Acht Wochen Homeschooling geht an keinem spurlos vorbei. (Foto: Karoline Weber)

Ich wollte ja schon immer Grundschullehrerin werden und blickte dem ersten Schuljahr meiner Tochter motiviert und voller Vorfreude entgegen. Niemand hätte geahnt, dass ich Anfang des Jahres wie so viele andere Eltern ungefragt promovieren muss – und das ohne Beamtenstatus und Bezahlung. Und zudem neben meiner regulären Arbeit. Das ging mir definitiv zu schnell. move36-Autorin Karo lässt Dampf übers Homeschooling ab.

Acht Wochen, ganze acht Wochen hatten die Schulen jetzt Zeit, um sich auf das Homeschooling einzulassen. Und was ist passiert? Nichts Erwähnbares. Und wer muss es ausbügeln? Die Mütter. Deutlich mehr Mütter als Väter reduzieren derzeit ihre Arbeitszeit, damit ihre Sprösslinge nicht den Anschluss verlieren – so die Hans-Böckler-Stiftung. Wir bringen unseren Kindern parallel zur eigentlichen Arbeit den Unterrichtsstoff bei. Und die Kinder? Sie bringen uns Geduld bei – zumindest meine Tochter. Vielleicht ist sie auch ein Einzelfall. Aber ich bin wirklich froh, dass ich nicht mehr die Schulbank drücken muss.

Besonders bei einer Anweisung der Klassenlehrerin meiner Tochter kam ich erst kürzlich ins Stocken: “Außerdem werden wir in die Schreibschrift einsteigen…” Da ist mir mein Herz in die Hose gerutscht. Schreibschrift?! Die verlernt man doch schon wieder als Teenie. Ich bin ja froh, dass man meine Schrift so entziffern kann. Und nun soll ich meiner Tochter eine klare Schreibschrift beibringen? In Ordnung: Herausforderung angenommen.

Die Aufgabenblätter für eine Woche für drei Fächer: Sachunterricht, Mathe und Deutsch (Foto: Karoline Weber)

Während ich also meiner Tochter und auch mir selbst wieder Schreibschrift beibringe, fühle ich mich gerade wie auf einer Zeitreise, die nun schon acht Wochen dauert. Am Anfang haben viele das Wort „nie endende Corona-Ferien“ in den Mund genommen. Doch ich glaube kaum, dass zwischen Stress, hohem Verantwortungsgefühl und finanziellen Sorgen Urlaubsfeeling aufkommt. Homeschooling kostet viel Zeit und Kraft. Und auch wenn meine Tochter Unglaubliches leistet und ich langsam merke, dass mir mein eigentlicher Job besser liegt als der Lehrkörper, der ich immer sein wollte, wissen wir beide: Homeschooling passt nicht zu unserem Alltag – und ist auf Dauer nicht gut für die Entwicklung. Kinder brauchen die Schule, um sich sozial zu entwickeln – und das auch auf eigene Faust. Das ständige Aufeinanderhocken mit Erwachsenen ödet Kinder zudem schnell an – und schadet möglicherweise auf Dauer, wenn ihnen der Austausch mit Gleichaltrigen länger fehlt. Kinder brauchen Kinder – und ja – Erwachsene auch andere Erwachsene.

Gerade schwächere Schüler hätten von gutem Online-Unterricht profitiert

Ich verstehe, dass die Schließung der Schulen Lehrer genauso kalt erwischt hat wie Schüler und Eltern. Und natürlich haben auch Lehrer genau wie alle anderen mit dem Alltag unter der Corona-Krise zu kämpfen. Darunter gibt es einige, die trotz aller Schwierigkeiten Großartiges leisten – obwohl sie selbst vielleicht mega gestresst sind. So zum Beispiel die Klassenlehrerin meiner Tochter, für die Online-Unterricht auch Neuland ist, das aber mit Ambition und Power wettmacht. Doch es gibt auch die andere Seite: Lehrer und Lehrerinnen, die gerade dezent abtauchen, nur das Allernötigste machen und allenfalls mit netten Worten motivieren.

Schon in der ersten Klasse wird Online-Unterricht betrieben – ganz einfach mit der Antolin-App. (Screenshot: Antolin-App)

So oder so ist nun jedem klar: Der Unterricht über digitale Plattformen muss in Deutschland massiv entwickelt werden. Nur sieben Prozent aller Schüler haben täglich digitalen Unterricht, wie eine Umfrage von Dimap bestätigte. Gerade schwächere Schüler und Schülerinnen, deren Eltern vielleicht nicht das Bildungsniveau oder schlicht die Zeit haben für Homeschooling, hätten in der Krise sehr von einem funktionierenden Online-Unterricht profitiert. Die Endgeräte gibt es heute überall – auch wenn vielleicht nicht alle Elternhäuser ein Notebook besitzen, Smartphones haben wohl alle. Auch darüber lässt sich digitaler Unterricht machen. Bei uns ist es die Antolin-App für die erste Klasse für ein oder zwei Schulstunden am Tag.

Australien als Vorbild in Sachen Online-Unterricht

Der meiste Unterricht findet aber von Seiten der Schulen weiterhin analog statt, meist über Unmengen Arbeitsblätter, die Lehrkräfte rumschicken. Obwohl doch die Landesregierung mögliche Plattformen bereitgestellt hat – von Moodle über Office für die Abschlussjahrgänge bis hin zu diversen kleineren Austauschplattformen. Die Lehrerinnen und Lehrer nutzen sie nicht. Sonntagabends explodiert regelmäßig mein Mailpostfach mit gefühlt 20 Arbeitsblättern. Schaffen wir das Pensum, das da von uns verlangt wird? Das fragen sich wohl alle verantwortungsbewussten Eltern derzeit ständig. Die Corona-Krise wird jedenfalls größere bis kleinere Wissenslücken hinterlassen, auch wenn die Eltern und Lehrer ihr Bestmöglichstes tun.

Wir sollten uns da zum Beispiel von Australien was abschauen, wo digitaler Unterricht schon lange an der Tagesordnung steht. Im australischen Outback sind die Entfernungen so weit, dass die Schüler nicht zur Schule gehen, sondern via Webcam am virtuellen Unterricht teilnehmen. Deutschland muss nachrücken. Es ist höchste Eisenbahn. Und so eine Pandemie kann jederzeit nochmal anklopfen. Und während ich meine letzte Kommentarzeile schreibe, höre ich von oben meine Tochter rufen: „Mama, wir müssen Mathe machen…“. Over and Out. 

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