Christian Schöne als Ludwig im gleichnamigen Musical (Foto: Michael Böhmländer)

Man kennt ihn in unserer Region vor allem als Heinrich, Karim oder Anastasius: Christian Schöne ist seit vielen Jahren ein bekanntes Gesicht in den Produktionen von Spotlight Musicals. Bis vor Kurzem konnte man den 40-jährigen Musicaldarsteller in Füssen als den titelgebenden bayerischen König Ludwig erleben. Doch dann kam Corona und legte die Theaterbühnen lahm. Wie er auf die Bühne kam und wie es ihm in der schwierigen Situation geht, erzählt er move36 im zweiten Teil der Serie über regionale Künstler*innen während der Corona-Pandemie.

“Ich bin vorbelastet”, scherzt Schöne. “Meine Großeltern waren beide Künstler.” Seine Großmutter war Schauspielerin, sein Großvater Artist und Sänger. Beide hätten den Beruf zugunsten der Familie aufgeben müssen, hatten aber immer den Traum, die Liebe zur Bühne innerhalb der Familie weiterzugeben. “Sie wollten meiner Mutter alle Möglichkeiten geben, sich künstlerisch zu entfalten. Aber sie hatte daran kein Interesse. Auch meine große Schwester hatte keine Lust darauf.”

Seine Großeltern hatten die Hoffnung schon aufgegeben, bis Schöne auf die Welt kam und das “Künstler-Gen” voll abbekommen hat. Er wollte schon im Kindergarten schauspielern, tanzen und singen. “Ich war die Rettung für meine Großeltern”, lacht er. “Und sie haben mich nach allen Kräften unterstützt. Ich bekam Schauspiel- und Tanzunterricht.”

Als Kind hat er mit seinen Großeltern zusammengesessen und Fotos der Schauspielerin Romy Schneider angeschaut. “Ich wusste damals noch nicht, wer das war. Für mich war sie wie irgendeine Tante.” Zur Kunst gedrängt wurde er aber nie. “Es war immer in mir drin. Es kommt mir vor, als hätte der Storch mich nur dafür auf diese Welt gebracht”, so Schöne weiter.

(Foto: Alexander Helbig)

“Fulda und ich – da geht was”

So kam es, dass Schöne eine Ausbildung an der Stage and Musical School in Frankfurt am Main abschloss und bei Produktionen wie der “Rocky Horror Picture Show”, “Peter Pan” oder “Les Misérables” dabei war, bis ihn ein Casting-Aufruf für Bonifatius im Jahr 2005 nach Fulda zog. “Ich weiß noch genau, dass ich aus dem Zug ausgestiegen bin, auf den Bahnhofsplatz kam und gespürt habe: Fulda und ich – da geht was. Ich habe die Stadt sofort als unheimlich toll empfunden.” Zunächst ergatterte Schöne eine Rolle für die Bonifatius-Aufführung in Bremen und war ab sofort in der Kartei von Spotlight Musicals. “Später bekam ich dann ein Angebot für ‘Elisabeth – Legende einer Heiligen’ und spielte mein erstes Stück in Fulda.” Es folgten Rollen in “Die Päpstin”, “Der Medicus” und erneut “Bonifatius”, die er neben vielen anderen Rollen innerhalb Deutschlands übernahm.

So wurde Fulda im vergangenen Jahr sogar zu seiner Wahlheimat. Zuerst sei Schöne aber der Liebe wegen nach Leipzig gezogen. “Als sich das zerschlagen hat, habe ich überlegt, wo es nun für mich hingehen soll”, erzählt er weiter. “Fulda hat mir so gut gefallen, außerdem liegt es mittig in Deutschland und hat eine gute Zuganbindung.” So ist der gebürtige Hesse dann auch nicht allzu weit von seiner Heimat im Taunus entfernt. “Natürlich war aber auch die hiesige Musical-Schmiede Spotlight ein gewaltiger Grund, nach Fulda zu ziehen.”

Auch im Stück “Robin Hood”, das ursprünglich in diesem Jahr seine Weltpremiere während des Musical-Sommers feiern sollte, wollte Schöne eine Rolle ergattern. Doch der lange Casting-Prozess zwang ihn zu einer Entscheidung: Es winkte nämlich außerdem die Hauptrolle in “Ludwig²” im Festspielhaus Füssen, die er schließlich annahm. “Das Leben ist eben wie ein Karussell. Ich lebe aber so gerne hier, dass ich es in Kauf nehme, immer nach Füssen zu reisen.”

Zwei Familienmitglieder durch Corona verloren

Und dann kam Corona. “Schon bevor der Lockdown kam, wusste ich, dass sich da etwas anbahnt, was nicht einfach wird”, so Schöne und berichtet, wie er anfangs mit Mundschutz im Zug nach Füssen pendelte. “Durch ‘Ludwig²’ hatte ich auch einige Fans aus China, die mich schon anfangs vor dem Virus gewarnt haben.” Das ungute Gefühl wurde stärker, als Schöne selbst krank wurde. “Ich hatte hohes Fieber und es ging mir überhaupt nicht gut. Meine Termine musste ich alle absagen, und ich habe mich gefragt: Ist das nun Corona?” Diesen Verdacht bestätigte ein Test glücklicherweise nicht. Dennoch habe er durch die Krankheit einige Jobs verloren. “Der grippale Infekt hat mich total ausgeknockt”, gesteht er. Als die bundesweiten Ausgangsbeschränkungen eintraten, wurde die Lage zunehmend angespannt. “Alle haben versucht, Ruhe zu bewahren, aber niemand wusste so richtig, was da gerade passiert.”

(Foto: Passion 2020)

Als Angestellter des Festspielhauses Füssen wurde er aufgrund der Corona-Krise in Kurzarbeit geschickt. Zusätzlich fallen sämtliche Zuschläge für Abendveranstaltungen und Wochenenden weg. “Corona hat mich komplett abrasiert”, spricht Schöne offen aus. Die Unklarheit über viele Wochen habe sich auch auf die Psyche ausgewirkt. “Ich war an einem Punkt, an dem ich dachte, ich muss meinen gerade erst neu gefundenen Lebensmittelpunkt aufgeben, weil ich die Wohnung verlieren könnte.” Zum Glück sei ihm der Vermieter etwas entgegengekommen. Dennoch sei die finanzielle Lage alles andere als rosig. “Ich häufe nun Schulden an, die ich in dieser Zeit normalerweise locker verdient hätte, nun aber mindestens ein Jahr mit mir herumtrage.”

Dazu kam, dass sich innerhalb Schönes eigener Familie vier Personen nachgewiesen mit dem Coronavirus angesteckt hatten, teilweise mit Todesfolge. “Wir hatten in den letzten Wochen zwei Beerdigungen.” Dass der Virus knallharte Realität ist, sei ihm dadurch nochmals bewusst geworden.

Im Live-Talk mit dem Publikum entstand ein besonderes Musikprojekt

Sicherlich keine einfache Situation. Doch Schöne sei nicht bereit gewesen, einfach tatenlos abzuwarten. “Da saß ich nun also mit meinem Popo auf dem Sofa und wusste erst einmal nicht, wie es weitergeht. Ich habe zwar zu Essen und ein Dach über dem Kopf, aber es musste etwas passieren”, so Schöne. Kreative Lösungen mussten her. So entstanden unter anderem regelmäßige Live-Talks über das Internet.

“Während ich früher meine Kolleginnen und Kollegen beobachtet habe, wie sie auf Plattformen wie Instagram Live-Videos aufgenommen haben, habe ich da selbst nie mitgemacht. Das habe ich einfach verpasst.” Darum sei es ihm am Anfang auch nicht leichtgefallen, mit den Zuschauer*innen zu sprechen. “Man sieht, wie unsicher ich im ersten Video noch war. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte”, offenbart er. Aber das habe sich gelegt und der große Zuspruch des Publikums ließ ihn sein neues Format “Schöne Live” entwickeln, das zunächst täglich, nun aber zweimal wöchentlich bei Facebook und Instagram online geht. Schnell hatte Schöne mehr als 1000 Views pro Folge.

(Foto: Jennifer Reese Cermak)

“Das Format ‚Schöne Live‘ hat viel mit mir persönlich zu tun. Ich rede über Musicals, aber auch alltägliche Themen. Und es hat einige Dinge in mir wachgerufen.” So habe er zum Beispiel seine Gitarre wieder in die Hand genommen und angefangen, Songs zu schreiben. Aktuell entstehe eine Single in Zusammenarbeit mit einigen Spotlight-Mitarbeiter*innen: “Sie heißt ‚Chakra‘ und das Publikum hat die Möglichkeit, im Livestream über verschiedene Inhalte, wie den Refrain, abzustimmen.” Der Song entstehe also mit Fans und für Fans.

Neben der Single “Chakra” ist ein komplettes Album unter diesem Titel in der Mache, das am 1. Oktober erscheinen soll. Musikalisch soll es weg vom Musical gehen, die Songs klingen nach deutschem Rock und Pop und sollen von Schönes eigenen Erfahrungen handeln.

“Stell dir vor, es ist Theater, aber keiner geht hin”

Aber nicht nur zu eigener Musik hat ihn die Krise gebracht. Er habe vergangenen Herbst bei einem Live-Talk mit Heike Böcke so gute Erfahrungen gemacht, dass er gerne selbst einen Comedy-Live-Talk wolle. “Natürlich mit einem ganz eigenen Konzept”, ergänzt er. “Es soll dabei um meine Sichtweise zu Dingen gehen.” Auch Musik solle eine große Rolle spielen. Aktuell sei er noch auf der Suche nach einer passenden Location.

Doch zunächst bleibe abzuwarten, ob sich die Corona-Situation weiter entspannt. “Wir sitzen alle an einem Tisch, an dem wir noch nie gesessen haben. Eine komplett unbekannte Situation.” Er schätzt, dass der Mundschutz noch lange ein Begleiter sein werde. Durch das Fehlen von Massenveranstaltungen werde sich im Kulturbereich noch einiges verändern. “So schön sich die aktuellen Lockerungen anhören, ich glaube langfristig werden wir noch lange damit zu tun haben. Darüber machen sich Leute, die nicht viel mit dem Kulturbereich zu tun haben, eher keine Gedanken”, vermutet Schöne. Er habe außerdem Bedenken, dass viele Menschen, selbst wenn die Lockerungen es erlauben sollten, erst mal nicht zu Veranstaltungen kommen werden. “Stell dir vor, es ist Theater, aber keiner geht hin. Man spricht viel über die Gastronomie und Familientreffen, aber unsere Branche bleibt komplett lahmgelegt.”

“Chakra!” – so heißt Schönes neue Single vom gleichnamigen Album (Foto: Jennifer Reese Cermak)

Das bringe ihn und auch alle anderen Künstler und Künstlerinnen seiner Branche in eine gefährliche Lage. “Es wird immer von Soforthilfe gesprochen, aber ich weiß von ganz vielen, dass sie keine bekommen.” Auch Schöne erhält wegen seines Angestelltenverhältnisses in Kurzarbeit keine Soforthilfe. Dennoch reiche das Geld hinten und vorne nicht. Und niemand wisse, wie lange das noch weitergehen kann. “Eine ganze Branche ist ausgeknockt. Als alle noch im Shutdown waren, war man noch solidarisch, denn es hat alle getroffen. Nun dürfen viele andere wieder ihren Job machen – aber wir Künstler dürfen nicht.” Das sorge laut Schöne natürlich für Unmut. “Es dürfen Zehntausende Leute ohne Mundschutz demonstrieren, aber es dürfen keine 500 Leute mit Abstand und Mundschutz im Theater sitzen”, merkt er noch an und wünscht sich, dass hier eine Verhältnismäßigkeit geschaffen werde.

Hier geht’s zum ersten Teil unserer Serie über Künstler*innen in der Corona-Krise: Shaggy Schwarz und die Kleinkunst

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