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„Wir bleiben zu Hause“ – Das ist die Maxime seit Wochen. Eltern müssen ihre Kinder betreuen, Singles kommen zum Daten nicht raus, und Paare, die zusammenleben, hocken nun den ganzen Tag aufeinander. Corona hat unser Leben verändert und stellt sowohl Paare als auch alleine lebende Menschen auf eine harte Probe. Stehen jetzt schon die gepackten Koffer vor der Tür? Ein Paar und ein Single haben uns Einblicke in ihr Liebesleben gewährt.

Eigentlich führen Janek Breuer und Selina Eckstein eine Fernbeziehung. Er studiert in Gießen Energietechnik, sie arbeitet als Redakteurin in Fulda. Normalerweise sieht sich das Paar nur am Wochenende. „Dadurch, dass meine Prüfungen abgesagt wurden und die Uni geschlossen ist, bin ich kurzerhand nach Fulda gekommen“, sagt Janek. Der 28-Jährige lebt in einer WG, Selina alleine in einer Drei-Zimmer-Wohnung. „Sowohl die Wohnsituation als auch meine Gebundenheit an Fulda waren ausschlaggebend dafür, dass Janek zu mir kommt.“ Das Paar sieht sich nun täglich und muss sich im Corona-Alltag arrangieren.

„Wir alle sind soziale, aber auch individuelle Wesen. In der aktuellen Situation wird bei vielen Menschen einer dieser Pole unfreiwillig vernachlässigt. Paare, die jetzt den ganzen Tag zusammen sind, haben zwar den angenehmen sozialen Aspekt, mit ihrem Gegenüber zusammen zu sein, können sich aber schwer individuell ausleben“, sagt Eckhard Budde-Schneider. Der Sozialpädagoge bietet Paarberatung, Coachings und Supervision in Eichenzell an. „Wer alleine lebt, verliert während der Krise den lebensnotwendigen sozialen Kontakt. Wichtig ist es daher zu versuchen, den Mangel – also entweder die sozialen oder die individuellen Bedürfnisse – so gut es geht auszugleichen und so in Balance zu kommen“, so Budde-Schneider weiter. Das Allerwichtigste sei dabei die Kommunikation.

Das A und O: Reden, reden, reden

Wenn man sich nur am Wochenende sieht, so wie es bei Selina und Janek der Fall war, versucht man aus den 48 Stunden, die man hat, das Beste herauszuholen, sagen die beiden. „Wir haben uns fast nie gestritten und es gab wenig Konfliktpunkte“, so Selina. Auch jetzt würden sie nur wenig streiten. „Meistens sind es Kleinigkeiten. Beispielsweise braucht Janek immer noch eine Weile um aufzustehen. Ich dagegen hasse es, noch im Bett rumzuhängen, sobald ich wach bin. Das wusste ich zwar schon vorher, merke es aber jetzt natürlich verstärkt“, sagt Selina. Janek nerve es dagegen, dass er sich fast täglich um das Essen kümmern soll. „Wobei man sagen muss, dass Selina jeden Tag arbeitet und ich die Zeit dazu habe“, lacht er.

Gesprochen habe er aber nicht mit Selina darüber. Ein Fehler wie Budde-Schneider weiß: „Generell und vor allem in Krisenzeiten ist die Kommunikation untereinander das A und O. Es gibt fast nichts Schlimmeres, als Probleme unausgesprochen zu lassen.” Dabei solle man sich immer fragen „Wie geht es uns miteinander?“ und „Ist es vielleicht eine Zeit, die uns weiter zusammenschweißt?“. Ansonsten könne es nämlich auch gewaltig kriseln.

Bedürfnisse – mach, was dir guttut!

„Wenn ein Paar merkt, dass sich die Situation zuspitzt, ist es ratsam, dass beide einen Rettungsschirm haben. Das sind meistens Freunde, Nachbarn oder die Familien, wo sie verständige Ohren, offene Herzen und gegebenenfalls Unterschlupf finden“, so Budde-Schneider weiter. Sobald es aber heftiger wird oder gar Gewalt im Spiel ist, rät er, professionelle Anlaufstellen zu kontaktieren. 

„Damit wir uns die Köpfe nicht einschlagen, macht jeder einmal am Tag was für sich. Ich habe beispielsweise meinen PC mitgenommen. Selina schaut in der Zeit, während ich zocke oder lerne, Serien oder puzzelt“, sagt Janek. „Wir haben wenigstens noch die Möglichkeit, dass sich jeder in ein Zimmer zurückziehen kann. Somit gehen wir uns auch nur selten bis gar nicht auf die Nerven“, so der 28-Jährige weiter. Auch Paarberater Budde-Schneider empfiehlt, dass Partner und Partnerin etwas Eigenes haben sollten. Jeder solle seinen individuellen Bedürfnissen nachgehen können. Dazu brauche es auch Verabredungen. Als Single sei es beispielsweise genau umgekehrt. Hier fehle in einer solchen Krise oft der soziale Pol, sagt Budde-Schneider. Sich in dieser Bedürftigkeit zu zeigen, erfordere eventuell auch Mut – und vielleicht Freundinnen und Freude als Mutmacher.

Kennenlernen schwer gemacht

Alina Grösch aus Dirlos erlebt gerade als Single die Krise. Vor allem das Daten gestalte sich momentan schwierig, sagt sie. „Dating fängt normal schon damit an, dass man beim Ausgehen beispielsweise jemanden trifft, der interessant ist. Dann tauscht man die Nummern und schreibt miteinander. Im Normalfall kommt es dann schnell zu einem Treffen“, so die 21-Jährige weiter. „Meiner Meinung nach ist es nämlich schwierig, jemanden nur über Nachrichten kennenzulernen. Vieles wird missverstanden und zum Telefonieren fehlt tagsüber zudem oft die Zeit.“ Aus diesem Grund sei sie auch nicht auf Dating-Portalen angemeldet.

Dabei kann die Zeit während der Corona-Krise auch eine Möglichkeit sein, neue Dinge auszuprobieren, findet Paarberater Budde-Schneider. „Jemanden in einer Krise kennenzulernen, kann ein starkes Band erschaffen. Man hat sozusagen eine negative Zeit gemeinsam bewältigt“, sagt er. Und natürlich helfe der Austausch, den man während der Kennenlernphase hat, die Einsamkeit zu überbrücken.

Wen oder wie wir lieben, ist so frei wie noch nie

Das Gefühl von Einsamkeit ist auch bei Alina präsent. Obwohl die 21-jährige Auszubildende noch bei ihren Eltern wohnt, hat sie das Gefühl, dass ihr etwas fehlt. Auch die sozialen Netzwerke seien nur ein kleiner Trost: „Social Media ist zwar eine Ablenkung, führt aber auch dazu, dass man sich beispielsweise auf Instagram zwangsläufig Beziehungs-Content reinzieht. Was natürlich schon die Laune drücken kann“, sagt Alina. Durch die Isolation habe sie auf jeden Fall viel Zeit darüber nachzudenken, was sie will und was sie erwartet. „Und ich hoffe, dass sich nach der Krise auch einige Verhaltensmuster und Ansichten der Männer ändern“, schmunzelt sie. Momentan habe sie nämlich das Gefühl, dass vor allem junge Menschen nicht wissen, was sie wollen, oder Angst haben sich zu binden.

„Junge Menschen werden von älteren Generationen gelegentlich als unstet erlebt. Vor einigen Generationen hatten Männer und Frauen im Grunde nur eine Möglichkeit – und das war die frühe Ehe zwischen Mann und Frau. Alles andere wurde von der Gesellschaft nicht oder nur schwer akzeptiert“, so Budde-Schneider. Heute sei die Vielfalt an Lebensmodellen größer. Jeder kann selbst entscheiden, wie er oder sie leben will. Das Offenhalten von Optionen sei daher nicht unbedingt unstet oder gar ungesund, sondern Teil einer modernen Lebensauffassung. Dennoch gebe es auch in der jungen Generation die Sehnsucht nach Partnerschaft und Familiengründung.

Die Corona-Krise als Chance

Für Alina gestaltet sich die Suche nach dem perfekten Gegenstück in jedem Fall gerade schwierig: „Die Sehnsucht nach einem Partner ist im Moment verstärkt. Das liegt aber auch daran, dass ich einfach ein sozialer Mensch und immer unterwegs bin. Das Alleinsein ist einfach nichts für mich. Für jemanden, der eher introvertiert ist, ist die Zeit wahrscheinlich nicht ganz so schwer.“

Sowohl für Paare als auch Singles kann die Krise eine Chance sein, neue Dinge auszuprobieren und kreativ zu werden, sagt Paarberater Budde-Schneider und fährt fort: „Für viele Paare wird es eine Herausforderung sein, für andere aber eine Zeit, die zusammenschweißt. Wichtig ist nur, dass man sowohl seine individuellen als auch seine sozialen Bedürfnisse kennt und diese so gut es geht pflegt.“

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