Fotos und Bearbeitung: Sascha-Pascal Schimmel

Eine ganze Branche bangt in Fulda ums Überleben. Die Gastronomen und Gastronominnen sind schockiert, haben Panik. Kosten fallen weiter an, Geld kommt kaum rein. Halten sie das weitere Wochen aus – oder gehen sie pleite? Ein Besuch in Café, Restaurant und Döner-Imbiss.

Ein Comeback der Normalität ist es wahrlich nicht, dennoch hat die Politik am Mittwoch einen Trippelschritt in deren Richtung gemacht. Ein paar Lockerungen der Corona-Maßnahmen sind Resultat einer Telefonkonferenz zwischen Kanzlerin Angela Merkel sowie den Ministerpräsidenten und –präsidentinnen der Bundesländer. Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmeter Ladenfläche dürfen wieder öffnen, Eisdielen dürfen Leckereien liefern. Für die restliche Gastronomie bleibt jedoch vorerst alles beim Alten – zumindest bis zum 20. April, wenn die nächste Corona-Konferenz ansteht.

Seit dem 21. März sind Restaurants, Cafés und Imbisse dicht. Wer will und dazu in der Lage ist, darf Speisen zum Abholen anbieten und liefern. Viele in Fulda machen das. Ob das die Rettung in der Not ist? Zweifelhaft. Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit verdeutlichen die Krise, in der die Gastronomie steckt. Laut ihrer Statistik waren im März 174.432 Menschen, die ihre Brötchen im Gastgewerbe verdienen, in Kurzarbeit – 110.728 davon in der Gastronomie. Nur im verarbeitenden Gewerbe sind es mehr gewesen.

Café Ideal: “Ich habe richtig Angst bekommen”

Auch Aynur Kiniki musste ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Aynur ist Geschäftsführerin vom Café Ideal beim Stadtschloss. Unter anderem bekannt für seinen Kuchen, den Sonntagsbrunch und die Clubnight. Das Ideal beschäftigt 15 Festangestellte und 15 Aushilfen. Die müssen nun im schlimmsten Fall mit 60 Prozent ihres herkömmlichen Nettoeinkommens klarkommen.

Vom 21. März bis zum 2. April ist das Café komplett dicht gewesen. Seitdem hat die Kuchentheke Freitag bis Sonntag geöffnet. „Dann setzen wir jeden Tag zwei Leute ein“, sagt Aynur. „Wir wechseln uns ab.“ Dennoch suchen ihre Kolleginnen und Kollegen zurzeit weitere Jobs. Aynur versteht das. 60 Prozent vom eigentlichen Netto seien schließlich wenig. „Auf die Schnelle finden sie aber nichts.“

Café Ideal
Ideal-Geschäftsführerin Aynur Kiniki: Sie nutzt die Zeit zur Renovierung des Cafés. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

Seit die Krise so richtig Fahrt aufgenommen hat, lebt die Ideal-Geschäftsführerin mit Existenzängsten, hat Panik. „Als es in Deutschland noch nicht so schlimm gewesen ist, hatte ich einen Termin beim Arzt“, erzählt sie. „Der meinte, es würde auch hier so kommen wie in Italien und Spanien, was die Maßnahmen angeht.“ Anschließend habe sie sofort ihren Versicherungskaufmann gefragt, ob die Löhne der Ideal-Crew gedeckt seien. „Nein, gar nicht“, die Antwort. „Da habe ich richtig Angst bekommen“, sagt Aynur.

Erschütternder Blick ins Postfach

Mit der Öffnung der Kuchentheke möchte das Café-Team zeigen, dass es nicht still bleibt, dass es nicht aufgibt. Die Kosten damit zu decken – das scheint jedoch kaum möglich. „Am ersten Wochenende hatten wir vielleicht alle 20, 30 Minuten einen Gast“, sagt Aynur. „Früher stand eine Schlange vor der Tür, wenn wir geöffnet haben.“

Zudem bekomme das Ideal vorerst keine Staatshilfe. „Wir sind noch liquide. Unser Steuerberater sagt, uns gehe es noch relativ gut“, sagt die Geschäftsführerin. „Aber nach einem Monat muss auch ich die Hand heben.“ Meckern möchte sie dennoch nicht. Das wäre egoistisch, schließlich gehe es gerade allen schlecht.

Eines setzt Aynur zurzeit aber besonders zu: der täglich Blick ins Firmen-E-Mail-Fach. „Wir waren bis September mit Hochzeiten und Geburtstagen ausgebucht“, sagt sie. „Nun ist jedes Mal eine Absage im Postfach, wenn ich es öffne.“ Bis Mitte Mai hätten ihre Kunden alles abgesagt.

Pizzeria Davis: “Pizza ist ein dankbares Produkt”

Einen guten Kilometer vom Café Ideal entfernt befindet sich die Pizzeria Davis. Sie hat sich auf Pizza nach neapolitanischer Art spezialisiert und wirbt damit. Zwei Pizzabäcker aus Italien sorgen dafür, dass das Restaurant dieses Versprechen einhält. Hier ist alles etwas kleiner als im Ideal. Räumlich, aber auch vom Geschäftsmodell her. Die Gäste kommen, genießen Antipasti, Pizza und Salat bei einem Glas Wein. Eventabsagen konnten Geschäftsführer David Matz und Prokuristen Sebastian Schmitt also nicht die Laune verhageln.

Platz nehmen darf aber auch hier kein speisender Gast mehr. Und das Problem der beiden: Das Thema Lieferdienst sollte für die Pizzeria Davis eigentlich keine Rolle spielen. Gerade in einer solchen Zeit könnten Lieferungen den Verlust in Grenzen halten. „Pizza ist da ein dankbares Produkt“, sagen beide. „Bei Lieferungen denken viele an Pizza.“ Deswegen haben sie zügig einen Onlineshop und eine App aufsetzen lassen. Dort können ihre Kunden Bestellungen aufgeben und online, also kontaktlose bezahlen.

Pizzeria Davis
Geschäftspartner: David Matz und Sebastian Schmitt (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)

„Am Anfang hatten wir das Problem, dass keiner wusste, dass man bei uns Pizza abholen kann“, sagt Sebastian. „Wir haben an den ersten Tagen draufgelegt. Dank unserer Instagram-Follower hat sich unser Angebot aber nun herumgesprochen.“ Seit dem 7. April sei die Pizzeria zudem auf der Lieferplattform Lieferando gelistet. „Das mussten wir mehr oder weniger machen“, erläutert Prokurist Sebastian. „Wer nach Essenslieferungen googelt, kriegt als erstes Lieferando angezeigt.“

In weniger als einem Monat feiert die Pizzeria ihren ersten Geburtstag. Am 11. Mai 2019 hatten David und Sebastian ihr Restaurant in der Von-Schildeck-Straße eröffnet. „Die Krise hat uns umgehauen“, sagt Geschäftsführer David. „Wir sind gerade auf dem Stand gewesen, dass wir unser Konzept hätten optimieren können. Jetzt ist es wie ein Neustart.“

Zwei Nächte ohne Schlaf

Genau wie Aynur vom Café Ideal hat David Existenzängste. „Ich hatte Stress, konnte zwei Nächte nicht schlafen“, sagt er. Auch seine Pizzabäcker hätten sich anfangs sehr unwohl gefühlt – schließlich hätten sie immer im Blick gehabt, was in ihrer Heimat passiert. Dort sind laut Johns Hopkins Universität bisher (16.04.2020) 21.645 Menschen an den Folgen einer Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben – in Deutschland weniger als 4000.

Im Großen und Ganzen sind David und Sebastian trotz allem optimistisch. Natürlich wissen sie nicht, wie lange sie das Arbeitspensum aufrechterhalten können. „David schläft praktisch in der Pizzeria“, sagt Sebastian. „Dauert die Krise noch ein halbes Jahr, müssen wir da wohl Abstriche machen.“ Beide sind aber froh, dass sie arbeiten können. Was sie sich fragen: „Kommen die Leute wieder, wenn alles überstanden ist, oder wird die Angst bleiben?“

Imbiss Adana: Corona-Krise grätscht Kanber in die Beine

Zu Kanber Erdogan sind die Gäste gerade wiedergekommen, als die Corona-Bombe angeschlagen ist. Sein Imbiss Adana befindet sich einen Steinwurf von der Pizzeria Davis entfernt – in der Löherstraße. Kanber biete dort Kebap, Lahmacun, Köfteteller und vieles mehr an. Das Lokal hat er 2011 übernommen. Damals ist es noch ziemlich rustikal gewesen – Holztheke und Barhocker aus Holz, alte Kneipentische – und Stühle.

Ende 2018 hatte der Deutsche mit dem Geburtsland Türkei Renovierungsarbeiten gestartet. Die sollten sich länger hinziehen, als geplant. Am 26. März 2019 schließlich war alles fertig, Kanber konnte seinen Imbiss wieder öffnen. „Viele unserer Kunden waren dann aber erst einmal weg“, sagt er. „Der Anfang dieses Jahres ist aber wieder gut gewesen.“

Adana Döner
Kanber Erdogan betreibt den Imbiss Adana in der Löherstraße. (Sascha-Pascal Schimmel)

Ausgerechnet dann grätschten Krise und Beschränkungen Kanber in die Beine. Den Imbiss hat er seitdem weiterhin geöffnet, verkauft aber nur am Fenster. Für so ein Lokal nicht das größte Problem – sollte man meinen. „Die Löherstraße ist wegen Bauarbeiten seit zwei Jahren recht tot“, sagt er. „Und nun sind noch weniger Leute unterwegs, die zum Beispiel vor dem Besuch im Kino oder einer Disco bei mir vorbeikommen.“ Kanber hofft auf das Hotel und die Studentenwohnungen, die neben der Zentrale der RhönEnergie auf dem Löhrtor-Areal entstehen sollen.

Ob der Adana-Imbiss bis dahin überlebt? Aktuell landen in Kanbers Kasse täglich 60 bis 150 Euro. Vorher konnte er von seinem Lokal leben. Immerhin: Die Miete kann er später überweisen, das hat er mit seinem Vermieter vereinbart. Kosten für Strom und Wasser fallen dennoch akut an. Zudem beschäftigt Kanber eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft. Für einen der Kollegen hat er Kurzarbeit beantragt.

“Nach drei Monaten wäre es das wohl”

„Einen Monat geht das Ganze so noch gut“, sagt der Imbiss-Betreiber. „Nach drei Monaten wäre es das wohl gewesen.“ Es dauere wohl noch bis Mitte des kommenden Jahres, bis alles wieder normal laufe. „Dieses Jahr kann man das Geschäft vergessen.“ Andere Imbiss-Betreiber hätten ihm von Einbußen zwischen 50 und 80 Prozent berichtet.

Ein wenig Positives kann Kanber der ganzen Sache jedoch abgewinnen – wenn nicht für sich als Gastronom, dann für andere Menschen. „Vielleicht spielen die Leute dann weniger an Automaten“, sagt er und lächelt. Auch in seinem Imbiss steht ein solcher Automat – hinten links. Außerdem seien die Menschen mal wieder mehr zuhause und hätten Zeit, um sich zum Beispiel um ihren Garten zu kümmern.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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