Weltreise mit dem Fahrrad
Auf dieser Route ist der Gelnhäuser Dennis Kailing um die Welt geradelt. (Grafik: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Die Zahlen aus der Überschrift sind ja schon spektakulär. Dennoch geben sie nicht ansatzweise wieder, was Dennis Kailing auf seiner Weltreise mit dem Fahrrad erlebt hat. Es sind 761 Tage voller Freude, Kampf und wichtiger Erkenntnisse gewesen.

Es ist der 21. Juli 2017, als Dennis Kailing aus Gelnhausen so etwas wie Heimat empfindet. Seit 760 Tagen ist er nicht mehr zuhause gewesen. Hinter ihm liegen Zehntausende Kilometer auf dem Fahrrad. Sie haben ihn durch 41 Länder geführt. Während dieser Zeit musste er 63-mal einen Reifen wechseln, weil er platt gewesen ist. (Hier findest du weitere Statistiken)

Dennis hat unter freiem Himmel gepennt – auch einmal auf dem Grundstück mutmaßlicher Menschenschmuggler. Er ist zehn Stunden durch die thailändische Nacht geradelt, hat auf einer Hanfplantage gearbeitet und sich durch die nass-kalte Regenzeit Ecuadors gebissen.

„Besser Welt als nie“ im Autokino bei Fulda

Und dann, einen Tag vor dem Ende seiner Weltreise mit dem Fahrrad, vor seiner Rückkehr nach Gelnhausen, chillt Dennis mit seinem Kumpel Michi und beißt das erste Mal seit 22 Monaten in einen Döner. Heimat.

Was der heute 29 Jahre alt Gelnhäuser während der mehr als zwar Jahre dauernden Reise erlebt hat, hat er in ein Buch gegossen. „Besser Welt als nie“ nennt es sich. Zudem hat Dennis unter dem gleichen Titel einen Film über seine Erlebnisse gedreht. Der läuft diesen Freitag (22.05.2020) um 18 Uhr im Autokino im Michelsrombacher Wald.

move36 hat mit Dennis gesprochen. Wir geben euch einen Einblick in sein Fahrradabenteuer.

Eindrücke von Dennis Kailings Fahrrad-Weltreise

Was macht eine Reise, wie Dennis sie erlebt hat, mit einem Menschen? Schließlich ist es eine Reise ins Ungewisse gewesen. Dennis wusste nicht vorab, wo er jede Nacht unterkommen würde. Würde sein Körper überhaupt durchhalten? Und was ist mit dem Kopf? Was für Menschen würden ihm begegnen? Würde er in der Not Hilfe bekommen? Ein entspannter, vorhersehbarer Pauschalurlaub ist Dennis‘ Weltreise auf keinen Fall gewesen.

Dennis muss immer mal sein Rad auf Vordermann bringen – wie hier in Mexiko. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

„Das Gute ist, und das ist auch das Fazit der Reise: Es ist nicht schlimm, nicht zu wissen, was danach kommt“, sagt der 29-Jährige mit Blick auf seine Zukunft. „Ich habe gesehen, wie unterschiedliche Leute leben und damit – mehr oder weniger – klarkommen. Manche haben in Baumhäusern oder Blechhütten gewohnt.“ Vorher habe er etwas Angst vor der Ungewissheit gehabt. Es habe immer geheißen: „Mach die Hausaufgaben, geh studieren, dann kannst du dir irgendwann ein Haus bauen.“ Da habe Dennis schon einmal gedacht: „Gott, was ist, wenn ich das nicht schaffe?“

Diese Kinder hat Dennis im Dschungel von Osttimor getroffen. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Die größte Angst während der gesamten Weltreise

Etwas Angst ist auch zu Beginn der Weltreise ein Begleiter von Dennis. Easy going ist der erste Tag nicht gerade. „Ich wusste nicht, wo ich am Abend unterkomme“, sagt der Gelnhäuser. „Ich hatte mich nicht getraut, nach einer Schlafmöglichkeit zu fragen. Ich habe mich gefragt: wohin nur?“

Dennis entscheidet sich schließlich, unter einer Bahnbrücke zu schlafen. Während dieser Nacht habe er die größte Angst während der gesamten Reise gehabt, sagt er. „Ich hatte zuvor noch nie wild gecampt. Ich lag allein im Zelt, habe auf jedes Geräusch geachtet und gedacht: Gleich kommt da jemand.“

Mit der Zeit gewöhnt sich der heute 29-Jährige an das Wildcamping. Als er später zurück in Europa ist, schläft er ohne Zelt an der frischen Luft. „Das hat mir nichts mehr ausgemacht.“

Zelten unter freiem Himmel in der Wüste von Oman. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Bürgermeisterliches Nachtlager

Etwa zwei Monate später befindet sich sein Nachtlager zwar nicht unter freiem Himmel, dennoch ist der Ort nicht weniger ungewöhnlich. Tag 63 der Reise neigt sich gerade dem Ende zu – die Sonne geht unter. Dennis fährt von der Landstraße ab und in das Dorf Osmanparsa in der Türkei.

„Meine Erfahrung war, dass einem in Dörfern geholfen wird“, sagt er. „An einem Kiosk habe ich mit Händen und Füßen erklärt, was ich mache und was ich suche. Irgendjemand hatte den Schlüssel für das Büro des Bürgermeisters dabei.“ Dort übernachtet Dennis schließlich. Ob der Bürgermeister überhaupt Ahnung davon hatte, weiß der Gelnhäuser nicht. Kontakt habe er zu ihm jedenfalls nicht gehabt.

Frühstück in der Türkei bei freundlichen Gastgebern. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Vier Tage Party nach 230 Kilometer langer Nachtfahrt

Dennis‘ Weltreise bestand nicht nur aus Radeln und der Suche nach einer Schlafmöglichkeit. An manchen Orten ist er mehrere Tage geblieben, ohne in die Pedale zu treten. Unter anderem auf Kho Phi in Thailand. „Vier Tage am Stück hart feiern“, hat er in seinem Tagebuch notiert. Zuvor ist Dennis 230 Kilometer durch die Nacht geradelt und dann mit der Fähre auf die Insel übergesetzt.

„Ich hatte mich auf der anderen Seite von Thailand befunden“, sagt er. „Dort hat es geregnet und von der ‚Full Moon‘-Party, auf der ich gewesen bin, war ich etwas enttäuscht. Da dachte ich mir: Ich muss auf die andere Seite.“ Irgendwie habe er die zehn Stunden Radeln überstanden. „Vielleicht lag es am thailändischen Whisky, den ich vorher getrunken habe.“

Dennis lässt sich in Thailand einen Skorpion schmecken. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Malochen auf Hanfplantage in den USA

Luxus en masse hat sich der Gelnhäuser während seines Trips allerdings nicht gegönnt. Im Großen und Ganzen ist er durch Erspartes über die Runden gekommen. „Außerdem habe ich versucht, möglichst günstig zu leben“, sagt Dennis. Hier und da hat er sich mit Hilfsarbeiten etwas dazu verdient.

„In Kalifornien habe ich mit meinem Kumpel Robert auf einer Hanfplantage gearbeitet“, sagt er. „Ernten, Säen, Blüten zum Verkauf aufpimpen: Das war mal etwas anderes.“ Es sei eine angenehme Arbeit gewesen – sie hätten nebenbei Musik gehört. „Drei Wochen später wurde Kiffen in Kalifornien legalisiert.“

Dennis und Robert in den USA (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Nachts bei mutmaßlichen Menschenschmugglern

Monate später erlebt der 29-Jährige in Costa Rica eine krisselige Situation. „Zelten im Garten von Menschenschmugglern“, steht in seinem Tagebuch. In dem mittelamerikanischen Land hatte Dennis andere Radreisende getroffen. Etwas ab vom Schuss fragen sie bei einer Ranch, ob sie dort schlafen können. „Das sah alles etwas suspekt aus“, sagt Dennis.

Er berichtet von Hunden, die im Garten taktisch verteilt angeleint gewesen seien. „Wir sind trotzdem rein. Der Typ war ja auch freundlich.“ In der Nacht kommt schließlich ein Kleinbus mit zehn Leuten an. „Als sie ausgestiegen waren, haben sie sich geduckt, wenn ein Auto vorbeikam. Dann sind sie irgendwohin. Ich nehme an, in eine der zwei, drei Hütten auf der Ranch.“

Dennis sagt, dieser Moment sei der einzige gewesen, während dem er seinem Bruder nachts seinen Standort geschickt habe. „Ich habe mich gefragt: Werde ich die nächsten Tage überleben? Irgendwann bin ich dann eingeschlafen.“

Müde in Costa Rica (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Dennis beißt sich durch Ecuador

Von Costa Rica aus geht die Reise des Gelnhäusers weiter in Richtung Süden. In Ecuador muss er ordentlich auf die Zähne beißen. Es ist gerade Regenzeit, es schüttet permanent. „Mir war kalt, meine Klamotten sind komplett nass gewesen“, sagt Dennis. „Das ist für mich das schlimmste Fahrradwetter.“

Das Mistwetter setzt Dennis zu. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Dennis kommt schließlich in einem Hotel unter. Als er am nächsten Morgen aus dem Fenster guckt, ist der Himmel noch immer grau. Es regnet weiterhin. „Ich habe mich trotzdem aufgerafft“, sagt er. „Die Alternative wäre ja gewesen, dort hängenzubleiben.“

„Wo ist mein Selbstbewusstsein hin?“

Rückblickend sagt Dennis, es habe nicht wirklich einen Punkt, an dem er sich gesagt habe, es geht nicht weiter, gegeben. „Aufzugeben, ist nicht mein Stil“, sagt er. „Das wäre auch mit meinem Stolz etwas schwierig geworden.“

Nach seiner Rückkehr gräbt sich der Gelnhäuser etwas ein. „Ich hatte das Gefühl, auf der Tour war ich unfassbar selbstbewusst, ich hatte die beste Version von mir gefunden“, sagt Dennis. „Das Gefühl hat sich langsam abgebaut. Während der Arbeiten am Film dachte ich teils: Wo ist mein Selbstbewusstsein hin?“

In ein richtiges Loch sei er zwar nicht gefallen. Allerdings habe er gedacht, dass er den Film schneller fertig habe – in einem halben Jahr. „Es hat dann doch zwei Jahre gedauert. Das war anstrengend. Ich musste noch viel lernen.“ Jetzt sei er wieder obenauf. Und für seinen Film habe es gutes Feedback gegeben.

Dennis nimmt in Armenien am Straßenrand einen Snack zu sich. (Foto: Dennis Kailing | Besser Welt als nie)

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Über Sascha-Pascal Schimmel

https://medium.com/@SaschaPascalSchimmel/meine-storys-b0d6414bfd17