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Gunther Lorz, Geschäftsführer der Herzberg GmbH, freut sich nun aufs nächste Jahr. (Foto: Christof Krackhardt)

Seit vergangener Woche ist klar: Die Festivalsaison fällt wegen der Corona-Pandemie flach – dramatisch für etliche Kulturvereine, Veranstalter, Händler, Musiker, Schausteller und viele andere Kulturschaffende. Besonders alternative Festivals, die auf Werbung, Kommerz und große Sponsoren verzichten, können in Schieflage und Existenznot geraten. Was der Kultur-Lockdown für das Herzberg Festival bedeutet, hat uns Geschäftsführer Gunther Lorz (52) im Interview erklärt.

Seit vergangener Woche ist klar: Großveranstaltungen wie Festivals sind bis Ende August verboten. Wie enttäuscht bist du, ist das gesamte Herzberg-Team nun?

Wir haben bis zum Schluss gehofft, dass es noch gut geht. Nun ist die Luft erst mal raus bei uns. Aber es ist gut, dass die Entscheidung so klar und deutlich gefallen ist. Wir sehen jetzt zu, dass wir alles um ein Jahr verschieben. 

Auf was hast du dich besonders gefreut dieses Jahr?

Ich freue mich jetzt aufs nächste Jahr drauf. Wir fragen nun die Bands ab, ob sie 2021 zur gleichen Zeit spielen können, und es deutet sich an, dass die meisten zusagen werden. Insofern ist das, worauf wir uns dieses Jahr gefreut haben, nicht nur knapp 100, sondern nun 460 Tage entfernt.

Ja, wir hatten uns natürlich auch wieder sehr gefreut, zu berichten und dabei zu sein. Wie waren denn so die Reaktionen aus der Künstler- und Fangemeinde?

Das Feedback von den Leuten war wirklich schön, das hat uns schon wieder aufgebaut – wenn die Leute positiv reagieren und schreiben: Naja, dann haben wir ja schon das Ticket für 2021. Oder sie einfach Danke sagen.

Das Herzberg ist eines größten Festivals seiner Art in Europa. Wie groß ist der Rattenschwanz bei der Absage eines so großen Events?

Der Rattenschwanz wird ständig noch länger. Wir haben nun ein Jahr ohne Einnahmen, das ist eigentlich nicht Sinn eines Unternehmens. Wie das finanziell letztendlich aussehen wird und wie wir das im Einzelnen stämmen, ist noch nicht absehbar. Wir sind guten Mutes, wissen aber eigentlich noch nicht, warum wir das sind (lacht – verzweifelt). 

Deutschland ist Festival-Land, jeden Sommer gibt es Hunderte, Jahr für Jahr kommen neue hinzu, andere gehen dahin. Aber Festival ist ja nicht gleich Festival – es gibt Kommerz-Festivals, hinter denen finanzstarke Sponsoren und Werbeträger stehen. Und es gibt alternative, meist kleinere, die auf Werbung und Sponsoren verzichten, um unabhängig zu bleiben, um vielleicht Politisches zu transportieren, die sich aber finanziell so oft von Saison zu Saison schleppen müssen. Aufm “Berch” gibt’s ja auch keine Werbung. Glaubst du, da werden viele alternative Festivals wegsterben? 

Das ist ein Trend, der sich durch die aktuelle Situation dramatisch verschlimmert! Viele alternative Festivals leben vom Herzblut der
Veranstalter und sehen sich nicht als Geldmaschine. Und wir können alle nicht die Folgen absehen. Niemand kennt die rechtlichen Voraussetzungen, die in ein paar Monaten herrschen werden. Die Rückerstattung von Pauschalreisen befindet sich im selben Gesetzes-Topf wie Tickets für ein alternatives Festival. Für mich hat die Kultur einen anderen Stellenwert. Die Unplanbarkeit der nächsten Monate stellt für alle ein riesiges Problem dar. Da fragt sich schon der eine und andere, der überwiegend in seiner Freizeit – oft unentgeltlich – ein Festival oder Konzerte im Allgemeinen vorbereitet, ob das unter diesen Umständen überhaupt Sinn macht. Wir sind an einem Punkt, an dem das finanzielle Risiko die Leidensfähigkeit vieler Kulturschaffenden übersteigt. Hinzu kommt: Bei den Extremwettern, die wir die letzten Jahre hatten, haben wir auch nicht mehr so viel Geld auf der hohen Kante. Das wird anderen nicht anders gehen.

Das Herzberg ist ja – bis auf ein paar große Mainacts – nicht das Forum für die großen Popstars, die Millionen scheffeln. Sondern eher für Spartenmusiker. Für die ist der Lockdown natürlich ein Riesenproblem …

Ja, wenn ich jetzt nicht auf Tour gehe, brauche ich auch keine Platte zu veröffentlichen. Die Tour zur Veröffentlichung gehört ja inzwischen fest dazu. Es bleibt halt ein Jahr alles komplett stehen, das ist schon beängstigend und natürlich dramatisch für viele Musiker. Wie auch für die Händler auf Festivals – die sitzen nun auf vollen Lagern und haben keine Kohle. 

Welche Befürchtungen hast du allgemein für die Kultur?

Sie wird auf jeden Fall ärmer sein, und das ist so auch nicht mehr aufzufangen.

Meinst du, die staatlichen Hilfen reichen nicht aus, um das meiste zu retten?

Das kann man ja erst an der Wirkung sehen. Zunächst wird erst mal ein Haufen Kohle ausgegeben – ob das aber den gewünschten Effekt hat, sehen wir erst hinterher. Wenn ich mich so mit Künstlern unterhalte, sehe ich noch nicht, dass irgendwo tatsächlich schon Geld angekommen ist. 

Kann sich aus dem Ganzen auch was Positives entwickeln? Neue Formen der Kultur?

Ja, das ist unvermeidlich (lacht). Da wird schon was bei rumkommen, wovon wir was haben – was auch immer es ist. Das Herzberg lebt ja davon, dass man sich umarmt, dass man eine ganz enge Kommunikation hat – diese Distanz ist ja genau das Gegenteil vom Herzberg-Gedanke. Insofern können wir das Festival ja nicht virtuell machen. Aber wir lassen uns noch was für das Wochenende einfallen, an dem es stattgefunden hätte. Vielleicht können die Leute kurze Filmchen aus ihren Gärten schicken, wie sie ihr Zelt aufbauen, zu Hause ihr Festival feiern, Musik hören oder machen. Dass wir vielleicht doch virtuell ein bisschen Gemeinschaftsgefühl bekommen. 

Wir sind gespannt und freuen uns jedenfalls auf 2021 – was kannst du schon verraten?

Das wird halt wie das Festival dieses Jahr (lacht). Es wird keine neuen Eintrittskarten geben, die Bändchen sind auch schon im Tresor, das Motto und das Layout bleiben. Das Motto “All together now” ist dann natürlich absolut treffend. Wir ändern nur das Datum. 

Gedanken von Katja Schmirler-Wortmann, 1. Vorsitzende des Kreuz-Vereins, zur Herzberg-Absage

🧡All together, NOW! Gedanken von Katja Schmirler-Wortmann 🕊"Ich bin immer noch nicht wirklich in der Lage, mir den…

Gepostet von Herzberg Festival am Mittwoch, 22. April 2020

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