Neon-Oversize-Pullover in Kombination mit einem Rollkragen. Und weil es noch
nicht genug provoziert, kommen Militaryweste und eine fingerdicke Gliederkette oben drauf. (Foto: DanielAdesina/Unsplash)

Bye-bye Minimalismus. Von der Bauchtasche, Mini-Sonnenbrillen, extrem langen Matrix-Mänteln bis hin zum klumpigen Dad-Shoe: Der Trend zur Ugly-Fashion lässt auf nostalgische Art ehemalige No-Gos wieder aufblitzen. Plötzlich wollen alle diese Modesünden tragen – und bezahlen bei Balenciaga, Gucci oder Vetements sogar richtig viel Geld dafür. Was soll das?

Der Versace-Sneaker Chain Reaction mit seinem auffälligem Wolkenabsatz kostet satte 795 Euro. (Foto: Daniel Lim/Unsplash)

Ob Crocs mit überhohem Plateau, die einem Bügeleisen mit Patches mehr ähneln als einem Schuh, oder potthässliche Sneaker, die aussehen, als ob du in drei Absatz-Schuhen steckst – fest steht: Ugly-Fashion fällt auf. Warum? Diese Mode weiß zu provozieren. Die Laufstege überschlagen sich derzeit geradezu mit ironischen Designs und unverständlichen Kombinationen aus seltsamen Prints, Formen und Farben. Der Normalverbraucher fragt sich nur noch eins: „Wer zur Hölle trägt so was?“ Es liegt auf der Hand: Hässlichkeit ist absolut im Trend. Doch wie konnte sich dieses Phänomen so durchsetzen?

Klar: Wer Aufmerksamkeit will, muss sich was trauen. Das war schon immer so. Schon Coco Chanel hatte in den 20ern einen großen Anteil daran: Sie holte die Frauen aus dem Korsett. Neben der Hose machte sie die Kleider ganz gerade und maskuliner im Schnitt. Außerdem kamen die Haare ab. Chanel machte den Pagenschnitt zum neuen 20er-Look. Genau diese androgyne Thematik ist auch heute wieder absolut aktuell. Die Designs, die damals schon Regeln brachen, werden heute imitiert – und sind wieder erfolgreich.

Demna Gvasalia, Kreativdirektor bei Vetements und Balenciaga, und Gosha Rubchinskiy sind die Pioniere der Ugly-Fashion. Die Provokation löst absolutes Unverständnis und Kopfschütteln aus, ist aber ein geschickter Schachzug. Denn in unserer Zeit, in der die Mode schockieren muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden, erfordert es viel Mut und Kreativität, alte Trend-Richtlinien zu ignorieren. Die Vermutung liegt nahe, dass wir von so viel Perfektion umgeben sind, dass es einfach mal an der Zeit ist für eine kleine Revolution. Genug Fake durch Influencer. Genug geschönte Inszenierung, denn diese ist langweilig. Jetzt kommt der Ugly-Style – und schleudert die Konsumgesellschaft aus der Spießigkeit.

Eines der besten Beispiele für diese urbane Mode ist das Streetwear-Label Vetements, das mit seinen gewöhnungsbedürftigen Entwürfen seit 2014 kräftig die Modeszene aufmischt. Die Designer entwerfen Streetwear mit dem typischen Lieferdienst-DHL-Logo, das das Markenzeichen des Fashionlabels ist. Hinter dem Designkollektiv steckte Demna Gvasalia. Als Gvasalia seine Models auf der ersten Show in Paris im Sommer 2014 in knallengen Lederstiefeln, die bis zu den Hüften gingen, einem karierten Bleistiftrock und einem simplen lässigen Hoodie über den Laufsteg laufen ließ, eroberte er damit die Fashionvictims und schaffte den internationalen Durchbruch. Seine Mode schockierte und war etwas ganz Neues.

Brechen von Grenzen und Konventionen

Innerhalb eines Jahres etablierte sich das Label und stand im Fokus der Modeliebhaber und Stars. Aber irgendwie drängt sich der Verdacht auf: Den leuchtend gelben Oversize-Mantel mit DHL-Aufdruck für 2590 Euro könnte man genauso gut einem DHL-Boten für einen Fuffi abkaufen. Genauso wie die sündhaft teuren Jeans, Sweater und dreckigen Stiefeletten, die mit Stabilo-Marker-Absätzen daherkommen und aussehen, als ob du nach der Party noch über einen Acker gelaufen seist. Was also macht dieses Label so besonders? Im September kündigte der Label-Gründer Demna nun seinen Abgang an: Das Label Vetements habe die Modeindustrie verändert und für ihn andere Türen aufgestoßen. Seine Mission sei damit beendet. Wer heute so ein Designer-Teil ergattern will, muss tief ins Portemonnaie greifen und schnell sein. Denn nach kürzester Zeit sind die Kollektionen restlos ausverkauft. Es stellt sich die Frage: Wer kauft das, und wer zieht es tatsächlich an? Am Ende siehst du aus wie ein durchgeknallter Paketbote, der auf Stabilo-Markern über die Straße stolziert.

Große Marken versuchen zu schocken

Im Grunde ist die ganze Ugly-Fashion-Bewegung eine nostalgische Renaissance bereits dagewesener Trends. Dabei leben die 90er-Jahre wieder auf: hüfthohe Hosen für Männer, Mini-Sonnenbrillen, riesige kitschige Bauchtaschen, Samtkleider in Neonfarben, überdimensionale Schlaghosen, Choker, Tribal- und Drachenaufdrucke, Netzoberteile, große Logos und Trainingsanzüge aus Seide. Was lange abwertend betrachtet worden ist, überflutet nun die Modewelt und besonders Instagram. Diese Plattform spielt für die Modewelt und diesen Trend nämlich eine wichtige Rolle.

Bauchtasche, Gürteltasche, Hip-Bag, Belt-Bag oder Fanny-Pack – die Trendtasche der Saison hört auf viele Namen. Früher ein No-Go, heute wieder hip. (Foto: Daniel Adesina/Unsplash)

Ein bekanntes Gesicht ist dort Jazzelle Zanaughtti. Über ihren Instagram- Account @uglyworldwide wurde sie bekannt: mit goldenen Grillz, einer „I don ́t give a fuck“-Haltung und einem freshen, androgynen Look. Zanaughtti ist ein lebendiges Gemälde, das sich jeden Tag neu erfindet. Die alternative Schönheitsikone ist mehr als nur ein Model. Sie ist das Gesicht einer ganzen Protest-Bewegung und deren laute Stimme. Jazzelle teilt mit ihren 571 000 Followern Selfies ihrer außergewöhnlichen Beauty-Looks: Das Ugly-Model klebt sich Gegenstände ins Gesicht, trägt Perücken und rasiert sich die Augenbrauen und lässt sich stattdessen die Achselhaare wachsen. Jazzelle ist eine Ikone unter den sogenannten Millennials. Sie war ihr Leben lang auf der Suche nach einem Sinn im Leben und fand ihn nach eigener Aussage, nachdem sie sich die langen Haare abrasiert hatte. Aus den Goldlöckchen wurde ein blonder Buzzcut. Und aus Jazzelle eine Ugly-Fashion-Ikone, die die Aufmerksamkeit von etlichen Designern weckte.

„Wie viel ist dein Outfit wert?“

Große Marken versuchen mit Inszenierungen zu schocken und lassen sie gezielt von Ugly-Fashion-Influencern wie Jazzelle vermarkten. Ugly-Fashion ist aber nicht nur auf den Social-Media-Plattformen beliebt. Man findet die überteuerte und skurrile Mode bereits im Stadtalltag. Einige sehen diesen Konsumrausch sehr kritisch. Zum Beispiel Felix Kummer, Kraftklub-Sänger und Rapper. Mit seinem neuen Lied „Wie viel ist dein Outfit wert?“ stellt er den aktuellen Lifestyle der Jugend infrage. Dabei spielt er natürlich auch auf die kursierenden Youtube-Videos an, deren einziges Ziel es ist, den Warenwert eines Outfits zu ermitteln. In den Videos prahlen die nicht gerade erwachsenen Jugendlichen mit ihren auffälligen Designer-Klamotten, und je höher der Wert ist, desto angesehener sind sie. Aber: „Solidarität hat Grenzen, du würdest armen Menschen ja zur Seite stehen, wenn sie es schaffen würden, einfach ein bisschen geiler auszusehen“, wirft Felix Kummer sozialkritisch in den Raum. Denn da, wo die einen protzen, sieht es an anderer Stelle häufig viel weniger rosig aus: „Life ist super nice, da wo man die Schuhe trägt. Life ist nicht so nice, da wo man die Schuhe näht.“

Fest steht: Perfektion ist langweilig

Fest steht: Perfektion ist langweilig. Zum einen ist die Ugly-Fashion-Bewegung eine Rebellion gegen die steife Polo-Stehkragen-Fraktion, zum anderen sind die Teile so teuer, dass es einem die Hose wieder auszieht. Doch gerade weil es völlig anders ist und im ersten Moment vielleicht hässlich wirkt, ist es für viele interessanter als alles, woran wir uns sattgesehen haben.

Alle Muster sind im Mix erlaubt: kariert, gestreift und klobig.
Hauptsache auffällig! (Foto: Jacobwithu/Unsplash)

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