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Heute ist Weltkrebstag. Eine Krankheit, die jeden ohne Vorwarnung treffen kann. Für die einen endet sie tödlich, für die anderen ist sie “nur” ein dunkler Lebensabschnitt. Wie es sich anfühlt, wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, weiß Celine Frohnapfel. Die Kurzfassung: scheiße! Aber eigentlich gibt es keine Worte, die diese Zeit mit all ihren Höhen und Tiefen, mit diesem Gefühlschaos fassen können. Eines steht fest: Krebs ist für alle kacke. Trotzdem habe sie einiges gelernt. Und das möchte sie hier teilen.

Von Celine Frohnapfel

Meine Geschichte beginnt am 4. Oktober 2016. An diesem Tag hatte meine Mama einen Arzttermin. Allerdings keinen regulären. Doch das beunruhigte mich zu diesem Zeitpunkt kein bisschen, geschweige denn habe ich mit der Diagnose gerechnet, mit der wir am Ende des Tages dastanden.

Sie rief mich an, um mir zu sagen, dass es beim Arzt länger dauern würde, weil nicht alles okay wäre. „Nicht okay“ hieß in diesem Fall, dass sie zu 99 Prozent Brustkrebs hat. Filme und Bücher geben uns oft ein Bild vor, wie man sich in solchen Situationen fühlen oder verhalten sollte. Die Figuren brechen schluchzend zusammen oder zerhauen wütend ihr Wohnzimmer. Klar habe ich auch geweint, als wir es erfuhren. Aber eigentlich habe ich mich ziemlich leer gefühlt. Ich konnte ja unmöglich wissen, was das für uns und vor allem für meine Mama bedeuten würde. Und zudem hatte sich doch eigentlich überhaupt nichts verändert: Meine Mama sah aus wie immer; da war kein Gips, kein Verband, nicht mal ein Pflaster. Bloß Worte, die unser Leben jetzt einfach mal so auf den Kopf stellen sollten.

Mit der Chemo kam die Realität

Bald wurden diese bloßen Worte zu unserer neuen Realität, als gut zwei Monate später die Behandlung begann. Den Rhythmus unseres Alltags gab ab dann die Chemo vor, und damit den jeweiligen Zustand meiner Mama, der meistens irgendwo zwischen schlecht und super schlecht variierte. Als Tochter fühlt man sich da ziemlich hilflos. Es gab praktisch nichts, was ich tun konnte, damit es ihr besser ging. Deswegen half ich dort, wo ich konnte, und sprang an manchen Stellen als Zweitbesetzung für meine Mama ein. Das einzige Problem daran: Niemand zeigt einem, wie man das ganze Mama-Zeug überhaupt macht. Im Haushalt kam ich mithilfe von Tiefkühlkost und Youtube-Tutorials irgendwann ganz gut klar.

Celine war 16, als ihre Mutter die Diagnose erhielt: Die Mutter hat Brustkrebs
Foto: Daniel Beise

Das wirklich Überfordernde war der emotionale Teil: Auf einmal war ich diejenige, die das weinende Familienmitglied in den Arm nehmen und trösten musste. Es jagt einem ziemliche Angst ein, wenn man als 16-Jährige merkt, dass die eigenen Eltern an ihre Grenzen stoßen. Sonst war alles immer halb so wild, und Mama hatte schon eine Lösung parat. Plötzlich bewegte ich mich ganz allein auf fremdem Terrain – ohne Sicherheitsnetz. Diese typische Mutter-Kind-Rolle war nur eine von vielen Sachen, die komplett durcheinander gewirbelt wurden.

„Ich dachte, ich wäre ganz alleine auf der Welt“

Allerdings gab es eine Tatsache, die selbst der Krebs mit seiner Angewohnheit, wie ein Tornado durchs Leben zu fegen, nicht verdrehen konnte: Alles hat ein Ende. Zuweilen auch das Verständnis gegenüber seiner krebskranken Mutter. Vielleicht ist das der Punkt, den Außenstehende am wenigsten nachvollziehen können. Manchmal war ich einfach wütend, genervt, enttäuscht oder alles zusammen. Weil sich alles 24/7 um den Krebs meiner Mama drehte. Weil ich wie jeder in unserer Familie deswegen Opfer bringen musste. Und weil ich dafür niemandem die Schuld geben durfte. Vor allem aber, weil ich irgendwo immer noch menschlich, pubertierend und noch lange nicht erwachsen war.

Obwohl wir in einer Zeit leben, in der als erste Maßnahme erst mal alles gegoogelt wird, kam mir zu keiner Zeit die Idee, im Internet nach Gleichgesinnten zu suchen. Für mich fühlte es sich immer so an, als würde in den Medien, wenn überhaupt, nur über die Krebserkrankten selbst berichtet. Nie aber über die Angehörigen, und schon gar nicht über die Kinder der Patienten. Dadurch dachte ich immer, ich wäre mit meiner Situation ganz allein auf dieser Welt.

“Ich wollte eine krebsfreie Zone für mich”

Alle um mich herum machten so ganz andere Erfahrungen als ich. Meine Freunde gingen auf Partys, lernten neue Leute kennen, probierten sich aus. Ich wiederum blieb zu Hause, brach den Kontakt zu vielen ab und gab alte Hobbys auf. Meine größte Angst dabei: dass die ganze Situation für immer so bleiben könnte und meine Freunde ihr Leben einfach weiterleben würden, während meins auf der Strecke blieb. Wir entfernten uns immer mehr voneinander – ohne dass ich es wollte. Logisch: Wenn man nichts zusammen erlebt, geht einem irgendwann der Gesprächsstoff aus. Die einzigen Themen, die ich zu bieten hatte, standen auf der Stimmungskiller-Liste ganz oben. Klar, mit seinen Freunden sollte man auch über sowas sprechen können. Allerdings habe ich bis heute noch keinen idealen Weg gefunden, wie. Irgendwie hat allein schon das Wort „Krebs“ dieselbe Wirkung wie der Name Voldemorts in den Harry-Potter-Büchern. Danach ist die Stimmung sofort im Keller, und keiner traut sich mehr, überhaupt irgendwas zu sagen.

Genau aus diesem Grund machte ich zwar kein Geheimnis aus der Diagnose meiner Mama, aber ich erzählte auch nur sehr wenigen Leuten außerhalb meines engsten Freundeskreises davon. Vielleicht hätte es mir die eine oder andere blöde Situation erspart, wenn ich mehr Leuten in der Schule davon erzählt hätte, vielleicht wäre aber auch das Gegenteil der Fall gewesen. Ich wollte keinen Krebs-Bonus oder die „Oh-ihre-Mutter-hat-Krebs- Blicke“; ich wollte eine krebsfreie Zone für mich. Ich wollte einen Ort, an dem noch andere Dinge Tagesthema waren als Krankheit, Chemo und Tod. Auch wenn das hieß, dass ich mir stattdessen fast täglich die Diskussionen darüber anhören durfte, wer mit wem wie viele Flammen auf Snapchat hat.

Spoiler-Alarm: Gefühle brechen immer aus

Dieses Parallelweltensystem, das ich mir da schuf, hatte nur einen Haken: In der Schule hatte der Krebs Hausverbot, ich wollte mein Freunde nicht zu meinem seelischen Mülleimer machen. Meine Eltern wiederum hatten verständlicherweise so viel anderes um die Ohren, dass ich sie nicht auch noch belasten wollte. Sprich: Da gab es eigentlich niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte und wollte. Also schluckte ich alles in mir immer wieder runter. Das ging eine ganze Weile gut. Aber Spoiler-Alarm: Solche Gefühle brechen früher oder später wieder raus – dagegen kann niemand was machen.

Am Ende der Behandlung machte meine Mama im Sommer 2017 eine Reha. Mit deren Abschluss war auch die Krankheit „offiziell“ beendet. Meine Mama war geheilt, sie hatte den Krebs besiegt. Trotzdem gab es kein richtiges Happy End, also diesen einen Zeitpunkt, zu dem dann auf einen Schlag alles wieder gut war. Das Gefühl, nirgends mehr richtig dazu zu passen, war da nur eins von vielen Dingen, die ich nach den zwei Jahren nicht einfach mit einem Fingerschnippen wieder wegzaubern konnte. Vielmehr kamen noch andere Sachen von der Sorte „lästig“ dazu.

Im Krisenmodus hatte ich alle Ängste immer wieder hintangestellt, um weiter machen zu können. Als die unmittelbare Krise dann vorbei war, kam alles auf einmal hoch, was sich über die Zeit so angesammelt hatte. Das Schlimmste daran war, dass alle in meinem Umfeld automatisch davon ausgingen, dass jetzt, wo der Krebs besiegt war, selbstverständlich alles gut wäre. Doch in mir fühlte sich rein gar nichts gut an. Ich versuchte irgendwie allein damit klarzukommen. Doch ohne fremde Hilfe ist das im Prinzip nichts anderes als Verdrängung, das funktionierte nur semi-gut bis schlecht. Irgendwann ging dann gar nichts mehr; ich hatte ständig Angst und sogar Panikattacken. Es dauerte ein wenig, aber ich erkannte schließlich, dass ich da allein rein gar nichts in den Griff bekommen würde. Also habe ich mir Hilfe gesucht und eine Therapie gemacht.

“Er hat mich gezwungen, stärker zu werden”

Zum ersten Mal konnte ich dort von vorne bis hinten alles, was ich in
der ganzen Zeit erlebt, gefühlt und gedacht habe, ungefiltert einem Un- beteiligten erzählen. Das war vor circa einem Jahr – erst da ging es für mich wirklich wieder bergauf.

Diese ganze Krebs-Episode macht vielleicht etwas mehr als zehn Prozent in meinem gesamten Leben aus – Tendenz sinkend. Aber als ich mitten- drin war, fühlte sich die Zeit wie eine Ewigkeit an, einfach weil kein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen war. Es war ein bisschen so, als hätte man sich auf einen Marathon eingelassen, ohne vorher zu wissen, wie viele Kilometer man eigentlich rennen muss. Man will nicht aufgeben, aber nicht zu wissen, wann endlich das Ziel in Sicht kommt, macht es nicht gerade leichter durch- zuhalten. Nach zweieinhalb Jahren war mein Marathon dann schließlich beendet.

Am Ende bleiben mir aber nicht nur schlechte Erinnerungen, bewegende Tagebucheinträge und ein paar Fotos. Krebs ist und bleibt scheiße, aber letztendlich hat er mich gezwungen, über mich hinaus zu wachsen und stärker zu werden.

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