In unserem Gehirn sorgen alle möglichen Prozesse dafür, dass wir uns zu bestimmten Menschen hingezogen fühlen. Ihre Kleidung sagt unbewusst etwas über ihre soziale Schicht und Bildung aus. Ihre Körperhaltung zeigt, wie viel Energie sie haben. (Foto: Priscilla Du Preez)

Wir gehen automatisiert durchs Leben – fast alles, was wir tagtäglich so machen, erledigt unser Gehirn quasi ohne uns. Unbewusst. Auch in der Liebe haben wir weniger Kontrolle, als wir uns gerne eingestehen würden. In wen wir uns verknallen, entscheidet unser Kopf meist ohne uns. Ein Text über die Macht unseres Unterbewusstseins.

Von Malina Florentine Sternberg

Schaue ich auf die Männer zurück, mit denen ich mal zusammen war, mich getroffen habe oder sie einfach nur gut fand, wird schnell klar: Mein Beuteschema sind große Dunkelhaarige mit Bart, die – wie ich – irgendwas mit Medien machen. Einen gestählten Körper oder einen besonders stylishen Klamottengeschmack brauchen sie nicht zu haben. Es sind die nerdigen Kellerkinder: extrovertiert, einigermaßen witzig und intelligent. Bei einem meiner Ex-Freunde wurde sogar immer behauptet, wir sähen aus wie Geschwister. Was hat mich dazu veranlasst, genau diese Menschen gut zu finden und andere eben nicht?

Diese Frage lässt sich ganz genau beantworten: die 90 Prozent meines Gehirns, die mich unbewusst bei allem, was ich tue, beeinflussen und dessen psychischen Vorgänge nicht von mir kontrollierbar sind. Unbewusst verarbeitet dieser Großteil Sinneseindrücke, automatisiert Vorgänge und fällt für mich sämtliche Entschlüsse, bevor sich mein Verstand aktiv dafür entscheidet beziehungsweise sie ausführt. Auch bei der Partnerwahl sind wir dem Unbewussten ausgeliefert. „In unserem Gehirn sorgen alle möglichen Prozesse dafür, dass wir uns zu bestimmten Menschen hingezogen fühlen. Ihre Kleidung sagt unbewusst etwas über ihre soziale Schicht und Bildung aus. Ihre Körperhaltung zeigt, wie viel Energie sie haben. Sogar ihre Gesichtszüge verraten Testosteron- und Östrogenlevel. Unser Gehirn verarbeitet das alles unbewusst“, erklärt die amerikanische Anthropologin Helen Fisher in der Arte-Dokumentation „Die Magie des Unbewussten“.

Entdecker, Nestbauer, Entscheider und Verhandler

Um dem Nachzugehen, habe ich für heute Abend ein Date vereinbart. Auf Tinder macht Clemens einen guten Eindruck, entspricht absolut meinem Typ, und sein Profil hat mich zum Schmunzeln gebracht. Das alles hat bereits mein Unterbewusstsein entschieden, spielt es auch beim Kennenlernen face to face mit?

Was jeder weiß: Ganz unromantisch werden wir bei der Partnerwahl von biochemischen Prozessen beeinflusst. Doch wie genau? Die Anthropologin Fisher hat anhand von 28.000 Testpersonen herausgefunden, dass die Hormone Dopamin, Serotonin, Testosteron und Östrogen vier verschiedene Typen von Mensch mit vier verschiedenen Persönlichkeiten definieren: Es gibt den Entdecker, den Nestbauer, den Entscheider und den Verhandler. Laut einem Onlinetest bin ich der kreative, neugierige, optimistische Entdecker, produziere besonders viel Dopamin, und mein perfect Match sei ebenfalls von diesem Schlag. Unbewusst können wir das sogar über Duftstoffe in der Haut und dem Speichel erkennen. Schaue ich wieder auf meine Verflossenen, wird klar: Fisher muss Recht haben. Auch Clemens macht auf mich den Eindruck, dass er mich nicht langweilen wird.

Ich kann dich gut riechen

Illustration: Lars Kempel

Um einen möglichst entspannten Abend mit geistreichen Konversationen zu haben – ganz typisch für den Typ Entdecker – habe ich vorgeschlagen, uns in einer Kneipe zu treffen. Außerdem unterstützt das eine oder andere Bier die Ausschüttung von Endorphinen, was wiederum den Neurotransmitter Dopamin freisetzt. Die Produktion von Glückshormonen habe ich so taktisch ins erste Date einkalkuliert. Von Beginn an wirkt er sympathisch, wir können uns gut unterhalten. Ich mustere ihn genau: Sein Gesicht ist symmetrisch, sein Teint ebenmäßig. Laut der Evolutionsbiologie lässt mich das unbewusst darauf schließen, dass er gesund und somit ein geeigneter Anwärter zur Fortpflanzung ist. Denn das ist das Hauptkriterium der unbewussten Partnerwahl. Außerdem wirken Menschen, die uns selbst ähnlich sind und somit eine möglichst erfolgreiche Weitergabe der eigenen Gene ermöglichen, besonders attraktiv auf uns. Wie oft haben wir alle uns schon gewundert, wie ähnlich sich Paare häufig sind, die so unseren Alltag streifen?

Auf den ersten Blick finde ich zwar nicht, dass Clemens und ich uns sehr ähneln. Schaue ich genauer hin, entdecke ich aber genau das, was auch meine Ex-Freunde mit sich brachten: All seine Gesichtsmerkmale entsprechen der Norm, keins ist besonders klein oder besonders ausgeprägt. Er ist hübsch, aber sehr normal – genau wie bei mir. Wissenschaftler der New York University haben 2014 anhand von 825 Paaren herausgefunden, dass sich die einzelnen Pärchen genetisch ähnlicher seien, als zwei zufällig ausgewählte Menschen. Und Genetik bestimmt nun einmal unter anderem das Aussehen.

„Hey, der ist ja wie ich! Wie sympathisch“

Während wir stundenlang miteinander quatschen, stellen wir fest, dass wir viel gemeinsam haben: ähnliche Ideale, ähnliche Erfahrungen, ähnliche Familienstrukturen. Unbewusst sagt mein Gehirn mir: „Hey, der ist ja wie ich! Wie sympathisch.“ Was wiederum dazu führt, dass ich mich abseits von Aussehen und Typ noch weiter zu ihm hingezogen fühle. Da ist eine Art Vertrautheit. Die sogenannte Homogamie-Hypothese unterstützt das: Psychologe Steven Reiss belegte im Jahr 2000, dass die meisten Menschen sich einen Partner suchen, der die gleichen Wertvorstellungen und sozialen Normen teilt wie man selbst. Er fand auch heraus, dass die Partnerwahl nicht zwangsläufig von gleichen Hobbys und Interessen beeinflusst wird und wir darauf eher keinen Wert legen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und plötzlich macht die Kellnerin ihre letzte Runde. Wir zahlen, gehen zu mir und lassen uns auf meiner Couch nieder. Ein Punkt auf meiner Liste ist schließlich noch offen: Ganz ausschlaggebend bei der Partnerwahl ist der Geruch. Ich setze mich nah an Clemens ran. Zweifelsohne: Er riecht sehr angenehm. Zumindest ist das die Schlussfolgerung meines Bewusstseins. Was aber unbewusst passiert, ist eine viel komplexere Angelegenheit und ausschlaggebend bei der Partnerwahl.

Nirgends sind wir so ausgeliefert wie in der Liebe

Um besonders gesunde Nachkommen zeugen zu können, suchen wir uns einen Partner, dessen Immunsystem möglichst anders ist als unser eigenes. „Wir erfassen unbewusst, wie die eigene Immunabwehr beschaffen ist, und können die eines potenziellen Partners am Geruch erkennen“, erklärt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut. Dort ließ man Probanden an getragenen Shirts des anderen Geschlechts schnuppern. Besonders angenehm empfanden die Testpersonen den Geruch von Menschen mit möglichst anderen MHC-Genen, die für unser Immunsystem verantwortlich sind. Bei einem nicht verwandten Menschen ist es nahezu unmöglich, dass sich das Immunsystem extrem ähnelt. Auch bei Tieren spielt das eine große Rolle.

Ich kann an meinem Tinder-Date allerdings hauptsächlich Parfum erschnüffeln. Aber auch das ist kein Problem. Wir suchen nämlich nicht nur anhand des Immunsystems unseren Partner aus, sondern ebenfalls unser Parfum. Milinski fand heraus, dass wir Düfte wählen, die das eigene immungenetische Geruchssignal unterstützen. „Wenn sie das natürliche Signal maskieren oder verändern würden, hätte die Selektion uns schon längst den Parfumgebrauch vermiest“, ist sich der Forscher sicher. Ein guter Geruch – ob mit Parfum oder ohne – ist also essenziell bei einer erfolgreichen Partnerwahl.

Wir verabschieden uns und vereinbaren, dass wir uns nächste Woche noch mal treffen. Vom ersten Date ist der unbewusste Teil meines Hirns auf alle Fälle überzeugt. Zumindest schlussfolgert das mein Bewusstsein. Doch ob die Symmetrie des Gesichts, unsere Gemeinsamkeiten, die Dopamin-Produktion oder das Immunsystem wirklich zusammenpassen, wird sich wohl erst in den kommenden Wochen zeigen. Bei einem bin ich mir allerdings sicher: Nirgends ist der Mensch so ausgeliefert und machtlos wie in der Liebe.

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