Wie Unternehmen der Corona-Krise mit kreativen Ideen trotzen, zeigen zwei Beispiele aus Hessen. (Fotos: Adam Niescioruk und Anneschd Lorsch)

Die Corona-Pandemie führt weltweit zu hohen Umsatzeinbußen. Die Nachfrage bricht ein, Unternehmen gehen bankrott, Millionen sind schon arbeitslos. Es beginnt ein Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Viele Firmen müssen in der Not umdenken. Das Spirituosenwerk aus Rimbach südlich von Frankfurt stellt nun Desinfektionsmittel her, und eine Kostümschneiderei aus Nordhessen näht Mundmasken. Karo hat mit beiden darüber gesprochen, wie das so läuft.


Desinfektionsmittel statt Gin. Viele Unternehmen machen in der aktuellen Krise aus der Not eine Tugend und erfinden sich neu. (Foto: Anneschd Lorsch)

Wer ohnehin scharfen Alkohol brennt, für den ist der Schritt zum Desinfektionsmittel nicht weit. Die Geschäftsführer Marcel Gassert und Deniz Quick des Spirituosenwerks in Rimbach in Südhessen haben ihre Produktion umgestellt. Sie erzählen, wie sie mit der Krise umgehen und wie es in Zukunft weitergehen soll.

Ihr habt eure Produktion notgedrungen von Spirituosen auf Desinfektionsmittel umgestellt: Wie geht’s dem Unternehmen nun?

Wir hatten im Spirituosenbereich wegen Corona zunächst große Einbußen. Aber da wir frühzeitig agiert haben, geht es uns jetzt in der Krise sehr gut.

Musstet ihr sehr viel sehr an der Produktion ändern? Das ging ja sicher nicht von heute auf morgen …

Ja, wir mussten einige Regularien klären und Zertifizierungen bestehen. Der Produktionsablauf musste umstrukturiert werden, aber das war innerhalb von zehn Tagen harter Arbeit zu bewältigen.

Welche Stellen beliefert ihr nun vor allem mit Desinfektionsmittel? Und wie lange plant ihr, das zu machen?

Wir beliefern verschiedene Einrichtungen wie Seniorenheime, Krankenhäuser, Schulen, Apotheken und viele mehr. Die Kunden sind sehr dankbar, und wir werden sie auch noch langfristig beliefern können. Gerne auch über die Krise hinaus.

Liefert ihr auch über Südhessen hinaus?

Zu Beginn haben wir vorrangig unsere Region mit Hände- und Flächendesinfektionsmittel beliefert, aber mittlerweile auch deutschlandweit.

Aber Schnäpse wie Rum, Gin oder Wodka gehen bei euch trotz Corona über die Theke?

Leider ist der Spirituosenverkauf sehr stark zurückgegangen. Wir hoffen, dass unsere Neukunden, die Desinfektionsmittel kaufen, nach der Krise auch unsere anderen Produkte kaufen und uns treu bleiben werden.


Ute Schlenger in ihrer Schneiderei: Aktuell näht sie Mund- und Nasenmasken statt hochwertige Mode für die Theaterbühnen. (Foto: Ute Schlenger)

Die Corona-Krise stellt das Arbeitsleben in etlichen Bereichen auf den Kopf. Die nordhessische Schneiderin Ute Schlenger stattet normalerweise Theater-Produktionen in aller Welt aus – so auch Aufführungen in der Metropolitan Opera in New York. Zuletzt entwarf sie 66 Blusen für den Chor der Oper der “Fliegende Holländer”. Nun hat sie sich der Gesichtsmasken-Herstellung verschrieben. Karo hat mit dem kreativen Kopf gesprochen.

Was hat sich in Ihrem Betrieb durch Corona verändert?

Wir arbeiten seit vier Wochen selbst mit Gesichtsmasken, halten Abstand und haben einen achtsamen Umgang mit unseren Kunden und uns selbst. Hauptsächlich fertigen wir nun Mundmasken in verschiedenen Ausführungen und Varianten: drei Größen, zwei Formen, bunt oder uni, mit Stickerei für Firmen und privat, unterschiedliche Befestigungen und individuelle Wünsche.

“Die Masken helfen uns dabei, dass unsere Werkstatt mit allen Kosten weiterlaufen kann, meine drei Auszubildenden beschäftigt sind und auch die Gesellin in Arbeit bleibt.” (Foto: Ute Schlenger)

Unter normalen Umständen schneidern Sie für die großen Theaterbühnen wie beispielsweise für den Chor der Oper der “Fliegenden Holländer”. Nun produzieren Sie Masken. Wie lukrativ ist das zweite Standbein?

Das ist ein neuer Bereich in der vielfältigen Arbeit bei uns. Wir fertigen sonst individuelle Kleidungsstücke an, machen einfache bis hochwertige Änderungen und sticken für Firmen. Zurzeit hätten wir eigentlich Konfirmationsbekleidung, Abschlusskleider, Hochzeiten und Schützenfeste. Das ist nun alles abgesagt, und somit helfen uns die Masken, dass unsere Werkstatt mit allen Kosten weiterlaufen kann, meine drei Auszubildenden beschäftigt sind und auch die Gesellin in Arbeit bleibt. Ich möchte zuerst da verkaufen, wo der Bedarf am größten ist. Derzeit produziere ich nur für den gewerblichen Bedarf. Der Preis deckt nur Material und Arbeitszeit: Ab zehn Stück kosten die Mundmasken je 8,70 Euro plus Steuer.

Möchten Sie den Schutz nur übergangsweise herstellen, und wie läuft der Verkauf?

Wir machen diese Arbeit gerade gerne, da wir auch hier kreativ und individuell sein können und immer wieder neue Herausforderungen gestellt bekommen. Aber wir freuen uns auch wieder darauf, in unserer Schneiderwerkstatt die unterschiedlichsten Dinge kreieren zu können. Wir verkaufen die Masken regional und deutschlandweit – ohne Webshop. Der Verkauf findet nur durch Mund-zu Mund-Werbung und Anfragen statt. Natürlich wurden sie aber auch schon von unseren Kunden nach Italien, Frankreich und in die Schweiz verschickt.

Sehen Sie die Mundmasken in Zukunft als Modeaccessoire?

Solange wir die Mundmasken tragen werden, werden sie immer mehr auch unter modischen Gesichtspunkten gekauft und getragen. Wir selbst tragen sie auch passend zu unseren Outfits.

Worauf legen Sie Wert bei der Herstellung?

Wir versuchen, nachhaltige Produkte zu fertigen, die eine längere Haltbarkeit haben als die günstigen Wegwerfmasken. Vor Ort können wir individuell beraten und die Masken anpassen. Da uns in der Kürze der Zeit noch etwas die Erfahrung fehlt, hoffen wir, dass unsere Kunden zufrieden sind, dass unsere Masken hochwertig sind und der Preis fair ist.

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