Zahlreiche Artikel zu “Wir müssen reden!” findest du in den Magazinen.
Foto: Constanze Gollbach

Drei Millionen Deutsche haben die Selbsthilfe für sich entdeckt. Sie besuchen eine von mehr als 70.000 Selbsthilfegruppen. Doch noch ist das Image von Selbsthilfegruppen negativ behaftet. Zu groß ist die Scham bei den Betroffenen mit den verschiedensten Problemen. move36 hat gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Barmer Krankenkasse das Narrativ “In Selbsthilfegruppen gehen nur Opfer” gebrochen. Das Projekt „Wir müssen reden! – Junge Selbsthilfe in Osthessen“, das wir im Mai 2017 initiiert haben, gab Betroffenen von physischen und psychischen Krankheiten eine Plattform und brachte das Thema Selbsthilfe in ein ganz neues, positives Licht. Im März dieses Jahres endete das Projekt. move36 und die Projektpartner blicken auf drei Jahre Zusammenarbeit zurück und erzählen, was sie daraus mitgenommen haben.

Bleib gesund!“ – Seit Corona ist dieses Motto fest in unserem Wortschatz verankert. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn nicht jede Krankheit ist auf den ersten Blick zu erkennen. Einige schleichen sich über viele Jahre in die Psyche eines Menschen ein, andere krempeln das Leben von einem auf den anderen Tag um. Noch immer sind vor allem psychische Krankheiten ein Tabu in unserer Gesellschaft. Betroffene haben Angst, darüber zu reden, das Schamgefühl ist zu groß. Mit „Wir müssen Reden! – Junge Selbsthilfe in Osthessen“ hat move36 im Mai 2017 gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und der Barmer Krankenkasse Hessen ein Projekt gestartet, das mit diesem Tabu bricht.

Zu Beginn des Projektes wusste noch keiner, wie sich „Wir müssen reden!“ entwickelt. „Jungen Menschen Mut machen, sich in Selbsthilfegruppen zu engagieren“, wünschte sich Schirmherr Stefan Grüttner (CDU), ehemaliger Sozialminister Hessens, von der Idee. Und auch Oberbürgermeister Wingenfeld betonte: „Selbsthilfe ist ein Thema, das uns alle angeht“. move36 stand vor einer Herausforderung: Wie brechen wir das Stuhlkreis-Klischee und zeigen dir, dass Selbsthilfe weder langweilig noch lebensfern ist?

Über drei Jahre konntest du im Magazin und online über Themen wie Essstörung, Depression, Mobbing, Transsexualität oder Stress lesen. Die Liste hier ist schier endlos, und die Recherche war nicht immer einfach. Doch das Ziel, Jugendlichen eine Plattform zu geben, um ihre Geschichten zu erzählen, die nicht selten mit Scham und Schmerzen verbunden sind, ist gelungen. „Ein weit verbreitetes Stereotyp, demzufolge komplexe Themen bei Jugendlichen auf taube Ohren stoßen, konnten wir widerlegen, indem man diese Themen dem Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe, sprich multimedial, aufbereitet“, sagt Walter Lorz, Geschäftsführer der OBCC, die Herausgebergesellschaft von move36.

Die erste junge Selbsthilfegruppe an der Hochschule Fulda

Diese neue Art der Aufbereitung fand vor allem an den Schulen Anklang. Präsente Thema bei Schülern und Schülerinnen: Stress und Drogenkonsum. So haben wir an der Richard-Müller-Schule, dem Wigbertgymnasium in Hünfeld und an der Eduard-Stieler-Schule sogenannte World-Cafès veranstaltet. Hier stand ein ungezwungener Austausch zwischen den Jugendlichen, Experten oder Mitgliedern aus Selbsthilfegruppen im Vordergrund. Ziel war es, Jugendliche für die Themen zu sensibilisieren und Hilfsmöglichkeiten mit auf den Weg zu geben. Das mehrheitlich positive Feedback der Schüler und Schülerinnen zeigte: Mit direkter Kommunikation und richtiger Aufbereitung lassen sich Jugendliche auf das Thema ein und sind dankbar für das Angebot.

Aber nicht nur in den Schulen trug das Projekt Früchte. An der Hochschule Fulda gründete sich im November 2018 die erste junge Selbsthilfegruppe von und für Studenten. „Mut zur Gelassenheit“ nennt der damals 25-jährige Student der Sozialen Arbeit Moritz Grandis die Gruppe. „Viele Studis haben Angst, Referate vor großen Gruppen zu halten, einige sind vielleicht generell etwas sozialphobisch, manche bekommen Studium und Nebenjob nicht unter einen Hut und sind gestresst. Diese Leute sind in der Gruppe richtig aufgehoben“, erklärte er move36.

Eine Selbsthilfegruppe, viele Artikel und das ein oder andere Umdenken: Wir blicken auf kleine, aber auch große Erfolge zurück. Auch wenn „Wir müssen reden! – Junge Selbsthilfe in Osthessen“ nun ein Ende gefunden hat, ist und bleibt junge Selbsthilfe ein Thema, das uns alle angeht und präsent bleiben muss – Denn wie schon gesagt: Die Themenliste ist lang, und wir werden weiter darüber berichten.


Drei Jahre hinterlassen Spuren. Die move36-Redaktion, unsere Projektpartner und ehemalige Redakteure haben einiges aus dem Projekt mitgenommen. Was, ließt du hier:


Walter Lorz (Geschäftsführer OBCC)
Foto: Privat

Zwei Punkte haben mich an dem Projekt besonders begeistert. Zum einen, dass es uns gelungen ist, die junge Zielgruppe für das Thema Selbsthilfe zu sensibilisieren. Bestes Beispiel ist dafür die Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe an der Hochschule Fulda. Zum anderen konnten wir damit auch ein weit verbreitetes Stereotyp widerlegen, demzufolge komplexe soziale Themen bei den Jugendlichen auf taube Ohren stoßen. Wir haben mit dem Projekt das genaue Gegenteil bewiesen. Bereitet man diese schwierigen und emotional belegten Themen dem Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe, sprich multimedial, auf, dann erlebt man Erstaunliches. Ich denke dabei vor allem an das World-Café an der Richard-Müller-Schule zum Thema Stress, das riesigen Zuspruch bei den Schülern fand.

Martin Till
(Landesgeschäftsführer der Barmer Hessen)
Foto: Barmer Hessen

Als wir vor drei Jahren die erste druckfrische Ausgabe des Jugendmagazins move36 mit der neuen Rubrik „Wir müssen reden! Junge Selbsthilfe in Osthessen“ in den Händen hielten, war das der sichtbare Auftakt für ein ganz besonderes Projekt. Gemeinsam mit dem Selbsthilfebüro Fulda suchten wir eine Antwort auf die Frage: Wie kann man das Thema Selbsthilfe für Jugendliche und junge Erwachsene sichtbarer und attraktiver machen? Uns war klar: Wir sollten vor allem junge Betroffene mit ihren eigenen Geschichten zu Wort kommen lassen. Die Partnerschaft mit dem Jugendmagazin move36 erwies sich für uns alle als Glücksgriff. Von Mobbing über Diabetes, Stottern, Drogen- oder Onlinesucht, Leukämie bis hin zu schweren seltenen Erkrankungen – es war eine enorme thematische Bandbreite, die von der Redaktion journalistisch aufgearbeitet wurde. In jeder Magazinausgabe konnten wir einen neuen Menschen kennenlernen, der uns seine eigenen Herausforderungen im Leben und seine ganz persönliche Sicht auf Themen wie Anderssein, Gemeinschaft und Inklusion nähergebracht hat. Es war bestimmt nicht immer „leichte Kost“ – aber die Redaktion hat diese Aufgabe mit sehr viel Einfühlungsvermögen gemeistert. Und ein ganz besonderer Dank gilt auch den Betroffenen, die der Redaktion – und damit einem breiten Publikum – einen sehr privaten Einblick in ihr Leben gegeben haben. Die ausgesprochen lesenswerten Print- und Onlinebeiträge wurden ergänzt durch Projekt- und Aktionstage zum Thema Selbsthilfe an Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen im Raum Fulda. Drei Jahre lang gab es einen intensiven öffentlichen Austausch mit dem Ziel: jungen Menschen den Weg in die Selbsthilfe zu ebnen durch Offenheit, Vernetzung und Transparenz. Der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen, Träger der Selbsthilfekontaktstelle Fulda, hat mit diesem Leuchtturm-Projekt gezeigt, dass die Selbsthilfe auch für Jugendliche und junge Menschen eine gute Ansprechpartnerin ist. Denn wer den Mut findet, über die eigenen Situation zu reden kann, der steckt den Kopf nicht in den Sand, sondern nimmt sein Leben selbstbestimmt in die Hand. Wir haben dieses bundesweit einmalige Projekt sehr gerne mit unseren Mitteln aus der Selbsthilfeförderung unterstützt. Wir hoffen, dass das entstandene Netzwerk zwischen der Selbsthilfekontaktstelle, der move36, den Verwaltungen von Stadt und Land Fulda, den Schulen und vielen weiteren Partnern aus der Region nachhaltig weitergelebt wird und freuen uns auf einen weiteren produktiven Austausch. 

Bernd Loskant (Ehemaliger Chefredakteur move36 / Ressortleiter Politik/Nachrichten Fuldaer Zeitung)
Foto: Privat

Mit Superlativen sollte man vorsichtig umgehen, doch in diesem Fall ist der Begriff „Leuchtturmprojekt“ seiner Bedeutung gerecht geworden. Wir merkten sehr schnell, dass das Projekt „Wir müssen reden!“ eine Strahlkraft weit über unser „kleines gallisches Dorf“ hinaus entwickelte. Plötzlich wurde unser regionales Jugendmagazin move36 in großen Städten wahrgenommen, und es gab viel positives Feedback. „Wir wollen auch ein derartiges Projekt auf die Beine stellen“, „Wie habt ihr das hinbekommen?“, „Coole Sache“ – das waren oft gehörte Reaktionen. Kopiert hat es letztlich niemand, denn es war sicher auch die besondere Chemie zwischen den drei Projektpartnern, die „Wir müssen reden!“ so einzigartig machte und ein für junge Leute gähnend langweiliges Thema wie Selbsthilfe zum „Burner“ werden ließ. Jetzt, nach drei Jahren, blicken wir auf: Hunderte Seite spannenden Lesestoff über Themen, die keine leicht verdauliche Kost sind; Projekttage mit Hunderten Schülern über die Bedeutung der Selbsthilfe; zahlreiche Multimediareportagen, Podcasts, Videos, und und und. Das Beste: Tausende junge Menschen in und außerhalb unserer Region wurden für das wichtige Thema Selbsthilfe sensibilisiert und begeistert. Wenn es einen Gradmesser für den Erfolg gibt, dann sicher die Tatsache, dass sich unter dem Eindruck der medialen Aufbereitung des Themas neue Selbsthilfegruppen gründeten. Gemäß dem Motto: Wer sich aus den Stricken des Lebens eine Schaukel zu basteln weiß, hängt weniger durch. Der Dank der move36-Redaktion gilt dem Selbsthilfebüro Osthessen, der Paritätische Projekte gGmbH und der Barmer für die Bereitschaft, mit uns Neuland bei der Ansprache junger Leute zu betreten, und für eine wunderbare Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

Michael Möller (Leiter Selbsthilfebüro Osthessen)
Foto: Privat

Im Projekt “Wir müssen reden!” hat sich gezeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung von Jugendlichen und jungen Erwachsen mit ihrer Gesundheit und individuellen Lebenssituation ist. In den vielen Begegnungen und Veranstaltungen war zu erkennen, dass sich viele Jugendliche und junge Erwachsene mit ihrer eigenen Situation beschäftigen. Auch wenn man gemeinhin glauben kann, in jungen Jahren noch gesund und fit zu sein, so zeigt doch ein Blick in die eigene Familie oder den Bekanntenkreis, das dem nicht immer so sein muss. Zwar werden meist viele Erkrankungen der älteren Generation öffentlich diskutiert, doch rückt die gesundheitliche Belastung der jungen Menschen immer mehr in den Fokus. Sei es die Zunahme psychischer Belastungen, die Zunahme seltener Erkrankungen, die erst in den letzten Jahren mehr und mehr erforscht werden oder die einfache Feststellung, dass auch jüngere Menschen Erkrankungen wie Rheuma oder Diabetes haben können. Mit dem Projekt haben wir versucht, das Thema Gesundheit jungen Menschen näherzubringen. Das ist uns gelungen. Besonders durch die Vernetzung und Verbreitung des Magazins move36 bei Schülerinnen und Schülern haben wir so einen guten Zugang geschaffen. Es wurden einige Grundlagen gelegt, die wir weiterhin mit Leben füllen wollen.

Karoline Weber (Autorin move36)
Foto: Felix Weigl

Selbsthilfe ist ein sehr wichtiges Thema, das zuweilen unterschlagen wird. Probleme wie Alkohol- oder Drogensucht, Gewalt oder Mobbing sind oft unsichtbare Begleiter unser aller Lebens. Entweder sind wir selbst betroffen, ein Freund oder auch Familienmitglied. Sehr oft fühlen sich die Betroffenen allein gelassen und rutschen in ein Loch – manchmal ohne Ausweg. Gerade für Jugendliche können Selbsthilfegruppen da eine starke Hand sein, die sie wieder hochzieht. Auch unsere Themenwelt „Wir müssen reden!“ bot diesen Menschen einen sicheren Hafen, Lösungen und ganz besonders: ein offenes Ohr. Damit sie ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit teilen konnten. Das hat vielen Betroffenen Mut gemacht – sie fühlten sich dadurch besser gesehen und verstanden. Die emotionalste Geschichte, die ich schreiben durfte, hatte die Headline „Von Bauchmamas und Herzmamas“ – eine persönliche Familienerfahrung aus dem Blickpunkt einer Adoptivmutter und der Adoptierten Anni. Hierbei unterstützte mich zudem die Adoptionsvermittlungsstelle Fulda. Durch die enge Zusammenarbeit mit meinen Protagonisten öffnete sich mir ein ganz neuer Horizont. Anlässlich der Verabschiedung der Themenwelt „Wir müssen reden!“ möchte ich nun allen Menschen danken, die mir ihr Vertrauen und ihre Zeit geschenkt haben, um Geschichten zu schreiben, die anderen Mut und Kraft geben.

Daniel Beise (Redakteur move36)
Foto: Felix Weigl

Als im Frühjahr 2017, ich noch Volontär, unser damaliger Chefredakteur Bernd Loskant und OBCC-Geschäftsführer Walter Lorz die neue move36-Themenwelt “Wir müssen reden!” ankündigten, hatte ich mir ehrlich gesagt noch nicht viel dabei gedacht. Im Zuge der neuen Kooperation mit der Barmer-Krankenkasse und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband erzählten wir fortan intensiver von jugendlichen Schicksalen, die emotionale Spuren hinterlassen hatten. Von Jugendlichen, die Hemmungen hatten, sich nach erfahrenem Leid Hilfe zu suchen. Aber auch von vielen, die sich ihren Problemen gestellt hatten und sie meisterten. Vorurteile gegenüber Selbsthilfegruppen abzubauen, wurde hier zu unserem erklärten Ziel. Da erinnere ich mich an eine dramatische wie offenherzige Geschichte, die unsere damalige Praktikantin Celine erst vor ein paar Monaten für die Rubrik niederschrieb – der Brustkrebs ihrer Mutter stellte ihre Welt auf den Kopf. Oder an das Schicksal von einem meiner früheren besten Freunde, der wegen eines schlimmen Autounfalls vor über zehn Jahren erblindete. Ich ging eine Geschichte über Sex mit Behinderung an (Maiausgabe 2017) und fragte neben ihn, wie er blind neue Beziehungen anfängt und Sex hat, auch Luca, die wegen einer Muskelschwund-Erkrankung im Rollstuhl sitzt, wie sie Sex mit ihrem Freund hat. Wie auch eine junge Frau mit einer Tetraspastik und Epilepsie, die aber anonym bleiben wollte. Mir ist noch gut im Sinn, wie sich damals ein paar Lehrer und Lehrerinnen an einer unserer Partnerschulen darüber echauffierten – wie könnten wir nur über so ein Thema schreiben. Dazu kann ich nur sagen: Genau das war das Ziel dieses Projekts – Tabuthemen zum Thema zu machen. Und gerade mit und für Jugendliche, die keine starke Lobby haben. Die Story war im Prinzip ein Paradebeispiel für die Intention dieser Kooperation. Viele Fachleute haben mir damals deutlich gemacht, wie wichtig es für Jugendliche und überhaupt Menschen mit Behinderung ist, offen über ihre Liebesleben – ihre Probleme und Wünsche – sprechen zu können. Wie wir das mit Menschen ohne Behinderung eben auch tun. Nach ziemlich genau drei Jahren kann ich sagen: Ich habe wahnsinnig viel aus dem Projekt mitgenommen, viel über das mannigfaltige Ticken der menschlichen Psyche gelernt und auch eigene Vorurteile hinterfragt und abgebaut – schließlich sortieren wir alle unser Weltbild in Schubladen. Wer sagt, er habe kein einziges Vorurteil, lügt und idealisiert sein eigenes Selbst. Für jedes Gespräch zudem immer wieder eine neue Vertrauensbasis zu schaffen, sodass uns völlig fremde Menschen von ihren eigentlich sehr privaten und dramatischen Schicksalen erzählten, hat mich und die gesamte Redaktion journalistisch wie menschlich wachsen lassen. Suchtkranke, Mobbingopfer, Stotterer, Trans*menschen, psychisch Kranke – es gibt erstaunlich viele, die bereit sind, ihre Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Das haben wir gelernt. Und wir werden sie weiterhin erzählen – auch wenn das Projekt “Junge Selbsthilfe” mit der Barmer und der Parität nun leider ausläuft.

Sascha-Pascal Schimmel (Redakteur move36)
Foto: Felix Weigl

Die Themenwelt “Wir müssen reden!” wird mir fehlen. Sie hat move36 richtig gut gestanden. Jeder braucht einmal Hilfe. Und wenn er oder sie bemerkt, es geht auch anderen Menschen im ähnlichen Alter so, sei es mit einer Sucht, einer körperlichen oder psychischen Krankheit, kann das schon eine kleine Aufmunterung sein. Wir wollten gerade die erreichen, für die das Thema Selbsthilfegruppen ein schambehaftetes Thema sein kann – Schülerinnen und Schüler, Studenten und Studentinnen. Die Chancen dafür standen schon allein aufgrund unserer Zielgruppe gut. Schließlich beliefern wir zig Schulen und die Hochschule in Fulda mit Tausenden Ausgaben unserer Magazine. Und ich hoffe, dass wir unseren Leserinnen und Lesern das Thema durch die Art und Weise, wie wir es angegangen sind, nähergebracht haben. Unsere Geschichten zu Multiple Sklerose, chronischer Erschöpfung, Krebs und vielen anderen Leiden hatten Gesichter – Menschen, mit denen sich andere identifizieren können.

Luisa Hauser (Volontärin move36)
Foto: Felix Weigl

Auch ich blicke zurück auf viele spannende Geschichten, die im Rahmen von „Wir müssen reden“ entstanden sind. Damals selbst „nur“ Leserin von move36, habe ich die Artikel gerne mal verschlungen und konnte aus dem einen oder anderen Thema auch für mich selbst hilfreiche Infos herausziehen. Generell hat mir gefallen, dass viele Tabuthemen angesprochen wurden und einige Gesprächspartner schonungslos über ihre Erfahrungen berichtet haben, sodass ihre Erzählungen mir manchmal echt an die Nieren gingen – oder ans Herz. Zuletzt hat mich beispielsweise die Geschichte von Celine, deren Mutter an Krebs erkrankt war, sehr berührt. Aber es müssen nicht immer Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod sein, die einen zum Nachdenken anregen. Auch Storys wie die von Sasha, der berichtete, was zwei Jahre systematisches Mobbing mit ihm gemacht haben, sind lesenswert, können Betroffenen Mut geben und Außenstehende sensibilisieren. Besonders gut fand ich auch die Selbsthilfetage an den Schulen. Ich halte es für wichtig, Jugendliche mit unangenehmen Themen wie beispielsweise Drogensucht, Alkoholabhängigkeit oder psychische Erkrankungen zu konfrontieren und ihnen Hilfestellungen aufzuzeigen, die sie gegebenenfalls in Anspruch nehmen können – ob nun früher oder später im Leben. Die Zusammenarbeit mit dem Selbsthilfebüro Osthessen habe ich immer positiv wahrgenommen. Die Organisation unterstützt zahlreiche Selbsthilfegruppen in der Region, die Betroffenen die Möglichkeit geben, sich untereinander auszutauschen. Eine wichtige Message bleibt am Ende immer, denn auch wenn es „Selbsthilfe“ heißt: Du bist nicht allein mit dir selbst.

Constanze Gollbach (Volontärin move36)
Foto: Felix Weigl

Es gibt Themen, über die möchte man nicht sprechen. Aus Angst, aus Scham oder einfach, weil der Gedanke daran immer noch weh tut. Das sind Probleme, die in unserer Gesellschaft oft tabuisiert werden – Abtreibung, Body-Shaming, Menstruation, häusliche Gewalt und Sucht. Mit „Wir müssen reden!“ hat move36 Menschen eine Plattform gegeben, um ihre Geschichte zu erzählen, und gemeinsam mit dem Selbsthilfebüro und der Barmer Krankenkasse konnten wir diesen Menschen Hilfsmöglichkeiten mit auf dem Weg geben. Gerade für Jugendliche ist es wichtig zu erfahren: „Du bist nicht alleine.” Es gibt Jemanden, der teilt das gleiche Schicksal, die gleiche Last und die gleichen Gefühle wie du. Jetzt am Ende der drei Jahre möchte ich mich bei unseren Projektpartnern und insbesondere bei allen Protagonisten bedanken. Dafür, dass ihr den Mut hattet Teil des Projekts zu sein, dass ihr gezeigt habt, dass sich kein Betroffener schämen muss und vor allem, dass ihr gezeigt habt: Manchmal ist es besser, Hilfe anzunehmen als alles in sich reinzufressen.

Mariana Friedrich (Ehemalige move36-Redakteurin)
Foto: Mariana Friedrich

Selbsthilfe geht uns alle an. Leider wird sie aber gern totgeschwiegen. „Da redet man nicht drüber“, „Das mache ich mit mir selbst aus“, „Problemthemen will niemand lesen“ – wie oft habe ich diese Phrasen gehört und dagegen argumentiert? Aber wir müssen darüber reden. Um Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Um Krankheiten aus der Tabuzone zu holen. Um zu helfen. Mit der Intention haben wir gemeinsam mit der Barmer und dem Selbsthilfebüro Osthessen „Wir müssen reden“ ins Leben gerufen. Und wir wussten von Anfang an, dass uns die Leser, selbst die Selbsthilfegruppen, nicht die Türen einrennen werden. In Fulda kennt sich jeder. Hier mit Gesicht und Namen von seinen vermeintlichen Schwächen zu erzählen, braucht Mut. Es ist schwer für Jugendliche, die in Schule, Ausbildung und Studium bestehen müssen. Als ich die Leitung dieser Themenwelt übernahm, hatte ich für move36 schon viele solcher Geschichten geschrieben. Sucht, körperliche Beeinträchtigungen, Unverträglichkeiten, psychische Störungen … Ideen, worüber wir schreiben wollten, gab es viele. Mithilfe des Selbsthilfebüros konnten wir darüber hinaus neue Ansätze finden. So haben wir Anzeichen und Folgen eines Burn-outs in Form eines World-Cafés an der Richard-Müller-Schule mit Schülern der Gymnasialstufe diskutiert. Das Selbsthilfebüro war immer begeistert dabei und hat unterstützt, wo es möglich war. Ein ähnliches Konzept wollten wir mit dem Thema Selbsttötung aufgreifen – mit Blick auf die damals aktuelle und diskutierte Sendung „13 reasons why“ /„Tote Mädchen lügen nicht“. Das scheiterte am heftigen Widerstand der angefragten Schulen, der Eltern, der Lehrer. Auch diese Erfahrungen haben wir gemacht. Das Feedback, das wir auf unsere Geschichten und Aktionen bekommen haben, hat mich immer wieder überrascht. Wir haben nicht täglich Mails beeindruckter Leser bekommen. Aber in den Gesprächen mit Protagonisten und Lesern hörten wir, dass die Geschichten wahrgenommen werden, dass sie Betroffene berühren, dass sie Diskussionen anregen. Diese Momente lassen sich nicht beziffern. Aber sie sind so viel mehr wert als Statistiken. Ich bin stolz, Teil dieses Projektes gewesen zu sein. Es hätte größer werden können, es hätte sich auf andere Formate ausweiten lassen. Auf Plattformen wie Instagram, in Blogs und in Podcasts wird Selbsthilfe inzwischen besprochen, eng geknüpft an persönliche Geschichten. Das zeigt, dass sich die Tabuzone auflöst. „Wir müssen reden“ hat das in Osthessen angestoßen. Und ich bin überzeugt, dass wir nicht aufhören dürfen, zu reden. 

Toni Spangenberg (Ehemaliger move36-Redakteur) Foto: Felix Weigl

“Wir müssen reden!” Das sind zahlreiche jugendrelevante Artikel online und in 26 Magazinen. Wir haben dich durch unsere Recherchen für diese Themenwelt über Dinge wie Transsexualität, die Pflege deiner Großeltern, den Missbrauch von Drogen und vielem mehr informiert. Wir haben dir gezeigt, welche Rolle die Selbsthilfe bei der Lösung deiner Probleme spielen kann. Immer wieder haben wir mit dem Klischee aufgeräumt, Selbsthilfe sei etwas für Alte und out-of-date. Protagonisten wie Angelika Weber, Mario Dieringer und Moritz Grandis haben dir gezeigt, dass du niemals den Mut verlieren darfst, auch wenn das Problem, vor dem du stehst, noch so groß und unüberwindbar scheint. Häufig brauchst du vor allem eines: das Wissen, dass es Menschen gibt, die dein Schicksal teilen und dich mit ihren Erfahrungen unterstützen. Um ein Projekt wie „Wir müssen reden!“ für dich umsetzen zu können, brauchte es starke und erfahrene Partner. move36 konnte dabei auf die Barmer Krankenversicherung und den Paritätischen Wohlfahrtsverband zählen. Vor allem die Mitarbeiter des Selbsthilfebüros Osthessen brachten sich stark ein. Viele Geschichten aus dem Magazin hätte es ohne ihre Mithilfe nicht gegeben, viele Protagonisten wären unentdeckt geblieben, die Selbsthilfetage auf dem Fuldaer Uniplatz hätten vermutlich nie stattgefunden. Dafür sagen wir Danke! Auch bei der Umsetzung von Events an der Wigbert-, der Richard-Müller- und der Eduard-Stieler-Schule zu Themen wie Leistungsdruck, Tod und Trauer oder Sucht hat das Selbsthilfebüro seinen Teil beigetragen, dass diese für dich nicht zur langweiligen Pflicht wurden, die du ohne Instagram und Co. hättest nicht erfüllen können. Aus unseren Gesprächen mit dir und deinen Mitschülern und den Feedbackbögen wissen wir: Ganz so lame waren die Events nicht. Ganz im Gegenteil, ihr habt die von uns vermittelten Infos regelrecht aufgesaugt und wünscht euch mehr davon. Doch irgendwann endet jedes Projekt, so auch „Wir müssen reden!“. Dass move36 Themen wie AIDS, Abtreibung, Suizid oder Drogensucht künftig links liegen lässt, brauchst du aber nicht befürchten. Denn durch „Wir müssen reden!“ hat sie die Redaktion erfolgreich in den Vordergrund gerückt. Auf diesem Erfolg wird das Team aufbauen und auch künftig über die Dinge berichten, die dich bewegen.


Viele unsere Geschichten findest du in unseren Magazinen. Aber wir waren auch mit der Kamera für das Projekt unterwegs:

Talk & Walk – Gemeinsam auf der Suche nach den Geocoaches

Stress in Schule? – Thementag Selbsthilfe an der Wigbertschule

So geht’s dir mit 80 Jahren: 10. Selbsthilfetag in Fulda

Ehemaliger Sozialminister Stefan Grüttner zum Selbsthilfeprojekt

Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.