Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und Droh-Postkarte (Fotos: Sebastian Gollnow | dpa; Boris Palmer)

Für Andreas Goerke ist es eine Art Déjà-vu: Vor ziemlich genau drei Jahren hatte jemand die Polizei angerufen, sich als Goerke ausgegeben und gesagt, er habe seine Frau getötet. Daraufhin rückte die Polizei zum Haus der Familie an. Nun scheint der Name des Aktivisten wieder missbraucht worden zu sein – für eine geschmacklose Postkarte an Boris Palmer.

„Dir müsste man die Eier abschneiden, wenn du welche hättest.“ „Du Wichser-Depp.“ „Du bist eine ungewollte Fehlgeburt.“ Diese derben Sätze musste Boris Palmer, Grünen-Politiker und Oberbürgermeister von Tübingen, auf einer an ihn gerichteten Postkarte lesen. Wie kommt jemand dazu, einen solchen Schwall an Beleidigungen über einen Menschen zu ergießen? Dem Absender scheint es um vermeintliche Enteignung von Grundstücksbesitzern zu gehen. Das legt zumindest der Beginn des Schreibens nahe.

Droh-Postkarte an Tübingens OB Palmer (Foto: Boris Palmer)

Name Andreas Goerke wohl missbraucht

Palmer hat am Montag ein Foto der Postkarte auf seiner Facebook-Fanpage veröffentlicht. Aus dem dazu gehörigen Kommentar des Tübinger OBs geht hervor, dass als Absender der Name Andreas Goerke auf der Karte vermerkt ist. Andreas Goerke? Der Name ist in unserer Region doch bekannt! Sollte wirklich der Vorsitzende des antifaschistischen Vereins „Fulda stell sich quer“ Palmer diese Postkarte geschickt haben? Was sollten ihn Grundstücke in Tübingen jucken?

Immer wieder erstaunlich, wie wenig manche Menschen andere Auffassungen ertragen können.

PS: Welcher Andreas Goerke das nun ist oder ob es ein anderer ist, der sich unter diesem Namen betätigt, weiß ich nicht. Darauf kommt es hier auch nicht an. Es ist nur ein Beispiel für eine Verrohung, die leider Alltag geworden ist.

Boris Palmer | Facebook

Es ist sehr wahrscheinlich, dass jemand den Namen Andreas Goerke bewusst für das Drohschreiben missbraucht hat. Als Absenderadresse nannte der Schreiber eine Straße in Bad Kissingen. Klar, da wohnt Goerke nicht. Aber er ist vor Jahren im Eishockeyverein des Ortes aktiv gewesen.

„Schockiert“ über Karte an Palmer

Goerke hat durch Zufall von der Postkarte an Palmer erfahren. In einem Kommentar auf der Fanpage des Politikers zeigt er sich „schockiert über die Wortwahl und die Formulierungen“. Goerke schreibt, er habe Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Neben Palmer hätten weitere Personen solche Postkarten erhalten.

Sehr geehrter Boris Palmer,

ich habe heute durch Zufall erfahren, dass Sie eine Postkarte erhalten haben, die in meinen Namen abgesendet wurde. Wie ich den Text gelesen haben war ich entsetzt. Als Vorsitzender eines antirassistischen Vereins in Fulda (Fulda stellt sich quer) stehe ich seit Jahren im Fokus der rechtsextremen Bewegung. Ich bin schockiert über die Wortwahl und Formulierungen auf der Postkarte. Ich habe heute Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Heute haben verschiedene Personen, solche Postkarten bekommen. Es macht einen nur traurig, zu welchen Dingen Teile unserer Gesellschaft im Stande sind. Ich hoffe das dieser “widerliche” Täter ermittelt wird. Meine Familie und ich haben viel Terror von der rechten Szene erfahren. Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Kraft 

Mit freundlichen Grüßen Andreas Goerke.

Boris Palmer | Facebook

Erinnerungen an 2017

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Name von Andreas Goerke missbraucht worden wäre. Vor fast genau drei Jahren ist das schon einmal geschehen. Damals ist der Vorsitzende von „Fulda stellt sich quer“ im doppelten Sinne betroffen gewesen. Zum einen hatte sich ein Mann während eines Telefonats als Andreas Goerke ausgegeben. Zum anderen hatte dieser Anrufer gesagt, er – also Goerke – habe seine Frau getötet. Es kam zu einem Polizeieinsatz der Polizei bei Haus der Familie.

Ende März 2019 verurteilte des Amtsgericht Fulda Toni R. zu sechs Monaten Haft, ausgesetzt zur Bewährung, und einer Zahlung von 1000 Euro. Der Künzeller ist Mitglied des Fuldaer Kreisverbands der AfD und Beisitzer des Vorstand der Jungen Alternative in Hessen gewesen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Künzeller der Anrufer gewesen ist.

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Über Sascha-Pascal Schimmel

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