kulturszene betrifft, so befürchtet sie, dass die Leute sich daran gewöhnen, dass Künstler ihre Gaben gratis unters Volk bringen. „Wie auch ich derzeit auf Youtube“, ergänzt sie. Das sei schon bei den Streamingdiensten so gewesen. Durch deren Erfolg seien physische Alben zu Ladenhütern geworden. „Diese mit viel Mühe und großem finanziellen Aufwand produzierten künstlerischen Erzeugnisse dienen heute praktisch nur noch als Werbung für Touren und Live-Auftritte – den einzigen echten Einnahmequellen für Künstler.“ Jetzt würden genau diese Auftritte ebenfalls kostenlos und ständig verfügbar.

„Das ist eine bedrohliche Entwicklung, von der ich noch nicht weiß, ob die Leute anschließend noch einsehen, warum dieselbe Dienstleistung, die sie vorher gratis auf dem heimischen Sofa genießen konnten, plötzlich wieder Geld kostet.“ Zumal es wahrscheinlich sei, dass die meisten Menschen nach der Krise sehr viel weniger Geld haben werden. Die Unsicherheit, ob man mit dem auskommt, was man hat, werde riesig sein. Sie befürchtet, dass daher weniger Menschen ins Theater oder zu Konzerten gehen werden.

„Andererseits sehe ich auch den Hunger der Leute nach dem echten Live-Erlebnis, das nicht über einen Bildschirm einzufangen ist. Wie dieser innere Konflikt ausgehen wird, kann ich nicht vorhersagen“, schließt Marianna ab und ergänzt: „Ich werde aber alles daransetzen, das als Künstlerin zu erleben.“

Hier geht’s zum zweiten Teil unserer Serie über Künstler*innen in der Corona-Krise: Christian Schöne zwischen Musicals, Livetalks und Verlusten

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