Digitale Nomaden arbeiten weltweit flexibel und ungebunden: Anni und Thommy arbeiten in einer Bar in Vietnam. (Foto: ourtravelness.com)

Digitale Nomaden arbeiten, wo andere Urlaub machen. Die Vorstellung klingt beeindruckend und bewegt Tausende Menschen zum Auswandern. Doch statt die neue Heimat an einer festen Location zu suchen, sind digitale Nomaden ständig an wechselnden Orten der Welt zu Hause. Zum Arbeiten brauchen sie nur einen Laptop und schnelles Internet. Das Fuldaer Pärchen Anna-Lena Mihm (27) und Thomas Klüber (31), Eltern einer Tochter, ist mehrere Jahre in die Nomadenwelt eingetaucht. Jacqueline Bohrmann (31) und Stephan Depta (31) sind aktuell in Thailand. move36 berichtet über die Vor- und Nachteile des ortsunabhängigen Arbeitens. 

Digitale Nomaden sind reiselustige Personen, die ihre Arbeit meistens am Computer verrichten und ortsungebunden leben. Es ist ein Lifestyle, der seinen Ursprung in der Technologiebranche hat. In den 60ern und 70ern hat Herbert Marshall McLuhan, einer der damals einflussreichsten Medien- und Kommunikationstheoretiker, das Bild der neuen Nomaden gezeichnet. In den 90ern waren Tsugio Makimoto und David Manners die Ersten, die ein Buch darüber schrieben: „Digital Nomad“ heißt es. Heutzutage gibt es Tausende Nachahmer: Das Paar Anna-Lena Mihm und Thomas Klüber ist eines von ihnen.

Anni und Thommy von Ourtravelness waren in Brasilien, Chile, Peru und Neuseeland. Sie bereisten etwa 52 Länder rund um den Globus. „Außer der Antarktis waren wir auf jedem Kontinent in verschiedenen Ländern und haben dabei die unterschiedlichsten Kulturen kennengelernt“, sagt Anni. Die 27-Jährige ist gelernte Mediengestalterin und braucht nicht viel: einen Laptop und gelegentlich Internet. Wo sie sich beim Abarbeiten ihrer Projekte befindet, spielt keine Rolle. „Generell habe ich mit meinen Kunden nur E-Mail-Kontakt, sodass sie gar nicht wissen, dass ich beispielsweise gerade in einer Strandbar auf Maui sitze“, so Anni. Für Thommy war der Einstieg als digitaler Nomade schon etwas schwieriger. Er ist gelernter Elektriker mit einer Weiterbildung zum Fachwirt. „In größeren Städten werden mittlerweile auch in diesem Bereich Jobs auf Homeoffice-Basis angeboten. Nach unserer Weltreise vor zwei Jahren sah das ganz anders aus. Daher haben wir uns sicherheitshalber während der einjährigen Weltreise auf ein Working-Holiday-Visum in Kanada beworben“, erzählt Thommy.

Der Reiselust nachgehen und dabei arbeiten

Im Februar 2017 sind Anni und Thommy ein komplettes Jahr auf Weltreise gegangen – genauso lang dauerten auch die Reisevorbereitungen. Sie sagten dem Dörfchen Sargenzell Adieu, und es ging hinaus in die weite Welt. In Südamerika begann ihr Abenteuer, genauer gesagt in Brasilien mit dem Karneval in Rio. „In dieser Zeit haben wir nicht gearbeitet, sondern lebten ausschließlich von unseren Ersparnissen“, so Anni. „Schon nach einem halben Jahr Dauerreise war uns klar, dass wir nicht einfach so ins alte Leben zurückkönnen.“ Anni und Thommy sehnten sich zwar nach dem gewohnten Umfeld, und besonders während der Weihnachtszeit war es schwer. Aber sie hatte auch die Reiselust gepackt. Natürlich hatten sie regelmäßigen Kontakt zur Familie, zu Freunden und Kollegen. „Dennoch hatten wir Sehnsucht nach unserer Heimat. Bereits bei unserer Rückkehr haben wir daher an einer Lösung gearbeitet, wie wir weiterhin unsere Reiselust leben, Geld verdienen und auch regelmäßig unsere Familien und Freunde sehen können“, sagt Anni.

Das  Influencer- und die Bloggerpaar Anni und Thommy hat sich während seiner Auslandaufenthalte ein Instagram-Business aufgebaut, mit dem es  ebenfalls Geld verdient. (Foto: ourtravelness.com)

2018 war das Pärchen viel in Europa unterwegs und brach im Herbst nach Kanada zum Work and Travel auf. „Ohne großes Risiko habe ich mich direkt nach unserer Weltreise in die Selbstständigkeit gestürzt“, so Anni weiter. Als zweites Standbein ist das Paar unter dem Namen ourtravelness.com als Influencer und Blogger tätig. „Wir haben mit Instagram unsere Basis aufgebaut. Hier erreichen wir die meisten unserer Follower und können mit ihnen gemeinsam Erfahrungen austauschen und teilen“, sagt Anni. Das Paar ist hauptsächlich im Bereich Instagram- und Content-Marketing angesiedelt, was ein wichtiger Baustein des Geschäfts ist. „Unsere Kunden kommen vorwiegend aus Deutschland. Das vereinfacht uns den ganzen Steuerkram. Bewusst wollen wir uns nicht komplett auf diese Einnahmequelle verlassen, schließlich weiß man ja nie, wie sich der Bereich Social Media weiterentwickelt“, sagt Thommy. 

Doch so schön das alles klingen mag, am Anfang hatten Anni und Thommy ganz schön zu kämpfen. Die deutsche Bürokratie hatte ihnen Steine in den Weg gelegt. Digitale Nomaden sind ein Phänomen für  Behörden – Überforderung macht sich breit. Wo sollen sie sich registrieren? In welchem Land Steuern zahlen? Manche füllen die Steuererklärung ihres Herkunftslandes aus, andere die der Wahlheimat, manche lassen es komplett bleiben. Wie die meisten Berufsnomaden aus dem europäischen Bereich hatte das Paar ausschließlich Geschäftspartner im Raum Europa. In Annis und Thommys Fall kommen die Kunden aus Deutschland. „Da hat man einen großen Vorteil: Der Euro ist sehr stark. Bestenfalls verdient man Euro und lebt beispielsweise von indonesischen Rupiah. Somit muss man für seine normalen Lebenshaltungskosten weniger bezahlen und demzufolge auch weniger verdienen“, erklärt Anni. Diese Option ist besonders am Anfang gut. Viele Nomaden melden ihr Geschäft gar nicht an und sparen sich die deutsche Bürokratie. „Das war für uns keine Option. Es hat sich definitiv gelohnt, sich durch den Papierwust zu quälen, besonders für Annis Business“, sagt Thommy. 

Coworking Spaces schießen aus dem Boden

Der neue Lebensentwurf konnte also beginnen: Anni und Thommy reisten und arbeiteten parallel. „Die Entscheidung selbst in der Hand zu haben, von wo aus wir arbeiten: Sei es von zu Hause aus, in einem Camper in Kanada oder in einer Hängematte auf Bali. Der Reiselust nachgehen und gleichzeitig Geld verdienen – was will man mehr?“, sagt die 27-Jährige.

Unzählige Glasfasersüchtige machen sich scharenweise auf den Weg in die gehypte digitale Nomadenwelt: Bali. Schwer zu sagen, wie viele digitale Nomaden sich mit Notebook auf Bali aufhalten, einige Tausend dürften es sein. Die indonesische Insel liegt bei den digitalen Nomaden auf den ersten Plätzen. Was – abgesehen von der Umgebung und dem tropischen Wetter – auch daran liegt, dass man hier sehr preiswert leben kann. Seit 2017 schießen sogenannte Coworking-Spaces wie Pilze aus dem Boden. Coworking ist ein relativ neues Arbeitsmodell. Übersetzt man den Begriff wörtlich, bedeutet es im Grunde nichts anderes als gemeinsam zu arbeiten. Das Coworking-Space Hubud in Ubud ist zusammen mit dem Dojo in Canggu die angesagteste Office-Location auf Bali. Dort befinden sich mehrere Hundert Mitglieder, Skype-Kabinen, klimatisierte Sitzungsräume, Schreibtische unter dem Ventilator mit Blick auf Bananenpalmen. Im Detail steht Coworking-Space für die Anmietung eines Büros oder Schreibtisches, wo kreative Personen arbeiten – gemeinsam oder für sich.

Foto: Annie Spratt/Unsplash

Doch für wen eignen sich solche gemeinschaftlichen Arbeitsplätze? Besonders für Selbstständige, denen im Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt oder die ständigen Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Auch Gründer, die sich kein eigenes Büro leisten können, sind hier gut aufgehoben. In offener Atmosphäre werden verschiedenste Disziplinen und die Entwicklung gemeinsamer Projekte gefördert. Geschäftliche Verbindungen werden häufig auch auf die Freizeit ausgeweitet – so wird das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Coworking-Spaces gestärkt. Die Gemeinschaftsbüros befinden sich meist an günstigen Standorten wie beispielsweise in der Innenstadt. Coworking-Space steht für einen einfachen Zugang und soll jedem ermöglicht werden. Auch wenn beim gemeinsamen Arbeiten die Vorteile überwiegen, sind Nachteile natürlich auch vorhanden. Du hast wenig Platz zum Arbeiten und kaum Ruhe und Privatsphäre. Es fallen zudem zusätzliche Kosten an, die es beim Homeoffice nicht gibt. Wenn die Arbeit in Gesellschaft das Richtige sein sollte, sollte man sich früh genug um einen Wunsch-Coworking-Space kümmern. Entweder man bucht direkt ein Ticket für den gewünschten Arbeitsplatz, oder man bewirbt sich über ein Online-Formular. 

„Es wird immer mehr von ihnen geben“

Coworking ist auch 2020 ein bleibender Trend der neuen Arbeitswelt. Das Suchvolumen nach Begriffen wie „Coworking“ oder „Coworking-Space“ ist schon im Jahr 2019 stark angestiegen. Während Coworking um ziemlich genau 50 Prozent anstieg, wurde der Suchbegriff „Coworking-Space“ sogar fast doppelt so häufig (+83 Prozent) gegoogelt wie ein Jahr zuvor, so die Statistik des Coworking-Guides. Die Entwicklung der Coworking-Industrie bleibt also weiterhin positiv. Eine Umfrage von Deskmag, einem Coworking-Magazin, zeigt: Es wurden mehr Coworking-Spaces eröffnet, im letzten Jahr stieg die Zahl um knapp ein Fünftel. Die Zahl der Coworker stieg sogar noch stärker an als die der Spaces. Ebenso legte die durchschnittliche Mitgliederzahl mit 90 Personen pro Standort deutlich zu. Bis Ende des Jahres werden knapp 2,2 Millionen Menschen in über 22 000 Coworking-Spaces arbeiten.

Doch warum erlebt diese neue Arbeitsform einen solchen Boom? Professorin Carola Bauschke-Urban aus dem Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda kann dieses Phänomen erklären: „Die zeitliche und örtliche Ungebundenheit ist für viele junge Menschen attraktiv. Dabei können sie ein individuelles Leben führen und ein vielfältiges Netzwerk aufbauen.“ Sie ist sich sicher: „Es wird immer mehr von ihnen geben, da die Arbeit ortsungebundener und die Wahl des Wohnortes flexibel ist. Digitale Nomaden können zum Beispiel auf dem Land leben oder eben auf Bali.“ Auch die beiden Fuldaer Jacqueline Bohrmann und Stephan Depta von Reiseritis sind dieser Flexibilität gefolgt. Sie wagten den Schritt nach Thailand, kündigten ihre alte Wohnung und verstauten ihr Leben in 20 Kisten. Sie berichten regelmäßig auf Instagram und auf ihrem Reiseblog „Reiseritis“. Jacqueline hat ihre Festanstellung beim Bistum Fulda als Rundfunkredakteurin gekündigt und arbeitet seit Beginn der Reise als freiberufliche Journalistin. Stephan war schon vorher selbstständig als Webentwickler tätig und kann deshalb gut ortsunabhängig arbeiten. Jacqueline schreibt Texte über Orte, die die beiden bereisen, oder direkt über ihre Reise unter anderem für move36, den Reiseblog Des Belles Choses und das österreichische Onlinemagazin Helden der Freizeit. „Ich habe auch Radiostücke für das Bistum Hamburg gemacht und Moderationen für das Bistum Limburg. Ich wollte nicht nur in der Hängematte liegen und nichts tun“, sagt die selbstständige Journalistin. 

„Selbstmotivation ist eine große Herausforderung“

Die größte Hürde ist dabei die tägliche Selbstmotivation. Digitale Nomaden gestalten ihren Arbeitstag allein und ortsungebunden – das kann anfangs oft zum Problem werden. Auch für Jacqueline und Stephan war es eine Herausforderung. „Das war schon eine große Umstellung, sich jeden Tag selbst zu motivieren, Texte anzubieten und sich an den Laptop zu setzen“, sagt Jacqueline. „Es fällt mir leichter, einen geregelten Tagesablauf zu haben.“ Das Paar hat zweimal rund drei Monate an einem Ort gewohnt und ist ansonsten immer nur für ein paar Tage verreist. „Da wir im Moment auch Housesitting machen, sind wir eher gebunden“, sagt Jacqueline. Das kann sich aber jederzeit ändern. „Unser Alltag besteht derzeit aus Frühstücken, Hunde füttern, Laptopzeit und zwischendurch an den Strand gehen oder in den Pool hüpfen“, erzählt Stephan. Als digitaler Nomade arbeitest du zeitlich flexibel und bist immer on the run, aber wie sieht es mit der passenden Unterkunft aus? Jacqueline sagt: „Die erste langfristige Unterkunft haben wir wie auch das Housesitting im Internet gefunden.“ Bei kürzeren Übernachtungen achtet das Paar auf den Preis, die Bewertungen und dass es auf keinen Fall in einem Hostel landet – auch wenn das Geld knapp sein sollte. 

Die Einnahmen können schwanken

Gibt es also auch mal finanzielle Engpässe, oder ist das Leben immer sicher und lukrativ? „Wir haben schon unser Erspartes als Back-up. Ohne diese Sicherheit würde es nicht gehen“, sagt Jacqueline. „Da wir dieses Leben ja nur eine gewisse Zeit leben, ist das auch okay. Ansonsten ist es wie bei anderen Selbstständigen auch, die Einnahmen können immer schwanken.“ 

Professor Matthias Klemm aus dem Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda zeigt auch negative Seiten auf: „In der Breite können digitale Nomaden davon nicht leben, es handelt sich in der Regel um Zuverdienste bei geringer Entlohnung, also um sogenannte prekäre Arbeitsverhältnisse. Eine langfristige Lebensplanung wie Haushalt und Familie ist daher schwierig. Das mag der Grund sein, warum die Vorstellung bei jungen Leuten gut ankommt, die noch keine entsprechenden Verpflichtungen eingegangen sind.“ Klaffen das Bild und die Wirklichkeit arbeitstechnisch auseinander? „Ich sehe auch eine Problematik hinsichtlich einzuhaltender Deadlines und ungeeigneter Coworking-Spaces, wie beispielsweise die Bahn“, so Experte Klemm. Ist dieses Lebenskonzept also nicht für jeden gedacht? Jacqueline und Stephan sehen es anders: „Wir glauben, dass es viele Menschen mit unterschiedlichen Berufen machen könnten. Sogar Friseure, Handwerker oder Verkäufer können im Ausland arbeiten. Man braucht aber jeden Tag die nötige Selbstdisziplin und darf sich vom Urlaubsfeeling nicht ablenken lassen – auch wenn es teilweise schwierig ist.“ 

„80 Prozent von uns sind in ihrem Beruf unzufrieden“

Jeder digitale Nomade durchlebt diesen Denk- und Lernprozess. „Wir haben durch unseren Lebensstil, das Arbeiten und Reisen mehr Disziplin und Geduld“, sagt Jacqueline. „Mit der Zeit gewöhnt man sich an die asiatische Gelassenheit und passt sich an. In Deutschland wäre eine Entschleunigung auf Dauer nicht möglich gewesen.“

Wenn wir mal ehrlich sind, sind die Menschen, die einen Job haben, den sie lieben, und sehr gut verdienen, eher rar gesäte Glückspilze. Oder? Der Autor Robert Wringham beschreibt in seinem Buch „Ich bin raus – Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ diese Problematik und erklärt, wie wir uns aus diesem institutionalisierten Mechanismus befreien können. „80 Prozent von uns sind unzufrieden mit ihrem Beruf“, schreibt Wringham. „Wir verbringen unfassbar viele Stunden damit zu arbeiten. Und wir verbringen noch mehr unbezahlte Zeit in Zügen, Bussen und Verkehrsstaus, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen.“ 

Die meisten sind 40 Stunden in der Woche (oder oft mehr) an einem Ort, an dem sie nicht sein wollen oder mit einer Tätigkeit beschäftigt, die sie als komplett sinnlos erachten. Hinzu kommt, dass sie meist mit Menschen arbeiten, die sie privat niemals treffen würden, und dafür auch noch viel Zeit in Kauf nehmen müssen. Die Freizeit, die dann am Ende des Tages übrig bleibt, benötigen sie zur Regeneration, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Und das geht dann für circa 40 Jahre genauso weiter. Hat man sich das so vorgestellt? „Unter solchen Umständen ist ein Heim gar kein Heim mehr, sondern eine Art Docking-Station oder ein Boxenstopp, um den eigenen Akku wieder aufzuladen, um weiter zu funktionieren“, so Wringham. Eine Lösung dieses Dilemmas ist das ortsunabhängige Arbeiten. Wir als Arbeitnehmer sind nicht mehr gezwungen in einer überteuerten, kleinen Stadtwohnung zu leben, um möglichst nah an der Arbeit zu wohnen. „Ist es nicht eine unglaubliche Zumutung, dass wir dazu gezwungen werden, uns zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einzufinden? Wieso geht niemandem auf, dass das eine geradezu schockierende Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit ist, ein Umstand, der unserer hohen Wertschätzung persönlicher Freiheit völlig widerspicht“, so die harsche Kritik des Autors. 

Das Paar Jacqueline und Stephan hat sich der neuen freien Arbeitswelt in Thailand angenommen. „Ich genieße es total, wenn wir den halben Tag arbeiten und uns dann noch etwas anschauen und auf kleine Entdeckungstour mit dem Roller gehen können“, sagt Jacqueline Bohrmann. „Das erhöht deutlich unsere Lebensqualität und wäre in Fulda niemals möglich gewesen.“ So sehen es auch die Blogger Anni und Thommy mit ihrer Tochter. „Auch mit Kind lässt sich das Leben eines digitalen Nomaden super vereinen. Für uns ist ein Kind kein Grund, Freiheit oder Flexibilität aufzugeben. Ganz im Gegenteil. Wir haben rund um den Globus viele deutschsprachige Familien getroffen, die dieses Leben schon seit einigen Jahren leben und praktizieren“, berichtet Anni.

Das Modell ist nicht mehr zeitgemäß

Die Digitalisierung verändert unser Leben von Grund auf und schenkt uns ein Stück Freiheit. Was für einen Unterschied macht es, ob der Journalist seinen Artikel in der Redaktion oder im Café schreibt? Wen interessiert es, ob der Steuerberater im Anzug in der Kanzlei oder im Jogginganzug im Coworking- Space die Steuererklärung macht? Fest steht: Wenn die Arbeit getan und fehlerfrei ist, ist es doch völlig unwichtig, wo sie erledigt wurde.

Denn der Fachkräftemangel in Deutschland zeigt deutlich, dass Arbeitsstellen attraktiver und flexibler werden müssen. Die 50er sind schon lange Geschichte, in denen der Vater morgens das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, und es abends gerade so packte, den Kindern die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Dieses Arbeitsmodell ist nicht mehr zeitgemäß. Das findet auch das junge Social-Media-Unternehmen Buffer im Silicon Valley mit 60 000 Kunden und setzt von Anfang an auf Remote-Work (Fernarbeit). „Wir wollen, dass unsere Teammitglieder denjenigen Ort auf der Welt wählen können, an dem sie sich am glücklichsten und produktivsten fühlen. Wir haben Kollegen, die zu Hause bei ihren Kindern bleiben oder mit einem Wohnmobil reisen und darin arbeiten“, so ein Auszug aus dem Buch „Go Remote! – Ab jetzt ortsunabhängig arbeiten und selbstbestimmt leben“.

Lebe dort, wo du am produktivsten arbeiten kannst

Der Weg aus dem Hamsterrad erfordert großen Mut. Häufig stößt man auf Ablehnung und Unverständnis: „Wenn du wie ich ein Haus hättest, dann ginge das nicht“ oder „Mit meinem Job kann ich das nicht“. Hinter all diesen Sätzen stehen ein großes „Aber“ und viel Angst. Unsere beiden Paare haben das große „Aber“ zur Seite geschoben und den Schritt gewagt. Anni sagt: „Jeder neue Lebensabschnitt kostet Überwindung und prägt den Menschen. Unsere einjährige Weltreise, die Work-and-Travel-Erfahrung in Kanada und unsere Entscheidung zum ortsunabhängigen Arbeiten haben uns geprägt und verändert. Wir sind absolut stolz auf uns, dass wir diesen Schritt gewagt haben – schließlich haben wir unser Hobby zum Beruf gemacht.“ 

Fest steht: Wer ortsunabhängig arbeiten möchte, der muss die richtige Einstellung besitzen. Es werden bestimmt herausfordernde Phasen auf einen zukommen, die nicht einfach sind. Dann ist es wichtig durchzuhalten und weiterzumachen. Aufzugeben ist als digitaler Nomade keine Option. „Man muss an dem festhalten, was einem Spaß macht, sonst funktioniert es nicht. Und man sollte schon vorher Ahnung von seiner Idee haben und nicht bei Null anfangen“, sagt Jacqueline. Sie und Stephan sind seit März wieder in Deutschland, um ein neues Projekt zu starten – solange bis das Fernweh wieder ruft.

Foto: Anna-Lena Mihm und Thomas Klüber
Was ist ein digitaler Nomade?
Digitale Nomaden ersetzen die konventionelle Arbeitsweise durch eine freie Orts- und Zeiteinteilung. Für sie zählt: durch die Welt reisen, ortsunabhängig arbeiten und frei sein. Das ist die Vision, die konsequent verfolgt wird. Meist sind sie Unternehmer, Freelancer oder in Einzelfällen auch Angestellte, die ihrer Arbeit meist im Internet nachgehen. Ihre Kunden bedienen sie ausschließlich online.
Wie arbeitet der digitale Nomade?
Im Mittelpunkt steht die Individualität und Flexibilität, was Arbeitsort und -zeit angeht. Der digitale Nomade kann seinen Tagesablauf nach Belieben gestalten. Ob Yoga am Morgen, Arbeiten in Coworking-Spaces oder alleine im Café – jeder Tag kann individuell gestaltet werden. 
Und wie verdient der digitale Nomade sein Geld?
Es gibt etliche Möglichkeiten, als digitaler Nomade Geld zu verdienen. Entweder ist man Freelancer, Angestellter oder Unternehmer. Ein Freelancer kann mit Dienstleistungen wie der Erstellung von Webseiten, Grafiken, Fotografien, Texten, Marketing-Konzepten oder Social-Media-Betreuung sein Geld verdienen. Ebenso vielschichtig sind die Verdienstmöglichkeiten als Unternehmer. Beliebte Einkommensquellen sind Onlineshops und Blogs.

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