Vinyl-Boxset von Prezidents „Alles ist voll von Göttern“ (Foto: Vinyl Digital)

Kennst du schon ..? Jede Woche kommen neue Alben, Bücher, Serien, Filme, Gadgets, Podcasts und vieles mehr auf den Markt – wozu wir unseren Senf abgeben. Ist bei unserem heißen Scheiß dieser Woche nun wieder alles in Butter? Zumindest einige Fans sollte der Rapper Prezident mit seinem neuen Album „Alles ist voll von Göttern“ besänftigt haben. Mit dem Vorgänger hatte der Wuppertaler eine Kontroverse um sich ausgelöst.

Es hätte einem Selbstmordkommando geglichen, vor etwa eineinhalb Jahren das damals jüngste Album des Wuppertaler Rappers Prezident wärmstens zu empfehlen. In „Du hast mich schon verstanden“ pisst er phasenweise Menschen, die sich für gute Zwecke engagieren, ans Bein. Er übt zynische Kritik an zumeist „linken“ Ideen, rappt: „Auch Hitler dachte, er tut der Welt was Gutes.“ Er zeigt sich genervt von Menschen, die vermeintlich bei jeder Nichtigkeit an die Decke gehen: „Wegen irgendetwas muss man ja beleidigt sein, mal empört scheinen.“ Ob der Wuppertaler das alles ernst gemeint hat oder die Leute triggern wollte?

Manche Rezensenten erkannten in Prezident daraufhin einen Rechtspopulisten oder Steigbügelhalter der AfD. Und der Mann, der mit bürgerlichem Namen Viktor Bertermann heißt, sorgte in Interviews nach dem Release auch nicht unbedingt dafür, dass diese Vorwürfe aus der Welt geräumt wurden. Er wollte das Album so stehen lassen – wie man das mit Kunst eben macht. Yo, er sagte, dass er nicht rechtsradikal sei. Aber das sagt sich natürlich leicht.

Rechtsradikaler Wutbürger Prezident?

Dass da etwas dran sein könnte, deutet ein Auszug aus einem Interview, das rap.de mit Prezident noch vor der Veröffentlichung von „Du hast mich schon verstanden“ geführt hatte. Dort zeigt der Rapper Sympathien für – seiner Meinung nach – „klassisch linke“ Ideen. Eine solche Idee sei für ihn, allen Menschen gute Lebensbedingungen zu verschaffen, sie aber ansonsten in Ruhe zu lassen – ihnen also nicht eine Lebensweise als die einzig wahre vorzuschreiben. Ein solches Vorschreiben von Lebensentwürfen erkennt Prezident in der Maxime, dass möglichst viele Frauen arbeiten sollen – einhergehend mit der gesellschaftlichen Sanktionierung jener Frauen, die sich anders entscheiden. In dieser Maxime erkennt der Rapper links geschminkten Neoliberalismus. Er ist der Meinung, es gehe nur darum, die menschlichen Ressourcen auf diese Weise für die Wirtschaft besser nutzen zu können.

Zudem wirkt das umstrittene Album weniger wie das eines rechtsradikalen Wutbürgers als das eines nach Sinn suchenden Nihilisten – geht das überhaupt? Der Rapper meint, es gebe keine einfachen Lösungen, kein Schwarz-Weiß und Demos würden eh nix verändern. Und dabei wirkt er ziemlich selbstgerecht, frustriert – als wolle er alle in ihrem Engagement bremsen, nur weil ihm sein eigenes nicht sinnstiftend, nicht zielführend scheint. Vielleicht wollte er seine Hörer aber auch nur provozieren. Ob es dafür ein komplettes Album gebraucht hätte? Fraglich.

„Alles ist voll von Göttern“: ein textliches Brett

Auch wenn diese mildere Bewertung des Wuppertalers ihn immer noch nicht zum Sympathieträger werden lässt, sein neues Album „Alles ist voll von Göttern“, erschienen am 21. Februar, ist ein textliches Brett. Prezidents Talent zum Storytelling steckt in jeder Rille der Platte. Seine Wortwahl: alles andere als platt und vorhersehbar. Die Storys: plastisch erzählt. Und die Instrumentals: Immer mit einem Hang zur Düsternis.

Im Song „Jamais-vu“ (zu Deutsch: noch nie gesehen) widmet sich der Wuppertaler dem Bedürfnis nach Nähe – nicht nur körperlicher – und der Unfähigkeit, diese zuzulassen. „Komm näher, bleib mir fern.“ Diesen inneren Kampf beschreibt Prezident treffend mit der Zeile: „Ich kenne gar kein Glück ohne Stich in das Melancholische.“ Hoffnung scheint’s da keine zu geben.

Ziemlich makaber wird’s in „Ein Toast“. Während der Gastgeber einer heuchlerischen Gesellschaft eine Rede hält, schlagen seine letzten Sekunden. Er sinkt auf den Boden, stirbt – und seine Gäste gratulieren sich, dabei gewesen zu sein. Statt zu trauern, bleiben sie neben der mittlerweile verwesenden Leiche sitzen und streiten darüber, wer dem Toten am nächsten gewesen sei. Sie können selbst in diesem Moment ihre Geltungssucht nicht hintanstellen.

Die Parabel von der Zitadelle

Extrem spannend sind die zwei „Zitadellen“-Songs. Teil eins beschäftigt sich mit den Menschen, die im Zentrum leben. Wohlbehütet. Sämtliche Errungenschaften der Menschheit betrachten sie als gegeben – sie kennen’s ja nicht anders. Ihr größtes Problem: der Nahverkehr. Wenn’s da mal hakt, entschuldigt sich die Führung der Zitadelle für den Verlust an Lebenszeit und -qualität.

Teil zwei – „Peripherie“ – zeigt das „richtige“ Leben der Menschen außerhalb des Zentrums. Für diese Einwohner empfinden die Zentrums-Leutchen Schadenfreude, aber auch Bewunderung. Ist schließlich eine Leistung, unter schlimmsten Bedingungen über die Runden zu kommen.

„Ist sicher nicht so angenehm, doch dafür spannend, und man kann’s ja auch romantisch sehen. Denn das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. Die haben Action, die haben Drama, wir haben Langeweile. Muss man sicher nicht für’s Leben haben, aber sollt‘ man mal gesehen haben.“

Dabei ist es nicht so, dass sich die Zentrumsbewohner komplett von den armen Schluckern fernhalten. Nee nee, immer wieder zieht es Jugendliche für ein paar Jahre in die Peripherie. Dort schlagen sie sich mit etwas Hilfsarbeit durch, gehen auf Abenteuerreise in Bezirke, „wo die Menschen ein bisschen eigen sind“, fühlen sich dort lebendig, wo nicht alles strikt geregelt ist wie im Zentrum.

Die Kontroverse bleibt – und das ist gut so

Diese Zitadelle steht zum einen für die gentrifizierten Zentren unserer Großstädte, aus denen Menschen, denen es am nötigen Geld fehlt, wegen der hohen Mieten in die Peripherie flüchten. Dort bildet sich eine Art Ghetto. Das Zentrum kann aber auch die wohlhabenden Länder symbolisieren. Die Peripherie wäre die Dritte Welt. Dorthin zieht es immer wieder junge Menschen aus den Industrienationen. Sie leisten dort Entwicklungshilfe, lernen das Leben dort ein Stück weit kennen – wissen aber auch, dass sie dem Elend jederzeit entfliehen können.

„Alles ist voll von Göttern“ ist eine willkommene Abwechslung zum in weiten Teilen monotonen, autotune-getränkten, Sinnlos-Rap. Die Kontroverse um Prezident löst sich dadurch dennoch nicht in Luft auf. Und vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn das verleitet dazu, bei seinen Texten genau hinzuhören. Und das lohnt sich hier allemal.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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