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Foto: Charles Koh/Unsplash

Der deutsche Sozialstaat nimmt riesige Batzen Geld in die Hand, um die massiven Auswirkungen der Corona-Krise auf die Wirtschaft abzufedern. Gleichwohl stecken wir in der tiefsten Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie viel und wen der Staat retten kann oder sollte, darüber wird derzeit intensiv debattiert – so zum Beispiel am vergangenen Sonntag im Presseclub.

Besonders Selbstständige, die sich selbst nicht mal eben in schnell in Kurzarbeit schicken können, sind betroffen. Dass aber nicht per se alle nun in Schieflage geraten, zeigt das Beispiel von Mariana Friedrich und Nico Bensing, die lange bei move36 gearbeitet haben.

“Natürlich habe auch ich Kunden in der Krise verloren, das geht gerade allen so”, sagt Mariana Friedrich, die von 2011 bis 2019 Redakteurin bei move36 war und die Medienmarke ausschlaggebend mitgeprägt hat. “Ich habe allerdings zwei Vorteile, durch die ich nun gut aufgestellt bin: Zum einen arbeite ich sowieso sehr viel online, zum anderen habe ich mein Büro in der Wohnung – habe also insgesamt keine großen Ausgaben für meine Selbstständigkeit, so die 34-Jährige.

Eigentlich wollte sie nie selbstständig werden, weil sie die Arbeit im Team geliebt hat. Aber irgendwann komme der Tag, an dem du dich fragst: Wie sehen meine Zukunftsaussichten aus? Aufstiegsmöglichkeiten? Familienplanung? Altersvorsorge? Da ihr Freund in Zürich ein Jobangebot bekommen hatte, “das er nicht ausschlagen konnte, lautete die Frage nach sieben Jahren Fernbeziehung eigentlich nur noch: Wie baue ich mir dort ein neues Leben auf?”, erzählt sie. Nur ein “Problem” sei nun neu: Sie musste ihr Büro in der Wohnung aufgeben, weil ihr Freund es dringender fürs Homeoffice brauche.

Mariana moderiert den Podcast der Hochschule Fulda: “Gesprächsstoff”

Auch wenn sie bereits vor der Kündigung bei move36 einen Kundenstamm hatte, die Selbstständigkeit war “ein Sprung ins kalte Wasser”. Doch nach dem Wechsel ging alles ganz schnell, Bekannte sprachen sie plötzlich an, ob sie für sie was texten oder sie in Sachen Kommunikation beraten kann. Dass es gleich so gut läuft, hätte sie nicht gedacht.

Mariana arbeitet nun seit gut eineinhalb Jahren als freie Journalistin, Text- und Contentgestalterin, Lektorin und Coach. Sie fasst es gerne so zusammen: “Ich helfe Menschen, die etwas zu sagen haben, die richtigen Worte zu finden.” So hat sie bereits journalistische Inhalte für Kindermedien geschrieben, Social-Media-Kanäle gestaltet oder unternehmensinterne Magazine mitproduziert. Derzeit arbeitet sie mit einer Gruppe von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an einer Fachbuchreihe. Zudem moderiert sie den Podcast der Hochschule Fulda: “Gesprächsstoff“.

Mariana Friedrich war fast von Anfang an bei move36 dabei. Seit gut eineinhalb Jahren ist sie selbstständig und wohnt mit ihrem Freund in Zürich. (Foto: Mariana Friedrich)

Die Schweiz hat ähnliche gute Sicherungssystem und Nothilfen bereitgestellt wie Deutschland – wenn auch hier natürlich nicht alles rund läuft. “Da meine Probleme noch – ich klopfe auf Holz – marginal sind, habe ich keine Hilfen beantragt”, so Mariana. Sie habe sich entschieden, so gut sie kann anderen zu helfen – beispielsweise mit der Teilnahme an zwei Hackathons, die Lösungen für die Krise finden wollten. Zudem steckt sie viele freie Minuten in Weiterbildung.

Eine ihrer großen Leidenschaften ist Kultur – ob Kabarett, Literatur oder Serien. Früher hat sie selbst Theater gespielt. So arbeitet sie zudem mit einer Gruppe an einer Kulturplattform, die Kleinkunstbühnen und Kreative unterstützen will. Eine Freundin ist zum Beispiel Theaterschauspielerin in Zürich – und nun natürlich ohne Job. Sie vertone, was sie derzeit erlebt, in kleinen Songs. Aber das lässt natürlich nicht die Kasse sprudeln. Ähnlich geht es einem anderen ehemaligen move36-Kollegen: Der Wahl-Hamburger Bene Reinisch war kürzlich zu Gast beim regionalen Kultur-Podcast vom Kreuz und hat seinen Weg vom Zauberkünstler zum Kabarettisten geschildert.

Viele Aufträge fallen weg, neue kommen hinzu

“Künstlern geht es mit der Situation natürlich ziemlich dreckig, weil sie auf ihr Publikum angewiesen sind”, sagt Mariana. “Ich befürchte, dass vieles wegbrechen wird. Aber – das klingt jetzt hart – das ist das Los dieser Berufe. Auch kleine Ereignisse können eine Selbstständigkeit zerstören.” Doch sie hoffe, dass wir einige gute Lehren aus der Krise ziehen: “dass uns Pfleger, Kassiererinnen und andere systemrelevante Berufe mehr wert sein sollten, dass eine unabhängige und kritische Berichterstattung Gold wert ist und dass uns Künstler und Künstlerinnen mit ihren Werken durch eine solche Krise führen und zeigen, dass wir das Lachen nicht verlernen dürfen”.

Einer, der auch schon früh für move36 in die Tasten gehauen hat, ist Nico Bensing. 2013 das Volontariat bei der Fuldaer Zeitung begonnen, hat er es bei move36 abgeschlossen und danach noch gut eineinhalb Jahre bis zum Sommer 2016 als Redakteur hier gearbeitet. Vor gut zweieinhalb Jahren hat er sich mit seinem Kumpel Steffen Reith selbstständig gemacht und die Kommunikationsagentur Bensing & Reith gegründet. Der Wunsch zur Selbstständigkeit war bei beiden schon lange da – und Ende 2017 kam dann der richtige Moment.

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Nico (links) und Steffen haben vor knapp zweieinhalb Jahren die Kommunikationsagentur Bensing & Reith gegründet. (Foto: Johannes Ruppel)

“Kurz und knackig: Wir sind Transporteure von Nachrichten. Wir unterstützen Unternehmen bei der Öffentlichkeitsarbeit und der internen Kommunikation”, erklärt Nico ihre Arbeit. Darüber hinaus geben sie Seminare und helfen bei der Organisation von Events, so zum Beispiel beim Straßenmusikfestival in Schlüchtern vergangenes Jahr.

“Die Corona-Krise hat auch unseren Alltag verändert. Etliche Veranstaltungen, die wir mitorganisiert hätten, über die wir berichtet oder die wir moderiert hätten, sind ausgefallen – und damit auch unsere Gagen weggebrochen”, so der 33-Jährige weiter. Andererseits seien andere Aufträge hinzugekommen, die es ohne die Krise nicht gegeben hätte. So unterstützen sie derzeit beispielsweise den Schlüchterner Gewerbeverein WITO dabei, alle Mitglieder und deren Angebote während Corona in Kurzportraits zu präsentieren.

Sie mussten bislang noch keine Hilfen vom Staat beantragen und hoffen, dass das auch so bleibt. Ob die Gelder für Selbstständige und Künstler ausreichen werden, sei noch schwer abzuschätzen. Aber sie glauben, dass das Bewusstsein in Politik und Gesellschaft für die Probleme vorhanden ist. “Unternehmer – vor allem der Mittelstand – sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Und davon sind auch Kunst und Kultur ein extrem wichtiger Faktor – auch wirtschaftlich”, betont Nico. Dennoch ist bereits absehbar, dass die Klub-, Konzert- und allgemein Bühnenkultur noch lange an der Krise zu knapsen haben werden.

Große Sorgen machen sich Nico und Steffen nicht, Sorgen seien generell kein guter Ratgeber. “Krisen, ganz gleich welcher Art, bieten immer auch die Möglichkeit, neue Perspektiven zu gewinnen. Klingt nach einer Phrase, ist deshalb aber nicht minder wahr. Wir bleiben optimistisch”, so Nico.

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