Tegut-Zentrale in Fulda (Foto: Tegut)

Ernährung kann schon eine komplizierte Angelegenheit sein. Gewohnheiten und Ansprüche ändern sich permanent. move36 hat mit Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet über Insekten, Ravioli, CO2-Bilanz und Bio vs. Regionalität gesprochen.

Seit gut zehn Jahren führt Thomas Gutberlet die Geschäfte des Lebensmittelhändlers Tegut. Den Posten hatte er im Spätsommer 2009 von seinem Vater Wolfgang übernommen. Der gilt als Trendsetter für Bioprodukte. Thomas Gutberlet ist vor seinem Wechsel an die Spitze des Unternehmens für den Bereich Marketing und Sortiment verantwortlich gewesen. Mit move36 spricht er darüber, warum Bioprodukte aus Übersee trotz langer Transportwege etwas Gutes haben können, was er hinsichtlich Dosenravioli beobachtet hat und was die CO2-Bilanz von Lebensmitteln so kompliziert macht.

move36: Die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Beispiel Kartoffel: 1969/70 hat jeder im Jahr 104 Kilo Kartoffeln gegessen, 2016/17 waren es nur 56,3 Kilo. Wie stellen Sie sich auf einen solchen Wandel ein?

Thomas Gutberlet: Es gibt sehr viele Unternehmen, die ihre Marktforschungsstudien verkaufen und aus deren Zahlen man schon einiges lesen und ableiten kann. Trotzdem muss man manchmal auch auf sein Bauchgefühl hören. Als Händler kann ich mir auf der einen Seite überlegen, was der Markt will. Auf der anderen Seite habe ich die Chance, den Markt gestalten. Hätten wir bei Bio gewartet, dass der Markt kommt, hätten wir Bio vielleicht vor zehn Jahren eingeführt. Wir haben es aber Anfang der 80er gemacht, und damit haben wir den Markt gestaltet. Vielleicht wäre der Biomarkt nicht gekommen, wenn wir nicht damit angefangen hätten.


Fleeeiiisch – und Gemüse

Der Pro-Kopf-Fleischkonsum geht in Deutschland seit Jahren zurück. Dennoch essen wir hierzulande mehr als doppelt so viel davon wie noch Anfang der 1950er Jahre. Das geht aus Statistiken des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hervor. Und Hülsenfrüchte, als Eiweißlieferant eine Alternative zu tierischen Produkten, spielen kaum eine Rolle. In den vergangenen Jahren haben die Deutschen, wenn es hochkommt, pro Kopf im Jahr ein gutes Kilo von ihnen verputzt.

Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Worauf stellen Sie sich in Zukunft ein?

Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass vegane und vegetarische Lebensmittel zunehmen werden. Etwas zu sehen, was nicht da ist, ist hingegen schwer. Man braucht Mut, um etwas auszuprobieren. Nehmen wir das Beispiel „Insekten“, die wir seit dem letzten Jahr in rund 40 Märkten anbieten. Insektenprodukte sind eine Option für die Eiweißversorgung. Es ist schwer zu prognostizieren, ob das was wird. Jetzt probieren wir es einfach mal aus. Denn wenn Sie nur fragen, ob jemand Insekten essen würde, sagt der eine „Igitt!“ und der andere „Ich esse alles“. Aber ob es dann wirklich gegessen oder abgelehnt wird, weiß man nicht. Daher listen wir die Produkte mal und schauen mit unseren Lieferanten, was passiert.

Tegut-Geschäftsführer Thomas Gutberlet (Foto: Tegut)

Die Ansprüche Ihrer Kunden an Frische und Qualität sind in der Vergangenheit gestiegen. Außerdem erwarten sie ein deutlich vielfältigeres Angebot als noch vor einigen Jahrzehnten. Zutaten für zum Beispiel italienische und asiatische Gerichte betrachten sie als Standardsortiment. Macht es diese vom Kunden erwartete Vielfalt schwerer für Tegut oder gar leichter, weil Sie so die Chance haben, sich von anderen Händlern abzugrenzen?

Es macht es viel schwerer, aber es macht auch viel mehr Spaß. Der Kunde hat eine große Auswahl, die der Markt bietet. Der Handel muss dem Ganzen trotzdem Grenzen setzen. Der Kunde möchte zwar viel Auswahl haben, aber nur von den Produkten, die ihn interessieren. Unterschiedliche Kunden interessieren aber unterschiedliche Dinge. Und dann ist man schnell bei 20.000 Artikeln, mit denen man arbeiten muss. Diese Vielfalt für den Kunden zu ordnen, ist eine Aufgabe, die Spaß macht.

Obst, Gemüse und tierische Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft liegen im Trend. Die Verbraucher versprechen sich davon Produkte, die für sie gesünder und für die Umwelt hinsichtlich des Anbaus und der Zucht verträglicher sind. Manche sagen nun aber, dass Regionalität Bio überholen wird. Was ist unter welchen Umständen besser? Bio oder Regionalität?

Den in diesem Zusammenhang gern zitierten Spruch „Regional ist das neue Bio“ halte ich für völlig unangebracht. Zum einen stimmt das nicht, weil regionale Produkte bei weitem nicht das Volumen haben, wie Bio-Produkte. Zum zweiten ist Regionalität ist nicht per se ein Qualitätskriterium, weil es hierfür keinen klar definierten Standard gibt, wann etwas wirklich „regional“ ist. Optimal ist es, beides miteinander zu verbinden. Gerade wenn es um regionale Produkte geht, sollte ich ein Interesse daran haben, dass es Bio ist. So kann ich als Kunde davon ausgehen, dass bei der Herstellung des Produkts keine Pestizide vom Acker in mein Grundwasser gelangt sind.


Verkannte Vielfalt

Laut der Stiftung Pro Specie Rara gibt es weltweit mehr als 350.000 Pflanzenarten. Gut 50.000 sind demnach essbar. Allerdings bauen Menschen nur 7000 an oder sammeln sie. 95 Prozent der Nahrungsenergie stammen von 30 Arten.

Quelle: Pro Specia Rara

Viele Bioprodukte werden jedoch über Strecken von Tausenden Kilometern nach Deutschland transportiert. Was kann trotzdem dafürsprechen, Obst aus ökologischem Anbau aus zum Beispiel Südamerika zu kaufen?

Für Landwirte in anderen Regionen der Welt ist Bio noch wichtiger als für uns. Da werden Pestizide gesprüht, egal ob jemand auf dem Acker steht beziehungsweise auf der Plantage arbeitet oder nicht. Bananen sollten deshalb schon aus ökologischer Landwirtschaft stammen, weil es den Leuten vor Ort dann besser geht.

Dennoch ist die CO2-Bilanz solcher Produkte wahrscheinlich nicht so bombig. Was kann man als Konsument machen, um keinen zu großen umweltschädigenden Abdruck zu hinterlassen?

Die CO2-Bilanz von Artikeln ist sehr schwierig zu ermitteln, da hier sehr viele Faktoren reinspielen. Sie hängt zum Beispiel schon davon ab, zu welcher Zeit Sie etwas konsumieren. Es gibt Jahreszeiten, da ist es von der CO2-Bilanz her günstiger, ein Produkt aus Regionen zu kaufen, in denen es gerade warm ist, als es hier in einem geheizten Gewächshaus zu züchten. Auch die Infrastruktur spielt für die Bewertung eine entscheidende Rolle: Wie neu ist zum Beispiel der LKW, mit dem der Händler die Ware transportiert? Wie sind Sie als Kunde zum Supermarkt gekommen, um das Produkt zu kaufen? Auf welchem Herd wird das Produkt zubereitet? Mit welchem Strom? usw. Grundsätzlich kann man davon ausgehen: Je weniger etwas transportiert ist, desto besser ist die CO2-Bilanz – meistens. Eine Garantie ist das aber nicht.  


Fleischnachfrage explodiert bis 2030

Die weltweite Nachfrage nach Produkten aus Viehhaltung wird bis 2030 im Vergleich zu 2000 extrem zugenommen haben. Das liegt unter anderem am Bevölkerungswachstum. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) werden die Menschen aber auch pro Kopf mehr tierische Lebensmittel zu sich nehmen.

Quelle: FAO

Der Blick auf Lebensmittel und die Verzehrgewohnheiten haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt und werden sich auch weiterhin verändern. Ganz so neu ist das jedoch auch nicht. Welche Beobachtungen haben Sie seit Ihrem Start bei Tegut gemacht?

Die Verzehrgewohnheiten hängen davon ab, was Menschen um sich herum wahrnehmen. Ein Beispiel: Als die ersten Deutschen nach Italien reisen konnten oder die ersten Pizzerien bei uns eröffnet haben, wurde so ein wahnsinnig innovatives Produkt wie „Ravioli aus der Dose“ eingeführt. Das gilt heute wohl nicht mehr als kulinarischer Hochgenuss. Damals war das aber ein exotischer Artikel. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das war wie eine Erinnerung an den Urlaub für zuhause. Was für meine Eltern damals ein exotischer Artikel gewesen ist, steht heute eher auf unteren Regalböden. Er hat auch nicht mehr die Umsatzzahlen. Als ich im Handel angefangen habe, wurden Dosenravioli europalettenweise verkauft. Bei Werbeaktionen konnte man in großen Märkten ganze Europaletten verkaufen. Ich kann mich aber im Gegensatz dazu nicht erinnern, dass wir in den vergangenen fünf, sechs Jahren eine ähnlich gelagerte Aktion mit Ravioli gemacht hätten – mit gleichem Erfolg und gleicher Werbeintensität. Wenn jemand heute Ravioli macht, kauft er die frisch und kocht dazu eine frische Sauce. So haben sich die Verzehrgewohnheiten geändert und der Handel hat sich darauf eingestellt.

Das Interview führte Sascha-Pascal Schimmel


Eine große Story zur Ernährung der Zukunft liest du ab Anfang Februar in Ausgabe 85 von move36. Wir beleuchten, was die Osthessen in ein paar Jahrzehnten essen werden, wie Fleischersatz aussehen könnte und wie ein Landwirt aus Neuhof seine Kunden mit Bioprodukten versorgt.


Schreibfehler gefunden?

Um uns Bescheid zu sagen, markiere den Fehler und drücke STRG + Enter.

Über Sascha-Pascal Schimmel

https://medium.com/@SaschaPascalSchimmel/meine-storys-b0d6414bfd17