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Ein schnelles „Fußpils“ auf dem Weg zum Club, Tiefkühlpizza, Toilettenpapier und die gemischte Tüte ohne Lakritz – der Dealer Number one am Kiez ist und bleibt der Spätimann oder die Spätifrau am Kiosk um die Ecke. Wieso gibt es dieses feine Stückchen Subkultur- immer noch nicht auch in unserer Stadt?

Von Benedikt Reinisch

Mitternacht ist vorbei, doch die Party noch lange nicht – aber da ist dieses kleine Hüngerchen. Und was zum Runterspülen auf dem Weg in den nächsten Club wäre auch nicht schlecht. In den meisten Städten in Deutsch- land heißt das für die Nachtschwärmer unter uns: Auf zum Späti! Enge Gänge, die mit allem möglichen Krempel vollgestopft sind, den man eigentlich nie, aber jetzt gerade ganz dringend braucht. Auf jedem Artikel prangt ein orangener Sonderpreis-Aufkleber. Eine Flasche Berliner Luft für „nur“ 13,99 Euro, obwohl er im Supermarkt die Hälfte kostet? Egal, um die Uhrzeit zahle ich auch 15 Euro. Hauptsache der nette Spätimann sperrt auch morgen wieder sein 24/7-Büdchen auf.

Ein Späti, das ist viel mehr als ein Supermarkt. Es ist ein Ort der Begegnung. Hier trifft sich jeder, vom Banker bis zum obdachlosen Drogenjunkie. Hier gibt es keine Klassen, hier eint uns der Wunsch nach Alkohol, Süßkram oder was auch immer wir vergessen haben, vor Ladenschluss zu kaufen. Egal, wo du herkommst und wie hoch dein Kontostand ist, beim Späti sind alle gleich. Es hat etwas Schmuddeliges, trotzdem Gemütliches, hier seinen Absacker zu trinken. Und ja, entgegen aller Erwartung kotzt hier keiner über die Theke. Das gehört sich nämlich nicht. Das behagliche Gefühl von Gemeinschaft. Ein Hort der Subkultur. Und für manchen Philosophie- oder Soziologiestudenten der Ort für repräsentative Feldstudien.

Hat die Stadt was gegen Spätis?

38.000 Späti-Filialen in ganz Deutschland soll es geben – das wären 18 pro Stadt! Aber null Komma null davon sind im Landkreis Fulda zu finden. Fast reflexhaft möchte ich unserem konservativen Städtchen den schwarzen Peter in die Schuhe schieben. Fulda macht sich ja gerne mal mit skurrilen Vorgaben für den Handel und Gastronomen einen Namen. Hier werden Sonnenschirmfarben und Außenbestuhlungsmodelle vorgeschrieben. Für die in einem Haus der Kirche untergebrachte „Schlecker“-Filiale, die keine Kondome verkaufen durfte, und den Weihnachtsmarktstand „Fleischeslust“, der seinen Namen ändern musste, lachte uns die ganze Republik aus. Vermutlich gibt es auch irgendwo eine Anti-Späti-Verordnung. Oder wieso macht hier keiner so ein Büdchen auf?

Aber Fehlanzeige. „Es gibt weder Restriktionen noch irgendwelche Vorgaben der Stadt Fulda, nach denen das Geschäftsmodell ‚Späti‘ grundsätzlich nicht zugelassen beziehungsweise verhindert würde“, beteuert die Stadt. Das hessische Ladenöffnungszeitengesetz stellt es Unternehmern vollkommen frei, ihr Geschäft so lange sie wollen zu öffnen. 0 bis 24 Uhr. Solange der Späti also nicht anfängt, in Domnähe Kondome zu verkaufen oder lustige pinke Sonnenschirme aufzustellen, gibt‘s von Bischof und Stadt sicher keinen Einwand.

Woran hängt’s?

Wieso also bleibt uns dieses Kulturgut vorenthalten? Ist Fulda zu klein für das kleine Stück Kioskkultur? Oder brauchen wir einfach keinen Späti? Immerhin gibt es mittlerweile einige Läden, die samstags bis 22 Uhr offen haben und verkaufen neben Handyhüllen auch das ein oder andere Wege-Bier. Tankstellen versorgen uns neben Sprit auch mit allen möglichen Konsumgütern. Und wer Hunger hat, geht nachts halt zum Dönerladen. Die langen Schlangen aus Studenten, Azubis und anderem Partyvolk jedes Wochenende rund um das Bermudadreieck sprechen Bände. Denn viele Verkäufer des türkischen Fast-Food-Schlagers haben ihre Buden bis fünf Uhr morgens geöffnet.

Fehlt es uns an Locations für den Spätverkauf? In der Innenstadt ist Ladenfläche ja nun wirklich nicht knapp. Vielleicht am Buttermarkt, wo die Sonne leider Platz gemacht hat? Oder im ehemaligen Mauerblümchen? Vielleicht gibt die L14 in ihrem neuen Domizil einem bereitwilligen Spätimann-to-be ein Obdach? Zur Not hätten wir auch noch das Taubenhaus in der Aue. Neben den Tauben, die dort bisher eingezogen sind, ist sicher noch ein Fleckchen frei.

Späti im Fulda-Style: Kümmelbrot und Schwartemagen

Vielleicht mangelt es den Start-upern und künftigen Unternehmern in Fulda einfach nur an Mut für solch ein wagemutiges Projekt. Deshalb hier einige Tipps, wie ein Späti Fulda-Style aussehen könnte. Denn wir Fuldaer sind doch immer etwas besonders, geben uns selten mit billigen Kopien einer funktionierenden Idee ab. Ein echter Fuldaer Späti, der hat kein labbriges Toastbrot im Regal, sondern gutes Kümmelbrot. Statt Bifi wird hier Schwartemagen to go serviert. Das Bier darf natürlich nur aus der stadteigenen Brauerei kommen, der Kaffee nur vom lokalen Röster, versteht sich. Heimat Fulda wie wär’s mit einer Erweiterung? Die Außenbestuhlung basteln wir gemeinsam im Palettenworkshop, damit die Stadt auch nix dagegen hat. Und für die musikalische Untermalung laufen die Mambos in Dauerschleife.

Wir verlangen nicht mal eine Beteiligung, wenn ein findiger Verkäufer unser Konzept kopiert. Aber wir würden uns freuen, wenn Fulda früher oder späti doch noch in den Späti-Genuss kommt.

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