Werner Eisenrieder, Hackedicht, Knappschaft, Drogen, Sucht, Prävention, Kinderschutzbund
Komödiant Eisi Gulp in der Turnhalle der Bardoschule in Fulda. (Fotos: Sascha-Pascal Schimmel)

Eisi Gulp hat sicher keine leichte Aufgabe. Der Künstler tourt durch Deutschlands Schulen, um junge Menschen für die Risiken des Drogenkonsums zu sensibilisieren. Zum Glück kommt er in der Bardoschule ohne erhobenen Zeigefinger aus.

Das ist mal ein Auftritt. Da hampelt, zappelt und zuckt am Dienstagvormittag ein hagerer Mann Mitte 60 zum Song „Sex Machine“ von der Soul-Legende James Brown über die Bühne der Turnhalle der Bardoschule in Fulda. Eisi Gulp nennt er sich. Sein bürgerlicher Name: Werner Eisenrieder. Mit dieser Show zieht der Schauspieler, Kabarettist und Komödiant aus Bayern seit Jahren durch deutsche Schulen.

Gulps Auftritt ist Teil der Schultour „Hackedicht“ der Krankenkasse Knappschaft. Die ist früher speziell im Bergbau unterwegs gewesen, hat daher einige Mitglieder in Neuhof, heute steht sie allen Berufszweigen offen. Mit der Schultour will die Knappschaft Schülerinnen und Schüler über die Risiken des Drogenkonsums – und dabei geht es nicht nur um illegale Drogen – aufklären.

“Hackedicht” in Bardoschule Fulda

Am Dienstag hocken etwa 200 Bardoschüler und -schülerinnen in der Turnhalle – neunte und zehnte Klasse. In deren Alter gilt es, sich auszuprobieren und langsam von den Eltern abzugrenzen. Konsum von Rauschmitteln gehört nicht selten dazu. Lässt man sich da etwas von einem Mann sagen, der der eigene Opa sein könnte und womöglich mit erhobenem Zeigefinger das kritisiert, was einem zurzeit gerade vermeintlich viel bedeutet?

Eisi Gulp lässt den Zeigefinger zum Glück unten. Er versucht, die Jungen und Mädchen mit Humor, direkter und teils derber Sprache zu gewinnen. „Warum bin ich heute überhaupt hier“, fragt der Bayer nach seiner Tanzeinlage zu Beginn. Er ist da, um die Klassen auf einen Streifzug durch alle Drogen mitzunehmen. Also, kein Drugtasting. Es geht ihm darum, zu zeigen, warum wir überhaupt zu Zigaretten, Bier, Beruhigungsmitteln und Koks greifen – und warum das ziemlicher Käse sein kann.

„Wir sind auf der Suche nach Glücksgefühlen, nach innerer Freude, darum trinken wir Alkohol“, sagt Gulp. Auf der Suche nach einer Flut an Endorphinen – Glückshormonen. Natürlich muss man dafür nicht zu Suchtmitteln greifen. Ausdauersport kann’s auch bringen. Ein Marathon zum Beispiel. Der zieht sich aber über gut 42 Kilometer. „Da trinke ich doch lieber Alkohol“, erklärt der Komödiant, warum viele sich dann lieber dafür entscheiden. Geht ja auch schneller und ist weniger anstrengend – zumindest während des Trinkens. Ein ordentlicher Kater am Tag danach ist hingegen kein Spaß.

“Was gibt es Dümmeres?”

Richtig bescheuert findet Gulp das Rauchen. „Nikotin ballert ja nicht mal, sorgt für keinen Rausch“, sagt er sarkastisch. „Was gibt es Dümmeres, als zu rauchen? Die Dinger sind ungesund, stinken und bringen nix.“ Für den Bayer ist es verrückt, welchen Stellenwert Zigaretten in den Köpfen der Konsumenten haben. Als es vor Jahren um Rauchverbote im öffentlichen Raum ging, sei der Aufschrei groß gewesen. „Wir werden in unserer Freiheit beschränkt“, zitiert Gulp eine Klage von damals. „Da wird Freiheit mit Sucht verwechselt.“

Wie es dazu kommt? „Man versucht uns tagtäglich ins Gehirn zu scheißen“, sagt Gulp. Mit „man“ meint er die „aberwitzig skrupellose, mächtige Tabakindustrie“. Ihn stören Slogans wie jener der Zigarettenmarke Camel, die Rauchen mit Abenteuer verbinden. „Was für ein Abenteuer? Ich kriege Lungenkrebs!“

Zehntausende Rauschmitteltote jedes Jahr

Es ist aber auch nicht so, dass der Komödiant den Bardoschülerinnen und -schülern alles Rauschhafte madig machen will. „Das eine oder andere Gläschen auf einer Feier, der eine oder andere Partyjoint: Das wäre nicht das große Problem“, sagt er am Dienstag. „Sich aber etwas reinzuballern, von dem man nicht wirklich weiß, was drin ist – zum Beispiel Ecstasy –, ist Kopfschussmentalität.“

Werner Eisenrieder, Hackedicht, Knappschaft, Drogen, Sucht, Prävention, Kinderschutzbund

Laut Eisi Gulp verzeichnet die Statistik in Deutschland jedes Jahr 900 bis 1100 Drogentote. Da gehe es aber nur um jene, deren Tod auf den Konsum illegaler Drogen zurückzuführen ist. Alkohol, Nikotin und Medikamente spielen da also keine Rolle. Dabei sorgen diese Rauschmittel quantitativ für viel mehr Leid. Alleine an der „Volksdroge“ Alkohol sterben laut Jörg Andersson von der Knappschaft jedes Jahr um die 75.000 Menschen in Deutschland.

“Warum haben wir sie nicht angesprochen?”

Eine fast schon abstrakte Zahl, hinter der aber konkrete Leidensgeschichten stecken. Eine dieser Geschichten erzählt Ulrike Westphal-Geiger, erste Vorsitzende des Kinderschutzbundes Fulda, zum Auftakt der Veranstaltung in der Bardoschule. Sie handelt von zwei ehemaligen Schulkameraden. „Beide sind tolle Jungs, aber auf jeder Party hackedicht gewesen“, sagt sie. Geändert hat sich das später nicht. „Fünf Jahre nach dem Abi hatten wir unser erstes Klassetreffen. Wer war wieder hackedicht? Die beiden. Wir haben uns teilweise etwas hochnäsig von ihnen weggedreht.“

Heute schämt sich Westphal-Geiger. Der eine ehemalige Klassenkamerad habe das Treffen anlässlich zehn Jahren Abitur wegen seiner Alkoholkrankheit nicht mehr erlebt, der andere die Feier weitere zehn Jahre später – jeweils in Folge ihrer Alkoholerkrankung, sagt sie. „Ich frage mich, warum wir beide früher nicht auf ihr Verhalten angesprochen haben.“


Prävention an der Bardoschule

Der Auftritt von Eisi Gulp ist am Dienstag Auftakt eines Themenblocks „Suchtpräventien“. Anschließend haben Lehrerinnen und Lehrer an einer Fortbildung teilgenommen. Für den Abend stand ein Treffen mit Eltern auf dem Plan. Für die Schülerinnen und Schüler geht es in den Folgetagen in Workshops.

Rauschmittelsucht ist nicht der einzige Bereich, in dem die Bardoschule Präventionsarbeit leistet. Sie hat auch Streitschlichtung und Mediensucht auf dem Schirm und stellt ihren Schülerinnen und Schülern diesbezüglich Angebote zur Verfügung.


Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Über Sascha-Pascal Schimmel

https://medium.com/@SaschaPascalSchimmel/meine-storys-b0d6414bfd17