Ja, es ist so verdammt bequem: Immer mehr Produkte ordern wir online, inzwischen sogar Lebensmittel, schicken ständig tonnenweise Pakete wieder zurück. Einfach weil wir’s können. Veröden bald unsere Innenstädte, weil wir hier kein Geld mehr lassen? Und wie begegnen Fuldaer Händler der Entwicklung? Hier liest du die gesamte Titelgeschichte aus unserer Winterausgabe – über unseren Konsum der Zukunft.

Fulda, Innenstadt, Onlinehandel
Im Vergleich zu anderen ist die Fuldaer Innenstadt noch recht gut besucht. Doch auch hier macht sich der rasant wachsende Onlinehandel bemerkbar. (Foto: Johannes Ruppel)

„Hat das große Stadtsterben begonnen?“ Das haben wir im November 2015 gefragt. Rund 30 Leerstände zählten wir damals in der Fuldaer Innenstadt samt altem Löhercenter und oberem Stock des Bahnhofsgebäudes. Die Stimmung war mies. Händler sprachen von der Bedrohung durchs Internet, von einem starken Rückgang der Kundenzahlen.

Der Trend in Deutschland und weltweit ist ungebrochen: Von 2006 bis 2018 wuchs der Umsatz im deutschen Onlinehandel laut Handelsverband Deutschland (HDE) von 6,4 auf knapp 54 Milliarden Euro, 57,8 Milliarden Euro prognostiziert er für 2019. Die Anzahl der Sendungen kletterte laut Bundesverband Paket- und Expresslogistik von zwei Milliarden im Jahr 2005 auf 3,2 Milliarden 2016, für 2020 rechnet er mit 3,8 Milliarden Sendungen. Von dieser Entwicklung profitiert unter anderem die DHL. Im dritten Quartal dieses Jahres hat der Logistikkonzern seinen Umsatz um zehn Prozent auf 1,4 Milliarden Euro gesteigert.

Wirklich überraschen kann uns das alles nicht. Schließlich sind wir als Käufer mitverantwortlich für diesen Boom. „Das gelieferte Fest – wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert“ titelte „Der Spiegel“ im Dezember 2017; der stationäre Handel stehe vor dem Aus, so die gewagte These der Autoren. Ob das wirklich so ist? Laut HDE profitiert auch der stationäre Handel vom E-Commerce, sofern ins Onlinemarketing investiert wird, und wachse 2019 um gut ein Prozent.

“Was geht, was muss, was fehlt … in Fulda?”

Zwar scheint der Onlinemarkt etwas gesättigter zu sein, das Wachstum verlangsamte sich 2019. Dennoch wird laut Statista bis 2023 immer noch ein Zuwachs von knapp sieben Prozent in Europa erwartet. Was den E-Commerce-Umsatz angeht, gehören Deutschland und Großbritannien neben Japan, China und den USA zu den Top Fünf der stärksten Länder. Vor allem in den Sparten Fashion, Elektronik und Wohnen klicken sich Konsumenten lieber ihre Waren, als sie analog in Einkaufswagen, -korb oder -tasche zu legen, heißt es im „Online-Monitor 2019“ des HDE. Beispiel Mode: 13,2 Milliarden Euro gaben Deutsche 2018 im Netz aus, eine Milliarde mehr als im Vorjahr. Diese eine Milliarde tauchte am Ende wieder als Minus beim stationären Handel auf.

Soweit die nationale Bestandsaufnahme. Und in Fulda? Am 22. Oktober referierte hier Boris Hedde, unter anderem Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH). Der Titel seines Vortrags: „Ist der Handel noch Frequenzbringer für die Innenstadt? Vitale Innenstädte – was geht, was muss, was fehlt … in Fulda?“ Der Experte bekräftigt: „Fulda hat viel in die Waagschale zu werfen. Es gibt genug Städte in Deutschland, die sich wünschten, so ein Flair und Ambiente zu haben.“ Eine Untersuchung des IFH Köln in 116 Städten, in denen rund 60.000 Interviews geführt wurden – die bislang größte Analyse dieser Art –, bescherte Fuldas Innenstadt eine gute Bewertung: Schulnote 2,1 im Vergleich zum Bundesschnitt von 2,6. Eine Mini-Umfrage, die der BWL-Professor Sebastian Oetzel von der Hochschule Fulda unter seinen Studierenden durchgeführt hat, bestätigt das positive Bild: „Insbesondere die Anzahl der Modemarken wurde als ausreichend beziehungsweise positiv hervorgehoben“, so der Experte mit dem Forschungsschwerpunkt Marketing. „Auch das Thema Nachhaltigkeit spielte eine wichtige Rolle – die Entwicklung der Geschäfte mit genau diesem Fokus wurde ebenfalls positiv gesehen.“

Dass die Region um Fulda seit Jahren boomt, nahezu Vollbeschäftigung herrscht, die Anzahl von Übernachtungen stetig zunimmt, kommt dem Einzelhandel natürlich auch zugute. Die Kaufkraft hier ist hoch, auch bedingt durch das große Umland. Beim Verhältnis des Einzelhandelsumsatzes der Stadt zu deren Einwohnern (Zentralitätskennziffer) nimmt Fulda den zweithöchsten Wert für mittelgroße deutsche Städte ein. „Der Einzelhandelsumsatz pro Kopf liegt bei circa 10.000 Euro jährlich und ist damit höher als in München oder Düsseldorf.“ Das kannst du online in „Die Wirtschaft der Region Fulda – Vom Beginn der Industrialisierung bis hin zu einer der erfolgreichsten Wirtschaftsregionen Hessens“ von Christoph Burkhard und Michael Kiel von der Region Fulda GmbH nachlesen.

“Erlebnis-Boulevard” Bahnhofstraße

Die, die es wissen müssen, also die Stadt Fulda, die IHK Fulda und der Vorsitzende des Vereins Citymarketing, Reginald Bukel, nennen weitere Aspekte, die für die Barockstadt sprechen: facettenreiche inhabergeführte Geschäfte wie auch beliebte Filialen, kein austauschbarer Einheitsbrei, konstant viele Menschen in der Stadt, Kooperation von Handel und Kultur während des Musicalsommers, kein signifikanter Leerstand, gute Zusammenarbeit und Stimmung in Interessengemeinschaften.

Interessengemeinschaften (IGs) sind in vielen deutschen Städten ein Mittel der Einzelhändler, um wieder mehr Kunden in die Stadt zu locken. Händler schließen sich zusammen, erarbeiten frische Marketingkonzepte, spinnen Events, die aufhorchen lassen, und zahlen Beiträge, die das alles finanzieren. In Fulda gibt es inzwischen fünf IGs: Löherstraße, Friedrichstraße, Doll/Peterstor, Luckenberg und Altstadt. Auch wenn die Stimmung hier überwiegend gut sei, „wünschen sie sich mehr Mitglieder, die auch aktiv mitarbeiten“, sagt Reginald Bukel. Zudem würden sich viele Filialisten nicht beteiligen wollen, wodurch weniger Geld in der Kasse sei. Die Kosten einer neuen Weihnachtsbeleuchtung könnten da schon zum Problem werden.

Nicht alles, was IGs oder Stadt so auf die Beine stellen, springt gleich jedem ins Auge. Eine Maßnahme hingegen dürfte inzwischen jeder mitbekommen haben, der ab und an in der Innenstadt einkauft: den städtischen Umbau der mittleren Bahnhofstraße zur Fußgängerzone. Später soll zudem der Bereich um den Bahnhof neugestaltet werden. Getragen durch öffentliche Gelder. Weil solche Gelder allein die Wettbewerbsfähigkeit mit dem Onlinehandel aber nicht sichern können, hat sich im April 2017 der Verein „Fulda Central BID“ gegründet, um die Bahnhofstraße weiter aufzuwerten. BID steht für Business Improvement District, „vereinfacht gesagt ist das die moderne Form der klassischen Werbegemeinschaft“, erklärt Vorsitzender Reginald Bukel (mehr dazu in der nebenstehenden Randspalte).

„Seien wir ehrlich – wir sind als Innenstadtbereich einfach zu schlecht aufgestellt“, räumt der BID in seinem Handlungskonzept ein. Erscheinungsbild, Aufenthaltsqualität, Events – diese Defizite seien hausgemacht und damit vermeidbar. Jährlich sollen hier die nächsten fünf Jahre 128.000 Euro in die unterschiedlichsten Maßnahmen investiert werden: Beleuchtung, Blumen, Events, Sauberkeit, Marketing. Kurzum: Die Bahnhofstraße soll, so das erklärte Ziel, zum „Erlebnis-Boulevard“ werden.

“Das Geschäft läuft schwierig”

Bei seinem Vorgehen hat sich der Verein unter anderem am BID Seltersweg aus Gießen orientiert. Dieser hat sich bereits 2006, nachdem der erste deutsche BID 2004 in Hamburg gegründet worden war, etabliert. „Eine Erfolgsgeschichte“, so der Vorsitzende Heinz-Jörg Ebert gegenüber faz.net. Das scheinen Erhebungen zu belegen: Gießen landete kürzlich in einer bundesweiten Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang La Salle bei der Frequenzbewertung der Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern auf Platz zwei.

Und was lockt viele potenzielle Kunden in Fuldas Innenstadt? Das sind beispielsweise die etablierten Kulturfeste am Luckenberg und in der Löherstraße, die die dortigen IGs organisieren. Kaffeerösterei, Plattenladen und Co. bieten Interessierten in der Löherstraße immer Anfang September ein buntes Programm aus multikultureller Kulinarik und Livemusik, wie auch Informationen und Hintergründe über Produkte und natürlich Shopping. An diesen Tagen ist in beiden Straßen, die etwas abseits der zentralen Einkaufsmeilen liegen, überdurchschnittlich viel los.

Mit durchschlagendem Erfolg? „Das Geschäft läuft schwierig“, räumt Manfred Borg ein. Er ist Inhaber des Buchladens Uhlenspiegel in der Löherstraße und Mitveranstalter des Festes. Ihr Onlinestore laufe zwar schon seit gut acht Jahren, sei aber nur ein Zubrot. Vom Onlinehandel und insbesondere E-Books und Hörbüchern fühle der Buchhändler sich nicht bedroht, „aber eingeschränkt“. Seine Lösung: „Wir versuchen, einen engeren Kontakt zu unserer Kundschaft herzustellen; wir sehen, dass Beratung immer noch wichtig ist.“ Darüber hinaus finden hier vereinzelt Lesungen statt.

Auch Karin Kirsch betreibt ihr Geschäft in der Löherstraße, den Blumenladen Höhl. Sie kennt nahezu 100 Prozent ihrer Kunden persönlich. Mitglied in der IG ist sie nicht. Den Blumenhandel gibt es schon seit 70 Jahren. Auch sie sieht sich wachsender Konkurrenz aus dem Netz gegenüber. Laut IT-Verband Bitkom hat sich die Zahl der Online-Blumenkäufe von 2012 bis 2016 verdoppelt. Da Karin Kirsch überwiegend Stammkunden hat, sieht sie sich dadurch aber nicht bedroht und braucht auch keinen Internetauftritt. Die Kunden würden „förmlich nach Gesprächen lechzen, weil sie vielleicht arbeitsbedingt nur vorm PC sitzen“. Und sie betont: „Es muss den Menschen bewusst werden, dass die Innenstädte verarmen, wenn die Vielfalt der Läden wegstirbt.“

Was ist ein BID?

BID steht für Business Improvement District. „Vereinfacht gesagt ist das die moderne Form der klassischen Werbegemeinschaft. Grundlage hierfür ist das hessische Gesetz zur Stärkung innerstädtischer Geschäftsquartiere“, erklärt Reginald Bukel, Vorsitzender des BIDs Bahnhofstraße in Fulda. Vermieter, Gewerbetreibende, Gastronomen und Dienstleister schließen sich zusammen, um die Qualität eines klar umrissenen Ortes zu verbessern. So sollen vor allem Immobilienwerte und Umsätze erhalten oder gesteigert werden. Maßnahmen wie die optische Aufwertung einer Straße oder Events passieren immer in Absprache oder Kooperation mit der Stadt.

Der Vorteil eines BIDs gegenüber einer Interessengemeinschaft ist ein klar ausformuliertes Handlungskonzept samt Investitionsplan über fünf Jahre. „Damit herrscht Planungssicherheit“, so Reginald Bukel. Aber es gibt auch Kritik an diesen Initiativen: Stichwörter Gentrifizierung wie auch zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raums. Die Arte-Doku „Wem gehört die Stadt?“ zeigt Auswüchse solcher BIDs auf und wie sich Bürger dagegen wehren, wenn beispielweise Grünflächen für Shopping-Malls und Luxuswohnungen Platz machen müssen. Oder wenn ganze Quartiere auf einmal von Kameras und privaten Securitys überwacht werden. In Fulda aber sind solche Extreme nicht zu befürchten.

Noch ist sie aber vergleichsweise ausgeprägt, die inhabergeführte Vielfalt in der Fuldaer Innenstadt: Die Murmel in der Kanalstraße ist ein Fachgeschäft für Holzspielzeug. Die Geschäftsführerinnen Renate Grewing und Doris Heil sehen sich durch den Onlinehandel „schon bedroht“, auch wenn ihr Geschäft „soweit gut“ laufe. Was beide ärgert: Kunden, die sich bei ihnen alles anschauen, danach im Internet suchen und sie dann damit konfrontieren, wenn das Spielzeug dort auch nur einen Euro günstiger als in der Murmel ist. Dabei sind solche Preisunterschiede zwischen stationären und Onlinehändlern häufig keine Willkür. „Wir beraten hier, müssen Miete zahlen und unseren Lieferanten die Ware innerhalb von zwei Wochen bezahlen“, betonen sie. „Wir können das nicht rausschmeißen wie Amazon.“

Der Kampf gegen den Tech-Giganten Amazon

Mit Jeff Bezos‘ Tech-Giganten zu konkurrieren, der gnadenlos gegenüber seinen Mitarbeitern ist und dessen oberste Priorität Kundenzufriedenheit und experimentierfreudige Innovation sind – das mutet an wie ein Kampf David gegen Goliath. Was soll der Bäcker oder Metzger um die Ecke machen, sollte „Amazon fresh“ bald auch hier Lebensmittel ausliefern? Und das viel bequemer und vielleicht sogar günstiger. Sollten Kunden abwandern, müssen sie womöglich dichtmachen oder sich dem Druck beugen und ihre Waren zusätzlich auf der Plattform anbieten. Was erheblich mehr Kosten, Energie und Zeit in Anspruch nehmen würde. Aber auch mehr Umsatz brächte? Diese Garantie gibt es nicht.

Da mag es für sie von Vorteil sein, dass „bei frischen Produkten die Kunden bislang noch zurückhaltend sind“, weiß Marketing-Professor Sebastian Oetzel. Das Vertrauen gegenüber dem Onlinehandel scheine hier noch nicht so stark ausgeprägt zu sein – zu hohe Lieferkosten, mangelnde Produktqualität und die Unterbrechung der Kühlkette seien hier die wichtigsten Gründe gegen den Internetkauf. Selbst Angebote wie das vom Rewe Grasmück in der Dalbergstraße werden trotz viel Werbung bisher nur spärlich genutzt: Seit knapp eineinhalb Jahren kannst du ohne Mindestbestellwert deine Lebensmittel ordern und eingetütet abholen – bislang einzigartig in Fulda. „25 Bestellungen können am Tag über die Bühne gehen, unter der Woche sind es circa zwei bis fünf, am Wochenende schon mal 15“, so Patrick Linn von Rewe Grasmück. Das sei aber definitiv nichts, womit man Geld verdiene. „Ein Lieferservice, wie Rewe ihn beispielsweise in Frankfurt anbietet, würde sich hier nicht lohnen“, so der Mitarbeiter weiter. Der Supermarkt vor Ort wird wohl eine starke Konkurrenz zu Amazon und Co. bleiben, „da der Kunde seine Lebensmittel ansehen und anfassen will“, meint nicht nur Patrick Linn.

Doch wir wissen alle: Amazon wird kein einziges Konsumgüter-Segment umschiffen, Jeff Bezos will alles. In Seattle eröffnete Anfang 2018 der erste „Amazon Go“ – ein Supermarkt ohne Kassen. Gescannt und bezahlt wird mithilfe etlicher Kameras, Sensoren, Algorithmen und einer App, die jeder Kunde haben muss. Wenig überraschend sind der größte Kritikpunkt die umfassenden psychologischen Kundenprofile, die mit diesen Daten angelegt werden.

Heimat-Karte des Verlags Parzeller kommt gut an

Die lokalen und stationären Händler fahren einiges auf im Kampf gegen ihre E-Commerce-Konkurrenz. Was bisher eher nicht so gut funktioniert hat, ist der lokale Onlinemarktplatz – also eine Werbe-Plattform, die sich auf die teilnehmenden Geschäfte einer Stadt beschränkt. Die stationären Händler, die teils auch konkurrieren, stellen hier in mühsamer Kleinarbeit alle ihre Produkte online und verkaufen und versenden sie im Idealfall. Flensburg-Shopping.de, Online-City Wuppertal, Kauf-im-allgaeu.de oder Wir-in-Guenzburg.de heißen sie. Doch „der Versuch, durch lokale Onlinemarktplätze die Innenstädte zu beleben, ist gescheitert“, meint Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Viele kleinere und mittlere Unternehmen seien in Sachen Digitalisierung noch entwicklungsbedürftig; überhaupt erst mal im Internet sichtbar zu sein, sei für viele wichtiger, hält Roman Heimbold dagegen, der mit seinem Unternehmen Atalanda in Deutschland 19 dieser Plattformen managt. Zudem berichten einige Händler, dass aufgrund dieser Präsenz neue Kunden kämen, so Rolf Volmerig von Online-City Wuppertal, das 2014 als eines der ersten ins Netz ging. Ernüchternd bleibt jedoch das Fazit einer aktuellen Marktanalyse des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI zu den lokalen Onlinemarktplätzen: „Kein einziger von ihnen hat es in unser Ranking der 1000 größten Onlinehändler geschafft“, so EHI- Experte Lars Hofacker.

In Fulda gibt es ein solches Forum im eigentlichen Sinne nicht. Doch „die Entwicklung des Online-Guides spuere-fulda.de würde ich als richtigen Schritt sehen“, meint Professor Sebastian Oetzel. Bei „Spüre Fulda“ geht’s nicht nur um Konsumgüter, sondern auch Dienstleistungen, Events und Gastronomie. Zudem ist es für die Händler super easy: Über eine Facebook-Schnittstelle wird neue Ware vollautomatisch auf die Seite gehoben. „Sobald ein Händler sein Angebot auf seiner Facebook-Seite zeigt, erscheint dieses auch auf spuere-fulda.de“, erklärt Stadt-Pressesprecher Johannes Heller.

Was in unserer Region ebenfalls gut angenommen wird und den Einzelhändlern neue Kunden bringt, ist die neue Heimat-Karte des Verlags Parzeller mit mehr als 75 regionalen Partnern. Der Käufer bekommt mit ihr einen Rabatt in Form einer Gutschrift. „Die Karte wird bei uns sehr häufig genutzt“, sagt zum Beispiel Rainer Hau, Geschäftsführender Gesellschafter bei Dr. Schmitt Büroorganisation (DSBO). Allerdings sei die Karte noch zu frisch für Statistiken, fügt Stefan Wehner, Inhaber von Wehner Campo, an. Sie werde von den Kunden als Instrument verstanden, das den heimischen Markt stärkt.

Discounter auf Festivals und Bots in Kommentarspalten

Rabatt-Systeme, lokale Marktplätze im Netz oder Events sind die einen Möglichkeiten, die stationäre Händler ergreifen, um den reinen Onlinehändlern Paroli zu bieten. Es gibt jedoch weit mehr Ideen, Innovationen und auch Vorteile, mit denen der stationäre Handel punkten kann. Immer wichtiger werde zum Beispiel dahinzugehen, wo der Kunde ist, betonte IFH-Geschäftsführer Boris Hedde in seinem Vortrag in Fulda. So hat der Discounter Penny inzwischen einen kleinen Shop auf dem Parookaville-Festival, und Rewe ist eine Kooperation mit Aral eingegangen. Recht banal ist dagegen der Punkt Beratung und Service. „Wer vor der Qual der Wahl einer neuen Brille steht, wird die fachkompetente Beratung zu der großen Auswahl passender Gestelle zu schätzen wissen. Das geht online nur bedingt“, so Reginald Bukel vom Citymarketing.

Klar: Beratung beziehungsweise Infos liefert auch das Internet, es ist voll mit Test- und Erfahrungsberichten, mit Produktbewertungen. Doch es ist Vorsicht geboten: Zuletzt mehrten sich wieder Medienberichte darüber, dass Amazon von gefälschten Fünf-Sterne-Bewertungen geflutet werde und überhaupt viele schädliche Bots ihr Unwesen im Onlinehandel treiben würden. Allein 2018 hat Amazon mehr als 13 Millionen Versuche unterbunden, falsche Bewertungen abzugeben, 400 Millionen Dollar investiert das Unternehmen nun in deren Bekämpfung. 2017 ergab eine Untersuchung, dass dort jede fünfte Rezension ein Fake ist. Wenn man aber nun liest, dass einer Analyse britischer Verbraucherschützer zufolge sogar 87 Prozent unglaubwürdig seien, kann man getrost fast alle Bewertungen auf der Plattform in die Tonne kloppen – auch wenn es Kniffe gibt, wie man Fakes erkennt.

Da Käufer sich vorab aber auch immer intensiver auf professionellen Testseiten informieren, zuweilen aufgeklärter sind als die Verkäufer selbst, werde die Beratung vor Ort immer wichtiger, sagt Sebastian Oetzel. Zudem werde es für den Konsumenten immer weniger wichtig, wo und wann er sein bevorzugtes Produkt kauft, heute werde zuerst das Produkt gesucht, anschließend der Händler. Dies sei gleichbedeutend mit einem deutlichen Rückgang seiner Loyalität zu den bisherigen Händlern. „Verkäufer müssen daher stärker die Funktion eines Beraters einnehmen, mit umfangreichen Produktkenntnissen ausgestattet sind sie ein wichtiger Faktor, um das Einkaufserlebnis zu verbessern“, betont der Marketing-Experte weiter.

Mit Virtual-Reality-Brille in die neue Küche

Womit wir beim zweiten Punkt sind: das Erlebnis. Das hat sich beispielsweise der Concept-Store Lieblings in der Friedrichstraße zum Markenkern gemacht. Hier gibt’s unter anderem Fashion, Beauty-Produkte, Deko sowie einen Floristik-Service; und an der Bar Kaffee, Wein, Kuchen oder nun auch Glühwein. „Für den stationären Handel ist es wichtig zu verstehen, dass insbesondere junge Leute den Einkauf als Freizeitbeschäftigung und soziales Event sehen“, sagt Hochschuldozent Sebastian Oetzel. Und weiter: „Zwar verbringt die Generation Z, also die zwischen 1994 und 2002 Geborenen, überproportional viel Zeit mit Smartphone und Streamen, jedoch zeigen Befragungen, dass der stationäre Handel wegen des Erlebnisses für diese Generation eine entscheidende Rolle spielt.“ Der Handel sei demnach nicht mehr der Versorger, sondern Teil der Freizeitbeschäftigung. „Das Erlebnis ist der Schlüssel zum Erfolg“, so Sebastian Oetzel.

Neben Events in Einkaufsstraßen oder einer Bar im Laden gibt es viele weitere Beispiele: Lesungen und Diskussionen in Buchläden, Laufbandanalysen, Fitness-Bereiche oder kleine Basketballfelder in Sportgeschäften; im Outdoor-Laden Globetrotter in Dresden gibt es eine Kletterwand über drei Etagen, eine Kältekammer, in der man Winterjacken bei Minus 20 Grad testen kann, oder gar ein Wasserbecken, in dem man Kajaks ausprobieren kann. Klar: Die großen Filialisten können sich so ein Entertainment eher leisten als kleine, inhabergeführte Läden. Daher ist deren Beteiligung an Konzepten wie BIDs wichtig – damit Kosten für Eventangebote aufgeteilt werden.

Darüber hinaus „setzen die großen Marktteilnehmer auf künstliche Intelligenz, Roboter, Augmented oder Virtual Reality sowie In-Store-Navigation, mithilfe derer der Kunde über sein Smartphone durch den Markt zum gewünschten Produkt geführt wird“, weiß Sebastian Oetzel. Allerdings seien viele dieser Anwendungen noch in der Testphase. Doch sicher wird es irgendwann so weit sein, dass Kunden via Virtual-Reality-Brille im Geschäft ihre neu geplante Küche vorab begehen können. „Eins dürfte klar sein: Wenn der stationäre Handel nicht den Weg in die digitale Welt findet, wird es schwierig sein, an die Kunden zu kommen“, so der Experte weiter. „Wichtig ist allerdings zu verstehen, dass eine neue Technologie allein nicht ausreicht, sondern vielmehr der damit verbundene Nutzen und das Erlebnis für den Kunden.“

Das Erlebnis beziehungsweise besser die vielen großen Events während des Fuldaer Jubiläumsjahrs in der Innenstadt dürften dem Einzelhandel hier ein Plus beschert haben. Und frische Konzepte wie in der Bahnhofstraße werden sicher mehr Konsumenten locken. Vier Jahre nach unserer Frage, ob das Stadtsterben begonnen hat, scheint die Stimmung zumindest in Fulda wieder etwas besser. Der Leerstand bleibt seitdem auf ähnlichem Niveau, ist sogar etwas zurückgegangen. Dass die Fuldaer Innenstadt droht zu veröden – das zeichnet sich nicht ab.

Die große Herausforderung für den stationären Handel wird bleiben, unsere Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen – Erlebnis statt rein funktionelles Einkaufen zum Beispiel. „Schon immer sind die Innenstädte der Mittelpunkt wirtschaftlichen Handelns sowie sozialer und kultureller Aktivitäten gewesen“, sagt Sebastian Oetzel und wagt eine Prognose: „Ich glaube, dass das auch so bleiben wird, schließlich ziehen vor allem junge Leute hierhin.“


Selbstreflexion: move36-Redakteur Daniel über seinen Jahreskonsum 2019

Ich war vergangenes Jahr ein gutes Beispiel für jene Zwiegespaltene, die zwar gerne den Einzelhandel unterstützen, aber nicht immer um die Onlinebestellung umhinkommen. Einige größere Anschaffungen standen auf meiner Liste, so zum Beispiel neues, hochwertigeres Camping-Equipment. Die großen Dinge wie Zelt, Luftmatratze, Schlafsack, Wanderschuhe, Regenjacke habe ich in Fulda beim Doorout und „Auf und Davon“ gekauft. Vorher habe ich mich sowohl ausgiebig im Netz als auch vor Ort schlaugemacht. Ein Zelt, das in allen Punkten meinen Ansprüchen genügte, habe ich seltsamerweise bei meiner Online-Recherche nicht gefunden – ob bei Globetrotter, Amazon oder einfach über Google. Schließlich hat mir der Inhaber vom „Auf und Davon“ das Passende bestellt. Ich wurde selten so gut beraten wie dort, zudem konnte ich das Zelt erst mal im Laden aufbauen und begutachten. Super Service!

So habe ich vergangenes Jahr rund 1000 Euro im Fuldaer Einzelhandel gelassen. Aber auch ein paar Hundert Euro bei Amazon: Weil ich keine Lust habe, zwei oder mehr Stunden Zeit für so was wie einen Messerblock zu opfern. Ich wollte einen mit Extra-Fach für Löffel und Pfannenwender, außerdem aus zertifiziertem Holz. Hätte ich vermutlich in der Stadt erst nach langem Suchen gefunden. Auf Amazon hat’s fünf Minuten gedauert. So unsozial dieser Konzern sein mag, so verdammt bequem und effizient ist er. Und zum ersten Mal habe ich das Suchtpotenzial gespürt, das dessen Algorithmen auslösen können – habe mich also durch Produktvorschläge geklickt, obwohl ich gar nichts brauchte. Klar gönne ich mir auch mal was. Aber Shopping soll bei mir vor allem funktional und effizient sein. Durch die Stadt bummeln? Nope, das ödet mich meist nur an. Da fällt mir Spannenderes ein.

Ein gutes Beispiel waren kürzlich auch meine Eltern, die ihre Küche renoviert haben: Neuen Ofen im Netz rausgesucht, bei regionalen Händlern angefragt und letztendlich doch bei Amazon bestellt. „Ich hätte wirklich gerne den Einzelhandel unterstützt und deswegen auch 50 Euro mehr als bei Amazon für den Ofen bezahlt, aber die Händler konnten mir leider kein Stück entgegenkommen“, so mein Vater. Sicher mag das erst mal heuchlerisch erscheinen – den Handel vor Ort unterstützen wollen und dann bei Amazon kaufen. Dennoch habe ich ein ruhiges Gewissen. Weil ich meinen Konsum stets hinterfrage, mir überlege, was ich wirklich brauche, mich informiere und schließlich die größeren, teureren Anschaffungen doch meist in der Stadt erledige.

Und darauf kommt es an: dass wir bewusst konsumieren und uns nicht so kopflos und ignorant jedes neue iPhone holen oder zehn Paar Schuhe und Shirts nach Hause bestellen, wovon jeweils acht wieder zurückgehen. Und dass wir so etwas Perverses wie Fast-Fashion boykottieren, stattdessen Klamotten kaufen, die möglichst lange halten. Sich aber zu verkrampfen, sich fertig zu machen, weil man ab und an den Tech-Giganten unterstützt, sein Kaufverhalten letztendlich zu einem Dogma zu machen, stresst auf Dauer nur. Ich finde: Mit Dogmen können sich Ultrareligiöse das Leben schwer machen. Letztlich sind wir aber alle keine Heiligen.

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